Erzähltes Leben

Komm, trink Tee und geh

Eine Geschichte über den wohl kom­pli­zier­tes­ten Weg, an ein hei­ßes Getränk zu kommen

Tee war immer ein kost­ba­res Getränk. Des­halb haben sich um ihn herum viele Rituale ent­wi­ckelt: Die Bri­ten pfle­gen den After­noon Tea, die Ost­frie­sen gie­ßen zur Tee­tied Wulkje in die Tasse, die Chi­ne­sen machen zwei Auf­güsse, einen für den guten Geruch, einen für den guten Geschmack. Doch die aus­ge­feil­teste Tee­stunde zele­brie­ren die Japa­ner. Bei der japa­ni­schen Tee­ze­re­mo­nie ist jedes Detail eine Kunst für sich, von der Begrü­ßung über die Tee­be­rei­tung, die Tee­ge­räte und das Trin­ken bis hin zu den Süßigkeiten

Das japa­ni­sche Schrift­zei­chen für Tee

Auf­wen­di­ger als in der japa­ni­schen Tee­ze­re­mo­nie kann man Tee wohl kaum zube­rei­ten. Wer das Ritual zum ers­ten Mal beob­ach­tet, ist beein­druckt, befrem­det oder ver­wirrt. Viel­leicht auch alles zusammen.

Eigent­lich berei­tet der Gast­ge­ber sei­nen Gäs­ten nur eine Schale Tee zu – aller­dings braucht er dafür übli­cher­weise min­des­tens eine Stunde. Er trägt die Tee­ge­räte in den Tee­raum, wo die Gäste war­ten, und posi­tio­niert sie nach einem exak­ten Mus­ter. Mit fest­ge­leg­ten Hand­grif­fen fal­tet er ein Sei­den­tuch, um damit sym­bo­lisch die lack­ver­zierte Tee­dose und den Tee­löf­fel aus Bam­bus zu rei­ni­gen. Die Tee­schale säu­bert er mit fri­schem Was­ser und einem geson­der­ten Tuch.

Dann wird der Tee berei­tet: Mit dem Tee­löf­fel gibt er gemah­le­nen Grün­tee in die Schale und klopft den Löf­fel am Scha­len­rand ab. Mit einer Bam­bus­kelle schöpft er kal­tes Was­ser in den mit hei­ßem Was­ser gefüll­ten Tee­kes­sel, um die Tem­pe­ra­tur etwas zu sen­ken, anschlie­ßend war­mes aus dem Kes­sel in die Tee­schale. Was­ser und Pul­ver wer­den mit einem Tee­be­sen aus Bam­bus ver­quirlt, bis sich beide in eine leuch­tend grüne Flüs­sig­keit mit einer Schaum­schicht ver­wan­delt haben. Dann stellt er die Schale mit einer Ver­beu­gung vor den Gast.

Haben alle Gäste Tee erhal­ten und getrun­ken, läuft die Pro­ze­dur rück­wärts ab: die Tee­schale wird gerei­nigt, dann die übri­gen Tee­ge­räte, schließ­lich wird alles sorg­sam wie­der aus dem Raum getragen.

Das sieht schön aus, die Bewe­gun­gen wir­ken ele­gant, flie­ßend und irgend­wie beru­hi­gend. Aber wozu so viel Auf­wand, um eine Tasse Tee zuzu­be­rei­ten? Na ja, mag der Euro­päer den­ken, in Japan ist schließ­lich alles regu­liert: der soziale Umgang, die beruf­li­che Kar­riere, das Ein­stei­gen in die U-Bahn und die Tem­pe­ra­tur der Klo­bril­len. Außer­dem weiß man, dass die Japa­ner aus sim­pels­ten Din­gen eine Kunst machen: aus dem Blu­men­ste­cken, dem Ver­pa­cken von Gegen­stän­den, dem Papier­fal­ten. Warum also nicht aus dem Teekochen?

Doch bei der Tee­ze­re­mo­nie geht es gar nicht um die kunst­volle Zube­rei­tung einer Tasse Tee. Es geht eigent­lich auch nicht um das kor­rekte Ein­hal­ten von Regeln. Die sind vor allem dazu da, um sie zu ver­ges­sen, sobald man sie ver­in­ner­licht hat, um mit gan­zer Kon­zen­tra­tion in der Hand­lung des Tee­be­rei­tens auf­ge­hen zu kön­nen. So soll aus einer All­tags­hand­lung eine medi­ta­tive übung wer­den, ganz im Sinne des Zen-Buddhismus, der die Tee­kunst ent­schei­dend geprägt hat.

Im Japa­ni­schen ist von einer Zere­mo­nie über­haupt nicht die Rede, son­dern vom Tee­weg, chado. Cha ist das japa­ni­sche Wort für Tee; do, der Weg, fin­det sich in vie­len klas­si­schen japa­ni­schen Küns­ten: kyu-do, der Weg des Bogens, sho-do, der Weg der Schrift (die Kal­li­gra­fie), bu-do, der Weg des Kamp­fes. All diese Künste wer­den nicht als Fer­tig­kei­ten ver­stan­den, die man erlernt und dann beherrscht, son­dern als Weg, auf dem man sich ein Leben lang fort­be­wegt und hin­ter dem eine ganze Lebens­hal­tung steht.

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play Komm, trink Tee und geh

Meine erste Unter­richts­stunde im Chado fin­det im Ham­bur­ger Museum für Kunst und Gewerbe in der Nach­bil­dung eines japa­ni­schen Tee­hau­ses statt, einem schlich­ten Bau aus Holz und Bam­bus. Der Tee­raum ist an zwei Sei­ten offen und von Bän­ken für Zuschauer umge­ben. Der Boden ist mit Tatami­mat­ten aus Reiss­troh belegt, ein Stan­dard in jedem klas­sisch japa­ni­schen Raum. In einer Ecke befin­det sich der Wind­herd, furo, die Feu­er­stelle, wo bereits ein elek­trisch beheiz­ter Was­ser­kes­sel summt. In einer ande­ren Ecke befin­det sich das toko­noma, eine Nische mit einem Kalligrafie-Rollbild und einer Vase mit einem schlich­ten Blu­men­ge­steck. Die Tee­ge­räte wer­den in einer klei­nen Vor­be­rei­tungs­kam­mer hin­ter dem Tee­raum aufbewahrt.

Die Tee­leh­re­rin, Mineko Sasaki-Stange, eine Japa­ne­rin um die sech­zig, lebt bereits seit drei­ßig Jah­ren in Deutsch­land. Tags­über arbei­tet sie für eine Schiffs­firma, in ihrer Frei­zeit unter­rich­tet sie den Chado. Sie gibt mir Stoff­pan­tof­feln und einen rot-blau geblüm­ten, knö­chel­lan­gen Wickel­rock, den ich gegen meine Jeans tau­schen soll. Sie selbst trägt einen blau gemus­ter­ten yukata, eine Art leich­ten Kimono für den Som­mer, und weiße Zeh socken. Sie legt mir gefal­te­tes Reis­pa­pier als Ser­vi­ette, ein Sei­den­tuch und einen win­zi­gen Fächer zurecht. Dann geht es los.

Zunächst klärt mich Sasaki-Stange über die drei Höf­lich­keits­grade der japa­ni­schen Ver­beu­gung auf, die sich in ver­schie­de­nen Nei­gungs­gra­den des Kör­pers zei­gen und sowohl im Ste­hen als auch im Sit­zen aus­ge­führt wer­den kön­nen. »Fan­gen wir mit dem ›seki-iri‹ an«, sagt sie dann, »dem Betre­ten des Tee­rau­mes als Gast. Julia-san, machst du uns das ein­mal vor?«

Eine Schü­le­rin, die mit mir am Tee­un­ter­richt teil­nimmt, führt den Bewe­gungs­ab­lauf vor. Das Seki-iri setzt sich aus einer Reihe von bis ins kleinste Detail fest­ge­leg­ten Bewe­gun­gen zusam­men: Pan­tof­feln oder Zehsan­da­len abstrei­fen, denn Tatami­mat­ten betritt man nie­mals mit Schu­hen, Nie­der­knien, Fächer able­gen, Ver­beu­gen, Fächer wie­der auf­neh­men, sich umdre­hen, die Schuhe ord­nen, zur Nische mit der Kal­li­gra­fie und den Blu­men rut­schen, Fächer wie­der able­gen, sich ver­beu­gen, Bild­rolle und Blu­men betrachten …

Jede Bewe­gung, die Hal­tung der Hände, die Zahl und Rich­tung der Schritte, alles folgt der Geo­me­trie der Tatami­mat­ten und des Tee­rau­mes wie eine aus­ge­klü­gelte Cho­reo­gra­fie. Und alles hat eine Bedeu­tung, eine sym­bo­li­sche Funk­tion: die Far­ben der Sei­den­tü­cher, die Mus­ter im Reis­pa­pier, die Bema­lung der Tee­do­sen, die Form der Tee­schale, die Blu­men in der Nische, der Platz und die Gestalt der Feuerstelle.

Anschlie­ßend wech­selt die Schü­le­rin in die Rolle der Gast­ge­be­rin. Sie bie­tet uns waga­shi an, japa­ni­sche Süßig­kei­ten, die wir essen, wäh­rend wir ihr bei der Tee­be­rei­tung zuschauen. Klas­si­sche Waga­shi – wa steht für Japan, kashi bedeu­tet Süßig­keit – sind eine Kunst­form für sich, die eng mit dem Chado ver­bun­den ist. Sie wer­den pas­send zum Tee, zur Jah­res­zeit und zum Anlass aus­ge­wählt und besit­zen oft poe­ti­sche Namen. Heute gibt es dai­fuku (gro­ßes Glück), wei­che, mild­süße Bäll­chen aus Rei­steig, gefüllt mit roten Azu­ki­boh­nen, die Sasaki-Stange eigens für den Unter­richt zube­rei­tet hat – gute Waga­shi kann man in Deutsch­land sel­ten kaufen.

Obwohl meine euro­pä­isch trai­nier­ten Beine im japa­ni­schen Fer­sen­sitz lang­sam ein­schla­fen, bekomme ich eine Ahnung von dem Reiz, der in dem jahr­hun­der­te­al­ten Ritual liegt. Alle Bewe­gun­gen gesche­hen mit Ruhe, Kon­zen­tra­tion und Acht­sam­keit. Ich lau­sche auf das sanfte Kla­cken, mit dem die Schöpf­kelle auf dem Kes­sel­rand abge­legt wird, auf das Was­ser, das in die Tee­schale geschöpft wird, sodass es plät­schert wie ein Was­ser­fall, auf das Rau­schen des Kessels.

»Man sagt, wenn das Was­ser im Kes­sel die rich­tige Tem­pe­ra­tur hat, klingt es wie der Wind in den Kie­fern«, erklärt Sasaki-Stange lächelnd. Hei­ter und gelas­sen genießt sie sicht­lich all die klei­nen Details der Tee­be­rei­tung. »An dem Klang, mit dem das Was­ser in die Tee­schale fließt, kann man sogar seine Tem­pe­ra­tur erken­nen.« Sie macht mich auf das Mus­ter auf mei­ner Reis­pa­pier­ser­vi­ette auf­merk­sam, »das sind Pflau­men­blü­ten, die ste­hen für Glück«, und auf die Blu­men in der Nische, die die Jah­res­zeit widerspiegeln.

Dann erklärt sie die vier wesent­li­chen Prin­zi­pien des Chado, gewis­ser­ma­ßen die phi­lo­so­phi­sche Grund­lage: Wa, Har­mo­nie, besteht zwi­schen Gast und Gast­ge­ber, zwi­schen den ange­rich­te­ten Spei­sen und den Teeu­ten­si­lien, den Jah­res­zei­ten und der Natur. Kei bedeu­tet Respekt, Rück­sicht­nahme und Wert­schät­zung, die zwi­schen allen anwe­sen­den Men­schen und Din­gen besteht. Sei heißt Rein­heit: Nicht nur Hände, Mund und sämt­li­che Tee­ge­räte wer­den vor der Tee­be­rei­tung gesäu­bert, auch das Herz und der Geist sol­len durch die Zere­mo­nie gerei­nigt wer­den. Jaku schließ­lich, Stille, meint die ruhige Gelas­sen­heit, die im Tee­raum herrscht. Man spricht wenig, und wenn, dann über den Tee, die Tee­ge­räte, den Geschmack des Tees, den gemein­sa­men Genuss, allen­falls über das Wet­ter und die Jah­res­zeit. Die äußere Welt, Poli­tik, Geschäfte und der All­tag, blei­ben drau­ßen vor der Tür.

Nach der unauf­dring­li­chen Süße der Dai­fuku schmeckt der leuch­tend grüne Tee ange­nehm mild­süß und zugleich herb, unglaub­lich aro­ma­tisch, auf eine schwer zu fas­sende Weise sam­tig und dunkelgrün.

»Er schmeckt sehr gut, ist nicht zu heiß, genau rich­tig«, erwi­dert Sasaki-Stange auf die Nach­frage der Gast­ge­be­rin. Am Klang ihrer Stimme hört man, dass es keine Höf­lich­keits­flos­kel ist. Auch das gehört zum Chado: die Bewusst­ma­chung des Geschmacks und des Genus­ses. Ein inten­si­ves Wohl­ge­fühl brei­tet sich in mei­nem Kör­per aus, ich werde ruhig und fühle mich gleich­zei­tig wach – ich spüre die Wir­kung des Tees.

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Das Tee­pul­ver, das für die Tee­be­rei­tung ver­wen­det wird, ist kein x-beliebiger Grün­tee. Natür­lich kann man auch Sencha-Tee pul­ve­ri­sie­ren, doch ein dar­aus auf­ge­schla­ge­ner Tee würde unan­ge­nehm gra­sig und bit­ter schmecken.

Matcha, das leuch­tend grüne Tee­pul­ver, das in der Tee­ze­re­mo­nie ver­wen­det wird, ist eine Kost­bar­keit, gewon­nen aus der Spit­zen­te­e­sorte Ten­cha, Him­mels­tee. Deren Blät­ter wer­den etwa einen Monat vor der Ernte mit Net­zen abge­deckt, sodass nur noch zehn Pro­zent des Son­nen­lich­tes an den Tee­strauch gelan­gen. Im Schat­ten bil­den die Pflan­zen mehr Chlo­ro­phyll und vor allem mehr Ami­no­säu­ren und Poly­phe­nole, die für den lieb­li­chen, aus­ge­präg­ten Umami-Geschmack des Matcha ver­ant­wort­lich sind. Ihnen wer­den auch die gesund­heits­för­dern­den Eigen­schaf­ten des Tees zuge­spro­chen, ins­be­son­dere Krebs­vor­beu­gung und Sen­kung des Blutdrucks.

Fri­sches Matcha-Pulver

Beim Ten­cha wer­den die Tee­sträu­cher nicht wie für andere Schat­ten­tees, zum Bei­spiel den Gyo­kuro, kurz geschnit­ten, son­dern wach­sen manns­hoch. Nur die feins­ten Tee­knos­pen wer­den gepflückt, anschlie­ßend gedämpft – das stoppt die Fer­men­ta­tion – und in hei­ßer Luft getrock­net. Die Blät­ter wer­den nach unter­schied­li­chen Qua­li­täts­stu­fen sor­tiert, Blattstiele und Blattrip­pen wer­den her­aus­ge­fil­tert. Das ver­blei­bende reine Blatt­fleisch wird in tra­di­tio­nel­len Gra­nit­müh­len gemah­len, daher der Name matcha, pul­ve­ri­sier­ter Tee. Um drei­ßig Gramm Matcha zu erzeu­gen, benö­tigt eine Mühle etwa eine Stunde. Das alles erklärt den Preis, den man für den Pul­ver­tee zahlt: Gute Qua­li­tät beginnt bei 20 Euro pro Dreißig-Gramm-Dose, es kann aber weit mehr sein.

Berei­tet man Grün­tee als Blatt­auf­guss, wer­den nur zehn bis zwan­zig Pro­zent der Inhalts­stoffe gelöst – trinkt man Matcha, nimmt man sämt­li­che Inhalts­stoffe auf, da man das ganze Tee­blatt ver­zehrt. Darum ging es vor vie­len Jahr­hun­der­ten, als Matcha in Japan bekannt wurde: nicht um den guten Geschmack, son­dern um die medi­zi­ni­sche Wirkung.

Ursprüng­lich stammt das Ver­fah­ren der Tee­pul­ve­ri­sie­rung aus China, wo es spä­ter jedoch in Ver­ges­sen­heit geriet. Zen-Mönche nutz­ten die anre­gende Wir­kung des Matcha, um wäh­rend lan­ger Medi­ta­ti­ons­pe­rio­den geis­tig wach und den­noch ruhig zu bleiben.

Mit dem Zen-Buddhismus gelangte der Pul­ver­tee über Korea im 12. Jahr­hun­dert nach Japan. Da er als lebens­ver­län­gern­des Eli­xier galt, inter­es­sier­ten sich auch der Adel und die Samu­rai für das kost­bare Pro­dukt. Im 15. Jahr­hun­dert hatte sich Matcha in der japa­ni­schen Ober­schicht so eta­bliert, dass pracht­volle Tee­tref­fen in Mode kamen, bei denen man kost­ba­res Geschirr, wert­volle Tee­do­sen und –uten­si­lien prä­sen­tierte. Regel­rechte Tee­ver­kos­tun­gen mit meh­re­ren Spit­zen­te­e­sor­ten wur­den durchgeführt.

Im 16. Jahr­hun­dert, unter den Feld­her­ren Hideyo­shi und Toku­gawa, die die Eini­gung des Lan­des her­bei­führ­ten und in Japan ähn­lich bekannt sind wie in Europa Julius Cäsar oder Karl der Große, ent­stand eine Tee-Gegenbewegung, der soge­nannte wabicha. Wabi bezeich­net eigent­lich etwas Abge­tra­ge­nes, Schä­bi­ges, Ärm­li­ches, doch nun wurde der Begriff zu einem posi­ti­ven Kon­zept, der Ästhe­tik von Schlicht­heit, Beschei­den­heit und der Schön­heit des Unvollkommenen.

Auch die Tee­be­rei­tung wurde auf das Wesent­li­che redu­ziert. Tee­be­sen und Tee­löf­fel wur­den statt aus Elfen­bein aus schlich­tem Bam­bus her­ge­stellt, Tee­scha­len gal­ten als beson­ders kost­bar, wenn sie einen Makel hat­ten. Beson­ders Sen no Rikyu, ein Kauf­manns­sohn aus der Stadt Sakai und Tee­meis­ter am Hof von Hideyo­shi, der in gro­ßer Nähe zum Zen-Buddhismus stand, war an der Ent­wick­lung des Wabicha betei­ligt. Er und seine Enkel for­mu­lier­ten die vier Prin­zi­pien des Chado und grün­de­ten erste Tee­schu­len. Doch immer noch blieb das Tee­ri­tual der Ober­schicht vor­be­hal­ten. Die Samu­rai prak­ti­zier­ten es, um den Geist zu beru­hi­gen, zu sam­meln und von den Schre­cken des Kriegs­all­tags zu befreien.

Erst wäh­rend der Meiji-Zeit, in der sich Japan ab 1868 vom Feu­dal­staat zur impe­ria­len Groß­macht wan­delte, öff­ne­ten sich die Tee­schu­len zuneh­mend für brei­tere Bevöl­ke­rungs­schich­ten, Ende des 19. Jahr­hun­derts auch für Frauen. Die Zahl der Tee­schü­le­rin­nen wuchs rasch an, Mäd­chen wur­den zur Tee­schule geschickt, um anmu­tige und gewandte Gast­ge­be­rin­nen zu wer­den. Heute prak­ti­zie­ren in Japan über­wie­gend ältere Frauen den Chado.

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In den Stadt­park von Han­no­ver, zur 25-Jahr-Feier des Freund­schafts­krei­ses der Part­ner­städte Hannover-Hiroshima, kom­men viele Jugend­li­che, Mäd­chen und Jun­gen. Sie sind Deut­sche, wir­ken aber nicht weni­ger auf­fäl­lig als die anwe­sen­den Japa­ne­rin­nen in ihren Kimo­nos. Vor allem die Mäd­chen schei­nen gekom­men zu sein, um cosupure zu betrei­ben, Japeng­lisch für Cos­tume Play, ein japa­ni­sches Frei­zeit­ver­gnü­gen, das hier­zu­lande im Gefolge von Manga– und Ani­me­boom eine weit grö­ßere Anhän­ger­schaft besitzt als der Chado. In Anleh­nung an Manga– und Anime-Charaktere haben die Han­no­ve­ra­ner Cos-Player ihre Haare knall­bunt gefärbt und tra­gen kaum min­der schrille Kos­tüme. Doch sie tum­meln sich nicht nur am Stand mit den Man­gas, son­dern besu­chen auch die Vor­füh­rung der Tee­ze­re­mo­nie im Tee­haus des Stadt­parks. Alle haben ein Ticket gekauft, um eine Schale Matcha und ein Waga­shi zu bekom­men. Sie sind neugierig.

Der japa­ni­sche Gar­ten, der tra­di­tio­nell zu einem Tee­haus gehört, hat in Han­no­ver beschei­dene Dimen­sio­nen, aber er ver­mit­telt einen Ein­druck von japa­ni­scher Atmo­sphäre. Neben dem Tee­haus ste­hen ein schwarz lackier­ter Tee­tisch und Bänke für die Zuschauer. Hiroyo Naka­moto und Jana Roloff, die japa­ni­sche und die deut­sche Tee­leh­re­rin der orts­an­säs­si­gen Tee­schule, lei­ten die Vor­füh­rung. Beide tra­gen Kimo­nos. Naka­moto berei­tet als Gast­ge­be­rin am Tisch eine Schale Tee zu, wäh­rend Roloff einige all­ge­meine Erklä­run­gen gibt. Im Gar­ten, erzählt sie, wird die Zere­mo­nie tra­di­tio­nell zur Kirsch­blüte und zum tsu­kimi durch­ge­führt, dem Betrach­ten des schö­nen Septembermondes.

Die Jugend­li­chen schauen zu, inter­es­sier­ter als an den Hand­grif­fen von Frau Naka­moto sind sie aller­dings an den Süßig­kei­ten, die her­um­ge­reicht wer­den. Die Mit­glie­der der Tee­schule haben sie eigens für die Ver­an­stal­tung zubrei­tet. Es gibt ukis­himi (schwim­mende Inseln), kleine, zwei­schich­tige Kuchen­stü­cke aus einem gedämpf­ten Azukibohnen-Mehl-Teig, und anschlie­ßend yats­u­ha­shi (acht Brü­cken), drei­eckige, zimt­be­streute Rei­steig­ta­schen mit einer Fül­lung aus Azu­ki­boh­nen, eine Spe­zia­li­tät aus Hiro­shima. Die Waga­shi kom­men bei den jun­gen Zuschau­ern sehr gut an. Die Reak­tio­nen auf den Matcha sind unter­schied­lich, aber eben­falls fast durch­weg posi­tiv: »Der ist ja wie ein Milchs­hake!«, stellt ein Mäd­chen mit pin­kem Bob fest. »Sieht genauso aus wie Wasabi«, fin­det ihre Nach­ba­rin mit grau­blau gesträhn­ter Fri­sur. Einige holen sich gleich ein zwei­tes Tee-Ticket.

Tee­meis­te­rin Naka­moto lässt sich von den Reak­tio­nen des Publi­kums nicht beein­dru­cken. Sie hat den Chado in Japan gelernt, bereits mit vier Jah­ren besuchte sie zum ers­ten Mal die Tee­schule. Förm­lich fährt sie mit der Tee­be­rei­tung fort. Als sie einen Japa­ner im Publi­kum fragt, wie ihm der Tee schmeckt, ant­wor­tet die­ser, ähn­lich wie Sasaki-Stange in Ham­burg: »Tai­hen kekko desu! Sehr gut!« Naka­moto kor­ri­giert ihn höf­lich: Eigent­lich sage man allen­falls »Gut!«, oder man erwi­dere gar nichts auf die Nach­frage des Gast­ge­bers. So for­dere es die japa­ni­sche Höf­lich­keit. Offen­sicht­lich gibt es viele Vari­an­ten, den Chado zu praktizieren.

Naka­mo­tos Schü­le­rin Jana Roloff, eine schlanke, junge Frau mit Kurz­haar­schnitt, kann über den Tee trotz­dem ins Schwär­men gera­ten. Sie erzählt mir von der her­vor­ra­gen­den Qua­li­tät des Matcha, den sie von zwei sehr alten japa­ni­schen Fir­men aus Uji, dem Haupt­an­bau­ge­biet für Matcha in der Nähe von Kyoto, importiert.

»Gutes, fri­sches Matcha-Pulver ist leuch­tend grün und ent­hält noch einen klei­nen Rest Feuch­tig­keit. Des­halb fällt es nicht in sich zusam­men und lässt sich in der Tee­dose zu einem klei­nen Berg for­men. Man sollte es unbe­dingt im Kühl­schrank lagern und inner­halb von weni­gen Wochen ver­brau­chen. Den bil­li­gen Matcha, den man im Asia-Supermarkt bekommt, sollte man nicht ver­wen­den. Er hat keine gute Qua­li­tät, außer­dem ist er meis­tens viel zu alt. Das Pul­ver ver­färbt sich dann gelb-bräunlich und wird tro­cken, der Tee schmeckt nicht mehr frisch.«

Zum Chado kam Roloff durch Zufall, als sie in Han­no­ver eine Tee­vor­füh­rung von Naka­moto besuchte. Fas­zi­niert von der Ruhe, die die Zere­mo­nie aus­strahlte, nahm sie bei ihr Unter­richt. Als Stu­den­tin der Reli­gi­ons­wis­sen­schaf­ten ging sie für meh­rere Monate nach Japan, lebte in einem Zen-Kloster und beschäf­tigte sich inten­siv mit dem Chado. Heute ist sie selbst Tee­leh­re­rin und kann von ihrer Tätig­keit sogar leben.

»Wir geben Unter­richt in Han­no­ver, in Ber­lin und in Bad Lan­gen­salza in Thü­rin­gen. Zur Zeit haben wir unge­fähr drei­ßig Schü­ler. Es fan­gen viel mehr Schü­ler an, viele hören aller­dings nach ein paar Unter­richts­stun­den auf, weil es anfangs so kom­pli­ziert wirkt. Gerade dann sollte man aber wei­ter­ma­chen, denn so schwer ist es eigent­lich gar nicht.«

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Man erlernt die Tee­kunst aber auch nicht von heute auf mor­gen. Schon wenn man von der Tee­ze­re­mo­nie spricht, ist das nicht ganz rich­tig: Es gibt meh­rere Hun­dert unter­schied­li­che Spiel­ar­ten. Bei Vor­füh­run­gen, zumal hier in Deutsch­land, erlebt man oft nur einen Bruch­teil des Ritu­als. Die voll­stän­dige Form dau­ert etwa vier Stun­den und umfasst ein leich­tes, aber kunst­voll zube­rei­te­tes Essen im Stil der Kyo­toer Kai­seki–Küche. Erst im Anschluss folgt das eigent­li­che Tee­ri­tual. Zunächst wird für alle Gäste gemein­sam eine Schale koicha zube­rei­tet, dicker Tee, der so viel Matcha-Pulver ent­hält, dass die Kon­sis­tenz an geschmol­zene Scho­ko­lade erin­nert. Anschlie­ßend wird usu­cha auf­ge­schla­gen, dün­ner Tee – das ist der Tee, den man übli­cher­weise bei öffent­li­chen Vor­füh­run­gen bekommt. Für Usu­cha wer­den etwa zwei Gramm Tee­pul­ver mit sech­zig bis hun­dert Mil­li­li­ter Was­ser auf­ge­schla­gen. Hier erhält jeder Gast eine eigene Schale. Vor dem Koicha und dem Usu­cha wer­den jeweils pas­sende Waga­shi gereicht.

In ande­ren Zere­mo­nie­va­ri­an­ten wird der Tee ohne vor­he­ri­ges Essen ser­viert, oft gibt es nur Usu­cha. Je nach Jah­res­zeit, benutz­ten Tee­ge­rä­ten und Anlass unter­schei­den sich die Abläufe in Details.

Um von einer Tee­schule zum Tee­meis­ter ernannt zu wer­den, sind etli­che Jahre des Trai­nings erfor­der­lich. Die drei größ­ten Schu­len in Japan sind die Senke-Schulen: die Ura­senke, die Omo­te­senke und die Mus­hako­ji­senke. Sie wer­den von Groß­meis­tern geführt, die ihre Fami­li­en­li­nie auf die drei Enkel des Tee­meis­ters Sen no Rikyu zurück­füh­ren. Klei­nere, lokale Tee­schu­len lei­ten sich oft aus der Tra­di­tion einer ein­zi­gen Samurai-Familie her, zum Bei­spiel die Ueda-Souko-Schule, für die Naka­moto und Roloff in Han­no­ver unterrichten.

Je nach Schule gibt es unter­schied­lich viele Diplome und Prü­fun­gen, die man able­gen muss, um Tee­meis­ter und –leh­rer zu wer­den. Auch der Stil, in dem die Tee­ze­re­mo­nie durch­ge­führt wird, unter­schei­det sich gering­fü­gig. In der Ueda-Souko-Schule zum Bei­spiel wei­sen bestimmte Bewe­gun­gen im Ablauf der Zere­mo­nie auf die Samurai-Tradition hin, in der die Schule steht: Ein ima­gi­nä­res Schwert wird aus der Scheide gezo­gen, eine Bogen­sehne gespannt oder das Zügel­hal­ten zu Pferde nachgeahmt.

Die Schü­ler­grup­pen an den Tee­schu­len in Deutsch­land sind klein. Oft sind es mehr Deut­sche als Japa­ner, die Unter­richt neh­men. Viele kom­men zum Chado, weil sie sich gene­rell für Japan oder für den Zen-Buddhismus inter­es­sie­ren. Man­che beein­druckt auch die Stim­mung, die sie bei einer Tee­vor­füh­rung erle­ben, und sie begin­nen mit dem Unter­richt, um sich ein Gegen­ge­wicht zum All­tags­stress zu schaf­fen. Für einige wird der Chado zum Lebensweg.

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In Igens­dorf bei Nürn­berg, einem beschau­li­chen Dörf­chen am Rande der Frän­ki­schen Schweiz und der Frän­ki­schen Alb, hat sich Ger­hardt Stau­fen­biel eine Tee-Oase geschaf­fen. Seit sechs Jah­ren wohnt er in einem klei­nen Haus am Hang über dem Dorf. Durch ein japa­ni­sches Holz­tor gelangt der Gast in einen japa­ni­schen Tee­gar­ten, den Stau­fen­biel selbst ange­legt hat. Es gibt Blu­men, Grä­ser und Sträu­cher, die zum Chado pas­sen, einen japa­ni­schen Brun­nen und ein Was­ser­be­cken, an dem Gast­ge­ber und Gäste sich vor dem Tee­tref­fen Hände und Mund waschen. Stau­fen­biel hat sogar ein tra­di­tio­nel­les War­te­häus­chen für die Gäste gebaut, einen schlich­ten, ärm­lich wir­ken­den Unter­stand mit Bank. Halb unter einem Strauch ver­deckt sitzt eine kleine, stei­nerne Buddha-Figur, auf der Ter­rasse läu­tet leise ein furin, eine japa­ni­sche Windglocke.

Vom Gar­ten reicht der Blick weit über die hüge­lige Land­schaft, bis nach Nürn­berg und Erlan­gen. »Im Win­ter, wenn aus den Tälern der Nebel auf­steigt, sieht die Land­schaft aus wie auf einem japa­ni­schen Tusche­bild«, sagt Stau­fen­biel. Er ist ein klei­ner, voll­schlan­ker Mann, der fast so hei­ter in sich zu ruhen scheint wie die Buddha-Figur unter dem Busch. Er trägt einen samue, die Arbeits­klei­dung eines Zen-Mönchs, beste­hend aus blauer Jacke und Hose, deren Schnitt ein wenig an einen Karate-Anzug erin­nert. Die japa­ni­sche Klei­dung wirkt an dem Deut­schen voll­kom­men natür­lich. Auch bei Besor­gun­gen unten im Dorf trägt er sie, die Bewoh­ner von Igens­dorf haben sich längst daran gewöhnt.

Stu­diert hat Stau­fen­biel Phy­sik, Phi­lo­so­phie und Alt­phi­lo­lo­gie. Weil er in der euro­päi­schen Phi­lo­so­phie nicht die Ant­wor­ten fand, die er suchte, wandte er sich nach Ost­asien. Als 1972 zur Olym­piade in Mün­chen ein Tee­haus eröff­net wurde, gestif­tet von der japa­ni­schen Tee­schule Ura­senke, besuchte er dort eine Tee­vor­füh­rung und war auf Anhieb fas­zi­niert. Er nahm Unter­richt und wurde schließ­lich selbst Tee­leh­rer und Prä­si­dent des Münch­ner Teehauses.

Seit sechs Jah­ren ist er pen­sio­niert, nun wid­met er sich ganz dem Tee, gibt Unter­richt in Nürn­berg und Igens­dorf und orga­ni­siert ver­schie­dene Ver­an­stal­tun­gen, die nicht nur den Tee betref­fen. Er gibt japa­ni­sche Koch­kurse, phi­lo­so­phi­sche Semi­nare und hat ein Buch mit Nach­er­zäh­lun­gen japa­ni­scher Mär­chen und Göt­ter­sa­gen geschrie­ben. »Weil ich die Mär­chen gerne den Men­schen mei­ner Umge­bung näher­brin­gen wollte, haben wir hier in unse­rer Dorf­gast­wirt­schaft einen Abend ver­an­stal­tet, an dem sie auf Frän­kisch vor­ge­le­sen wur­den. Ich war mir nicht sicher, ob das funk­tio­niert, aber als die Leute die Mär­chen in ihrer Mund­art hör­ten, haben sie tat­säch­lich ganz gespannt zuge­hört, obwohl man­ches doch sehr fremd ist.« Stau­fen­biel schmun­zelt. »Zum Bei­spiel, wie der Don­ner­gott einer Bäue­rin beim Waschen unter die Röcke schaut und dann aus den Wol­ken in den Dorf­brun­nen fällt. Obwohl er ein Gott ist, wird er sehr iro­nisch dargestellt.«

Tren­ner

über­all in Stau­fen­biels Haus fin­den sich japa­ni­sche Gegen­stände: blaue Stoff­ab­tren­ner in der Küche, japa­ni­sches Tee­ge­schirr, Roll­bil­der mit Kal­li­gra­fie und Tusch­zeich­nun­gen. Ein Bereich des Hau­ses ist ganz klas­sisch japa­nisch ein­ge­rich­tet, dort hat Stau­fen­biel aus Holz, Bam­bus und Tatami­mat­ten alles selbst gebaut.

Im ers­ten, grö­ße­ren Raum ste­hen zwei Tee­ge­stelle mit anti­kem Tee­ge­schirr. Von einem Regalbrett lächelt eine kleine Buddha-Figur her­un­ter. »Das ist ein Bud­dha der Zukunft. Er steht für den Bud­dha, der in jedem von uns steckt, denn wir alle haben die Anla­gen, ein Bud­dha zu wer­den. Die Sta­tue ist nicht ganz so alt, wie sie aus­sieht«, fügt er grin­send hinzu. »Als ich sie gekauft habe, glänzte sie mir zu neu. Also habe ich mit dem Bun­sen­bren­ner nach­ge­hol­fen, damit sie eine Patina bekommt.«

Obwohl sich über­all in sei­nem Haus bud­dhis­ti­sche Gegen­stände fin­den, bezeich­net sich Stau­fen­biel nicht als Bud­dhist. »Ich habe keine Kon­fes­sion. Ich bin weder Bud­dhist noch Christ, ich bin ein­fach ich.« Auf einem Roll­bild in einer Nische steht in japa­ni­schen Kanji-Schriftzeichen kis­sako: »›Komm, trink Tee und geh.‹ Das ist ein Grund­prin­zip des Chado. Jeder ist will­kom­men, die Tür des Tee­hau­ses steht immer offen, egal, wer anklopft«, erklärt Staufenbiel.

Der eigent­li­che Tee­raum ist ein klei­nes, nied­ri­ges Zim­mer, das nur zwei Tatami­mat­ten und ein Holz­brett misst. Stau­fen­biel beginnt den Tee unter­richt ganz anders als Sasaki-Stange. Er zeigt mir, wie ich rich­tig sitze, und erklärt, dass sämt­li­che Bewe­gun­gen bei der Tee­be­rei­tung, ähn­lich wie beim Qi Gong oder Taiji, nicht grund­los einer vor­ge­ge­be­nen Form ent­spre­chen, son­dern bei kor­rek­ter Aus­füh­rung eine gesund­heits­för­dernde Wir­kung haben. »Sitzt man zum Bei­spiel im Fer­sen­sitz, mit gera­dem Rücken, das Becken ein wenig nach vorne gescho­ben, und führt die rich­tige Atem­tech­nik aus, wird das Ilio-Sakralgelenk gedehnt. Das beugt Rücken­pro­ble­men vor.«

Stau­fen­biel hin­ter­fragt den Chado und sucht Erklä­run­gen für die jahr­hun­der­te­al­ten Prak­ti­ken. Er forscht in alten japa­ni­schen Tex­ten, um den Ursprün­gen der Zere­mo­nie, der Her­kunft der Tee­meis­ter und den Tra­di­ti­ons­li­nien auf den Grund zu gehen, die nach Korea und China zurück­füh­ren. Gemein­sam mit einem ame­ri­ka­ni­schen Freund hat er eine Form der Tee­be­rei­tung rekon­stru­iert, die älter ist als das in der Nach­folge Sen no Rikyus fest­ge­hal­tene Ritual.

Er lehrt die Tee­be­rei­tung im Stil der Urasenke-Schule, in der er selbst gelernt hat, hat sich aber in letz­ter Zeit etwas von der Schule zurück­ge­zo­gen. »Wenn meine Schü­ler es wol­len, prüfe ich sie und ver­gebe Diplome. Aber die Diplome sind nicht das Wesent­li­che beim Chado, auch nicht, wie viele ver­schie­dene Zeremonie-Varianten man beherrscht. Das Wesent­li­che kann man auch bei der ein­fachs­ten Form der Tee­ze­re­mo­nie spüren.«

So oft wie mög­lich reist er nach Japan. Aller­dings sieht er die Art und Weise, wie dort der Chado unter­rich­tet wird, kri­tisch. »Es sind fast nur ältere Frauen, die den Chado prak­ti­zie­ren. Ich habe den Ein­druck, dass sie sich manch­mal nur zur Tee­ze­re­mo­nie tref­fen, um gesel­lig zu plau­dern, den Kimono anzu­zie­hen oder ihre Freun­din­nen mit einer bestimm­ten Zere­mo­nie­form zu beein­dru­cken. Die jun­gen Japa­ner dage­gen haben kaum noch Inter­esse am Chado, weil die Lehre so starr ist. Da wird nichts hin­ter­fragt, es wer­den ein­fach nur Bewe­gun­gen aus­ge­führt. Außer­dem ist das Ver­hält­nis zwi­schen Leh­rer und Schü­ler in Japan, wie in Ost­asien gene­rell, sehr spe­zi­ell. Die Auto­ri­tät des Leh­re­res wird nicht in Frage gestellt – das mögen viele nicht. Viele wen­den sich von den alten Küns­ten ab. Ich habe sogar mal jeman­den getrof­fen, der sagte, um Zen-Buddhismus zu ler­nen, solle man in die USA gehen, nicht nach Japan.«

Stau­fen­biel schätzt nicht nur den spi­ri­tu­el­len Inhalt des Chado, son­dern auch den Tee selbst. »Ich trinke Matcha nicht nur wäh­rend der Tee­ze­re­mo­nie, son­dern den gan­zen Tag. Ich weiß, das ist Luxus, aber ich liebe die­sen Tee.«

Am Abend berei­tet eine Schü­le­rin Stau­fen­biels für uns eine Schale Tee. Drau­ßen ist es bereits dun­kel, im klei­nen Tee­raum spen­den nur eine japa­ni­sche Laterne und eine Kerze Licht. Mit siche­ren, flie­ßen­den Bewe­gun­gen voll­führt die Gast­ge­be­rin die not­wen­di­gen Hand­griffe. Alles ist still, nur das Rau­schen des Tee­kes­sels, das Plät­schern des Was­sers und die sanf­ten Geräu­sche, die zur Tee­be­rei­tung gehö­ren, sind zu hören. Die Schale Matcha, die die Gast­ge­be­rin schließ­lich vor mich hin­stellt, emp­finde ich als Geschenk, und auf ein­mal ist die Ver­beu­gung, mit der ich rea­giere, bevor ich die Schale auf­nehme, kein star­res Ritual mehr, son­dern ein Aus­druck der Dank­bar­keit. Die Ruhe, das gemein­same Schauen, Hor­chen, Spü­ren und der milde und gleich­zei­tig herbe Geschmack des Matcha las­sen mich ganz in der Gegen­wart weilen.

Kon­takt

Tee­raum Shoseian
Mineko Sasaki-Stange
Museum für Kunst und Gewerbe
Stein­tor­platz 1
20099 Ham­burg
www.urasenke.de/hamburg

Ueda Souko Tee­schule
Jana Roloff
Dahn­straße 13
30177 Han­no­ver
www.ueda-souko.de

Tee­haus Myo­shinan
Ger­hardt Stau­fen­biel
Am Rosen­berg 5
91338 Igensdorf/Oberrüsselbach
www.teeweg.de

Text: Maike Steen­block
Illus­tra­tio­nen: Nadine Bütt­ner
Foto: Aiya

aus Effi­lee #14, Januar/Februar 2011

9. März 2011
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