Erzähltes Leben Geschichten

Essen im Dunkeln

Für die meis­ten von uns ist eine Mahl­zeit in völ­li­ger Fins­ter­nis ein reiz­vol­les Aben­teuer, ein Expe­ri­ment, um den domi­nan­ten Seh­sinn aus­zu­schal­ten und sich aufs Schme­cken, Rie­chen, Hören und Füh­len ein­zu­las­sen. Aber was, wenn man die Augen nicht wie­der öff­nen kann? Schmeckt das Essen anders, wenn man blind ist? Wie kauft man ein?
Und vor allem: Kann man über­haupt noch kochen?

Rechteinhaber: Andrea Thode, Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee

Heiko Kunert arbei­tet als Pres­se­re­fe­rent für den Ham­bur­ger Blindenverein

Alles ist hell und licht­durch­flu­tet – die brei­ten Kor­ri­dore, das groß­zü­gige Trep­pen­haus, der glä­serne Fahr­stuhl. Kaum zu glau­ben, dass es in die­sem Haus nicht um das Licht geht, son­dern um die Dun­kel­heit. Auf den ers­ten Blick wirkt alles ziem­lich nor­mal, abge­se­hen von den Gelän­dern, die sich in Arm­höhe an den Wän­den ent­lang­zie­hen. Dann fal­len die vie­len klei­nen Punkte der Braille­schrift ins Auge, die sämt­li­che Schil­der und Hin­weis­ta­feln über­zie­hen. Für mich sind sie nur ein ver­wir­ren­des Mus­ter aus klei­nen Knub­beln, doch für die meis­ten Besu­cher die­ses Gebäu­des erge­ben sie les­bare Buch­sta­ben. Ich befinde mich im Louis-Braille-Center, dem Sitz des Blin­den– und Seh­be­hin­der­ten­ver­eins Ham­burg.
Im Trep­pen­haus kommt mir Heiko Kunert bereits ent­ge­gen.
»Guten Tag«, sage ich, etwas unsi­cher, ob er die Hilfe mei­ner Stimme benö­tigt, um mich zu orten.
Ziel­stre­big geht er auf mich zu und reicht mir die Hand. Er trägt Jeans, Hemd und eine schwarze Son­nen­brille, die auf der Straße pro­blem­los als Mode­ac­ces­soire durch­ge­hen würde. Sein Hän­de­druck ist fest und sicher. Nein, denke ich, er hätte mei­nen Stand­ort auch ohne die Stimme erkannt.

»Kom­men Sie«, sagt er und führt mich in sein Büro. Er geht nicht lang­sa­mer als ein Sehen­der. Mit einer Hand streift er flüch­tig über das Gelän­der im Kor­ri­dor und über die Braille­schrift auf dem Schild neben sei­nem Zim­mer. Seine Bewe­gun­gen wir­ken ele­gant, mehr wie eine behut­same Lieb­ko­sung als wie suchen­des Tas­ten.
Kunert arbei­tet als Pres­se­re­fe­rent für den Ham­bur­ger Blin­den­ver­ein. Er ist Mitte 30, und wenn er am Schreib­tisch hin­ter sei­nem PC sitzt, lässt nichts dar­auf schlie­ßen, dass er nicht sehen kann. Nur die Hal­tung sei­nes Kop­fes deu­tet manch­mal dar­auf hin, dass er die Ohren statt der Augen benutzt. Sein Com­pu­ter ist mit Sprach­aus­gabe und einer Braille­zeile an der Tas­ta­tur aus­ge­stat­tet, die ihn erfüh­len lässt, was in der ent­spre­chen­den Bild­schirm­zeile steht.
Kunert gehört zu einer Min­der­heit, die von den Sehen­den meis­tens kaum wahr­ge­nom­men wird. Rund 150 000 Men­schen in Deutsch­land sind blind – das heißt, sie haben höchs­tens 2 Pro­zent der nor­ma­len Seh­fä­hig­keit. Grö­ßer ist die Gruppe der Seh­be­hin­der­ten, der­je­ni­gen, die über höchs­tens 30 Pro­zent der nor­ma­len Seh­fä­hig­keit ver­fü­gen und eben­falls stark beein­träch­tigt sind. Schät­zun­gen gehen von einer hal­ben bis 1,2 Mil­lio­nen aus.
»Es ist erstaun­lich, dass es dazu keine sta­tis­ti­schen Erhe­bun­gen gibt.« Kun­erts fein­ge­schnit­te­ner Mund ver­zieht sich zu einem iro­ni­schen Lächeln. »Wo in Deutsch­land doch sonst alles erfasst wird.«

Tren­ner

Bei der Mehr­zahl der Blin­den han­delt es sich um Senio­ren, denn Blind­heit ent­steht oft durch Alterser­kran­kun­gen wie Grü­ner Star, Maku­la­de­ge­ne­ra­tion oder Dia­betes. Kunert dage­gen erblin­dete bereits in sei­nem sieb­ten Lebens­jahr. Er besuchte ein Inter­nat für blinde und seh­be­hin­derte Kin­der, stu­dierte Poli­tik und fand anschlie­ßend einen Arbeits­platz beim Blin­den­ver­ein. Ein sol­cher Lebens­weg ist kei­nes­wegs die Regel – nur jeder dritte Blinde fin­det einen Job, oft sind die Vor­ur­teile auf Sei­ten der Sehen­den groß.
»Es ist sehr unter­schied­lich, was ein Erblin­de­ter ler­nen kann oder will. Geburts­blinde ken­nen die Welt nicht anders. Das kann durch­aus ein Vor­teil sein. Im Alter ist es viel schwe­rer, blin­den­spe­zi­fi­sche Tech­ni­ken zu ler­nen.«
Je spä­ter die Erblin­dung ein­tritt, desto sel­te­ner ler­nen die Betrof­fe­nen zum Bei­spiel die Braille­schrift, die heute gän­gigste Vari­ante der Punkt­schrift, die 1825 von dem blin­den fran­zö­si­schen Schü­ler Louis Braille ent­wi­ckelt wurde. Um die Buch­sta­ben, die jeweils aus ein bis sechs Punk­ten beste­hen, erfüh­len zu kön­nen, ist ein guter Tast­sinn not­wen­dig. Bei alten Men­schen sind die Fin­ger­kup­pen oft schon zu rau, um das feine Punkt­mus­ter zu ent­zif­fern.
Und das Kochen? »Es ist nicht so spek­ta­ku­lär anders, wie Sehende mei­nen. Unter den Blin­den gibt es genauso Koch­muf­fel wie Koch­be­geis­terte. Es gibt eine Reihe von Hilfs­mit­teln, spre­chende Waa­gen zum Bei­spiel, aber es sind nicht so viele, wie man denkt. Dinge wie spre­chende Mikro­wel­len braucht man eigent­lich nicht, weil man die Pro­gramme mit Punk­ten mar­kie­ren kann. Blinde ver­bren­nen sich auch nicht so oft die Fin­ger, wie Sehende anneh­men. Auf einem klas­si­schen E-Herd kann man zum Bei­spiel mit dem Koch­löf­fel tas­ten, wo die Platte ist. Man muss sich stär­ker kon­zen­trie­ren als ein Sehen­der, aber wenn man gerne kocht, macht man das halt.«
Auch wenn es nicht spek­ta­ku­lär anders ist, ist es ein sen­si­bler Bereich, wie vie­les, was mit der Kom­mu­ni­ka­tion zwi­schen Blin­den und Sehen­den zusam­men­hängt: Im Ver­ein fin­det sich nie­mand, der mich zu einem gemein­sa­men Kochen in der eige­nen Küche tref­fen mag. Auch Kunert lehnt höf­lich ab – er habe keine Zeit dafür.
»Unter der Woche komme ich sowieso kaum zum Kochen. Am Wochen­ende koche ich oft, manch­mal auch zusam­men mit mei­ner Freun­din. Sie kann sehen. Ich benutze dabei nur wenig Hilfs­mit­tel. Ich habe einen Mess­be­cher zum Füh­len, bei dem ich die Skala ertas­ten kann. Prak­tisch ist auch ein Por­zel­lan­plätt­chen, um Milch zu kochen. Bei Was­ser kann ich hören, wenn es kocht. Milch hört man erst, wenn sie über­kocht. Des­halb lege ich das Por­zel­lan­plätt­chen in den Milchtopf: es rat­tert, wenn die Milch kocht. Der Abwasch ist eben­falls kein gro­ßes Pro­blem – man fühlt, ob das Geschirr sau­ber ist. Der Rest ist Tech­nik. Zum Schnei­den gibt es zum Bei­spiel die soge­nannte Brü­cken­tech­nik.« Er demons­triert sie auf sei­nem Schreib­tisch: Eine Hand führt das Mes­ser, Zei­ge­fin­ger und Dau­men der ande­ren Hand wer­den wie eine Brü­cke über die Klinge gehal­ten, damit man weiß, wo die Schneide sich befin­det. »Hilf­reich ist es, eine gewisse Ord­nung zu hal­ten und alle Zuta­ten und Hilfs­mit­tel vor dem Kochen bereit­zu­stel­len, weil es zu lange dau­ert, wenn man zwi­schen­durch etwas suchen muss. Aber bei Blin­den ist es nicht so ordent­lich, wie das Kli­schee meint.« Er grinst.
Wie viele Blinde möchte Kunert nicht bedau­ert wer­den. »Euer Mit­leid kotzt mich an«, platzt es in einem Bei­trag auf sei­nem Blog blindpr.com aus ihm her­aus, als er schil­dert, wie es sich anfühlt, stän­dig Vor­ur­tei­len und wohl­ge­mein­ten, aber über­flüs­si­gen Mit­leids­be­kun­dun­gen aus­ge­setzt zu sein. Viel wich­ti­ger ist für ihn, von den Sehen­den ganz nor­mal behan­delt zu wer­den und sein Leben selb­stän­dig füh­ren zu kön­nen. »Jedem Blin­den tut es gut, sich mit ande­ren Blin­den aus­zu­tau­schen, aber die Inte­gra­tion in die Com­mu­nity der Sehen­den ist wichtig.«

Tren­ner

Im Aus­stel­lungs­raum des Blin­den­ver­eins zeigt er mir eine ganze Reihe von Hilfs­mit­teln. In den Schau­käs­ten gibt es blin­den­ge­rechte Tele­fone, spre­chende Uhren und Ther­mo­me­ter, Far­ber­ken­nungs­ge­räte, Mar­kie­rungs­punkte zum Auf­kle­ben, eine Schreib­ma­schine, die Braille­schrift aus­gibt, und auch einige Gegen­stände für die Küche: spre­chende Waa­gen, Besteck mit groß­zü­gi­gen For­men, die sich leicht ertas­ten las­sen und tiefe Tel­ler. Dane­ben liegt ein Back­buch mit Ring­bin­dung, geschrie­ben in Braille­schrift. »Es gibt eine ganze Reihe von Koch­bü­chern für Blinde«, erzählt Kunert. »Im Ver­gleich zum Markt der Sehen­den sind es natür­lich ver­schwin­dend wenige, aber immer­hin wird die ganze Spann­weite der Küche abge­deckt, von Europa bis nach Asien. Etli­che die­ser Bücher wer­den nur zum Hören pro­du­ziert, im DAISY-Format.« DAISY steht für Digi­tal Acces­si­ble Infor­ma­tion Sys­tem. Das For­mat ermög­licht es, mit dem zuge­hö­ri­gen Player in der CD hier­ar­chisch struk­tu­riert zu navi­gie­ren wie in einem Buch. Auch die Sprech­ge­schwin­dig­keit lässt sich nach Belie­ben ein­stel­len – viele Blinde haben ihren Hör­sinn so gut geschult, dass sie selbst bei einem Sprechtempo noch fol­gen kön­nen, das für Sehende nur Laut­sa­lat ergibt. »Wer Rezepte sucht, hat außer­dem im Inter­net eine große Aus­wahl.«
Also ist alles ganz sim­pel? Schnit­zel, Pasta, Bra­ten, Salat, Kuchen, alles kein Pro­blem?
Ganz so ein­fach ist es dann doch nicht. Schon der Ein­kauf stellt eine Her­aus­for­de­rung dar. »Es ist schwie­rig, alleine in einen Super­markt zu gehen. In einem klei­ne­ren Markt kann man zwar ler­nen, wo die Sachen ste­hen – aber dann wird wie­der ein­mal umge­baut. Und fast immer gibt es einen Punkt, an dem man Hilfe braucht. Wel­che Suppe ist in der Kon­ser­ven­dose? Ist es über­haupt Suppe? Märkte wie Edeka haben eine gute Per­so­nal­dichte, da kann man die Mit­ar­bei­ter um Hilfe bit­ten. Sie gehen mit einem durch den Laden und packen ein, was man braucht. Dann muss man aller­dings vor­her genau wis­sen, was man haben möchte.« Ein tech­ni­sches Hilfs­mit­tel ist der Ein­kaufs­fuchs, den es inzwi­schen auch als App fürs iPhone gibt. Er kann Bar­codes lesen und so das Pro­dukt erken­nen. »Aber dazu muss man erst ein­mal den Bar­code auf der Ver­pa­ckung fin­den.«
Viele Blinde kau­fen not­ge­drun­gen gemein­sam mit Sehen­den ein oder las­sen sich von ihnen Lebens­mit­tel nach Hause brin­gen. »Man­che gehen auch in kleine Fein­kost­lä­den, wo noch am Tre­sen bedient wird. Eine gute Alter­na­tive ist die Bestel­lung im Inter­net. Da kann ich in Ruhe nach Ange­bo­ten stö­bern und das Sor­ti­ment durch­ge­hen. Ich bestelle mir zum Bei­spiel regel­mä­ßig eine Kiste mit Bio-Obst, die mir vor die Tür gelie­fert wird.«
Auch das Kochen ohne Seh­sinn bleibt trotz der vor­han­de­nen Hilfs­mit­tel eine auf­wen­dige Ange­le­gen­heit, beson­ders, wenn man noch keine Übung hat. Man­che Dinge, zum Bei­spiel ein Steak zu bra­ten, sind ver­gleichs­weise ein­fach. Eischnee auf­zu­schla­gen ist dage­gen extrem schwer. Etli­che Blinde scheuen vor dem Kochen gene­rell zurück. »Es stimmt lei­der, dass sich viele blinde und seh­be­hin­derte Men­schen nicht gut ernäh­ren«, gibt Kunert zu. »Sie bevor­zu­gen Fer­tig­ge­richte, bestel­len sich Pizza oder las­sen sich ein­mal im Monat die Kühl­truhe voll­pa­cken.«
Vie­les ist mög­lich, wenn man blind ist, doch oft muss man die Wege erst ein­mal fin­den, was nach dem Schock des Seh­ver­lus­tes dop­pelt schwer ist. Die Grund­vor­aus­set­zung, um ohne Seh­sinn kochen zu kön­nen, ist ein Trai­ning in den LPFs, den soge­nann­ten lebens­prak­ti­schen Fähig­kei­ten, Tech­ni­ken, um den All­tag im Dun­keln zu meis­tern, vom Anzie­hen über das Wäsche­wa­schen und Put­zen bis zur Küche. Das Trai­ning fin­det als Einzel­unterricht statt, um sich den indi­vi­du­el­len Wün­schen der Schü­ler anzu­pas­sen. »Wenn jemand Hob­by­koch ist, will er meis­tens wei­ter kochen kön­nen. Ande­ren genügt es, sich erst mal eine Pizza in den Ofen schie­ben zu kön­nen, ohne sich zu ver­bren­nen«, erzählt Conny Sill-Hansen. Die zier­li­che, son­nen­ge­bräunte Frau ist Reha­bi­li­ta­ti­ons­leh­re­rin am Ham­bur­ger IRIS-Institut, einem gemein­nüt­zi­gen Ver­ein für die Reha­bi­li­ta­tion blin­der und seh­be­hin­der­ter Men­schen, der sei­nen Sitz gleich neben dem Ham­bur­ger Blin­den­ver­ein hat. Seit 20 Jah­ren arbei­tet sie hier, und mit­un­ter ist es ein har­ter Kampf.

Tren­ner

»Oft ist es nicht leicht, LPF-Stunden vom Sozi­al­amt oder den Kran­ken­kas­sen bewil­ligt zu bekom­men. In die­sem Bereich wird stän­dig gespart.« Sill-Hansen berich­tet nüch­tern, ohne bit­te­ren Unter­ton. Ihre Augen bli­cken ruhig und klar. Sie ist gelernte Erzie­he­rin, hat sich nach eini­gen Jah­ren im Beruf für die Blin­den­be­treu­ung ent­schie­den und eine Aus­bil­dung zur Orientierungs-, Mobi­li­täts– und LPF-Trainerin absol­viert.
In der wei­ßen Arbeits­kü­che des IRIS-Instituts gibt es zwei Herde mit Ceran-Kochfeldern, Back­öfen, Ein­bau­schränke und eine Spüle. Sill-Hansen fährt mit der Hand an den dunk­len Leis­ten am vor­de­ren und hin­te­ren Rand der Arbeits­flä­che ent­lang. Auch die Rän­der der Steck­do­sen sind far­big abge­setzt. »Für Seh­be­hin­derte sind Kon­trast­far­ben und eine gute, blend­freie Beleuch­tung zur Ori­en­tie­rung wich­tig. Wenn sie einen wei­ßen Tel­ler auf eine weiße Flä­che stel­len, fin­den sie ihn nur mit Mühe wie­der. Da hilft ein far­bi­ges Platz­set unter dem Tel­ler.«
An den Schal­tern der Herde und Back­öfen kle­ben kleine Mar­kie­rungs­punkte. »Eigent­lich reicht es, wenn der Null­punkt mar­kiert wird«, erklärt Sill-Hansen. »Von dort kann man sich ori­en­tie­ren, Null­punkt auf drei, sechs oder neun Uhr. Man­che mar­kie­ren meh­rere Posi­tio­nen, aber die Maxime ist: So wenig wie mög­lich, da man sich alles mer­ken muss.« Sie zuckt mit den Schul­tern – ein blin­den­ge­rech­tes Umfeld ist für sie längst Selbst­ver­ständ­lich­keit.
»So viele eigens ange­fer­tigte Hilfs­mit­tel brau­chen wir nicht. Es gibt zum Bei­spiel Mess­löf­fel für Blinde, deren Stiel im rech­ten Win­kel nach oben gebo­gen ist, weil es so ein­fa­cher ist, Flüs­sig­kei­ten aus einem Gefäß zu schöp­fen. Aber viele Dinge sind Tech­nik.« Sie zeigt mir, wie ein­ge­schenkt wird: Ein Fin­ger wird innen an den Rand von Tasse oder Becher gehal­ten, um zu erfüh­len, wie voll das Gefäß ist.
»Der Unter­richt fin­det meist bei den Betrof­fe­nen zu Hause statt, da kann man sich den Gege­ben­hei­ten am bes­ten anpas­sen. Wir stim­men vor­her mit den Schü­lern ab, wel­che Tätig­kei­ten für sie beson­ders wich­tig sind. Wenn wir 40 bis 60 Stun­den finan­ziert bekom­men, sind wir schon froh, aber um alle All­tags­tä­tig­kei­ten durch­zu­ge­hen, ist das immer noch wenig. Wie viele Stun­den auf die Küche ent­fal­len, ist ver­schie­den. Der eine will nur Kaf­fee kochen, der andere ein Schnit­zel bra­ten, einer will sei­nen Eier­ko­cher benut­zen, der andere die Mikro­welle.«
Bevor es mit dem Koch­trai­ning los­geht, über­prüft Sill-Hansen die Küche. »Wir kenn­zeich­nen die Schal­te­run­gen mit Mar­kie­rungs­punk­ten, gucken, was für ein Herd vor­han­den ist, wel­ches Geschirr, was für eine Arbeits­flä­che, ob die Topf­griffe hit­ze­be­stän­dig sind und ähn­li­che Dinge, um Gefah­ren­quel­len aus­zu­schlie­ßen. Dann fan­gen wir da an, wo es nötig ist.« Manch­mal heißt das, erst ein­mal zu üben, wie man die Arbeits­flä­che abwischt: lang­sam und gründ­lich, eine Bahn nach der nächs­ten. Krü­mel wer­den in eine Schüs­sel auf dem Schoß gewischt.
Fast alle Hand­griffe müs­sen neu erlernt wer­den, nicht nur beim Kochen, son­dern auch beim Essen: Wie schneide ich Fleisch klein? Wie schlage ich ein Ei auf? Wo ver­staue ich den Ein­kauf, wie mar­kiere ich ihn, damit ich weiß, wie lange die Lebens­mit­tel halt­bar sind? »Jeder ent­wi­ckelt sein eige­nes Sys­tem. Man­che schrei­ben sich das Min­dest­halt­bar­keits­da­tum in Braille­schrift auf, andere fra­gen Sehende, was schnell auf­ge­ges­sen wer­den muss. Wir haben auch Betrof­fene, die kau­fen auf Vor­rat, wenn etwas güns­tig ist, und ach­ten dann nicht mehr auf das Datum. Das ist natür­lich ein Pro­blem.«
Tast­fin­ger müs­sen tro­cken sein, sonst spürt man nichts, Flüs­sig­kei­ten müs­sen kalt sein, wenn man sie abmes­sen will – an vie­len Stel­len ist ein Umden­ken bei den Abläu­fen und viel Kon­zen­tra­tion nötig. »Manch­mal ist man mit einem Schü­ler gerade gut ins Arbei­ten gekom­men, und dann sind die Stun­den schon vor­bei. Im Moment trai­niere ich mit einem 12-Jährigen. Er möchte sich mit Back­ofen und Mikro­welle ver­traut machen, aber vor dem Back­ofen hat er noch große Angst, denn mit Back­hand­schu­hen ist es ein ande­res Tast­ge­fühl als mit blo­ßen Hän­den. Diese Angst müs­sen wir erst ein­mal abbauen, aber wir haben nur noch vier Stun­den.«
Eine Spur von Resi­gna­tion schleicht sich in ihre Stimme. Kun­erts Ein­schät­zung der oft­mals man­gel­haf­ten Ernäh­rungs­si­tua­tion vie­ler Blin­der bestä­tigt sie. »Aber man darf den Arbeits­auf­wand nicht unter­schät­zen. Alle Tätig­kei­ten, auch alles, was mit Kochen zu tun hat, sind sehr kon­zen­tra­ti­ons­in­ten­siv für Blinde und Seh­be­hin­derte. Wenn man sich schnell eine Tüte warm machen kann, ist das oft eine Hilfe.« Doch sie kennt auch andere Fälle: »Vor 20 Jah­ren, in mei­ner Aus­bil­dung, muss­ten wir mit einer Augen­binde Forelle essen. Das war eine enorme Her­aus­for­de­rung. Ich konnte mir nicht vor­stel­len, dass ein Blin­der so etwas machen möchte. Ein hal­bes Jahr spä­ter bekam ich eine sehr fitte Schü­le­rin, die liebte Forelle und wollte sie tat­säch­lich essen. Als das funk­tio­nierte, wollte sie sie sel­ber bra­ten kön­nen und hat es geschafft. Das sind aber eher Aus­nah­men.«
Koch­pro­jekte, die sich glei­cher­ma­ßen an Blinde wie an Sehende rich­ten, sind rar. Nur sel­ten bie­tet zum Bei­spiel eine Volks­hoch­schule Koch­kurse für beide Grup­pen an. Dabei könn­ten sol­che Pro­jekte gut zur Inte­gra­tion blin­der Men­schen bei­tra­gen, bei der es immer noch Nach­hol­be­darf gibt. Einen kuli­na­ri­schen Brü­cken­schlag zwi­schen der Welt der Blin­den und der Sehen­den will das Koch­buch Trust in Taste schaf­fen, das im Herbst 2011 im jun­gen Münch­ner Justina-Verlag erschie­nen ist.

Tren­ner

»Natür­lich wäre es viel ein­fa­cher gewe­sen, für blinde Hob­by­kö­che ledig­lich eine DAISY-CD mit Rezep­ten zu pro­du­zie­ren«, erzählt Jus­tina Hoegerl. »Aber wir woll­ten ein Buch, das die Blin­den nicht in eine Nische stellt. ›Trust in Taste‹ ist ein Koch­buch für Blinde und für Sehende. Es soll die Anfor­de­run­gen, die nötig sind, um das Buch blin­den­ge­recht zu machen, so selbst­ver­ständ­lich inte­grie­ren, dass man es gar nicht merkt.«
Eigent­lich ist Hoegerl aus­ge­bil­dete Büh­nen­schau­spie­le­rin. Nach meh­re­ren Jah­ren am Thea­ter und im Chanson-Duo Zimt und Zucker brachte eine Stoffwechsel­erkrankung ihres Soh­nes sie dazu, ästhe­tisch anspre­chende Koch­bü­cher für Men­schen mit Gesund­heits­stö­run­gen oder einem Han­di­cap zu ent­wi­ckeln, die sich auch an Gesunde rich­ten.
Trust in Taste war ein beson­ders ehr­gei­zi­ges Pro­jekt, denn für viele Pro­duk­ti­ons­schritte musste ein neuer Weg gefun­den wer­den. Das Koch­buch ent­hält Bil­der, ­Rezept­texte in Schwarz– und in Braille­schrift und eine CD mit den Rezep­ten zum Hören, inklu­sive eini­ger Musik­stü­cke, die eigens kom­po­niert und mit Küchen­ge­räu­schen hin­ter­legt wur­den. Die CD ist vor allem für Blinde gedacht, die keine Braille­schrift lesen kön­nen. Auf 264 Sei­ten fin­den sich 30 Rezepte, was zunächst wenig klingt. Doch die Braille­schrift benö­tigt erheb­lich mehr Platz als Schwarz­schrift, selbst wenn man ihre Kurzschrift-Variante benutzt, wie es für Trust in Taste gesche­hen ist. Das Werk besteht aus zwei Bän­den, damit das Blät­tern hand­lich bleibt. Die Sei­ten sind so auf­wen­dig zel­lo­pha­niert, dass man ihnen gar nicht ansieht, dass sie abwasch­bar sind. Ein Blin­der kann sie wei­ter­le­sen, auch wenn er Öl oder Mehl an den Fin­gern hat, und die Ring­bin­dung innen im Ein­band ver­hin­dert, dass das Buch beim Kochen zuklappt.
In der Ent­ste­hungs­phase waren Blinde und Sehende gemein­sam am Werk. »Eigent­lich gab es am Anfang gar keine kon­krete Idee«, erzählt Hoegerl. »Das Pro­jekt ent­stand Schritt für Schritt, ein Teil ergab den ande­ren. Ein klu­ger und von mir sehr geschätz­ter Mensch hat ein­mal zu mir gesagt: ›Wege ent­ste­hen dadurch, dass man sie geht‹, und das habe ich getan.« Bei einer Blind­ver­kos­tung von Wei­nen in Süd­ti­rol lernte sie den blin­den Hob­by­koch Hans Meier ken­nen, der die Semin­ar­teil­neh­mer im abge­dun­kel­ten Raum betreute. Diese Begeg­nung lie­ferte den ers­ten Anstoß. Michael Hoff­mann, Küchen­chef des Ber­li­ner Ster­ne­re­stau­rants Mar­gaux, erklärte sich bereit – unter ande­rem zusam­men mit einer blin­den Hob­by­kö­chin – die Rezepte zu ent­wer­fen.
Von den 30 Koch­an­lei­tun­gen des Buches kön­nen Blinde nicht alle selbst bewäl­ti­gen. Etwa die Hälfte ist für die Team­ar­beit von Blin­den und Sehen­den gedacht – auch hier steht die Inte­gra­tion im Vor­der­grund. »Wenn am offe­nen Grill gear­bei­tet wird, ist das für Blinde zum Bei­spiel zu gefähr­lich. Man darf sich nichts vor­ma­chen: Für man­che Dinge braucht es eben den Seh­sinn.« Aber Gerichte wie Salat aus Kür­bis und Gar­ten­kräu­tern mit Berg­käse, Spa­ghet­tini mit Minze und Zuc­chini, Cur­ry­huhn mit Früch­ten und Kori­an­der oder ein­ge­leg­tes Obst mit Laven­del und Holun­der­blü­ten­sor­bet kön­nen Blinde durch­aus alleine zube­rei­ten. Immer vor­aus­ge­setzt, sie haben schon Übung am Herd, denn Trust in Taste rich­tet sich an erfah­rene Hob­by­kö­che, egal ob blind oder sehend.
Mehr als zwei Jahre dau­erte es von der Idee bis zum fer­ti­gen Buch. So gelun­gen das Ergeb­nis ist, die auf­wen­dige Pro­duk­tion bringt einen Haken mit sich: Das Buch kos­tet 125 Euro. »Eigent­lich hät­ten wir es noch teu­rer machen müs­sen, um halb­wegs sinn­voll zu kal­ku­lie­ren, aber dann wäre es kaum mehr ver­käuf­lich gewe­sen«, erklärt Hoegerl. »Anfangs habe ich bei meh­re­ren Hun­dert mög­li­chen Spon­so­ren ange­fragt. Alle fan­den die Idee gut, aber nie­mand war bereit, Geld dafür zu geben. Immer hieß es: Die Ziel­gruppe der Blin­den­com­mu­nity sei zu klein. Also sind alle, die am Pro­jekt betei­ligt waren – vom Dru­cker bis zum Koch – in Vor­leis­tung gegan­gen.«
Ein ande­res kuli­na­ri­sches Pro­jekt, das Blinde und Sehende zusam­men­führt, ist bereits seit eini­gen Jah­ren erfolg­reich: das Din­ner im Dun­keln. In mehr als 20 deut­schen Städ­ten gibt es inzwi­schen min­des­tens eine kul­tu­relle Ein­rich­tung oder ein Restau­rant, das ein Dun­keldin­ner anbie­tet. Sie hei­ßen Fins­ter, aus:sicht, Nacht-Mahl, Von Sin­nen!, Zap­pen­dus­ter, Taste of Dar­k­ness oder Zum Blin­den Engel. Die unsicht-Bar, das erste Dun­kel­re­stau­rant Deutsch­lands, eröff­nete 2001 in Köln. Das Kon­zept ist stets ähn­lich: In einem abge­dun­kel­ten Raum wird den Gäs­ten ein vor­her bekann­tes oder ein Über­ra­schungs­menü ser­viert. Das Ser­vice­per­so­nal ist blind oder seh­be­hin­dert, das Küchen­team ist sehend. Der Preis für ein Din­ner liegt meis­tens zwi­schen 50 und 80 Euro.
Viele Anbie­ter wer­ben mit dem sinn­li­chen Erleb­nis. Bei ihnen geht es weni­ger darum, nach­zu­emp­fin­den, wie ein blin­der Mensch sich in der Umwelt fühlt, son­dern um Erleb­nis­gas­tro­no­mie. Und in der Tat ist das Essen im Dun­keln eine fas­zi­nie­rende Erfah­rung: Nor­ma­ler­weise erfol­gen 70 bis 80 Pro­zent unse­rer Wahr­neh­mung über den Seh­sinn. Wenn er aus­ge­schal­tet wird, tre­ten die ande­ren Sin­nes­ein­drü­cke ungleich stär­ker her­vor, was gerade beim Essen, einem Akt, an dem alle Sinne betei­ligt sind, ein inten­si­ves Erleb­nis beschert.
Viele Blinde und Seh­be­hin­derte pro­fi­tie­ren von dem Trend – sie fin­den nicht nur Arbeit, son­dern auch Selbst­be­stä­ti­gung, vor allem in sol­chen Pro­jek­ten, wo es wirk­lich um den Aus­tausch zwi­schen Blin­den und Sehen­den geht. Denn auf ein­mal sind die Sehen­den die Hilf­lo­sen und kön­nen von den blin­den Mit­ar­bei­tern etwas ler­nen.
Mark lerne ich nur als Stimme ken­nen, eine hohe, leicht nasale Stimme, die offen, unbe­schwert, fast ein wenig kind­lich klingt. Seit mehr als zehn Jah­ren arbei­tet er beim Ham­bur­ger Dia­log im Dun­keln, einer Dau­er­aus­stel­lung, bei der die Besu­cher sich mit einem Blin­den­stock durch ver­schie­dene Räume tas­ten und nach­spü­ren kön­nen, wie ein blin­der Mensch seine Umge­bung erlebt. Fünf Tage die Woche führt Mark Besu­cher­grup­pen durch die Aus­stel­lung. Manch­mal bedient er auch beim Din­ner in the Dark, das zum Pro­jekt dazu­ge­hört, so wie heute Abend. Das Din­ner fin­det drei­mal in der Woche statt und ist meist einen Monat im Vor­aus ausgebucht.

Tren­ner

Nach­dem ich mit den ande­ren Gäs­ten die abge­dun­kel­ten Räume der Aus­stel­lung betre­ten habe, taucht Marks Stimme in der Fins­ter­nis vor mir auf und lei­tet mich an den Tisch, für den er zustän­dig ist. Behut­sam geht er voran, Panik und Hek­tik sind in der Dun­kel­heit fehl am Platz. Als alle Gäste am Tisch sit­zen, nähert er sich ihnen mit einem fröh­li­chen Hallo, damit sie nicht erschre­cken, wenn er in der Schwärze die Tel­ler vor sie hin­stellt.
Es ist eine Begeg­nung quasi auf Augen­höhe – kei­ner kann den ande­ren sehen. Auch spä­ter, nach dem Ende des Din­ners, kommt Mark nicht mit ans Licht. So sind die Regeln beim Dia­log im Dun­keln, und sie sind nur fair.
Mark schätzt sei­nen Job sehr. »Es ist immer wie­der span­nend, neue Men­schen durch die Dun­kel­heit zu füh­ren, zu sehen, wie sie sich ori­en­tie­ren und ihre ande­ren Sinne ent­de­cken.«
Erblin­det ist Mark als jun­ger Mann. »Ich weiß, was Sehen bedeu­tet«, sagt er, und leise, ganz weit ent­fernt hört man in sei­ner Stimme Trauer und Sehn­sucht. »Aber es ist schon so lange her, fast 20 Jahre, dass ich mich nicht mehr wirk­lich daran erin­nere. Man ver­gisst mit der Zeit die Bil­der und die Far­ben. Drau­ßen auf der Straße kann ich das Tages­licht wahr­neh­men. Gegen­stände sehe ich als schwa­che Schat­ten.«
Kann er inten­si­ver schme­cken als Sehende? »Ich glaube nicht. Ich schme­cke mal mehr, mal weni­ger, je nach­dem, wie stark ich mich dar­auf kon­zen­triere. Eigent­lich ist das nicht anders als bei Sehen­den auch.«
»Wenn ich Zeit habe, koche ich«, erzählt Mark. »Ganz nor­mal, wie ihr auch. Ich brau­che nur etwas län­ger dazu. Und man­che Dinge muss ich üben. Aber ich ver­brenne mich nicht häu­fi­ger als ihr, und ich schneide mich nicht häu­fi­ger. Ob eine Platte heiß ist oder nicht, könnt ihr ja auch nicht sehen.« Ihr und wir – bei Mark klingt es fast wie zwei getrennte Wel­ten. »Ihr kommt mir oft sehr hek­tisch vor«, sagt er.
Er geht nicht gern allein in den Super­markt – es ist schwie­rig, dort einen Ver­käu­fer zu fin­den, der ihm hilft. »Meis­tens hel­fen mir sehende Freunde. Sie beglei­ten mich oder sie kau­fen für mich ein.«
Für die Gäste ist das Essen im Dun­keln ein Aben­teuer, ein kur­zer Abste­cher in eine fremde Welt. Sie wis­sen, dass sie bald wie­der zurück ans Licht kom­men. Neu­gie­rig wird das Essen auf dem Tel­ler unter­sucht, und es dau­ert nicht lange, bis im Dun­keln mit­ein­an­der geflir­tet wird. Die Gerichte des Über­ra­schungs­me­nüs las­sen sich erstaun­lich gut iden­ti­fi­zie­ren: ein Wrap mit Kraut­sa­lat und Toma­ten, eine Kar­tof­fel­suppe mit Räu­cher­lachs, Schwei­ne­me­dail­lons mit Rata­touille und Röst­kar­tof­feln – die Kon­sis­tenz von Fleisch emp­finde ich im Dun­kel als erstaun­lich unan­ge­nehm –, und als Des­sert Panna cotta mit einer Sauce aus roten Bee­ren. Die größte Schwie­rig­keit besteht darin, mit Mes­ser und Gabel klein­tei­li­ges Gemüse auf­zu­neh­men. Manch­mal hel­fen nur die Fin­ger wei­ter. Über­haupt stellt das größte Neu­land der Tast­sinn dar, ohne ihn ist man hier ver­lo­ren.
Aller­dings ist es nicht ganz ein­fach, sich dem Schme­cken, Rie­chen und Füh­len hin­zu­ge­ben, weil es erstaun­lich laut ist – man­che Gäste reden und lär­men, als woll­ten sie die Dun­kel­heit über­tö­nen. Ein Tisch klingt am Ende des Din­ners wie ein Kegel­klub auf Sonn­tags­fahrt.
Mark selbst geht nur sel­ten in ein Res­taurant. »Restau­rants, die ich nicht kenne, muss ich drau­ßen erst ein­mal fin­den. Und Speise­karten in Blin­den­schrift gibt es nur hier beim ›­Dia­log im Dun­keln‹. Natür­lich kann ich fra­gen, was auf der Karte steht, aber dazu muss das Ser­vice­per­so­nal viel Geduld haben.« Deut­lich hört man, was er unaus­ge­spro­chen lässt: Auf sol­ches Per­so­nal ist er nur sel­ten gesto­ßen. So bleibt er lie­ber auf ver­trau­tem Ter­rain.
Er lebt allein in sei­ner Woh­nung. Ob er das Licht anmacht, wenn er abends nach Hause kommt? »Manch­mal. Je nach­dem, wie ich Lust habe.« Er macht eine Pause, sucht nach einer Erklä­rung. »Ihr stellt euch das alles meis­tens sehr kom­pli­ziert vor, aber eigent­lich ist es das nicht. Wenn ich nicht will, dass jemand her­ein­kommt, mache ich die Tür zu – so wie ihr auch.«

Deut­scher blin­den– und sehbehindertenverband

10. Oktober 2012
Dieser Beitrag wurde in Erzähltes Leben, Geschichten veröffentlicht und getaggt , . Kommentieren oder einen Trackback hinterlassen: Trackback-URL.

Einen Kommentar hinterlassen

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder weitergegeben.

Sie können diese HTML-Tags und -Attribute verwenden <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

  • Das aktuelle Heft

  • Anzeige

  • Schneller Teller

  • Kleinanzeigen

  • Neueste Kommentare