Erzähltes Leben Geschichten

Geduld, sagt der Dschinn

Wenn es in Kasch­mir etwas zu fei­ern gibt, wird ein Wazwan aus­ge­rich­tet. Für diese ­uralte kuli­na­ri­sche Zere­mo­nie müs­sen schon mal drei­ßig Schafe gleich­zei­tig ihr Leben las­sen. Das Fest­mahl hat – im Ide­al­fall – 56 Gänge

Dschinn, Rechteinhaber:Stuart Freedman, Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee

Zehn Meter Koch­flä­che: Bren­nende Ahorn­höl­zer die­nen als XXL-Herd

Es stürmt über dem Dal-See. Mein Haus­boot knarrt und jam­mert, wäh­rend ich aus einem unru­hi­gen Schlaf immer wie­der auf­wa­che. In der Dun­kel­heit trom­melt der Regen gegen die Fens­ter mei­ner Kabine. Ein Dschinn nimmt meine Hand und führt mich über das Was­ser. Ich träume mich über gezackte Berge und schnee­be­deckte Wip­fel zu einem Fest­mahl, wie für einen Erobe­rer. In der Nacht kom­men die Köche, um den Wazwan vor­zu­be­rei­ten, das große Ban­kett der fer­nen Berge von Kasch­mir. Aber was der Dschinn mir zeigt, könn­ten auch Bil­der aus irgend­ei­ner Hölle sein: Feu­er­holz, manns­hoch auf­ge­türmt wie für einen Schei­ter­hau­fen; Tiere, die geschlach­tet und zer­teilt wer­den, rie­sige Bot­ti­che, in denen Fleisch sim­mert. Män­ner schwit­zen und keu­chen inmit­ten der Flam­men; eine rie­sige, teuf­li­sche Koch­stelle. Wie kann hier groß­ar­ti­ges Essen ent­ste­hen? So viel Schön­heit aus dem Schlacht­haus, Finesse aus dem Chaos?

»Geduld«, sagt der Dschinn.

Kasch­mir ist ein Kno­ten­punkt und bleibt eine der gro­ßen umstrit­te­nen natio­nalen Legen­den des moder­nen Indi­ens. Ein Land, das tau­send­fach gege­ben, genom­men und umkämpft wurde, wie in einer Erzäh­lung. Als der Erobe­rer Tamer­lan im 15. Jahr­hun­dert aus Per­sien in Indien ein­fiel, kam er mit einer Armee von 1700 Hand­wer­kern. Holz­schnit­zer, Weber, Archi­tekten, Kal­li­gra­fen und Köche aus Samar­kand in Klein­asien lie­ßen sich in dem üppi­gen Tal nie­der. Die Nach­kom­men der Köche, die Wazas, sind für das Fest­es­sen in Kasch­mir, den Wazwan, zustän­dig.
Über Jahr­hun­derte hin­weg kamen in dem Tal ver­schie­dene Glau­bens­rich­tun­gen zusam­men und bevor die Armeen ein­fie­len, gab es hier bereits eine Ver­schmel­zung von Hin­du­is­mus und Sufis­mus, die bis heute nach­wirkt und sich durch Tole­ranz und Gast­freund­schaft aus­zeich­net. Den Islam gibt es in Kasch­mir min­des­tens seit dem 8. Jahr­hun­dert, aber es sollte noch wei­tere acht Jahr­hun­derte dau­ern, bis er zur Haupt­re­li­gion wurde. Die Mos­lems in Kasch­mir waren, so der Autor Sir Wal­ter Law­rence, »im Her­zen Hin­dus« und »Hei­li­gen­ver­eh­rer«.
Pro­fes­sor Moham­med Asraf Warni emp­fängt mich herz­lich in sei­nem Büro in der Uni­ver­si­tät von Kasch­mir. Durch das große Fens­ter sehen wir ernst­hafte Stu­den­ten, die gut gelaunt in Grüpp­chen über den gepfleg­ten Rasen zu den Gebäu­den gehen, in denen sich die ver­schie­de­nen Fakul­tä­ten befin­den. Tage­löh­ner kom­men schüch­tern her­ein, um sich eine Unter­schrift abzu­ho­len, und Tee wird gebracht. Ein Ven­ti­la­tor rum­pelt über uns. Der Pro­fes­sor, ein klei­ner, aber über­schwäng­li­cher Mann, der gewohnt ist, vor gro­ßem Publi­kum zu spre­chen, redet laut und ohne Unter­bre­chung: »Kasch­mir ist eine kleine glo­bale Kul­tur … und dies ist ein kolo­ni­sier­ter Teil der Welt. Kasch­mir war von so vie­len Völ­kern besetzt – Indo-­Griechen, Shakars, Kus­hars, Hun­nen … Frü­her kannte man uns als Nagas, Schlan­gen­an­be­ter, die an Quel­len und Seen leb­ten. Bis heute essen die Men­schen nicht die Fische aus die­sen hei­li­gen Seen.« Ganz anders, so erzählt er mit offe­nem Wider­wil­len, als die indi­schen Solda­ten, haupt­säch­lich Hin­dus und Sikhs, die ohne Kennt­nis der ört­li­chen Tra­di­tio­nen in das Tal ein­dran­gen, um in einem ver­geb­li­chen, undurch­sich­ti­gen Sepa­rationskrieg zu kämp­fen. Die Naga, so James Fer­guson, der Autor von Tree and Ser­pent Wor­ship (1868), waren Urein­woh­ner tura­ni­scher Her­kunft, die große Teile Nord­in­di­ens bevöl­ker­ten und von den ari­schen Ein­dring­lin­gen ver­trie­ben wur­den. Bei Aus­gra­bun­gen in Bour­za­hama wurde nach­ge­wie­sen, dass es bedeu­tende jung­stein­zeit­li­che Sied­lun­gen in Kasch­mir schon frü­her als 3000 vor Chris­tus gege­ben hat. Spä­ter blüh­ten der Hin­du­is­mus und der Bud­dhis­mus und im 10. Jahr­hun­dert nach Chris­tus wur­den die tra­di­tio­nel­len Glau­bens­rich­tun­gen von den kasch­mi­ri­schen Phi­lo­so­phen Vas­gupta und Abi­nav Gupta zusam­men­ge­führt zu einer loka­len Ver­sion des Shai­vis­mus, der Anbe­tung des Got­tes Shiva. Ein Autor mit dem pom­pö­sen Namen Mount­stuart Elphins­tone nannte in sei­ner History of India Kasch­mir das Clea­ring House, also die zen­trale Ver­wal­tung, ver­schie­de­ner Kul­tu­ren, und Aurel Stein, der Über­set­zer des Raja­ta­r­an­gini (Fluss der Könige) stellte fest, dass »Kasch­mir die ein­zige Region Indi­ens ist, die über eine unun­ter­bro­chene Kette schrift­li­cher Zeug­nisse sei­ner Geschichte ver­fügt«. Ein Koch­topf für Völ­ker und Reli­gio­nen. Pan­dit Jawa­har­lal Nehru meinte, Kasch­mir »domi­nierte die indi­sche intel­lek­tu­elle Szene … fast zwei­hun­dert Jahre«.
Tat­säch­lich nimmt Kasch­mir immer noch einen beson­de­ren Platz in der indi­schen Vor­stel­lung ein. Es bleibt phy­sisch und emo­tio­nal weit von den stau­bi­gen Ebe­nen des Flach­lands ent­fernt. Ein küh­les Para­dies in den Ber­gen, des­sen Aura eng mit sei­ner Unzu­gäng­lich­keit ver­bun­den ist. Die Quelle köst­li­chen Safrans und (bis vor Kur­zem) aller mög­li­chen Früchte im Über­fluss: Äpfel, Kir­schen, Apri­kosen. Anders­sein. Für Pro­fes­sor Wani heißt das: »Kasch­mir war eine Welt für sich – wenn heute Wol­ken über dem Tal hän­gen, sagen wir, die ganze Welt liegt unter Wol­ken. Denn unser Tal ist die ganze Welt …« Diese ganze Welt ist aber, so die Schrift­stel­le­rin Nita­sha Kaul, Schau­platz einer Tra­gö­die, einer Geschichte wie der von so vie­len Berg­völ­kern Eura­si­ens. Gegen­den, die his­to­risch Orte der Begeg­nung zwi­schen den Völ­kern waren – Tibet, Nepal, Nord­pa­kis­tan, Afgha­nis­tan, Irak und Iran –, wo Ideen und Güter frei getauscht wur­den ent­lang der Arte­rien der Sei­den­straße, sind heute, vor allem durch moderne Gren­zen, »Kon­flikt­zo­nen«. Kasch­mi­ris erzäh­len einem oft, dass sie weder Inder noch Pakis­tani sind. Sie sind Kasch­mi­ris und sie sind anders.

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Die Schafe haben fertig.

Eine andere Armee hat ihre Zelte auf­ge­schla­gen. In der wohl­ha­ben­den süd­li­chen Vor­stadt von Sant Nagar in Sri­na­gar wird eine Hoch­zeit der bes­se­ren Gesell­schaft statt­fin­den. Eine neue Hoch­zeits­halle, die noch immer hek­tisch von Män­nern auf wacke­li­gen ­Bam­bus­lei­tern gestri­chen wird, steht vor einem rie­si­gen, viel­far­bi­gen Küchen­zelt. Zwei unpas­send wir­kende Strom­mas­ten, die wie mons­tröse Wäch­ter auf die Sze­ne­rie her­ab­bli­cken, las­sen sie klei­ner wir­ken, als sie ist. Sol­da­ten, die Gäste aus vie­len Berei­chen der gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Elite Kasch­mirs beschüt­zen sol­len, hal­ten auto­ma­ti­sche Waf­fen im Arm und krat­zen sich in der feuch­ten Som­mer­luft. Ver­wandte und Freunde sit­zen herum und trin­ken end­los Kahwa, den köst­li­chen, duf­ten­den Kaschmir­tee, knab­bern an krü­me­li­gen süßen Kek­sen und Kicha, klei­nen har­ten Bro­ten mit Mohn und Sesam.
Sharief und Shafi, zwei von drei kom­man­die­ren­den Brü­dern, schlen­dern durch die Rei­hen der Män­ner und das anwach­sende Chaos einer Frei­luft­kü­che. Sie sind Söhne des legen­dä­ren Waza Aziz Khan und ent­stam­men der ange­se­hens­ten Linie von Köchen, den Vasta Vasas. Könige der Küche gewis­ser­ma­ßen. Sharief, der ältere: breit, unter­setzt und kräf­tig, mit sanf­ten Augen, aber auf­brau­send. Ein ech­ter Koch. Shafi, groß und schlank, mit einem gepfleg­ten Schnauz­bart, ist der Diplo­mat, ruhig, und gefasst. Mit Ehr­furcht und ­Respekt flüs­tert man den Spitz­na­men der Fami­lie: Shai­tan Waza, die Teu­fels­waza.
Die Brü­der orga­ni­sie­ren und befeh­len. So kocht eine Armee. Eine Nomaden­küche, in der Stra­ßen­lärm mit­klingt, von Per­sien und dar­über hin­aus in die Steppe und in den Schat­ten ande­rer Berge.
Eine Zeile Chi­nar – bren­nende Ahorn­höl­zer, auf zehn Metern Länge sorg­fäl­tig plat­ziert – dient als Herd. Vir sagt man hier dazu. Die Höl­zer wur­den im Mor­gen­grauen ent­zün­det und glü­hen jetzt zor­nig. Asche bedeckt die Män­ner, die schüt­teln, rüh­ren und die Tem­pe­ra­tur kon­trol­lie­ren, indem sie die Töpfe in die Hitze stel­len und wie­der her­aus­neh­men wie bei einem Schach­spiel in der Hölle.
Trotz des Drucks und der Schwer­arbeit, sehe ich die Brü­der lächeln. Sie sind in ihrem Ele­ment. Eben schnei­det Sharief noch ganz ruhig Gur­ken mit sei­nen Män­nern und kon­trol­liert gleich danach die rie­si­gen Degs mit Reis, deren ver­beulte Metall­de­ckel mit feuch­ten Tüchern abge­dich­tet wer­den. Durch den Dampf der Rei­stöpfe hört man ihn lachen: »Warum sollte ich ner­vös sein?«, sagt er.
In einer abge­schie­de­nen Ecke des Gar­tens war­tet eine Herde von mehr als drei­ßig Scha­fen. Man zieht die Tiere in einen Schup­pen aus Beton und erle­digt die Sache mit erschüt­tern­der Effi­zi­enz. Ihre Geschwis­ter war­ten still und stumm dar­auf, eben­falls nach Vor­schrift geschlach­tet zu wer­den: Die Kehle wird blitz­schnell auf­ge­schnit­ten, das Blut läuft in einen Gra­ben. Der Puj, der Schlach­ter, arbei­tet schnell und metho­disch. Die Haut wird abge­zo­gen, solange die Tiere noch warm sind, und das beste Fleisch geht an die ­Waza-Lehrlinge, die es min­des­tens eine Stunde lang mit einem Holz­ham­mer klop­fen, bis eine glatte rosa Paste ent­steht. Dann erst kann man mit dem Fleisch Gushtaba kochen, Kugeln von der Größe eines Kri­cket­balls, die in Joghurt mit Kar­da­mom geschmort wer­den. Es ist das letzte Gericht eines Fest­es­sens in Kasch­mir, man nennt es den Punkt.
An der Feu­er­stelle rüh­ren, wür­zen und pro­bie­ren die Meis­ter­kö­che unun­ter­bro­chen. Kei­ner nimmt sich Frei­hei­ten her­aus. Dies ist eine Sym­pho­nie mit einer genauen Par­ti­tur. Die sie­ben wich­tigs­ten Gerichte des Wazwans müs­sen genau so schme­cken, wie sie zu schme­cken haben. Die Wazas pro­bie­ren wie Kat­zen: Sie schmie­ren eine kleine Menge der kochend hei­ßen Mischung auf ihre Hand­flä­che und schlür­fen, mit der Zunge voran. Um ihre Hände sind schmut­zige Lum­pen gewi­ckelt, wie die Ban­da­gen eines Boxers, um sie vor den hei­ßen Töp­fen zu schüt­zen. Einen Moment spä­ter wer­den die Lum­pen in gro­ßen läs­si­gen Bögen abge­wor­fen: Gefäl­lig über eine Schul­ter gewor­fen, machen sie Fle­cken auf die wei­ßen Kur­tas, gelb, grün, rot, in den Far­ben des Essens. Hier geht es nicht nur ums Kochen, son­dern auch um die Show.
Einige der männ­li­chen Hoch­zeits­gäste kom­men zum Gucken und nicken zustim­mend. Mit »mmhhm« und »aahh« signa­li­sie­ren sie ihre Zustim­mung für die Arbeit ihrer kuli­na­ri­schen Hel­den auf einer Bühne, die wie aus einer ande­ren Zeit scheint, als die Stra­ßen in Kasch­mir noch nicht vol­ler Sol­da­ten in Tarn­an­zü­gen und Kon­troll­stel­len und schmerz­haf­ter Erin­ne­run­gen waren. Die Men­schen sind tat­säch­lich stolz auf den Wazwan. Das ist es, was sie haben.
Wäh­rend der gan­zen Zeit hört man das Klop­fen der Holz­häm­mer, mit denen die Lehr­linge Fleisch und Seh­nen zer­schmet­tern. Ein musi­ka­li­sches Motiv mit ganz eige­nem Rhyth­mus. Beim Häm­mern sin­gen die Jun­gen fröh­lich ein Lied aus einem Bollywood-Film: Naach meri ­bul­bul (Tanz, meine Liebste, du bekommst schon das Geld). Mutige Krä­hen lau­fen dazwi­schen herum und ver­su­chen, her­un­ter­fal­lende Reste zu erhaschen.

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Vor den Köchen lie­gen drei Tage und drei Nächte Arbeit im Schichtdienst

Zahour ist 26, hat durch­drin­gende Augen und das Gesicht eines ver­ängs­tig­ten Fal­ken. Er hockt auf zwei Zie­gel­stei­nen vor einem Berg von gold­braun gebra­te­nen Ripp­chen für die Tabak Maaz. Er hackt und schnei­det zu; seine Fin­ger sind vom Kur­kuma gelb, wie die eines Ket­ten­rau­chers. »Ich bin bis zur zehn­ten Klasse in die Schule gegan­gen, dann hab ich auf­ge­hört, um bei den Wazas zu ler­nen. Anfangs musste ich auch das Fleisch klop­fen. Ich habe das drei Jahre gemacht, bis ich anfing zu kochen. Das war meine Aus­bil­dung. Ich mag beson­ders gern ›Badam Qorma‹, zar­tes Lamm­fleisch in cre­mi­ger Man­delsauce. Es ist mein Lieb­lings­ge­richt und es ist schwer zuzu­be­rei­ten. Mit Allahs Hilfe werde ich in ein paar Jah­ren mein eige­nes Geschäft auf­ma­chen.« Ganz anders Gulam Ahmed, sech­zig, der alles gese­hen hat, bevor er »vor vier­zig Jah­ren anfing zu kochen. Jetzt kann ich mir aus­suchen, mit wem ich arbeite, weil ich die Erfah­rung habe. Wis­sen Sie, zu mei­ner Zeit pfleg­ten wir mehr Gerichte zu kochen«, erin­nert er sich, etwas zu deut­lich viel­leicht, sodass die jun­gen Köche es hören kön­nen. »Bei man­chen ­Fes­ten gab es über hun­dert Gerichte, wir koch­ten, sagen wir, zehn bis fünf­zehn Hüh­ner­ge­richte. Wie auch immer, frü­her waren die Zei­ten jeden­falls bes­ser.« Er schlürft sei­nen Tee, dicke Schweiß­trop­fen fal­len von sei­ner Nase. »Manch­mal koche ich auch zu Hause, meine Frau ist gut, aber ich bin der bes­sere Koch.«

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Fleisch­wolf, nein Danke! Nach einer Stunde unter dem Holz­ham­mer ent­steht eine glatte rosa Paste

»Genau genom­men«, sagt Push­pesh Pant, »sollte man von den kasch­mi­ri­schen Küchen spre­chen.« Pant ist Pro­fes­sor für diplo­ma­ti­sche Stu­dien an der Jawaharlal-Nehru-Universität in Delhi und Autor des Wäl­zers India Cook­book, ver­mut­lich der bis heute umfang­reichs­ten Samm­lung indi­scher Rezepte. Er ist klein, freund­lich und trägt einen vol­len wei­ßen Bart. Ich treffe ihn im halb­fer­ti­gen Haus sei­ner Toch­ter in Gur­gaon, der neu­rei­chen Satelliten­schwester Del­his. Wie ein net­ter Onkel sitzt Pant da und erzählt, wäh­rend ein müder Labra­dor in der ofen­hei­ßen Som­mer­luft an mei­nen Füßen schnup­pert.
Er erklärt, dass es tat­säch­lich zwei Waz­wan-Strömungen gibt, jene der Mos­lems und die der Hindu Pan­dits, der kasch­mi­ri­schen Hin­dus. Bei den Pan­dits, die über­ra­schen­der­weise gern Lamm essen, gibt es eine strikt vege­ta­ri­sche Unter­art, Vish­navi, die man »am bes­ten bei reli­giö­sen Fes­ten und Hoch­zei­ten ken­nen­lernt«. Diese Strö­mun­gen sind laut Pant Beweis dafür, wie viel­fäl­tig das kul­ti­sche Leben im Tal frü­her war. Laut Khrishna Pra­sad Dars wun­der­bar unter­halt­sa­mem Buch Kash­miri Coo­king, gibt es wenige, aber wich­tige Unter­schiede. Die Hin­dus benut­zen Hing (Asa­foe­tida) und Joghurt anstelle von Wur­zel­ge­müse, die Mos­lems Zwie­beln und Knob­lauch. Beide bevor­zu­gen junge Schafe, die in große Stü­cke zer­teilt wer­den, und beide benö­ti­gen Hitze von oben und von unten, vor­zugs­weise von einem Holz­feuer.
Vor eini­gen Hun­dert Jah­ren kam eine Hand­voll von Pandit-Familien aus dem Tal nach Delhi, Agra, Alla­ha­bad und Luck­now. Sie brach­ten ihr Essen mit und began­nen, für die bri­ti­sche Ver­wal­tung zu arbei­ten. Diese Fami­lien, die Nehru-Dynastie, die Dhars, Hak­sars und Kauls, wur­den sehr wohl­ha­bend, und das Zusam­men­le­ben mit den Hin­dus die­ser Städte führte zu fei­nen Ver­än­de­run­gen ihres Exil-Wazwans. Infolge der gewalt­sa­men Aus­ein­andersetzungen um die Unab­hän­gig­keit 1990 gab es eine wei­tere Welle der Aus­reise von Pan­dits. Heute gibt es diese wohl­ha­bende und über die Maßen ein­fluss­rei­che Gruppe in Kasch­mir fast nicht mehr. Die Mos­lems blie­ben bet­tel­arm, abge­se­hen von einer klei­nen Elite. Die Legende will, dass die meis­ten nur einen Pheran (ein ein­fa­cher, schwe­rer Man­tel) und einen Kan­gri (trag­ba­rer Ofen) hat­ten, um sich warm zu hal­ten. Es ist diese Armut, die die Food-Autorin Nee­r­aja Matoo, etwas her­ab­las­send viel­leicht, »den Reich­tum der Armut« genannt hat. Sie meint, im Win­ter lern­ten die Kasch­mi­ris den Wert der sai­so­na­len Pro­dukte zu schät­zen und viele Rezepte basie­ren auf son­nen­ge­trock­ne­ten Zuta­ten wie Rüben, Quit­ten, Auber­gi­nen (die getrock­net ver­wen­det wer­den, um man­che Wazwan-Gerichte ein­zu­fär­ben) und sogar Fisch. Die gna­den­lose Armut und die Iso­la­tion sorg­ten dafür, dass der Wazwan, – zumin­dest jener der Pan­dits – den sehr Wohl­ha­ben­den vor­be­hal­ten blieb.
Die Wazas kochen jetzt drei Tage in Folge. Einige schnei­den Berge von Gemüse, wäh­rend andere sich erschöpft in einem Zelt eng neben­ein­an­der zum Schla­fen hin­ge­legt haben. Wie­der andere rau­chen eine Hookah, die Was­ser­pfeife, um wach zu blei­ben. Gekocht wurde auch über Nacht: Man­che Gerichte wer­den lange geschmort und die Män­ner wech­seln sich in Drei­stun­den­schich­ten ab. Heute sind die Frauen beim Fei­ern an der Reihe und viele Gerichte vom Vor­tag müs­sen erneut gekocht wer­den. »Der ein­zige Unter­schied ist«, sagt Moham­med Ayub, ein Bär von einem Mann, der zu den wich­ti­ge­ren Köchen gehört, »dass die Frauen immer zu spät kom­men.« Er macht Pause in einem Lager­raum, zwi­schen rie­si­gen Säcken mit Reis, und wischt sich das Gesicht mit einem schmut­zi­gen karier­ten Hand­tuch. An den Füßen trägt er neue Pan­tof­feln, wie viele Wazas sie tra­gen, als Zei­chen des Kom­forts wäh­rend sie stun­den­lang in der gro­ßen Hitze ste­hen. »Jetzt sind sie noch bequem, aber wenn der Tag zu Ende ist, füh­len sie sich an wie aus Eisen«, sagt er, nimmt einen ver­beul­ten gro­ßen Blech­löf­fel aus einem Topf und begibt sich zurück in die Schlacht.

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Travi nennt man den gro­ßen Metall­tel­ler. Und Kräf­tig zulan­gen! lau­tet die Devise

Ursprüng­lich bestand der Wazwan aus sie­ben Haupt­ge­rich­ten, aus denen auch mal könig­li­che drei­ßig wer­den konn­ten, aber die Gemein­schaft der Pan­dits zog es vor, erklärt Push­pesh Pant, die Zahl der Gänge an der vedi­schen Nume­ro­lo­gie fest­zu­ma­chen. Ana­log zum Wür­fel­spiel in der Mah­ab­ha­rata hät­ten die Feste 21 Gänge, 31 Gänge und so wei­ter. Das ideale Mahl hätte dann 56 Gänge, ent­spre­chend den sie­ben Tagen der Woche, mit hei­li­gen Opfern alle drei Stun­den. Für die Mos­lems ist das ein­fa­cher, die Zahl der Gänge bemisst sich an Wohl­stand und Anse­hen und natür­lich an der Zahl der Gäste. Ein Royal Wazwan, das ulti­ma­tive for­melle Ban­kett, besteht typi­scher­weise aus 36 Gän­gen, von denen zwi­schen 15 und 30 Fleisch­gänge sind.
Viele Mahl­zei­ten in Indien sind Rituale, aber der Wazwan ist eine Zere­mo­nie, ein Brauch. Eine Gele­gen­heit, gemein­sam zu essen. Die Gäste wer­den in Vie­rer­grup­pen auf einem Dastark­han plat­ziert, wie man in Asien die Sitz­kis­sen auf dem ­Boden nennt. Man bringt ihnen ein Tasht-i-nari, ein Becken mit Was­ser, zum Hän­de­wa­schen. Ein gro­ßer Metall­tel­ler, den man Travi nennt, wird gebracht, auf den Reis gehäuft wird und einige Vor­spei­sen. Man isst mit den Hän­den. Ein typi­scher ers­ter Travi besteht aus einem Berg Reis, der kunst­voll von vier Shish-Kebabs unter­teilt wird, vier Stü­cken Methi Maaz (Lamm mit Bocks­horn­klee), Tabak Maaz (Lamm­ripp­chen), Safed Murg (Huhn in wei­ßer Sauce) und Zaf­rani Murg (Huhn mit Safran). Sie­ben Gerichte gehö­ren auf jeden Fall zum Wazwan: Tabak Maaz, Rista (Fleisch­bäll­chen in Safran­sauce), Rogan Josh (Lamm­curry), Dani­wal Qorma (Lamm in Joghurtsauce mit Kori­an­der), Aab Gosht (Fleisch in einer dicken Milchsauce), March­wa­gan Qorma (schar­fes Lamm­curry) und der letzte Gang muss unbe­dingt Gushtaba (Fleisch­bäll­chen in Joghurtsauce) sein. Abge­se­hen davon kön­nen die Wazas belie­big viele Gänge kochen. Man­che Rezepte sind eigen­stän­dig, andere sind wie musi­ka­li­sche Impro­vi­sa­tio­nen auf ein Thema, das der Gast­ge­ber vor­gibt. Tra­di­tio­nell hat jeder Waza ver­schie­dene Spe­zi­al­ge­richte, die ihm von sei­nem Vater oder sei­nem Leh­rer wei­ter­ge­ge­ben wurden.

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die Gewürze wer­den vor Ort angemischt

Ich stehe direkt am Vir und man lässt mich pro­bie­ren. Beim ers­ten Bis­sen des Seekh Kebab ist klar, dass etwas wirk­lich Magi­sches aus dem Feuer und dem Rauch gekom­men ist. Das ist der zar­teste Kebab, den ich je geges­sen habe, und ich bin auf­rich­tig über­rascht. Eine Ahnung von Kreuz­küm­mel und Minze trifft einen, bevor die Schärfe der Chi­lis ein­setzt. Das Fleisch ist weich und rau­chig. Der Rogan Josh ähnelt kei­nem der Gerichte, die ich in Indien oder anderswo bekom­men habe. Er hat eine wun­der­bare Kar­da­mo­m­note, die sich lange auf der Zunge hält, bevor sie einem erdi­gen Zwiebel-Knoblauch-­Geschmack weicht. Die Tabak Maaz las­sen sich quasi von den Kno­chen schlür­fen und haben dabei eine selt­same Knusp­rig­keit, die vom Ghee kommt. Die größte Über­ra­schung ist die Yakkhn-Sauce, die es hier mit Huhn gibt. Wie­der Kar­da­mom, aber der gekochte Joghurt ist cre­mig und alles andere als fett und fad. Ein wah­rer Genuss und ich sage das auch. Ich schwanke zurück und sehe, wie die ers­ten Gänge auf die Tra­mis gela­den wer­den. Es gibt viel zu essen.
Baha­rat Masood flitzt durch das moderne, voll­ver­glaste Ein­kaufs­zen­trum, in dem die Zei­tung Indian Express ihr Büro hat. Groß, schlak­sig, mit einem fei­nen islami­schen Bart – man könnte ihn für einen Pre­di­ger hal­ten. Er gibt mir warm­her­zig die Hand und ent­schul­digt sich für die Ver­spä­tung auf eine Art, wie es nur ein viel­be­schäf­tig­ter Journalist-in-allen-­Gassen kann. »Der Wazwan ist heute ein guter Indi­ka­tor für den Wohl­stand im Tal, wie ein Sta­tus­sym­bol«, sagt er trau­rig. »Wohl­stand für wenige.« Offen­sicht­lich ver­än­dert sich der Wazwan all­mäh­lich und die Regie­rung und die Rebel­len haben beide ihren Teil dazu beige­tra­gen. Viele sind mit dem Bür­ger­krieg reich gewor­den und für die Eli­ten fin­det das Geld auch einen Weg über die Gren­zen. Iro­ni­scher­weise bedeu­tet der Bür­ger­krieg, dass die Nach­frage nach Wazwan unter den Wohl­ha­ben­den noch gestie­gen ist. Es ist heute schick, ein gro­ßes Fest zu fei­ern und dabei nach Mög­lich­keit den Nach­barn zu über­tref­fen. Und die Wazas selbst fin­den sich in einer schwie­ri­gen Rolle wie­der. Tat­säch­lich ist ein Wazwan mit so vie­len Gän­gen Ver­schwen­dung. »Auf der Höhe der Aus­ein­an­der­set­zun­gen gab es Anwei­sung von den Rebel­len, dass zu Hoch­zei­ten keine Wazwan mehr aus­ge­rich­tet wer­den durf­ten.« Einige Köche berich­ten, dass bewaff­nete Män­ner Par­tys gestürmt haben und das Essen an die Armen ver­teil­ten. Das waren schwie­rige Zei­ten und bis vor ein paar Jah­ren ver­suchte die Regie­rung, sol­che auf­fäl­li­gen Fei­er­lich­kei­ten zu begren­zen, indem sie die Zahl der Gäste limi­tierte. Das funk­tio­nierte nicht, aber eine Zeit­lang war die Zahl der Gerichte begrenzt. Am Ende ging das aber auch nicht, da es den Pro­du­zen­ten von Gewür­zen und Schlacht­vieh zum Nach­teil gereichte. Heute ist das größte Pro­blem für den Wazwan, dass die junge Gene­ra­tion nicht mehr so gern drei oder vier Tage lang an der Feu­er­stelle arbei­ten will. Die jun­gen Kasch­mi­ris suchen ihre Zukunft jen­seits des Tals.
Die Straße führt in einem sanf­ten Bogen an den ocker­far­be­nen Kup­peln der Grab­stätte von Sul­tan Ghiyas-ud-Din Zain-ul-Abidin vor­bei in eine von Staub und dem Duft von Gewür­zen erfüllte ­Gasse. Über moder­nen Laden­zei­len, in denen Töpfe und Pfan­nen ver­kauft wer­den, erhe­ben sich zier­li­che höl­zerne Gebäude. Ich bin in Waza­pore, der ange­stamm­ten Hei­mat der Wazas. Durch ein Laby­rinth von Gas­sen, vor­bei an offe­nen Abwas­ser­ka­nä­len werde ich zum beschei­de­nen Heim von Moham­med Ayub Waza gebracht. Er ist beim Kochen in einem klei­nen Hin­ter­hof. Auf einem beschei­de­nen Vir ste­hen drei Töpfe, sein Bru­der formt Seekh Kebabs auf einem Metall­spieß. Staub glit­zert in den Son­nen­strah­len, als seine Frau uns eine eis­kalte Cola bring.

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Lage­be­spre­chung bei einer Wasserpfeife

»Ich bin seit drei­ßig Jah­ren Waza«, sagt Moham­med. »Ich habe von mei­nem Vater gelernt und er von sei­nem Vater … mehr als hun­dert Jahre. Es war ein Fami­li­en­un­ter­neh­men, man hatte keine Wahl. Mein Bru­der und ich sind zur Schule gegan­gen, aber dann gab es einen Brand im Haus der Fami­lie und wir muss­ten zurück­kom­men und hel­fen. Nicht, dass ich es nicht gewollt hätte, aber es war eben so.« Er brei­tet seine Arme aus und strahlt mich mit einem brei­ten Lächeln an, als er von sei­nem höl­zer­nen Schneid­block auf­blickt. Er sieht aus wie ein ­Pasch­tune aus Afgha­nis­tan. Wäh­rend er spricht, schnei­det er schnell, aber sorg­fäl­tig eine Zwie­bel – mit dicken Fin­gern und einem lan­gen Mes­ser. »Es ist Sai­son­ar­beit. Mein Vater hatte gute Ver­bin­dun­gen, so konn­ten wir uns damals dar­auf ver­las­sen, dass wir fünf­zig bis sech­zig Wazwans im Jahr hat­ten. Wis­sen Sie, wir sind drei Brü­der, wir haben die Arbeit geteilt, als er starb.«
»Eine gute Party kos­tet min­des­tens 10 bis 20 000 Rupien (140–280 Euro)«, rech­net Moham­med vor, »maxi­mal 30 bis 40 000 (430–580 Euro). In der Regel hat man zehn bis zwölf Gerichte, aber ich habe auch schon 45 gekocht. Aber das ist wirk­lich sehr, sehr sel­ten. Als ich anfing, kos­tete das Fleisch 70 Rupien pro Kilo (1 Euro), heute sind es 270 bis 280 Rupien. Aber ich habe immer noch Spaß.«
»Wir haben viel Wett­be­werb. Es sind zu viele Wazas und der Markt ist zu klein. Ich will gar nicht dar­über reden. Es hat viel mit Glück zu tun. Wenn Gott will, werde ich auch was ver­die­nen. Ich weiß nicht, was die Zukunft bringt, in jedem Fall sage ich mei­nen Kin­dern, dass sie zur Schule gehen sol­len. Trotz­dem will ich, dass mein Sohn kochen lernt. Er ist jetzt 14 und will die Arbeit viel­leicht nicht machen, weil es ihm zu tra­di­tio­nell ist. Ich würde gern ler­nen, aber ich kann nicht lesen, kei­ner aus mei­ner Gene­ra­tion der Wazas kann das. Aber wenn mein Sohn aus Kasch­mir raus­käme und an ande­ren Orten Wazwans aus­rich­ten könnte, wäre das doch gut.« Wie auf Kom­mando taucht der Junge auf, ein schlan­ker, lau­nisch drein­bli­cken­der Teen­ager in Schul­uni­form. Er sieht nicht sehr glück­lich aus ange­sichts der Pläne sei­nes Vaters und wirft sei­ner Schwes­ter einen trot­zi­gen Blick zu, die bar­fuß, an die beacht­li­chen Kur­ven ihrer Mut­ter gelehnt, auf dem Boden sitzt.
»Die Sache ist, dass Wazwan für die Kasch­mi­ris sehr wich­tig ist. Es ist Teil der Kul­tur, auch wenn es heute etwas an Bedeu­tung ver­lo­ren hat. Frü­her, wenn eine Hoch­zeit aus­zu­rich­ten war, hat­ten viele ihren eige­nen Waza, der schon mal für die Fami­lie gekocht hatte. Damals ging man zu den Leu­ten nach Hause, heute pas­siert das meiste am Tele­fon.« Er nickt zu dem Tele­fon auf dem Plas­tik­stuhl. »Auch ein armer Mann kann fei­ern«, sagt Moham­med und Gott weiß, dass die Kasch­mi­ris wenig zu fei­ern hat­ten in der letz­ten Zeit.

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Man sitzt auf dem Boden, beim Mise en Place …

Para­do­xer­weise ist Wazwan eine der weni­gen wirt­schaft­li­chen Trieb­kräfte vor Ort, neben dem Tou­ris­mus. »Etwa hun­dert bis hun­dert­fünf­zig Last­wa­gen vol­ler Schafe kom­men durch­schnitt­lich täg­lich nach Sri­na­gar. Fast der größte Teil davon wird zu Waz­wan ver­ar­bei­tet. Es ver­die­nen also nicht nur die Wazas, auch die Schä­fer, die Gemü­se­händ­ler, die Gewürz-, Holz– und Reis­händ­ler, alle diese Leute.«
Khan Moham­med Sharief Waza ist müde. Er begrüßt mich am frü­hen Mor­gen, nach­dem er im Mor­gen­grauen end­lich vom Wazwan-Hochzeitsfest zurück­ge­kehrt ist. Wir sit­zen in sei­nem erfri­schend ver­lot­ter­ten Büro und trin­ken Tee aus dün­nen Por­zel­lan­tas­sen. Es gibt Kuchen und Kekse. Eine Wand ist mit einer Viel­zahl von Bil­dern deko­riert; von ihm und sei­nen Brü­dern aus Maga­zi­nen und Zei­tun­gen, her­aus­ge­schnit­ten in all den Jah­ren. Er hat kaum noch eine Stimme, nach­dem er drei Tage lang geschrien hat, er klingt dünn und wie von einer ande­ren Welt. »Es ist sehr kör­per­lich, du musst arbei­ten wie ein Dämon, aber ich mache das, seit ich ein Kind war, und des­halb geht es. Ich habe mei­nen Vater gese­hen und wusste, das will ich auch machen. Aber man muss erst ler­nen. Schritt für Schritt. Zuerst kom­men die schwe­ren Sachen. Du machst nicht ein Jahr dies und dann ein Jahr was ande­res.« Sharief hält seine rie­sige Pranke in die Höhe. »Zuerst kommt das Quet­schen, danach kannst du den Kebab machen. Das dritte ist, Fleisch zu schnei­den, und das vierte, das Mas­ala, die Gewürze, anzu­mi­schen. Es hängt von dir ab, ob du ein rich­ti­ger Waza wirst … Manch­mal wenn ich koche, denke ich an meine Vor­fah­ren und sie spre­chen mit mir.« Er legt eine Pause ein und sam­melt seine Gedan­ken. »Einen mei­ner Groß­vä­ter, wenn die Gerichte rich­tig gut gekocht sind, höre ich sagen: ›Das ist gut, so soll es sein!‹ Oder wenn ich einen Feh­ler mache, merke ich, wie er mir an die Kehle geht. Durch Wazwan genieße ich Respekt, habe Geld und einen Namen. Diese Dinge sind sehr wich­tig. Es hat mich auch gelehrt, Men­schen zu füh­ren. Ich behandle meine Jungs, als wären sie meine eige­nen Kin­der. Wenn einer mei­nen Jungs dumm kommt, dann knall ich ihm eine, auch wenn es der Gast­ge­ber ist. Aber wenn einer mei­ner Jungs was falsch macht, kriegt er genauso eine rein. Ich bin für sie wie ein Leh­rer. Ich weiß von hun­dert bis hun­dert­fünf­zig Män­nern, die hier raus­ge­gan­gen sind und ihr eige­nes ­Geschäft auf­ge­macht haben.«

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… ebenso wie beim Essen

Natür­lich spre­chen wir auch über die gest­rige Hoch­zeit in der bes­se­ren Gese­schaft. »Es waren um die drei­ßig Gänge und kos­tete unge­fähr 600 000 Rupien (8500 Euro). Aber die Hoch­zei­ten inter­es­sie­ren uns nicht mehr so. Wir arbei­ten viel für Hotels und ich koche lie­ber hier zu Hause.« Er deu­tet nach drau­ßen auf den Hof, um den sie­ben Häu­ser ste­hen, in denen er und seine Brü­der leben. Eine geschwärzte Koch­ecke wird von einem ver­rot­te­ten Well­blech­dach geschützt. »Es ist immer teuer, wenn die Män­ner aus­wärts arbei­ten. Diese gro­ßen Hoch­zei­ten gibt es auch nicht mehr oft und sie inter­es­sie­ren uns weni­ger, außer wenn es für Freunde ist oder Leute, die meine Fami­lie schon lange kennt.« Man merkt, dass er die Auf­träge nicht braucht und er sich mehr damit beschäf­tigt, die kuli­na­ri­sche Kul­tur von Kasch­mir vor­an­zu­brin­gen.
»Ich denke, unsere Fami­lie hat den Waz­wan schon ver­än­dert.« Er gibt zu, dass sie ihre Gewürze nicht mehr selbst mah­len und man­che Gerichte über Gas­flam­men gekocht wer­den, aber ihm ist wich­ti­ger, dass die Men­schen die Kul­tur ken­nen­ler­nen. »Es schmeckt genauso. Wenn wir einen Gast haben, küm­mern wir uns um ihn. Wir las­sen ihn sit­zen, sor­gen dafür, dass er es bequem hat. Ich will, dass die Men­schen das wis­sen, weil es der Traum mei­nes Vaters war. Er sagte: ›Sachen wer­den nach Kasch­mir impor­tiert, warum kön­nen wir nicht auch etwas Gutes expor­tie­ren, wie den Wazwan, warum müs­sen wir im Tal ste­cken blei­ben?‹«
Der vor­aus­den­kende Vater grün­dete vor zwan­zig Jah­ren ein Unter­neh­men in Delhi, das heute – geführt von dem drit­ten Bru­der Rafiq – große Hotels und wich­tige Leute belie­fert. Rafiq, der jüngste der drei, glatt­ra­siert und mit einem Baby­gesicht, gesellt sich zu uns. »Unser Vater ging in den 1980er-Jahren die Lal Chowk, eine von Sri­na­gars Haupt­stra­ßen ent­lang und sah, dass sich süd­in­di­sches Essen gut ver­kaufte. Er dachte, warum nicht Wazwan außer­halb von Kasch­mir ver­kau­fen?«
»Durch all dies lebt unser Vater wei­ter«, sagt Rafiq, »wir wol­len der Welt das Beste von Kasch­mir zei­gen, aber wir müs­sen auch mit der Zeit gehen.«

»Die Leute in Delhi wol­len weni­ger Ghee und die in Mum­bai weni­ger scharf«, kichert Sharief.
Sharief reist am meis­ten. »Ich habe schon über­all gekocht, in Delhi, Mum­bai, ­Dubai …« Offen­sicht­lich sieht er seine Fami­lie als Bot­schaf­ter. Er zeigt uns eine Dose mit Rista. »Das Ein­do­sen war auch eine Idee mei­nes Vaters. 2000 haben wir damit ange­fan­gen. In einem Vor­ort von Sri­na­gar haben wir eine Fabrik. Zube­rei­ten tun wir das Essen hier und schi­cken es dahin, um es in Dosen zu fül­len. Nur etwa fünf– bis sechs­tau­send Dosen im Monat. Und natür­lich gibt es wel­che, die uns das nach­ma­chen.« Aber die Fami­lie bleibt das Wich­tigste. »Diese Sache wird nur wei­ter­ge­hen, wenn unsere Söhne das Werk der Väter fort­füh­ren. Mein Bru­der Shafi ist der Ein­zige von uns dreien, der einen Sohn hat. Er inter­es­siert sich für das Geschäft und hat sicher die drei bes­ten Leh­rer.« Er lächelt erneut.

Was ist mit dem Dschinn und dem Spitz­na­men der Fami­lie? Er lacht und dann, flüs­ternd, mit end­gül­tig ver­sa­gen­der Stimme: »Wir wis­sen nicht, in wel­cher Gene­ra­tion das auf­kam, aber einer mei­ner Vor­vä­ter ret­tete bei einem Fest Milch vor dem Über­ko­chen und ein Nach­bar nannte ihn so. Wie dem auch sei, ich bin nicht wirk­lich ein Teu­fel, aber wenn sich die Frage stellt, ob ein guter oder ein böser, dann bin ich sicher ein guter Teu­fel.«
Der Dschinn würde sicher­lich zustimmen.

Text & Fotos: Stuart Freedman
5. November 2012
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