Erzähltes Leben Geschichten

Ihr Wunsch ist mein Befehl

Wer Kris­tian Dit­lev Jen­sen gute Geschich­ten erzählt, wird von ihm zum Essen ein­ge­la­den. Dies­mal hat er eine Frau getrof­fen, die in ihrem frü­he­ren Leben per­sön­li­che But­le­rin für Film­stars, Bot­schaf­ter, Mil­li­ar­däre … und so man­chen Pudel war

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Das Was­ser heißt Ram­lösa. Die Gesprächs­part­ne­rin möchte ihren Namen nicht verraten

Wir sit­zen in einem Hotel-Restaurant in Malmö, Schwe­den. Wir müs­sen ein wenig dis­kret sein. Die­ses Mal wird meine Beglei­tung tat­säch­lich nicht ihren Namen nen­nen. Oder ihre Natio­na­li­tät. Oder gar ihr Alter. Dis­kre­tion ist Ehren­sa­che für eine But­le­rin. Selbst Jahre nach­dem sie aus dem Job raus ist.

Ich war der Maître d‘étage. Das ist der But­ler für eine ein­zige Etage in einem Hotel, erklärt sie.
Ich war auf der 12. Etage des St. Regis Hotels in New York City tätig. Also war ich für 15 Zim­mer zustän­dig. Aber ich habe auch in ande­ren Hotels gear­bei­tet. Lon­don, Dubai und so.
Um was für Gäste hast du dich geküm­mert?
Jede erdenk­li­che Sorte Gast: Schau­spie­ler, Film­pro­du­zen­ten, Pop­stars, Mana­ger, alten Geld­adel. Der ursprüng­li­che Besit­zer von Sea­grams – damals noch der welt­weit größ­ter Spi­ri­tuo­sen­her­stel­ler – hatte dau­er­haft eine Suite bei uns. All­zeit bereit. Exklu­siv für ihn.
Wie oft ist er gekom­men?
Viel­leicht ein­mal im Monat. Aber wir hat­ten auch Gäste, die ein­fach im Hotel gewohnt haben. Da war zum Bei­spiel die­ser etwas kor­pu­len­tere Mann – ich weiß nicht, als was er gear­bei­tet hat – aber seine Suite war immer voll von Büchern. Bücher, Bücher, Bücher, über­all Bücher. Sta­pel­weise auf dem gan­zen Fuß­bo­den ver­teilt – denn Hotel­zim­mer haben ja für gewöhn­lich keine Bücher­re­gale. Viel­leicht war er Ver­le­ger oder Rezen­sent oder so. Als per­sön­li­cher But­ler lernt man jede Sorte Mensch ken­nen. Einige sind etwas schwie­ri­ger im Umgang als andere. Alle Men­schen haben so ihre klei­nen Eigen­hei­ten. Diese zu bemer­ken und auf diese ein­zu­ge­hen, das ist die Auf­gabe eines But­lers.
Danny DeVito ist mit die­ser klei­nen Frau ver­hei­ra­tet – wie heißt sie noch mal? Carla [Rhea Pearl­man, Red.] aus Cheers. Die ist zum Bei­spiel all­er­gisch gegen Par­fum. Und wenn du das gerade auf die Reihe bekom­men hast, dann zieht die gesamte saudi-arabische Königs­fa­mi­lie ein – und du musst die gan­zen Mini­bars aus­räu­men und mit deren Lieblings-Softdrinks fül­len.
Manch­mal kann die Arbeit eines But­lers aber auch über­trie­ben erschei­nen. Wie damals, als einer unse­rer But­ler ein Zim­mer her­rich­ten musste, da Bill Clin­ton – damals Prä­si­dent der Ver­ei­nig­ten Staa­ten – eine Rede bei einem Ban­kett in der Nähe gehal­ten hat. Nur für den Fall, dass er spon­tan bei uns über­nach­ten wollte.
Wir hat­ten Scharf­schüt­zen auf unse­rem und dem gegen­über­lie­gen­den Dach posi­tio­nie­ren las­sen.
Warum ver­lan­gen die Leute in einem Hotel nach einem But­ler? Kann man nicht ein­fach den Zim­mer­ser­vice rufen?
Das ist etwas ganz ande­res. Der Maître d‘étage ist der Haupt­an­sprech­part­ner für den Gast. Du bist quasi ein Mini-Hotelier. Des­we­gen musst du rundum für den Gast sor­gen. Du packst seine Kof­fer aus, und du packst sie auch wie­der, wenn der Gast abreist. Wir hat­ten zum Bei­spiel Sei­den­pa­pier, das mit dem Hotel-Logo in Gold bedruckt war, und das muss­ten wir auf bestimmte Weise um die Socken wickeln. Du musst zudem noch seine Schuhe polie­ren. Und seine Klei­dung bügeln. Du ach­test dar­auf, dass fri­sches Obst in der Obst­schale liegt, dass am Nach­mit­tag Kuchen ange­bo­ten wird, und dass immer genug crus­hed Ice in den sil­ber­nen Eiskü­beln ist.
Aber der per­sön­li­che Ser­vice ist am wich­tigs­ten, oder?

Ja. Du kommst mit den Gäs­ten in Kon­takt, sobald die aus dem Fahr­stuhl auf dei­ner Etage tre­ten. Du trägst weiße Hand­schuhe, du begrüßt sie und be­gleitest sie zu ihrer Suite. Dann erklärst du ihnen all die tech­ni­schen Raf­fi­nes­sen des Zim­mers. In den frü­hen Neun­zi­gern hatte jede Suite einen DVD-Player und ein Fax­ge­rät mit einer eige­nen Num­mer, und natür­lich Visi­ten­kar­ten und Brief­pa­pier.
Also wird es erst so rich­tig hek­tisch, wenn die Gäste ankom­men?
Nein, nein. Es gibt auch viel zu tun, bevor sie kom­men. Du musst dich auf jeden Gast indi­vi­du­ell vor­be­rei­ten. Einige Gäste möch­ten eine bestimmte Marke Cola trin­ken. Die Prin­zes­sin von Thai­land wollte, dass alles in ihrer Suite pink ist. Man­che Gäste wün­schen fri­sche, neue Bett­wä­sche – die noch nie für jemand ande­ren auf­ge­zo­gen wurde. Und wenn sie das glück­lich macht, dann bekom­men sie das auch.
Man kann also buch­stäb­lich alles bekom­men?
Viel­leicht nicht alles. Aber ein­mal, als ich nicht da war, hat jemand einen Flü­gel in sei­nem Zim­mer haben wol­len. Und ich weiß, dass sein Wunsch erfüllt wurde, ohne Fra­gen, anstands­los.
Aber nor­ma­ler­weise muss kein Kla­vier durchs Fens­ter gehievt wer­den, oder?
Nein. Aber viele Fit­ness­ge­räte, Lauf­bän­der, Heim­trai­ner und so – viele der Gäste sind im Show­ge­schäft tätig und müs­sen gut aus­se­hen. Die bestel­len dann auch gern einen Fri­seur aufs Zim­mer oder einen Mas­seur. Es ist eigent­lich genauso wie mit den Backstage-Hand­langern einer Rock­band. Du sagst, was du haben willst, und du musst es nur ein­mal sagen. Danach wirst du es auto­ma­tisch immer bekom­men.
Zum Bei­spiel?
Wenn die Gäste nach bestimm­ten all­er­gi­ker­freund­li­chen Hygie­ne­ar­ti­keln fra­gen, dann wird das Zim­mer­mäd­chen auch immer nur diese nach­fül­len. Wenn sie nicht wol­len, dass wir ein Raum­spray benut­zen, dann tun wir das auch nicht. Und sie müs­sen das auch nicht noch ein­mal extra beto­nen. Das läuft dann von selbst. Als Nico­las Cage mich eines mor­gens um ein Eiweiß-Omelette gebe­ten hat, hat er das anschlie­ßend jeden Mor­gen bekom­men.
Und dann klopfst du an die Tür mit einem Ome­lette in der Hand und dann …
Nun ja, bes­ten­falls kann man das mit dem An-die-Tür-Klopfen umge­hen. Ein Groß­teil der Arbeit besteht aus Pla­nung und Koor­di­na­tion. Man will ja nicht stö­ren. Wann kön­nen wir die Suite von Mrs. Jones rei­ni­gen? Wann kann ein Klemp­ner die Toi­lette im Zim­mer von Herrn Schmidt repa­rie­ren? Du bist immer dar­auf bedacht, die Gäste so wenig wie mög­lich zu beläs­ti­gen. Die sind schließ­lich viel beschäf­tigt, und du bist da, um ihnen zu hel­fen. Aber manch­mal muss man natür­lich anklop­fen und rein­kom­men. Zum Bei­spiel, wenn die Gäste im Zim­mer sind und sie den abend­li­chen Turn-Down-Service wün­schen, bei dem das Zim­mer für die Nacht vor­be­rei­tet wird. Du legst klas­si­sche Musik auf und …
Oh, du legst Godiva-Schokolade auf die Kis­sen! Hab ich recht?
Im St. Regis gab es einen gan­zen ­Godiva-Shop in der Lobby, wenn dir nach Scho­ko­lade war …

Die But­le­rin schnei­det genüss­lich in ihr blu­ti­ges Steak, schenkt mir ein Lächeln und hebt viel­sa­gend eine Augen­braue. Sie wollte am liebs­ten in ein ›bis­tro­ar­ti­ges Restau­rant‹, da sie Hun­ger auf ein fran­zö­si­sches Steak mit Pom­mes und Sauce béar­naise hatte. Ein schein­bar kras­ser Kon­trast zu dem, womit sie ihre Kund­schaft sonst ver­wöhnt hat. Aber ande­rer­seits … Wenn es das ist, was sie wünscht. Oder begehrt. Dann soll sie es auch bekom­men. Man tut, was man kann. Selbst bei etwas son­der­ba­ren Wünschen.

Einige Leute brin­gen ihre Tiere mit ins Hotel, und dann musst du dich auch um die küm­mern. Sie sind auch unsere Gäste. In Dubai, als ich als Gäste-Managerin im Royal Abjar tätig war, haben die Emire ihre Jagd­fal­ken mit­ge­bracht. Haus­tiere im Hotel sind ganz nor­mal. Und Hunde und Kat­zen haben anschei­nend oft ganz spe­zi­elle Ernäh­rungs­pläne.
Was müs­sen But­ler geheim hal­ten?
Nun ja, die Leute sind nicht zu Hause, also tun sie auch außer­ge­wöhn­li­che Sachen. Sie haben das Gefühl, plötz­lich anonym zu sein. Sei­ten­sprünge, zum Bei­spiel, sind nicht ganz sel­ten. Aber das ist natür­lich sowieso typisch für Hotels. Frü­her war das für das Per­so­nal manch­mal eine rich­tig span­nende Ange­le­gen­heit. Als ich noch in Hotels gear­bei­tet habe, waren Han­dys noch nicht die Norm, und so haben Gäste dann oft Nach­rich­ten an der Rezep­tion für­ein­an­der hin­ter­las­sen. Da konnte man dann schon ahnen, was da vor sich ging. Wenn ein altern­der Poli­ti­ker einen Zet­tel mit Ich bin um zehn auf mei­nem Zim­mer – ich warte auf dich für eine junge Schau­spie­le­rin hin­ter­lässt, dann kann man sich den Rest den­ken. Aber einige Wün­sche kön­nen sehr aus­ge­fal­len sein. Da gibt es die Geschichte von der Pop­sän­ge­rin – es könnte Madonna oder so gewe­sen sein. Sie war in unse­rem Hotel unter­ge­bracht, und sie hat stän­dig nach ihrem sehr attrak­ti­ven grie­chi­schen But­ler ver­langt. Er hat uns spä­ter erzählt, dass er sie in der Bade­wanne ange­trof­fen hat, und dass sie eine Rücken­mas­sage wollte. Er hat immer bis über beide Ohren gegrinst, wenn er davon erzählt hat. Ich weiß nicht genau, was die Pop­sän­ge­rin noch so alles von ihm ver­langt hat.
Gibt es keine Gren­zen?
Manch­mal stößt man natür­lich an die Gren­zen des Mach­ba­ren. Es kommt vor, dass Gäste nach einem Ser­vice ver­lan­gen, den wir ihnen ein­fach nicht bie­ten kön­nen – selbst wenn du ihnen alles recht machen willst und du dir ein Bein für sie aus­rei­ßen wür­dest. Das kann zum Bei­spiel etwas sein, das sie gar nicht wirk­lich wol­len wür­den, wenn sie es bes­ser wüss­ten. Ein sehr ver­snob­ter Gast hat zum Bei­spiel ein­mal seine super-feinen, hell­brau­nen Wildleder-Loafers von Gucci mit­ge­bracht. Er hat dar­auf bestan­den, dass ich sie mal ordent­lich poliere. Nun, nor­ma­ler­weise polie­ren wir Leder­schuhe und stel­len sie dann vor die Tür – in einem Wei­den­korb, ein­ge­wi­ckelt in Sei­den­pa­pier mit dem gol­de­nen St.-Regis-Logo. Da die Schuhe aber so emp­find­lich waren, habe ich sie ein­fach auf die übli­che Weise ver­packt, ohne sie in irgend­ei­ner Weise behan­delt zu haben.
Und?
Der Gast hat sich nicht beschwert.

Zu den vie­len Auf­ga­ben eines But­lers gehört auch, ganz beson­dere Besor­gun­gen zu machen. Unsere Infor­man­tin hat das eben­falls getan. Oft. Und sie gibt gern eine Anek­dote zum Besten.

Ein­mal hat­ten wir einen Gast, der ein Geschenk für eine Dame brauchte, und er hat mich um Rat gefragt. Ich wusste, dank mei­ner täg­li­chen Recher­che, dass Bou­che­ron gerade ein neues Par­fum her­aus­ge­bracht hatte. Also bin ich in mei­ner But­ler­uni­form run­ter zu Saks in der Fifth Ave­nue gelau­fen, habe ein gro­ßes Fla­kon erwor­ben, es ein­pa­cken las­sen und unse­rem Gast aufs Zim­mer gebracht.

Spe­zi­elle Wün­sche kön­nen auch schon mal sehr spe­zi­ell wer­den. Die But­le­rin erin­nert sich an einen Gast, der jeg­li­che Ver­än­de­rung ganz schreck­lich fand.

Er wollte, dass sein Zim­mer jedes Mal hun­dert­pro­zen­tig gleich aus­sah. Also haben wir jede Beson­der­heit aus sei­nem Zim­mer ver­packt und bis zu sei­nem nächs­ten Besuch auf Lager gehal­ten. Wenn er sich wie­der ein­mal ange­mel­det hat, haben wir alles wie­der her­vor­ge­holt. Sei­nen Luft­be­feuch­ter, seine Schreib­ma­schine und so wei­ter.
Bekom­men But­ler auch mal ein Trink­geld oder immer nur ihr Gehalt?
Sie bekom­men ein Gehalt vom Hotel. Aber ja, sie bekom­men recht häu­fig auch etwas Trink­geld.
Und ? Sind die Trink­gel­der gut?
Manch­mal. Ich hatte einen Kol­le­gen in Lon­don, der einen Gast wohl sehr zufrie­den­ge­stellt hat.
Also hat ihm der Gast viel Geld zuge­steckt?
Nein. Aber nach­dem der Gast abge­reist war, hat der But­ler ein fun­kel­na­gel­neues Auto gelie­fert bekommen.

Text & Fotos: Kris­tian Dit­lev Jensen
10. November 2012
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