Erzähltes Leben

Drei Töpfe: Reis — USA

Bob Tooke, über 50, USA, kocht Gumbo-Yaya, ein Gericht mit Reis.

Rechteinhaber: Andrea Thode, Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee

Bob Tooke, über 50, USA, kocht Gumbo-Yaya

An der Woh­nung von Bob Tooke ist die Gen­tri­fi­zie­rungs­welle zwi­schen Stre­se­mann­straße und Ree­per­bahn in Ham­burg St. Pauli bis­lang vor­bei­ge­gan­gen. Sie gehört zu den letz­ten bezahl­ba­ren in der Ecke. Und zu den letz­ten, die die Dusche noch in der Küche haben. Die Küche ist nicht rie­sig, aber groß genug um viele Gewürz­do­sen zu beher­ber­gen, die Bob zum Teil aus den USA mit­ge­bracht hat. Es ist rela­tiv frisch in der Woh­nung. »Das ist der Nach­teil an der güns­ti­gen Miete,« meint Bob. »Ich habe diese doofe Nacht­spei­cher­hei­zung. Wollt ihr was trin­ken? Einen Tee?«
Bob ist groß, freund­lich und strahlt eine gelas­sene Ruhe aus. Im Flur und im Wohn­zim­mer hän­gen die Wände vol­ler Gemälde und Zeich­nun­gen. »Man­che sind von mir, andere von befreun­de­ten Künst­lern.« Bob lebt seit 20 Jah­ren in Deutsch­land, in Ham­burg. Er arbei­tet als Eng­lisch­leh­rer und unter dem Namen Deutsch­mark Bob als Musi­ker und Maler. Auf­ge­wach­sen ist er in dem Ort Race­land, süd­lich von New Orleans, wo das Cajun-Land beginnt. Bob war jetzt schon einige Zeit nicht mehr in den USA. »Das hat auch mit den poli­ti­schen Ver­hält­nis­sen zu tun. Wenn man sich jetzt anschaut, was da für Kan­di­da­ten bei den Repu­bli­ka­nern antre­ten, fragt man sich wirk­lich, wie sol­che Leute es geschafft haben, jemals in ein öffent­li­ches Amt zu gelan­gen.« Eine Wand des Wohn­zim­mers ist ein Plat­ten­re­gal, an einer hän­gen Bil­der und davor leh­nen noch mal ein paar Hun­dert Plat­ten. »Ich habe mal etwas Cajun-Musik auf­ge­legt, pas­send zum Essen.«
Er ist mit sei­ner ers­ten Frau nach Deutsch­land gekom­men, die hatte er bei einem Kon­zert ken­nen­ge­lernt, als sie Au-pair in den USA war. Er fühlte sich von Anfang an wohl in Ham­burg, nur jeden Win­ter denkt er dar­über nach, irgend­wann viel­leicht doch nach Loui­siana zurück­zu­keh­ren. »Der erste Win­ter in Deutsch­land hatte mich schon scho­ckiert. Ich bin gerade ange­kom­men, es war kalt, ich sprach kaum Deutsch … ah, der Tee!« Wir gehen mit Bob zum kochen­den Was­ser in die Küche. Ich frage Bob, wie alt er ist. »Ihr Deut­schen! Ich finde das lus­tig, warum setzt ihr immer das Alter in Klam­mern hin­ter den Namen? Über 50.«
»Die Cajuns kom­men nicht direkt aus Frank­reich,« erzählt uns Bob, als wir in die Küche gehen. »Die kamen über Kanada und woll­ten sich irgendwo nie­der­las­sen, aber nie­mand wollte sie haben. Dann kamen sie nach Loui­siana. Sump­fi­ges Land, das auch nie­mand haben wollte. Da sind sie dann geblie­ben.«
»Ich habe lange kein Gumbo mehr gekocht, des­halb habe ich letzte Woche schon mal trai­niert. Das kön­nen wir nach­her mit dem ver­glei­chen, was ich heute mache.« Er schnei­det die frisch vom Por­tu­gie­sen geholte Cho­rizo in Schei­ben. »Ich habe dies­mal extra scharfe gekauft, die beim Pro­be­ko­chen war zu lasch. In ein Gumbo kann eigent­lich alles Mög­li­che rein, aber die scharfe Wurst ist wich­tig.« Die geschnit­tene Cho­rizo kommt in eine Schüs­sel und Bob macht sich daran, Shrimps zu pulen. »Die Shrimps kom­men ganz zuletzt in die Suppe, aber die Scha­len lege ich gleich mit in die Roux, damit sie Geschmack abge­ben.« Die Roux ist eine dunkle Mehl­schwitze. »Alle Gumbo-Rezepte fan­gen mit der Roux an.«
Bob gibt Erd­nussöl in eine guss­ei­serne Pfanne und schüt­tet eine gute Tasse Din­kel­mehl an. »Erd­nussöl, das gibt es viel in Loui­siana. Erd­nüsse, Soja, Zucker­rohr, Baum­wolle, das sind die Sachen, für die Loui­siana bekannt ist.« Die Gewürz­mi­schung hat Bob schon vor­be­rei­tet. Ore­gano, Thy­mian, Nelke, Cayenne, Paprika, schwar­zer Pfef­fer und ein Lor­beer­blatt. Alles zusam­men fein gemör­sert. »Das Tolle an Gumbo ist, dass man eigent­lich nichts falsch machen kann. Als Gemüse kom­men noch rote und gelbe Paprika ran. Und Sel­le­rie. Stan­gen­sel­le­rie, Sel­le­rie­knol­len kannte ich gar nicht, bevor ich nach Deutsch­land gekom­men bin. Und – keine Mohr­rü­ben ans Gumbo.«
Bob tropft nach und nach Erd­nussöl an die Roux und rührt. In einer klei­nen guss­ei­ser­nen Pfanne brät er die Cho­ri­zo­schei­ben an und lässt dabei die Roux nicht eine Sekunde aus den Augen, da sie unter kei­nen Umstän­den anset­zen darf. »In Loui­siana benut­zen wir eigent­lich nur guss­ei­serne Töpfe. In jedem Rezept gibt es die Zeile ›Put ever­y­thing in a black pot‹.« Die Roux wird lang­sam dunk­ler und riecht kek­si­ger. Bob prä­sen­tiert Sports­geist und rührt par­al­lel in bei­den Töp­fen. »Wenn Alles gut geht, hat sie nach­her so etwa die Farbe von Maha­goni.«
Bob schaut aus dem Fens­ter. Das Ham­burger Grau hat inzwi­schen eine hel­lere Schat­tie­rung ange­nom­men. »Was ich mir im Win­ter wün­schen würde, wäre rich­tig Schnee. Den gibt es zu Hause nicht. Also wenn Win­ter, dann soll es auch rich­tig Win­ter sein. In New Orleans schneit es viel­leicht alle acht Jahre mal einen Tag, aber das ist alles auch gleich wie­der weg.« Er schaut in die Roux. »Sie wird nicht Maha­goni!« Er rührt wei­ter. »›It should not be rus­hed‹ steht in den Rezep­ten. Ich rühre dann noch eine Weile wei­ter.« Lang­sam wird die Mehl­schwitze braun und auch der Geruch ändert sich. Als die Farbe irgendwo zwi­schen Kara­mell und Maha­goni ange­langt ist, schüt­tet Bob die Gewürz­mi­schung und eine Chi­li­schote dazu. »Knob­lauch darf ich nicht ver­ges­sen. Das mache ich nach­her mit dem Gemüse.« Unter wei­te­rem Rüh­ren gießt er lang­sam einen guten Liter Geflü­gel­brühe an die Roux, legt die Shrimps­scha­len hin­ein und setzt neben­bei Reis auf.
Eigent­lich fährt Bob jedes Früh­jahr nach New Orleans, letz­tes Mal war es etwas spä­ter im Juli, zu einer Aus­stel­lung. Er hat noch viele Freunde in der Gegend, Mut­ter und Schwes­ter woh­nen inzwi­schen aller­dings in Dal­las. Er schnei­det die Okra­scho­ten in dünne Schei­ben. »In dem Rezept, an dem ich mich grob ori­en­tiere, steht ›eine halbe Tasse‹, aber Okra­scho­ten haben eigent­lich kei­nen Geschmack, des­halb kön­nen ruhig etwas mehr rein. Die sind nur für die Kon­sis­tenz gut.« Er setzt einen Topf mit Was­ser auf und gibt die Okra­scho­ten hin­ein. »Die koche ich jetzt an, bis es etwas ›slimy‹ wird.« Salz und Pfef­fer kom­men noch in den Sup­pen­topf. »Nicht so viel Salz, der Fond ist ja schon sal­zig.« Deckel drauf, auf beide Töpfe, und sie erst mal in Ruhe las­sen. Bob schnei­det zwei große Zehen Knob­lauch klein.
Bob schöpft die Krus­ten­tier­scha­len aus der Suppe. »Die Shrimps kom­men ganz zum Schluss ran. Ich koche, bis die Paprika gut ist, und dann kom­men die Shrimps dazu. Alles andere kann ich jetzt eigent­lich rein­schmei­ßen.« Zwie­beln, Paprika, Cho­rizo und Toma­ten kom­men in die Suppe. »Man kann das Gemüse auch vor­her anbra­ten. Beim Pro­be­ko­chen habe ich das auch so gemacht. Aber jetzt mache ich das nach der ein­fa­chen Louisiana-Methode – ein­fach alles rein.« In einem Topf kocht Bob Lang­korn­reis. »Das Pro­blem in Deutsch­land ist: Wenn das Essen nur ein biss­chen scharf ist, tun alle so, als hätte man sie ver­brannt. Meine Freunde habe ich inzwi­schen an schar­fes Essen gewöhnt. In Loui­siana wird Tabasco wie Ketchup ver­wen­det.« Ich rut­sche tie­fer ins Leder­sofa hin­ein und Bob erzählt uns über die Süd­staa­ten­mu­sik. Pro­fes­sor Longhair, Doc­tor John. »Essen spielt in den Tex­ten oft eine Rolle. Ich könnte eigent­lich mal eine Sen­dung über Gumbo machen.« Bob hat jeden Don­ners­tag um 14.00 Uhr eine Sen­dung auf Byte.fm.
Wir gehen zurück in die Küche. Bob schnei­det die Shrimps der Länge nach ein, so dass er sie wie Schmet­ter­linge auf­klap­pen kann. Shrimps in die Suppe, dann schnei­det er fri­schen Kori­an­der. »Bei uns hei­ßen nur die Samen ›cori­an­der‹. Die Blät­ter nen­nen wir ›cil­antro‹.« Bob füllt drei Tel­ler mit Suppe und Reis und gar­niert sie mit Kori­an­der. Wir set­zen uns ins Wohn­zim­mer und balan­cie­ren die Suppe auf den Knien. Sie schmeckt aus­ge­zeich­net. Eine sub­tile, stär­ker wer­dende Schärfe, eine ange­nehme Schlei­mig­keit, wel­che die ver­schie­de­nen Geschmacks­no­ten in sich zu bin­den scheint und der typi­sche unver­wech­sel­bare Cajun-Charme der Gewürz­mi­schung. Aus dem Com­pu­ter erzählt Bob gerade in sei­ner Sen­dung über alte Pop­mu­sik mit Strei­chern, von der ande­ren Seite erzählt Bob live über Essen und Loui­siana. Doch die gute Kost stärkt meine Kon­zen­tra­tion. Ich hole mir noch eine zweite Por­tion, dies­mal von der Pro­be­koch­ver­sion, die Bob neben­bei auf­ge­wärmt hat. Der Unter­schied ist eher gra­du­ell. Sie ist natür­lich bes­ser durch­ge­zo­gen und – erstaun­li­cher­weise – schär­fer, trotz der mil­de­ren Cho­rizo. Viel­leicht hängt auch die Schärfe mit der Zeit zusam­men, die das Gumbo zur Ent­span­nung hatte, denke ich und werde eins mit dem Sofa.

16. Februar 2012
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