Erzähltes Leben Geschichten

Griechenland und die Kunst, irgendwie klarzukommen

Grie­chen­land ist kaputt. Es tau­melt im fünf­ten Jahr der Rezes­sion. Im Februar bestä­tigte Eurostat, die Euro­päi­sche Agen­tur für Sta­tis­tik, dass mitt­ler­weile mehr als ein Drit­tel der Grie­chen in Armut lebt. Die ortho­doxe Kir­che ver­sorgt Schät­zun­gen zufolge eine Vier­tel­mil­lion Men­schen täg­lich mit Essen, und 10 000 Ver­zwei­felte leben in Athen auf der Straße

Rechteinhaber: Stuart Freedman, Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee

 

Ein ste­ter Regen fällt auf Athen. Er streicht über die see­len­lo­sen grauen moder­nen Apart­ment­häu­ser, die trau­rig unter­halb der Akro­po­lis ste­hen. Im Ver­gleich sehen sie schä­big aus, mit Graf­fiti beschmiert, öde und unfreund­lich.
Die Begrü­ßung durch Eleni Niko­lai­dou ist hin­ge­gen warm und ehr­lich. Eine kleine auf­ge­räumte Frau mit blon­dem Bob. Nach einem Leben als His­to­ri­ke­rin wurde sie erst durch ihr letz­tes Buch Hunger­rezepte zu einer klei­nen Berühmt­heit. Das Buch, Teil ihrer Dis­ser­ta­tion über Grie­chen­land im Zwei­ten Welt­krieg, ver­sam­melt die Kolum­nen der Zei­tun­gen, in denen Rat­schläge gege­ben wur­den, wie man unter denk­bar schwers­ten Bedin­gun­gen irgend­wie zurecht­kommt.
»Die dama­li­gen Zei­tun­gen«, sagt sie, »haben mich fas­zi­niert, weil ich dar­aus viel über die Besat­zung (die ›Kato­chi‹) gelernt habe. Erstaun­li­che Dinge.« Das Buch schil­dert die Ent­beh­run­gen, wel­che vor allem die Bür­ger Athens erlit­ten. »Die Grie­chen jener Zeit«, erklärt sie, »waren Vega­ner, weil sie gar nicht anders konn­ten. Es ging nur darum, mit sehr wenig zurecht­zu­kom­men.«

»Zum Bei­spiel«, sagt sie, »habe ich einen Arti­kel auf der ers­ten Seite einer Zei­tung gele­sen, mit dem Titel ›Wie man Brot­kru­men sam­melt‹ – jeden Tag ein paar, so konnte man am Ende der Woche eine Tasse voll haben. Ein biss­chen extra um zu über­le­ben … man riet den Men­schen, ihr Essen sehr, sehr lang­sam zu kauen, damit es sich so anfühlt, als würde man mehr essen.«
Mehr als 300 000 Men­schen star­ben in Athen wäh­rend des Krie­ges und die Men­schen jag­ten Kat­zen und Hunde in den Stra­ßen, um ihre Ration auf­zu­bes­sern. Ganz sicher ist das, was Grie­chen­land heute wider­fährt, nicht Kato­chi, aber es gibt unüber­seh­bare Par­al­le­len. »Man sieht jeden Tag die Leute, die zum Markt gehen, wenn er schließt, um die bil­li­gen Waren zu bekom­men. Es gibt jetzt viele Märkte auf den Stra­ßen, und die Leute holen sich das ver­dor­bene Obst und Gemüse.« Sie erwähnt die Suppen­küchen, aber auch die Fami­li­en­struk­tu­ren, die so wich­tig für das Über­le­ben der Men­schen sind.
Frau Niko­lai­dou ver­än­dert sich. Sie ist immer weni­ger His­to­ri­ke­rin und mehr die zor­nige Bür­ge­rin, in der der Schmerz der Nach­kriegs­jahre wie­der leben­dig wird.

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Die His­to­ri­ke­rin Eleni Niko­lai­dou wird immer mehr zur zor­ni­gen Bürgerin

»Auch wenn die nicht wol­len, dass wir aus der Geschichte ler­nen – wir haben hier eine hel­den­hafte Geschichte des Wider­stands, aus der Zeit der Besat­zung, aus dem Bür­ger­krieg, aus den Dik­ta­tu­ren, als man unser Volk mit Pan­zern über­rollte … Als die jun­gen Leute damals nach Demo­kra­tie rie­fen, wur­den sie ins Gefäng­nis gesteckt, gefol­tert und ins Exil getrie­ben. Ich warte nur dar­auf, dass man diese Tra­di­tion, einen gemein­sa­men Geg­ner zu haben, wie­der her­vor­holt und sich gegen diese moderne Form der Besat­zung zur Wehr setzt.« Sie hält inne und für einen Moment ver­fliegt der Zorn. Es wird still in der Woh­nung, und wir bemer­ken, dass ihr Bea­gle an der Tür der Küche kratzt, in die sie ihn gesperrt hatte. Der uner­war­tete Radau des klei­nen Stö­ren­frieds ent­spannt die Situa­tion und der befreite Hund springt freu­dig um den Tisch herum. Das hebt die Stim­mung etwas und Frau Niko­lai­dou fährt fort: »Wir sind ein sehr gesel­li­ges Volk … Wir müs­sen reden und Freund­schaf­ten schlie­ßen – das ist unsere The­ra­pie –, wir sind laut und ges­ti­ku­lie­ren mit den Hän­den und sagen, was wir den­ken.« Sie erzählt von einem Besuch in Ber­lin: »Wir waren zu viert und stell­ten alle unsere Tel­ler in die Mitte, und jeder konnte sich ein­fach neh­men, was er wollte und essen. – Gemein­sam!« Als es ans Bezah­len ging, wollte der Kell­ner von jedem ein­zeln kas­sie­ren.« Für Niko­lai­dou war das bezeich­nend: »Wir sag­ten ›Nein, geben Sie uns eine Rech­nung, wir tei­len die dann unter­ein­an­der auf. Wir zäh­len nicht die Bis­sen.‹«
»Wir sind medi­ter­ran«, sagt sie. »Wir sind das Volk, das den Begriff Gast­freund­schaft erfun­den hat. Im alten Grie­chen­land war der Gott der Gast­freund­schaft der König der Göt­ter. Gast­freund­schaft und Soli­da­ri­tät haben uns über Jahr­hun­derte das Über­le­ben gesi­chert und wir wer­den sie jetzt nicht auf­ge­ben. Das steckt in unse­rem Blut.«
Die Grie­chen, denen wir viel von der west­li­chen Zivi­li­sa­tion ver­dan­ken, nen­nen ihre Hei­mat Hel­las. Der Schöp­fungs­my­thos der Grie­chen besagt, dass die Göt­ter aus Gaia, also der Mut­ter Erde selbst, ent­spran­gen. Nicho­las Gage meint in sei­nem Buch Hel­las – A Por­trait of Greece, dass das Land und das Klima so viel Kraft haben, dass jeder, der lang genug dort lebt, unver­meid­lich zum Grie­chen wird. Es ist diese Ein­zig­ar­tig­keit, diese Sin­gu­la­ri­tät, die eine Gesell­schaft geprägt hat, die so mäch­tig und klug war, dass wir den Nach­hall bis heute spü­ren. Wesent­lich war der Gedanke, es sich gut gehen zu las­sen, womit natür­lich auch Essen und Wein gemeint waren. Epi­kur hat das so aus­ge­drückt: »Das Grund­prin­zip des Lebens sind die Bedürf­nisse des Magens. Alle wich­ti­gen und unwich­ti­gen Dinge beru­hen auf die­sem Prin­zip.« Das Land war so frucht­bar, dass im anti­ken Grie­chen­land meh­rere Ess­kul­tu­ren gleich­zei­tig exis­tier­ten. And­rew Dalby beschreibt in Küchen­ge­heim­nisse der Antike, dass die Spar­ta­ner sich schlicht und genüg­sam ernähr­ten, mit vie­len klei­nen Gerich­ten, wie zum Bei­spiel melas ­zomos, einer herz­haf­ten Suppe, deren Basis ver­mut­lich schwarze Boh­nen oder Lin­sen waren. In Syba­ris hin­ge­gen (das heute zu Süd­ita­lien gehört) liebte man den Exzess und aus­ge­feilte Gerichte, bei denen man den Köchen freie Hand ließ. Zur Zeit der Byzan­ti­ner wurde die grie­chi­sche Küche von der per­si­schen beein­flusst. Die west­li­che grie­chi­sche Kul­tur, die man heute, so Zoua­ris, am ehes­ten auf Kreta fin­det, war ein­fa­cher und mini­ma­lis­ti­scher. Als nach dem Ers­ten Welt­krieg viele Grie­chen aus der Tür­kei ein­wan­der­ten, ver­ein­ten sich die bei­den Stränge zur heu­ti­gen grie­chi­schen Küche. Die Grund­lage der grie­chi­schen Küche – Brot, Wein, Oli­ven und der Kon­text, in dem man sie ver­zehrt, das Sym­po­sion – führ­ten die Zivi­li­sa­tion zur Blüte. Sie sorg­ten für Aus­ge­gli­chen­heit der anti­ken vier Säfte. Für Homer gab es »kein grö­ße­res Glück, als wenn die Freude ein gan­zes Volk erfasst« und sie gemein­sam essen und trin­ken. Es ist genau dies, was die grie­chi­sche – und medi­ter­rane – Gesell­schaft geprägt hat. Und diese Kul­tur, bedroht von den Spar­pro­gram­men, muss jetzt in ihrer Ver­gan­gen­heit nach neuen Wegen des Aus­tauschs suchen, um zu über­le­ben.
»Wis­sen Sie, ich bin keine Grie­chin, ich bin Islän­de­rin«, sagt Kari­tas Mitro­go­gos, als wir in ihrer Woh­nung frisch gepress­ten Oran­gen­saft trin­ken. Das selbst­be­wusste ehe­ma­lige Model ist die Gat­tin eines grie­chi­schen Diplo­ma­ten. Geschmack­voll aus­ge­suchte rus­si­sche Kunst hängt an den Wän­den, mit­ge­bracht von einer der vie­len Sta­tio­nen des Paa­res. Als ange­se­hene Köchin und kuli­na­ri­sche Auto­rin ist Frau Mitro­go­gos bes­tens geeig­net, über das Essen der Grie­chen im Zusam­men­hang mit der aktu­el­len Ent­wick­lung zu spre­chen.
»Mein Mann stammt aus einer Fami­lie in Thes­sa­lien – er hat drei Tan­ten, die alle große Köchin­nen sind, und in sei­ner Fami­lie habe ich die alten Küchen­tra­di­tio­nen aus ­ers­ter Hand erfah­ren.« Wesent­lich erscheint ihr, dass »die Grie­chen in den letz­ten 20 Jah­ren dach­ten, die tra­di­tio­nelle Küche sei nicht gut genug … (es gab eine) Unsi­cher­heit, ihr Essen oder ihre Kul­tur könn­ten weni­ger gut sein als die aller ande­ren – der Grie­che ist sehr stolz, aber unsi­cher – wis­sen Sie, die­ses ›wir waren so lange von den Tür­ken besetzt‹.« Für Frau Mitro­go­gos ist es jedoch die Ein­fach­heit der grie­chi­schen Küche, die sie so beson­ders und bestän­dig macht. »Sie beruht auf dem Tei­len, auf Fami­lie, dar­auf, Men­schen zusam­men­zu­brin­gen, Mut­ter­liebe, der Liebe inner­halb der Fami­lie … selbst wenn man sich keine tolle Mahl­zeit leis­ten kann, bekommt jeder groß­ar­tige Toma­ten, ein Stück köst­li­ches Brot …«

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Aber offen­sicht­lich hat das nicht jeder. Die Fol­gen der Krise sind der­art, dass sie nicht nur die Armen tref­fen, die sich auf der Straße zum Schla­fen zusam­men­kau­ern, son­dern auch die Wohl­ha­ben­den in Frau Mitro­go­gos‘ Wohn­block. Im Ver­trauen erzählt sie mir, dass sie eine ältere Nach­ba­rin über ihr ver­sorgt: eine Dame, der die Woh­nung gehört, die aber keine Pen­sion mehr bekommt.
In der Gegend um den Syntagma-Platz mar­schie­ren öffent­li­che Ange­stellte unter Gewerk­schafts­flag­gen. Die Nacht fällt herab und der Him­mel ver­dun­kelt sich bei ste­tem Regen. Nach den Kämp­fen mit der Poli­zei Anfang des Monats, mit Stei­nen, Feuer und Trä­nen­gas, spürt man jetzt klamme Resi­gna­tion. Ich bli­cke in müde Gesich­ter als ich, mich ent­schul­di­gend, die Straße über­quere. An den Kreu­zun­gen kau­ern Bereit­schafts­po­li­zis­ten in Laden­ein­gän­gen, um sich vor dem Regen zu schüt­zen, wie moderne Rit­ter in ihren Rüs­tun­gen aus Kev­lar. Die ein­zi­gen Farb­tup­fer stam­men von den ural­ten Oran­gen­bäu­men, ner­ant­zies, die sich stolz gegen die Düs­ter­nis abhe­ben; schwer mit bit­te­ren Früchten.

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Die Suppe sät­tigt, aber ihr feh­len die Sonne der Kin­der­heim und die Wärme der grie­chi­schen Mutter

Es war nicht immer so. Wie anders das Leben den Athe­nern vor­ge­kom­men sein muss, als sie 2001 in die Euro­zone auf­ge­nom­men wur­den. Die Fei­ern, das Feu­er­werk, eine neue Wäh­rung. Es scheint, dass nur wenige die Unsi­cher­heit um sie herum bemerkt oder sich gar darum geküm­mert hät­ten. Viel­leicht hat­ten sie schon zu viel hin­ter sich. Eine direkte Folge der Bru­der­morde im Bür­ger­krieg war, dass Mil­lio­nen grie­chi­scher Bau­ern nach Athen flo­hen, was die Stadt anschwel­len ließ, bis schließ­lich die Hälfte aller Grie­chen in der Haupt­stadt lebte. Folgt man Stathis Kou­ve­lakis, Pro­fes­sor für poli­ti­sche Theo­rie am King’s Col­lege in Lon­don, stützte sich der Grie­chi­sche Staat der Nach­kriegs­zeit auf die alten Eli­ten: die Ree­der und Immo­bi­li­en­be­sit­zer, aber auch die Klein­bür­ger, Fami­li­en­un­ter­neh­men, die dank­bare Staats­bür­ger waren. In sei­ner Schrift The Greek Cauld­ron (Der grie­chi­sche Schmelz­tie­gel) stellt Kou­ve­lakis klar, dass es in Grie­chen­land »nichts gab, das den gro­ßen gesell­schaft­li­chen Kom­pro­mis­sen ähnelte, die in den 1950er– und 1960er-Jahren in Europa geschlos­sen wur­den«. Nach dem Ende der Junta schuf die sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Regie­rung der PASOK ein beschränk­tes Gesund­heits­we­sen, erwei­terte den Bil­dungs­sek­tor und sorgte für einen Anstieg der Löhne und Pen­sio­nen. Im Wesent­li­chen beruhte das auf einem poli­ti­schen Kom­pro­miss, der die Struk­tu­ren der Macht unan­ge­tas­tet ließ. Iro­ni­scher­weise befand sich das aber im poli­ti­schen Gegen­satz zum rest­li­chen Europa, das sich zu jener Zeit begeis­tert auf die Ver­spre­chen des Mark­tes ein­ließ. Kou­ve­lakis sagt, dass wegen his­to­risch nied­ri­ger Besteue­rung des Groß­ka­pi­tals und der abge­schot­te­ten Eli­ten diese Phase geprägt war von »unver­meid­lich hohen Staats­schul­den«. Der PASOK-Ministerpräsident Kostas Simi­tis (mit Lou­kas Papa­di­mos in der Zen­tral­bank) führte die neo­li­be­rale Initia­tive zur Dere­gu­la­tion an, die 1996 bis 2004 zu einem Wir­bel an Spe­ku­la­tio­nen führte, mit denen angeb­lich die Staats­schul­den redu­ziert und der Ein­tritt in den Euro vor­be­rei­tet wer­den soll­ten. Der welt­weite Crash 2008 führte jedoch dazu, dass die Staats­schul­den dra­ma­tisch anstie­gen. Eurostat weist für 2010 ein Defi­zit von 127 Pro­zent des Brut­to­in­lands­pro­dukts aus. Schlim­mer noch: Nach einem Bericht des Spie­gel im sel­ben Jahr half Gold­man Sachs der grie­chi­schen Regie­rung, die wahre Höhe des Defi­zits zu ver­ber­gen; mit Hilfe eines Deri­vat­ge­schäfts, das die Regeln des Maastricht-Vertrags legal umging.
Ein gro­ßer Last­wa­gen parkt in der Odos Sofo­kleous. Kräf­tige Män­ner schwit­zen und keu­chen, wäh­rend sie Kar­tof­fel­sä­cke abla­den, unter Auf­sicht von Xenia Papas­tav­rou. Die ehe­ma­lige Jour­na­lis­tin ist die trei­bende Kraft hin­ter einer neuen Art von Initia­tive, die sich mit der enor­men Ver­schwen­dung von Lebens­mit­teln in Grie­chen­land vor dem Hin­ter­grund des Hun­gers aus­ein­an­der­setzt. »Hier wird so viel ver­schwen­det«, sagt sie, »es ist hier nicht wie in Groß­bri­tan­nien, wo Pret a Man­ger [eine Imbiss­kette] und andere die nicht ver­kauf­ten Sand­wi­ches am Abend spenden.«

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Um dem mensch­li­chen Kar­tof­fel­zug nicht im Weg zu ste­hen, gehen wir in den Saal der Sup­pen­kü­che. Das größte Pro­blem, meint sie, war die feh­lende Ver­bin­dung zwi­schen denen, die etwas spen­den wol­len und den Emp­fän­gern. »Ein­mal war ich abends in einer Kneipe, und man ser­vierte so viel Brot, dass ich fragte, ob ich etwas davon mit­neh­men könnte. – Tat­säch­lich war man sehr dank­bar und gab mir rich­tig viel. Das war letz­tes Jahr im Mai.« Ihre Idee war, zwi­schen Gemü­se­händ­lern, Hotels, Super­markt­ket­ten und den Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen zu ver­mit­teln. Ihre Initia­tive Boro­ume (»Wir kön­nen«) war bin­nen kür­zes­ter Zeit ein Erfolg. Nach­dem die Zei­tung Kat­hi­mer­ini dar­über berich­tet hatte, ström­ten die Hilfs­an­ge­bote her­ein. »Ohne Essen kann man über nichts ande­res nach­den­ken – man hat die dau­ernde Sorge, etwas auf den Tisch zu brin­gen … das gilt auch für die Wohl­fahrts­or­ga­ni­sa­tio­nen, sie kön­nen nicht arbei­ten, wenn sie den Leu­ten nichts zu geben haben …« Wesent­lich ist für Frau Papas­tav­rou, über­haupt etwas zu tun. »Etwas wie das hier gibt den Men­schen Hoff­nung, Opti­mis­mus. Arbeits­lose hel­fen uns, momen­tan haben wir einen arbeits­lo­sen Koch in der Küche. Man kann nicht auf einen bes­se­ren Zeit­punkt war­ten, man muss jetzt etwas tun.«
Der Land­wirt, der sechs Ton­nen sei­ner Kar­tof­fel­ernte gespen­det hat, tat das, weil die Markt­preise so nied­rig sind, dass es bil­li­ger war, sie weg­zu­ge­ben, als sie wie­der in die Erde ein­zu­gra­ben. Es wirkt wie ein bei­spiel­lo­ses Ver­bre­chen: ein so frucht­ba­res Land, das keine Ernte ein­bringt, wegen der wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nisse. Boro­ume arbei­tet jetzt mit etwa 200 Unter­neh­men zusam­men. »Wenn wir sie ein­mal zusam­men­ge­bracht haben, kön­nen die Spen­der und die Emp­fän­ger direkt mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren.«
Mit den schwe­ren Säcken kämp­fend, gehen die Män­ner an einem Emp­fangs­t­re­sen vor­bei, hin­ter dem – stumm­ge­schal­tet – eine Koch­show im Fern­se­hen läuft. Ich muss kurz grin­sen, wegen der Iro­nie, ver­biete es mir aber gleich wie­der. Ich schäme mich.
Die Win­ter­sonne über­strahlt den wei­ten, offe­nen Hof des städ­ti­schen Gebäu­des. Meine Augen gewöh­nen sich an das Licht und ich sehe, wie die Unglück­li­chen und die Obdach­lo­sen sich ver­sam­meln: einige fröh­lich, einige ver­le­gen. In einer Ecke sind die Kar­tof­fel­sä­cke gesta­pelt, wie Sand­sä­cke zu einem Behelfs­deich. In einer ande­ren Ecke ist zwi­schen vier Mas­ten ein mili­tä­risch aus­se­hen­des Tarn­netz auf­ge­spannt, um Schat­ten zu spen­den. Dar­un­ter sitzt eine alte Frau auf einem Pol­ler. Ihr Pelz­man­tel, einst wohl pracht­voll, ist schä­big, wird vom Son­nen­licht gespren­kelt, wie ihr Gesicht, das wie ein Puz­zle aus hel­len und dunk­len Tei­len aus­sieht. Nur dazu­sit­zen, scheint sie zu erschöp­fen. Kle­cker­weise schlur­fen die Leute auf den Hof. Man­che ste­hen in Grüpp­chen, andere allein. Es wird als Schande emp­fun­den, arm zu sein und Almo­sen zu emp­fan­gen. Es ist gewis­ser­ma­ßen das Ver­sa­gen der gan­zen Fami­lie, das durch die Anwe­sen­heit hier kund­ge­tan wird. Die Men­schen hier sehen genauso aus wie deine Mut­ter und dein Vater: sau­bere, freund­li­che Men­schen, die keine Regeln gebro­chen haben und immer noch nicht glau­ben kön­nen, dass es so weit gekom­men ist. Dabei sind das die Glück­li­che­ren. Sie haben noch einen Ort, an dem sie leben und kochen kön­nen, auch wenn sie die Strom­rech­nung nicht mehr bezah­len kön­nen. In der ande­ren, weni­ger ordent­li­chen Schlange ste­hen die Ver­zwei­fel­ten. Man­chen sieht man an, dass sie schon eine Zeit­lang auf der Straße leben, und die Wun­den und blauen Fle­cke auf man­chen Gesich­tern zeu­gen davon, wie erbar­mungs­los die Athe­ner Bür­ger­steige sein kön­nen. Die bei­den Grup­pen mischen sich nicht, vor Angst, sich in der ande­ren wie­der­zu­er­ken­nen.
Xenia Papas­tav­rou erklärt, dass das Soli­da­ri­täts­zen­trum der Stadt Athen etwa 2500 Men­schen täg­lich in zwei Schich­ten ver­sorgt. In den Küchen schöp­fen sechs Frauen dicke gelbe Kar­tof­fel­suppe in Hun­derte iden­ti­sche weiße Schüs­seln, die lie­be­voll auf dem Tisch wie ein Mosaik ange­ord­net und gesta­pelt sind. Wesent­lich, sät­ti­gend. Aber Licht­jahre ent­fernt von dem son­nen­ge­küss­ten Essen der Kind­heit und der Wärme der Küche einer grie­chi­schen Mut­ter.
Chris­tina, die selbst obdach­los war, summt fröh­lich ein Lied von Brit­ney Spears, wäh­rend sie mit dem Koch­löf­fel in der Hand umher­tän­zelt. Sie arbei­tet ehren­amt­lich und ist seit zehn Jah­ren hier. »Ich ver­stehe die Men­schen … Ich war selbst so«, lächelt sie schüch­tern. Athen hatte immer schon ein Pro­blem mit der Obdach­lo­sig­keit, aber nicht so. Die Men­schen, die heute hier essen, bekom­men Suppe, etwas Brot und gespen­dete Coca Cola in Fla­schen. Andere, denen dis­kret per Tele­fon Bescheid gege­ben wurde, kom­men vor­bei und packen Kar­tof­feln ein und was sonst noch gespen­det wurde. Aus den erd­far­be­nen Säcken neh­men sie sich, was sie brauchen.

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Maria (Name geän­dert) fal­tet auf ihrem Schoß lang­sam eine Plas­tik­tüte aus­ein­an­der, die sie mit­ge­bracht hat, um ihre Ration Kar­tof­feln mit nach Hause zu neh­men. Sie ist klein, Ende 50, mit pech­schwar­zem Haar und einem hüb­schen Man­tel. Sau­ber. Eine Desi­gner­brille, die viel­leicht nicht echt ist, aber bestimmt nicht bil­lig war. Es sind immer die Schuhe, an denen man die Armut erkennt. Bil­lige, her­un­ter­ge­kom­mene Turn­schuhe. Sie zeigt mir Fotos ihrer Toch­ter, die eine Niere ver­lo­ren hat, bei einem Unfall mit Fah­rer­flucht auf der Insel, auf der sie lebt. Das Mäd­chen, das aus dem Bild her­aus­blickt ist hübsch, zier­lich, nach­denk­lich. Mit einer gro­ßen Narbe quer über den Bauch. Arzt­rech­nun­gen. Sor­gen. Ich frage mich ins­ge­heim, ob sie weiß, dass ihre Mut­ter in Athen um Essen bet­teln muss. »Mein Mann bekommt 300 Euro Rente im Monat und für die Hypo­thek sind 300 Euro im Monat fäl­lig, da bleibt nicht ein Euro übrig … Wir müs­sen seit dem letz­ten Jahr hier essen – mein Mann ist immer wie­der im Kran­ken­haus – er ist sehr krank und da muss er eigent­lich gutes Essen bekom­men. Ich komme mit der Bahn hier­her. – Ich habe kein Geld und kann keine Fahr­karte kau­fen. Wenn sie mich erwi­schen, sol­len sie mich ruhig ins Gefäng­nis ste­cken.« Sie lacht. »Wenn ich nicht hier­her­käme, wür­den wir ver­hun­gern.« Sie atmet in einem Seuf­zer aus und dann, ange­sichts der Über­macht von allem, fängt sie an zu wei­nen. Wie schwer das alles ist. So uner­war­tet. Der feine Grat zwi­schen Unglück und Über­le­ben mit kleins­ten Mit­teln. »Das Schlimmste ist, egal wem du es erzählst, nie­mand glaubt es dir wirk­lich.«
»Viel­leicht fin­den wir durch die Idee, das Essen zu tei­len, auch neue Wege in der ­Poli­tik«. Demis (Name geän­dert), 45, ist ein kräf­ti­ger Mann, stäm­mig wie ein Boxer mit freund­li­chen, aber müden Augen. Wir haben uns in einem etwas bes­se­ren Café in Ampe­lo­kipi ver­ab­re­det. Drau­ßen reg­net es erneut und drin­nen läuft ein Fern­se­her mit Wer­bung für Pfand­lei­her, die Gold­schmuck suchen. Gut geklei­dete Frauen mitt­le­ren Alters hal­ten sich an ihren Kaf­fee­tas­sen fest und bli­cken prü­fend durch den Raum. Demis begrüßt mich mit kräf­ti­gem Hän­de­druck.
»Die ganze Dis­kus­sion über das Spar­pro­gramm fing in die­ser Gegend im Okto­ber 2011 an«, sagt er lächelnd. »Ein Vater beging Selbst­mord, nach­dem er sechs oder sie­ben Monate arbeits­los war. Er hatte drei Kin­der.« Demis ist Grund­schul­leh­rer. Er möchte anonym blei­ben, ist aber bereit, über die Bemü­hun­gen der Selbst­hil­fe­netz­werke zu spre­chen, die an den Athe­ner Schu­len gegrün­det wur­den, nach­dem es Berichte gab, dass Kin­der in den Klas­sen­zim­mern vor Hun­ger ohn­mäch­tig gewor­den waren. »Man­che Kin­der haben kein Geld, um in der Schule zu essen. Das geht so weit, dass es uns an die afri­ka­ni­schen Kin­der erin­nert. Nicht so nah am Ver­hun­gern, aber …« Er ver­liert den Faden, als er merkt, wel­ches Bild er her­auf­be­schwört von dem, was er täg­lich mit­er­lebt. »Wir stell­ten fest, dass die Schlan­gen vor den Kios­ken in den Schu­len sehr kurz wur­den … Dann bemerk­ten wir die Klei­dung. – Man­che Kin­der tru­gen jeden Tag die­sel­ben Sachen.« Demis und seine Kol­le­gen grün­de­ten in den Schu­len ein Netz­werk, das Nah­rung und Klei­dung sam­melte und wei­ter­gab. Vie­les davon stammte von den Leh­rern selbst. So ent­stand »Soli­da­ri­tät, die uns hilft, unsere Schu­len davor zu bewah­ren, kaputt­zu­ge­hen; um Mut zu machen und zu sagen: Kein grie­chi­sches Zuhause soll ohne Essen, Strom, Tele­fon, ohne die wesent­li­chen Dinge, aus­kom­men müs­sen. Wir ver­an­stal­te­ten einen Floh­markt, und die Leute brach­ten Essen und Klei­dung mit. Es war wie in Argen­ti­nien (wäh­rend der Wirt­schafts­krise von 1999 bis 2002).« Mit die­sen ers­ten Anstren­gun­gen gelang es Leh­rern und Eltern, die Grund­be­dürf­nisse von 20 Fami­lien abzu­de­cken. Die Grie­chen sind stolz und so war klar, dass es sich nicht um Almo­sen han­delte. »Wir nen­nen das ›­cha­ris­tiko‹ – ein Geschenk – eine Gefäl­lig­keit.«
Die Stadt­ver­wal­tung rea­gierte, so gut sie konnte. Der­zeit gibt es etwa 260 Sup­pen­kü­chen in Athe­ner Schu­len, 42 allein in sei­ner Gegend. Das offene schmut­zige Geheim­nis des grie­chi­schen Staa­tes. Ich bemerke, dass eine Frau am Neben­tisch unser Gespräch ver­folgt, und drehe ihr den Rücken zu, um seine Worte bes­ser abzu­schir­men.
»Jeden Mor­gen um 11 Uhr wird das Essen sehr dis­kret gebracht, sodass die Kin­der sich nicht schä­men müs­sen … eigent­lich soll­ten sich die schä­men, die uns an die­sen Punkt gebracht haben.« Takt­ge­fühl ist ganz wich­tig. »Die ärme­ren Kin­der gehen ins Leh­rer­zim­mer und bekom­men dort Tupper-Dosen (mit Essen) … wir kochen für sie: Pasta, Reis, Huhn, Sup­pen, Kar­tof­feln, Äpfel und so wei­ter, aber … nicht vor den ande­ren.«
Zwi­schen klei­nen Schlu­cken grie­chi­schen Kaf­fees fährt Demis fort: »Die neuen Netz­werke haben sich aus poli­ti­schen Gemein­schaf­ten ent­wi­ckelt … einige stam­men direkt aus den lin­ken Par­teien, aber es sind des­halb noch lange keine rein poli­ti­schen Aktio­nen. Wenn die Kir­che etwas gibt, dann will sie auch etwas zurück­be­kom­men … es stärkt die Macht der Kir­che. Das ist ver­ti­kale Macht. Was wir machen, ist hori­zon­tale Macht. Für uns ist das alles Neu­land, des­halb weiß ich nicht, wie das Netz­werk sich ent­wi­ckeln wird. Ich bin mir aber sicher, dass die Leute sehr posi­tiv dar­auf rea­gie­ren, und man spürt, dass sie gern Teil einer Gemein­schaft sind, die gibt und anbie­tet. Ich hoffe, dass diese sym­bo­li­schen Akte, jeman­dem zu essen zu geben, uns wie­der dahin zurück­füh­ren, wo wir vor 1990 waren und uns daran erin­nern, wie wich­tig Gast­freund­schaft ist.«

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Im Taxi zurück ins Hotel erzählt Elena, meine Dol­met­sche­rin, dass ihr die Frau, der ich den Rücken zuge­dreht hatte, das Herz aus­schüt­tete, als ich auf­ge­stan­den war, um die Rech­nung zu bezah­len. Sie habe, so Elena, vor weni­gen Wochen ihre Stelle im öffent­li­chen Dienst nach 30 Jah­ren ver­lo­ren, ihr Mann sei bereits im Rente. Als sie von Demis’ ruhi­ger Lei­den­schaft hörte, sei sie so stolz gewe­sen, dass jemand etwas tue. Die Frau erzählte, dass sie jeden Tag in das Café komme und sich für teu­res Geld einen ein­zi­gen Kaf­fee kaufe, an dem sie sich lange fest­halte, nur um sich nor­mal zu füh­len. Wie viele andere viel­leicht. Danach, sagt Elena, fiel sie in sich zusam­men. Ich schäme mich zum zwei­ten Mal.
Für Peter Michel Heil­mann, den Mann der hin­ter Euro­Cha­rity steht, einem Netz­werk für nach­hal­tige Ent­wick­lung, ist die Frau aus dem Café eine der neuen Armen. Heil­mann, der auf jun­gen­hafte Art gut aus­sieht, lebt seit über 20 Jah­ren in Grie­chen­land und setzt sich mit gren­zen­lo­ser Lei­den­schaft für sein Land ein. Er schil­dert, wie selbst Teile der unte­ren Mit­tel­schicht unter den dras­ti­schen Steu­er­er­hö­hun­gen und den Ein­schnit­ten im öffent­li­chen Bereich lei­den. Er sieht sie auf die untere Ebene der Pyra­mide zurück­fal­len. »Diese Men­schen könn­ten mit Freun­den Kaf­fee trin­ken gehen, aber jetzt blei­ben sie zu Hause.« Hier fin­det eine Ver­schie­bung im Sozi­al­ver­hal­ten statt. »Des­halb geht es den Geschäf­ten, die Kuchen ver­kau­fen, den Zachar­o­plas­tia, so gut. In jeder Straße gibt es vier oder fünf davon. Zum einen essen Men­schen, die unter see­li­schem Druck ste­hen, gern Süßes, und zum ande­ren bringe ich, wenn ich jeman­den besu­che, nicht ein Kilo Reis mit (das man viel­leicht gut gebrau­chen könnte), ich bringe Kuchen mit. Die Kuchen sind eine Meta­pher für die Abschot­tung.« Heil­mann sieht die­ses Ver­hal­ten im Zusam­men­hang mit noch wesent­li­che­ren Ver­än­de­run­gen, die Grie­chen­land in den letz­ten Jahr­zehn­ten durch­ge­macht hat. »Frü­her hat­ten die Men­schen gerin­gere Ein­kom­men, aber plötz­lich sagte man ihnen, sie könn­ten bis zu 75 Pro­zent des durch­schnitt­li­chen euro­päi­schen Ein­kom­mens ver­die­nen und den Euro bekom­men … Plötz­lich woll­ten die Leute zwei, drei Autos haben und in jedem Zim­mer einen Fern­se­her … Die Leute lie­hen sich Geld, weil die Zin­sen nied­rig waren … Sie fin­gen auf eine Art an zu spe­ku­lie­ren, die nicht gut gehen konnte … Was ich sagen will, ist, man erhöht das Ein­kom­men, man erhöht die Lebens­qua­li­tät, aber dann stei­gen die Preise. Wuss­ten Sie, dass 1999 die Grie­chi­sche Börse die beste Per­for­mance der Welt hatte? Dann (2000) brach sie zusam­men.« Das Pro­blem ist, so sieht es Heil­mann, dass vor dem Boom die Löhne nied­rig waren, aber die Gesell­schaft noch funk­tio­nierte. »Aber dann fin­gen die Leute an zu sagen, ›Wozu das Land bestel­len?‹.« Tra­gi­scher­weise sah man inlän­di­sche Waren und Pro­dukte als min­der­wer­tig an. Dazu kamen geheime Abspra­chen und – vor­sich­tig aus­ge­drückt – unklare Geschäfts­prak­ti­ken etwa im Trans­port­we­sen, was dazu führte, dass Pri­vat­per­so­nen und Unter­neh­men nur noch ungern inves­tier­ten.
Obwohl Grie­chen­lands Han­dels­de­fi­zit 2011 um 28,2 Pro­zent gesun­ken ist (Els­tat) ist das Land immer noch extrem abhän­gig von Impor­ten bei Waren des täg­li­chen Bedarfs wie Klei­dung – und Nah­rung. Ver­ständ­li­cher­weise ärgert Heil­mann sich dar­über. Er meint, Grie­chen­land hätte viele Mög­lich­kei­ten, sich selbst zu ver­sor­gen. »Wuss­ten Sie, dass auf Kreta Bana­nen wach­sen? Die kre­ti­schen sind klein, süß und köst­lich – und es gibt ernst­hafte Bemü­hun­gen, Grie­chen­land und Zypern zu Erd­öl­ex­por­teu­ren zu machen.« Für ihn waren die Men­schen sozia­ler, bevor Grie­chen­land 1981 in die EU kam. »Je weni­ger Geld man hat, desto mehr ach­tet man auf andere Werte. Man konnte damals – und tat das auch – sein eige­nes Brot backen und auf die Fel­der außer­halb der Stadt gehen und sein eige­nes Chorta ern­ten. (Chorta Vrasta ist gekoch­tes Blatt­ge­müse, ein Grund­nah­rungs­mit­tel in jedem grie­chi­schen Haus­halt.) Heute kauft man es für einen Euro im Super­markt.«
Er will kei­nes­wegs eine Art Gol­de­nes Zeit­al­ter des Agrar­staats beschwö­ren, der sich auf glück­li­che, staat­lich behü­tete Bau­ern und den Tou­ris­mus stützt. Heil­mann glaubt an den Markt, aller­dings an einen mit Ver­ant­wor­tung. Heil­mann kann eine Viel­zahl von Orga­ni­sa­tio­nen benen­nen, die sich der öko­no­mi­schen Her­aus­for­de­rung stel­len müs­sen, Grie­chen­land zu ernäh­ren, ohne dabei die gemein­same Geschichte zu ver­ges­sen. Ein Unter­neh­men wie AB Vas­si­lo­pou­los, die zweit­größte Super­markt­kette Grie­chen­lands, hat eine eigene Food Bank gegrün­det, mit deren Hilfe sie große Men­gen von Nah­rungs­mit­teln an Bedürf­tige ver­teilt. Der Stav­ros Niar­chos Fond (mit Sitz in New York) hat bis­her 948 Mil­lio­nen Euro zur Ver­fü­gung gestellt, das meiste davon, um Men­schen mit Essen zu ver­sor­gen. Das viel­leicht inter­es­san­teste der neuen Pro­jekte sind jedoch die sozia­len Lebens­mit­tel­lä­den. Die Läden unter­schei­den sich kaum von nor­ma­len Super­märk­ten, außer dass fast alle Waren direkt von grie­chi­schen Pro­du­zen­ten kom­men. Jeder kann hier ein­kau­fen und den vol­len Preis bezah­len. Dann gibt es Kun­den, die mit einem Nach­weis über ein sehr nied­ri­ges Ein­kom­men eine Zehn-Prozent-Rabattkarte bekom­men. Dar­über hin­aus gibt das Unter­neh­men einen kom­plet­ten Wochen­ein­kauf an (der­zeit 40) Fami­lien ab, die sich in einer aku­ten erns­ten Not­lage befin­den. Es ist zwar nur das Not­wen­digste, aber jeden­falls ist so das Über­le­ben gesi­chert. Allein im Stadt­teil Iliou­po­lis sind wei­tere 300 Fami­lien auf der War­te­liste. Die Stadt­ver­wal­tung hat die Räume kos­ten­los zur Ver­fü­gung gestellt, und es ist »eine Art des Zusam­men­halts,« wie der Geschäfts­füh­rer Theo­do­nis Kit­sos, ein lie­bens­wer­ter ehe­ma­li­ger Kraft­fah­rer, mir erklärt. Die Men­schen, die er unter­stützt, waren »… Laden­be­sit­zer und Bank­an­ge­stellte … Sie hat­ten ein anstän­di­ges Ein­kom­men, 2000 bis 3000 Euro im Monat. – Aber jetzt sind sie seit ein oder zwei Jah­ren arbeits­los, bekom­men keine Unter­stüt­zung mehr und haben über­haupt kein Ein­kom­men. Sie kön­nen seit einem Jahr weder ihre Miete noch ihre Rech­nun­gen bezah­len. Und hier kön­nen wir den Men­schen direkt und unmit­tel­bar helfen.«

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Für ihn zählt das Posi­tive, so klein es auch sein mag, doch glaubt er ande­rer­seits, dass es 2012 erst noch schlim­mer wird. »Jeder wird an der Tür des Nach­barn klop­fen und hel­fen – ich glaube, die Leute wer­den enger zusam­men­rü­cken.« Er sieht darin die Tra­di­tion der grie­chi­schen Fami­li­en­bande, desimo: »… Das ist ein Ritual – man wird da hin­ein­ge­bo­ren – so ist es hier – jeder Tag ist ein Fei­er­tag – selbst bei einem Begräb­nis kommt man zusam­men und isst gemein­sam.« Wäh­rend er die Arme aus­brei­tet, um zu unter­strei­chen, was er sagt, schlen­dert im Hin­ter­grund eine typi­sche schwarz­ge­klei­dete grie­chi­sche Groß­mut­ter umher und erle­digt ihren Wochen­ein­kauf.
Das Salat­blatt, das man mir gege­ben hat, ist gött­lich – kna­ckig und frisch, pfeff­rig, mit etwas Salz und Öl. Und Erde. Atha­na­sios (der Unsterb­li­che auf Grie­chisch – ein aus­ge­zeich­ne­ter Name für einen Gärt­ner) gibt mir die Frucht sei­ner Arbeit, die nur Augen­bli­cke vor­her aus der Erde gezo­gen wurde. Ich stehe mit ihm und eini­gen ele­gan­ten Damen auf einem Feld. Auf der einen Seite ste­hen hüb­sche Apart­ment­häu­ser, hei­ter, weiß und in der Sonne strah­lend. Ihre bun­ten Mar­ki­sen leuch­ten als gelbe und rote Fle­cken. Vor uns ein Feld, halb kul­ti­viert, mit einem Maschen­draht­zaun und einem Tor, das man nicht ver­schlie­ßen kann. »Das«, sagt Anna, meine fröh­li­che Füh­re­rin, die sonst bei der U-Bahn arbei­tet, »ist der Gar­ten.«
Kate, eine Redak­teu­rin, und die Archi­tek­tin Natassa kom­men dazu und stolz berich­ten sie, was sie alles anbauen: Salat (natür­lich), Rote Bete, Zwie­beln, Boh­nen und Spi­nat. Die Erde ist schwarz und reich. Das Gelände ist – iro­ni­scher geht es kaum – Teil des Außen­ge­län­des des ehe­ma­li­gen US-Luftwaffenstützpunkts in Eli­niko. »Wir haben das hier vor etwa einem Jahr ange­legt, weil wir Nah­rungs­mit­tel anbauen woll­ten … Wir ver­kau­fen sie nicht, wir ver­schen­ken sie.« Man muss mir mein Erstau­nen anse­hen, denn Kate unter­bricht: »Das Tor ist nicht ver­schlos­sen … jeder aus der Nach­bar­schaft kann kom­men und ern­ten … die Idee ist ein­fach, etwas anzu­pflan­zen, damit es auch etwas zu essen gibt … Für uns ist das ein Expe­ri­ment, wir sind keine Land­wirte, wir sind Bür­ger.«
Ursprüng­lich hatte die Regie­rung der Stadt­ver­wal­tung das Areal als öffent­li­chen Raum zur Ver­fü­gung gestellt, aber vor einem Jahr kamen Gerüchte auf, das Land würde an eine Immo­bi­li­en­firma ver­kauft. Anwoh­ner kamen mit Schau­feln und Unmen­gen von Ideen und dem Wunsch, andere mit ihrem Plan anzu­ste­cken, eige­nes Essen anzu­bauen. Es ist nicht das ein­zige Expe­ri­ment, bei dem es um die Rück­ge­win­nung öffent­li­chen Raums in Grie­chen­land geht – in Exar­chia gibt es ver­schie­dene Volks­parks, die von den Anwoh­nern über­nom­men wur­den, um zu ver­hin­dern, dass die Stadt­pla­ner sie als Park­plätze beto­nie­ren. Ähn­li­che Pro­jekte gibt es in Petrou­po­lis und Lios (Anto­nis Trit­sis Park).
»Wir woll­ten Lebens­mit­tel anbauen, um die Krise zu über­le­ben«, sagt Natassa, aber bei dem Expe­ri­ment geht es auch darum, den Bewoh­nern zu zei­gen, was über­haupt mög­lich ist. »Grie­chen­land muss gene­rell wie­der pro­du­zie­ren«, sagt sie. »Wir waren eine Gesell­schaft, die nur noch kon­su­miert hat, aber unser Klima ist gut und wir haben land­wirt­schaft­li­che Wur­zeln und dar­auf müs­sen uns wir wie­der rück­be­sin­nen und anfan­gen, anders zu den­ken und zu han­deln.«
An dem Pro­jekt, das von einem Stadt­pla­ner, einem Agrar­wis­sen­schaft­ler und einem Gärt­ner ins Leben geru­fen wurde, arbei­ten etwa 15 bis 20 Gärt­ner regel­mä­ßig mit, aber nicht alle von ihnen woh­nen auch hier. Wie Natassa sagt, ist es »wich­tig für uns zu wis­sen, wie wir selbst Lebens­mit­tel pro­du­zie­ren kön­nen, weil wir nicht sicher sein kön­nen, in Zukunft noch ein Gehalt zu bezie­hen – die Leute bauen in Hin­ter­hö­fen und auf Bal­ko­nen an. – Wir sagen den Men­schen, dass sie sehr gute Lebens­mit­tel auf dem Bal­kon anbauen kön­nen.« Die drei Frauen schät­zen, dass in der nahe gele­ge­nen Wohn­an­lage »viel­leicht« 50 Pro­zent der Bewoh­ner dies jetzt schon tun. »Die Leute kom­men mit ihren Fami­lien hier­her«, sagt Kate, »und eine Dame erzählte uns, dass ihre Kin­der geglaubt hat­ten, die Pflan­zen wür­den im Super­markt wach­sen. Mitt­ler­weile wol­len sogar Schu­len mit den Kin­dern her­kom­men.«
Etwas spä­ter kommt Atha­na­sios zu uns. Er hat mit Kin­dern gear­bei­tet und Äste und Zweige für ein Feuer gesam­melt. Seine gro­ßen Hände sind tro­cken und ris­sig. Er ist der glück­lichste Mann, den ich seit lan­ger Zeit gese­hen habe. »Wis­sen Sie, in Grie­chen­land gibt es ein Sprich­wort: Wer allein arbei­tet, der bleibt auch allein … Wir wol­len ja nicht reich wer­den, wir wol­len glück­lich sein, und um glück­lich zu sein, muss man zusam­men sein. Nur weil wir das wis­sen, sind wir nicht klü­ger als andere, aber wir ler­nen dabei, zu pflan­zen und zu ern­ten.«
Er ist seit 20 Jah­ren Gärt­ner, hat aber vor­her nie mit Gemüse gear­bei­tet. »Wie könnte ich mich bei einer Firma bewer­ben und ­erzäh­len, dass ich nichts von Gemüse ver­stehe? Jetzt lerne ich es.« Er macht eine Pause und sagt dann mit einem lis­ti­gen Lächeln: »Ich könnte gutes Geld ver­die­nen, glau­ben Sie mir, meine Frau sagt das auch …« Er gluckst. »In Wahr­heit glaube ich an die ein­fa­chen Dinge: Wir haben das wunder­schöne Meer und die Sonne. Ich kann ein­fa­che Gerichte essen – ich lebe in einem Land der Mög­lich­kei­ten – hier ist das Para­dies – wir haben es in der Hand.«

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Tina stößt zu uns. Sie ist Archäo­lo­gin und, wie sie sagt, Opti­mis­tin. Den­noch glaubt sie wie viele andere hier nicht daran, dass die Stadt­ver­wal­tung die Gär­ten auf Dauer dul­den wird. »Sie ver­kau­fen das Land, um unsere Schul­den zu bezah­len.« Dabei geht es natür­lich nicht nur um die Frage, ob es ver­kauft wird, son­dern auch darum, wie viel man dafür bekommt. »Das staat­li­che Unter­neh­men, das für die Was­ser­ver­sor­gung in Athen zustän­dig ist, soll für 80 Mil­lio­nen Euro ver­kauft wer­den … das ist nichts …« Alle in der Gruppe nicken. Sie wis­sen, dass Land in Grie­chen­land große Sym­bol­kraft hat. »Unser Land hat viel durch­ge­macht«, sagt sie, »aber selbst die Junta hat nicht ver­sucht, öffent­li­ches Land zu ver­kau­fen. Das ist Besat­zung, das ist Krieg. Unsere Regie­rung hat einen Fond gegrün­det, in den aller öffent­li­cher Grund­be­sitz über­tra­gen wird, und wenn er mal über­tra­gen ist, kommt er nie zurück. Sie spre­chen von Ent­wick­lung, aber in einem Land ohne öffent­li­chen Grund ist keine Ent­wick­lung mehr mög­lich … Wir sind der Wider­stand.« Ich habe den Ein­druck, ihre Stimme zit­tert ein wenig, aber ver­mut­lich ist es nur der Wind.
Am Nach­mit­tag herrscht in der städ­ti­schen Sup­pen­kü­che ein wenig Kar­ne­vals­at­mo­sphäre. Afri­ka­ner, Kur­den, Ara­ber und Ban­gla­des­his ver­sam­meln sich in kleine Grup­pen und spre­chen ange­regt über ihre Sor­gen. Wer kennt schon die ent­beh­rungs­rei­chen Wege, die sie nach Europa geführt haben, aber hier bekom­men sie zu essen. Ein Häuf­chen ange­schmud­del­ter Kin­der tollt herum. Frauen mit Kopf­tü­chern pick­ni­cken im Gras mit Bro­cken von grie­chi­schem Brot. Män­ner aller Haut­far­ben dis­ku­tie­ren über Poli­tik und den­ken viel­leicht an ihre Fami­lien, die sie an noch schwie­ri­ge­ren, stau­bi­gen Orten zurück­ge­las­sen haben.

Rechteinhaber: Stuart Freedman, Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee

Es sind die Schuhe, an denen man die Armut erkennt

Natassa ist wie­der­ge­kom­men und hat ihren Mann mit­ge­bracht, der hel­fen soll, mehr Kar­tof­feln nach Hause zu brin­gen, in einem Ein­kaufs­korb mit Rädern. Er wirkt müde und schick­sals­er­ge­ben, sicher­lich hatte er sich seine alten Tage anders vor­ge­stellt. »Wir sind gute Leute«, sagt er. Die unter­ge­hende Sonne wirft lange, scharfe Schat­ten, die den Boden in Form des Gelän­ders auf­tei­len, das um das Gebäude läuft. Arm in Arm, zwei alte Men­schen, wie bei einem Spa­zier­gang. Dann dreht sie sich um und ihr Gesicht hellt sich auf, mit etwas zwi­schen Stolz und Humor.
»Mag sein, dass ich eine Bett­le­rin bin«, sagt sie, »aber ich bin immer noch eine Dame.«
Sie ist, in die­sem Moment, ganz Griechenland. 

15. Oktober 2012
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