Erzähltes Leben

Das Kännchenwunder

Wenn Kaf­fee­kan­nen reden könn­ten, die­ses Schmuck­stück hätte eini­ges zu erzäh­len. Ihre Mut­ter war eine Wasch­ma­schine, eine Schwes­ter von ihr muss sich im Museum of Modern Art anstar­ren las­sen, und obwohl sie Moka heißt, berei­tet die halbe Welt ihren Espresso mit ihr zu. Unser Autor hat noch ein paar andere, dunkle Geheim­nisse gelüftet

Text: Stuart Freed­man Foto: plain­pic­ture Illus­tra­tion: Effilee
Die vielleicht berühmteste Aufwachhilfe der Welt: Wenn die ersten Spritzer auf dem Herd landen, ist der Kaffee fertig

Die viel­leicht berühm­teste Auf­wach­hilfe der Welt: Wenn die ers­ten Sprit­zer auf dem Herd lan­den, ist der Kaf­fee fertig

Das Mor­gen­ri­tual. Ich höre die Flamme schnur­ren und ein feuch­tes, hei­ßes Stot­tern. Ich stelle das Gas ab und gieße brü­hend hei­ßen schwar­zen Teer in eine gra­zile weiße Tasse. Die Küche füllt sich mit Wärme wie vom Rös­ten: nus­sig und reich­hal­tig. Die Kanne sitzt heiß, keu­chend vor Anstren­gung, auf einem Unter­set­zer. Ein kan­ti­ger, metal­le­ner Zau­be­rer, befleckt mit den Spu­ren unzäh­li­ger Mor­gen. Sie wird unbe­ach­tet bis zum nächs­ten Früh­stück so ste­hen blei­ben.
Die­ses Stück, auf­ge­führt in den Küchen von Mil­lio­nen Haus­hal­ten rund um die Welt ist für viele das Schlüs­sel­er­leb­nis nach dem Auf­wa­chen. Die Bialetti Kaffee­kanne ist als Gegen­stand so ver­traut, so nütz­lich und so all­ge­gen­wär­tig, dass sie, wie so viele schön designte Gegen­stände ein­fach da ist. Wir neh­men sie kaum noch wahr.
Die­ser Kaf­fee­mo­ment wurde gleich­be­deu­tend mit Stil und Gla­mour und ist unver­kenn­bar durch und durch ita­lie­nisch. Mög­lich wurde er, wie es bei allen gro­ßen Erfin­dun­gen ist, durch rei­nes Glück und puren Zufall.
Nach Hein­rich Edu­ard Jacobs weg­wei­sen­der Betrach­tung Sage und Sie­ges­zug des Kaf­fees: die Bio­gra­phie eines welt­wirt­schaft­li­chen Stof­fes (1935) wurde Kaf­fee in sei­nen Anfän­gen gemein­sam und außer­halb der eige­nen vier Wände kon­su­miert. Es war ein öffent­li­ches Ritual, und zwar ein ein­deu­tig männ­li­ches. So wie das Rau­chen wäh­rend des 19. Jahr­hun­derts die Geschlech­ter trennte, war auch das Kaf­fee­haus kein Ort für Frauen. Es galt als Hort des Rau­sches, des Glücks­spiels, des Las­ters und des Auf­ruhrs. 1674 hieß es in der Women’s Peti­tion Against Cof­fee: »Der Kaf­fee macht die Män­ner so unfrucht­bar wie die Wüste aus der diese unglück­se­lige Beere stammt.«

Tren­ner

Im fol­gen­den Jahr ver­suchte der eng­li­sche König Karl II. ver­geb­lich, die Kaf­fee­häu­ser sowie den Ver­kauf von Kaf­fee, Scho­ko­lade, Limo­nade und Tee zu ver­bie­ten. Das Getränk erwies sich – wie auch die intel­lek­tu­el­len Aus­ein­an­der­set­zun­gen, die es pro­vo­zierte – als nicht auf­zu­hal­ten. Um das Jahr 1800 hat­ten sich, eng ver­bun­den mit Han­del, Kul­tur und Poli­tik, Tau­sende von Kaf­fee­häu­sern über Europa ver­brei­tet. Kaf­fee war längst als anre­gen­des und die Krea­ti­vi­tät för­dern­des Hilfs­mit­tel aner­kannt, und als 1820 schließ­lich das Kof­fein iso­liert wurde, schrieb Bal­zac dass mit Kaf­fee »die Ideen anrü­cken, wie die Batail­lone einer gro­ßen Armee«.
Die Idee von Geschwin­dig­keit, Moderne und Fort­schritt mani­fes­tierte sich in der Per­son von Filippo Tom­maso Mari­netti, dem ita­lie­ni­schen Autor des Futu­ris­ti­schen Mani­fests. Laut Jef­frey Schnapps Romance of Caf­f­e­ine and Alu­mi­num, sah Mari­netti sich als das »Kof­fein Euro­pas …, einen Befreier Euro­pas von sei­ner Ver­göt­te­rung der Ver­gan­gen­heit …, als der neue Mensch des Indus­trie­zeit­al­ters«. Die Kraft des Kaf­fees war für Mari­netti eine Meta­pher für einen Treib­stoff der faschis­ti­schen Zukunft, die er sich für Europa vor­stellte: ein­zig erbaut auf neuer Tech­no­lo­gie und Maschi­nen.
Spe­zi­ell für Ita­lien sollte sich diese Vor­stel­lung von Kaf­fee­kul­tur als bedeu­tend erwei­sen. Als Luigi Bezerra im Jahr 1902 ein Gerät zum Patent anmel­dete, das Dampf­druck ver­wen­dete, um schnell star­ken Kaf­fee zuzu­be­rei­ten, taufte die Firma Pavoni die kräf­tige, schwarze Brühe, die dabei her­aus­kam, auf den Namen caffè ­espresso. Die Kaffee-Bar wurde zu einem Ort der glän­zen­den Tre­sen und Dampf­kes­sel, die aus­sa­hen wie Loko­mo­ti­ven mit ihrem Lok­füh­rer, dem Barista, der ein star­kes, aggres­si­ves Gebräu servierte.

Tren­ner

Im Gegen­satz dazu waren häus­li­che Kaf­fee­ma­schi­nen des spä­ten 19. Jahr­hun­derts schwer, lang­sam und deut­lich ungla­mou­rö­ser. Immer­hin, so schreibt Edward Bra­mah in 300 Jahre Kaf­fee­zu­be­rei­tung. Kunst & Tech­nik, hatte man in Ita­lien die Wahl zwi­schen zwei sper­ri­gen Gerät­schaf­ten: der Napo­le­tana, einer Kanne, die auf dem Herd erhitzt wurde und die man auf den Kopf stel­len musste, wenn das Was­ser kochte, oder der Mila­nese, in der kochen­des Was­ser durch gemah­le­nen Kaf­fee sickerte, der sich in einem Sieb am obe­ren Ende befand.
Im Jahr 1918 kehrte der Hand­wer­ker Alfonso Bialetti zurück ins Pie­mont und mit ihm das Know-how, das er wäh­rend eines Jahr­zehnts in der fran­zö­si­schen Alu­mi­ni­um­in­dus­trie erwor­ben hatte. Die Gegend hatte einen guten Ruf in Sachen Klein­ge­rä­te­ent­wick­lung, haupt­säch­lich Küchen­ge­räte und –uten­si­lien. Bialetti war, hieß es in einem Inter­view, das sein Enkel, der Desi­gner Alberto Alessi, dem Maga­zin Desi­gno gab, »ein Träu­mer, einer die­ser genia­len Tüft­ler, von denen es in der ita­lie­ni­schen Geschichte nicht wenige gab«. Es geht die Sage, er sei beses­sen gewe­sen von einem alt­mo­di­schen Gerät namens Lisci­veuse, einem gro­ßen Kes­sel, in dem die Frauen des Ortes ihre Wäsche wuschen. Wenn das Was­ser kochte, stieg es in einem Rohr nach oben und ergoss sich, zusam­men mit Lauge, dem Wasch­mit­tel jener Zeit, über die Wäsche.
Die­ses Prin­zip machte er sich für die Napo­le­tana zunutze. Bialet­tis Kaf­fee­ma­schine, die schließ­lich Moka getauft wurde, presste auf dem Herd erhitz­tes Was­ser aus einer unten lie­gen­den Kam­mer durch ein Blech mit gemah­le­nem Kaf­fee, das sich in dem dar­über­lie­gen­den Behäl­ter wie­der sam­melte. Das Patent (das erst 1951 bean­tragt wurde) betont aus­drück­lich, dass man nun ohne irgend­wel­che beson­de­ren Fähig­kei­ten sei­nen eige­nen Kaf­fee zu Hause zube­rei­ten könne. Anfäng­lich war der untere Behäl­ter bau­chig und nicht konisch, und der obere Behäl­ter hatte höl­zerne Griffe. Wie­der laut sei­nes Enkels, »erzählte Ada, Alfon­sos Frau, er sei abends regel­mä­ßig in sei­nem Lehn­stuhl ein­ge­schla­fen, mit einem Pro­to­typ sei­ner Kaf­fee­ma­schine in der einen und einer tos­ka­ni­schen Zigarre in der ande­ren Hand. Sie musste ihm die Zigarre häu­fig weg­neh­men, um einen Brand zu verhindern.«

Tren­ner

Zur Zeit des Faschis­mus war Kaf­fee höchst popu­lär in Ita­lien. Die Boh­nen kamen aus Äthio­pien, das man erobert hatte, und aus Bra­si­lien, das trotz zuneh­men­der inter­na­tio­na­ler Sank­tio­nen bereit war, mit Mus­so­lini Han­del zu trei­ben. Das wich­tigste Ele­ment in Bialet­tis Erfolgs­ge­schichte war aber wohl die Wahl des Roh­stoffs. Im Jahr 1932 bemerkte Mus­so­li­nis Bru­der Arnaldo:
»So wie das 19. Jahr­hun­dert das Jahr­hun­dert der Schwer­me­talle und der Kohle, so sollte das 20. Jahr­hun­dert das Jahr­hun­dert der leich­ten Metalle, der Elek­tri­zi­tät und des Petro­le­ums wer­den … Und wenn wir Ita­lie­ner kein Eisen haben, dann haben wir eben Alu­mi­nium.«
Das glatt-glänzende Art-déco-Styling der Moka war eine per­fekte Ver­bin­dung von Form und Funk­tion. Der Wunsch, Alu­mi­nium als Super­ma­te­rial zu pro­mo­ten, das der Kor­ro­sion wider­stand, aber stark und fle­xi­bel genug war, um in Flug­zeu­gen ver­baut zu wer­den, sollte schließ­lich dazu füh­ren, dass es nicht nur Ita­li­ens Staats­me­tall wurde, son­dern auch sein mili­tä­ri­sches Metall. Aller­dings war im Land her­ge­stell­tes Alu­mi­nium ver­hält­nis­mä­ßig teuer. Dies und die Tat­sa­che, dass Bialetti ein klei­ner Pro­du­zent war, beschränk­ten sei­nen Out­put zwi­schen 1934 und 1939 auf läp­pi­sche 70 000 Geräte. Der bevor­ste­hende Krieg und die Ratio­nie­rung sorg­ten dafür, dass Bialetti, der seine hand­ge­fer­tig­ten Kan­nen wei­ter­hin auf loka­len Märk­ten anbot, die Pro­duk­tion ein­stel­len musste.
Er war eben kein ehr­gei­zi­ger indus­tri­el­ler Unter­neh­mer, aber das sollte sich ändern, als sein Sohn Renato nach eini­gen Jah­ren in einem Kriegs­ge­fan­ge­nen­la­ger in Deutsch­land ins Fami­li­en­ge­schäft zurück­kehrte. Renato ver­klei­nerte erst die Pro­dukt­pa­lette bis nur Moka (in ver­schie­de­nen Grö­ßen) übrig war, erhöhte die Pro­duk­tion auf 1000 Stück pro Tag und inves­tierte im Laufe des Nach­kriegs­booms kräf­tig in Wer­bung. Er stärkte die Mar­ken­iden­ti­tät mit einem Mas­kott­chen aus der Hand des Künst­lers Paul Cam­pani, das seit 1953 jede Moka-Espressokanne schmückt. Der l’omino coi baffi, der kleine Mann mit dem Schnurr­bart, könnte eine Kari­ka­tur von Bialetti senior sein, ginge aller­dings auch als ita­lie­ni­scher Jeder­mann durch. Mit sei­ner Hilfe und mit dem Slo­gan in casa un espresso come al bar (zu Hause einen Espresso wie im Café), für den Bialetti fortan Fern­seh­wer­be­zeit kaufte, beamte er die kleine Kanne in jeden ita­lie­ni­schen Haushalt.

Tren­ner

Mitte der 50er-Jahre, als die Alu­mi­ni­um­preise bedingt durch ein welt­wei­tes Über­an­ge­bot stark fie­len, baute die Firma Bialetti eine hoch­mo­derne Fabrik in Omegna und die Pro­fite schnell­ten in die Höhe. Die Her­stel­lung folgte ratio­nel­len Über­le­gun­gen und nahm moderne Pro­duk­ti­ons­me­tho­den vor­aus: Last­wa­gen luden große Alu­mi­ni­um­blö­cke im Ober­ge­schoss ab, wei­ter unten wur­den sie gegos­sen, wei­ter­ver­ar­bei­tet und sor­tiert, bevor die Espres­so­ma­schi­nen im Erd­ge­schoss fer­tig­ge­stellt wur­den.
»Das Design war immer ita­lie­nisch – es ist Teil unse­res Lebens.« Eli­sa­betta Ainar­dis Stimme klingt neu­tral und sach­lich. Als Che­fin von Bialet­tis For­schungs– und Ent­wick­lungs­ab­tei­lung ist sie es gewohnt, sich klar und prä­zise aus­zu­drü­cken. Ursprüng­lich aus Ber­gamo arbei­tete sie in der Kern­tech­nik, bevor sie vor etwas über einem Jahr zur Firma stieß, »… weil, wenn Sie über Bialetti reden, reden Sie über Ita­lien.« Geheim­nis­voll gesteht sie ein: »Man kann nicht garan­tie­ren, dass das Design in Zukunft unver­än­dert bleibt, aber … es funk­tio­niert, so wie es ist … und über 90 Pro­zent der Ita­lie­ner besit­zen min­des­tens eine davon.« Ainardi ist ebenso Nut­zer wie Desi­gner, und die Moka ist für sie »der erste Hand­griff am Mor­gen.« Für sie bedeu­tet die Moka »Schlicht­heit … die wich­tigs­ten Ver­än­de­run­gen aus tech­ni­scher Sicht die es bis­her gege­ben hat, sind die Reduk­tion der Aus­tritts­punkte des Kaf­fees von den ursprüng­lich vier Öff­nun­gen auf zwei und das Hin­zu­fü­gen eines Sicher­heits­ven­tils.«
Terence Con­ran, der Mann, der Pio­nier­ar­beit in Sachen Ver­kauf von Design ans kon­ser­va­tive bri­ti­sche Publi­kum leis­tete, war früh mit von der Par­tie. Er begann mit dem Import der Moka zu einer Zeit, als die bri­ti­sche Mit­tel­klasse end­lich etwas Licht im Nach­kriegs­trüb­sinn sah, und durch die Schrif­ten von Eli­sa­beth David die länd­li­che Küche ent­deckte. Noch herrschte die Ratio­nie­rung, und Oli­venöl wurde als Medi­zin in der Apo­theke ver­kauft. Das Moka-Kännchen war stylish und ein­fach, mit einem Hauch von Fel­li­nis bit­ter­sü­ßem La Dolce Vita. »Alles, was ich je in mei­nem Leben wollte«, so Con­ran, »sind ehr­li­che, ein­fa­che und bezahl­bare Produkte.«

Tren­ner

Ihr Export­er­folg auf dem angel­säch­si­schen Markt dürfte auf den ita­lie­ni­schen Gla­mour zurück­zu­füh­ren sein; der Rest Euro­pas fühlt sich von ihrer Funk­tio­na­li­tät ange­zo­gen. Die Moka ist nach wie vor einer der best­ver­kauf­ten Arti­kel der Firma. Für She­ridan Coak­ley, den Ver­triebs­mann hin­ter dem quä­lend hip­pen Möbel­her­stel­ler SCP, der Show­rooms in Shore­ditch und Not­ting Hill unter­hält, ist die Moka »so ein­fach wie nur mög­lich … die Form folgt der Funk­tion … man fin­det sie kaum in Second­hand­shops, da die Leute sie nicht weg­wer­fen – unge­ach­tet der Tat­sa­che, dass sie bil­lig sind. Der Preis stimmt, und wenn jemand etwas rich­tig Gutes ent­wirft, ist die Ver­füh­rung groß, es zu über­teu­ern, aber Bialetti hat es nicht getan«.
In Zei­ten von Design State­ments und Pro­mi­de­si­gnern kommt Bialet­tis Pro­dukt immer noch so char­mant daher wie damals, als es noch in klei­ner Stück­zahl hand­ge­fer­tigt wurde. Viel­leicht ist es allein die Größe, die die Moka so anzie­hend macht. Paolo Anto­nelli, Kura­tor der Abtei­lung Archi­tek­tur und Design am Museum of Modern Art (MoMA) in New York, wo per­ma­nent ein Exem­plar aus­ge­stellt ist, nennt es ein »demü­ti­ges Meis­ter­werk«.
Für Dejan Sujic, Direk­tor des Lon­do­ner Desi­gn­mu­se­ums (das der­zeit im Rah­men einer Terence-Conran-Austellung ein Exem­plar aus­stellt), ver­strömt die Kanne eine »augen­schein­li­che Unschuld.« Er wagt den Ver­gleich mit dem dynas­ti­schen Kon­kur­ren­ten Alessi, »der enorm erfolg­reich damit war, designte kleine Kunst­werke her­zu­stel­len.« Aus sei­ner Sicht ist Bialet­tis grund­le­gende Funk­tio­na­li­tät der Schlüs­sel. »Je län­ger man sich die­ses Objekt ansieht, desto kla­rer wird einem, dass es die Aura eines bestimm­ten Moments der ita­lie­ni­schen Geschichte ver­strömt. Aber dann hebt man den Deckel und sieht die­sen außer­ge­wöhn­li­chen Vor­gang in sei­nem Innern, wenn der Kaf­fee aus dem Rohr in der Mitte strömt – es ist fast ein biss­chen wie bei einer Klär­an­lage, wenn das Was­ser auf­wärts­spru­delt, weil die Tanks gerei­nigt wer­den. Daran muss ich irgend­wie denken …«

Tren­ner

Die Welt ist ein gars­ti­ger Ort für eine kleine Kanne, und die Bialet­tis sind nicht immun gegen die wirt­schaft­li­chen Nöte Ita­li­ens. Mit Blick auf die schlech­ten wirt­schaft­li­chen Pro­gno­sen ver­la­ger­ten sie einen Teil ihrer Alu­mi­ni­um­gie­ße­reien nach Rumä­nien. Trotz alle­dem hat ein Fir­men­spre­cher sich kürz­lich bemüht zu beto­nen: »… das ist ein ita­lie­ni­sches Pro­dukt, ›Made in Italy‹.«
Im Dezem­ber sind die Stra­ßen von Hack­ney mit Laub und Müll über­sät. An einer düs­te­ren Indus­trie­straße, dicht an einem öli­gen Kanal, ver­strömt eine Tür, an der nur eine Num­mer steht, zar­ten Kaf­fee­duft. Als sie auf­geht, begrüßt mich ein gro­ßer, fein­glied­ri­ger Mann mit einem ein­la­den­den Grin­sen. James Hoff­man sieht viel jün­ger aus als 31 und strahlt eine auf­ge­räumte Gesund­heit aus, die nur von einer klei­nen Spur getrock­ne­ten Kaf­fees auf sei­ner Ober­lippe gestört wird. Ich bin bei Square Mile Cof­fee Roas­ters, dem Kind von Hoff­man und sei­ner Part­ne­rin Anette. Hoff­man lan­dete durch Zufall im geschlos­se­nen Uni­ver­sum des Kaf­fees, nach­dem er eine Zeit lang im Kauf­haus Kaf­fee­ma­schi­nen vor­ge­führt hatte. »Ich ent­deckte, dass Kaf­fee wirk­lich inter­es­sant ist. Die Leute wis­sen ein­fach nicht, wie viel­sei­tig und glo­bal Kaf­fee ist. Ich lief zur Hoch­form auf und es wurde eine Obses­sion.« 2007 wurde er Barista-Weltmeister, den eng­li­schen Titel hatte er vor­her schon mehr­fach gewon­nen. Hoff­man weiß, wie man eine Tasse Kaf­fee zube­rei­tet.
»Tja, die Bialetti Moka ist ein komi­sches Ding … eine spa­ßige, kleine Maschine – auf der einen Seite ziem­lich cle­ver, auf der ande­ren vol­ler Män­gel.« Wir gehen über den Flur in einen Raum von viel­leicht zehn Qua­drat­me­tern. Es ist wirk­lich keine sehr mon­däne Gegend, aber ver­gli­chen mit der Umge­bung ist das hier schon ein enor­mer Kon­trast. Die Wände sind dank Sand­strahl­be­hand­lung wie­der aus rotem Back­stein, ihre bekann­teste Rös­tung heißt des­halb Red Brick, und der Beton­bo­den ist lackiert. Die Mie­ten sind nied­rig, Hoff­man und Anette arbei­ten mit den ganz gro­ßen Exper­ten der Kaf­fee­welt für eine neue Gene­ra­tion, die nicht mehr an der hei­ßen, milch­schwan­ge­ren, über­süß­ten Mut­ter­brust von see­len­lo­sen Ket­ten wie Star­bucks sau­gen möchte.

Tren­ner

Es gibt einen Trai­nings­raum für die Baris­tas klei­ner Cafés. Im nächs­ten Raum steht ein klas­si­scher PROBAT-Röster und rös­tet die tages­fri­schen Boh­nen für Restau­rants und das Mail-Order-Geschäft. Es gibt ein Auf­ge­bot von polier­ten Espres­so­ma­schi­nen, Waa­gen, Müh­len, Fil­tern und Häh­nen. Es sieht teuer aus, seriös und irgend­wie ein­schüch­ternd, wenn eine ein­fa­che Arbeit in ihre Ein­zel­teile zer­legt wird. Aber darum geht es. »Es wird viel mehr guter Kaf­fee gekauft als guter Kaf­fee ser­viert – die Leute kau­fen guten Kaf­fee und rui­nie­ren ihn«, sagt Hoff­man. »Die meis­ten Leute glau­ben, die Moka sei eine Espresso­maschine. Ist sie nicht. Diese Maschi­nen [deu­tet auf blin­ken­den Chrom] haben eine Pumpe …« Hoff­man dreht an einem Knopf und ein wüs­ter Dampf­strahl faucht mich an wie ein Wach­hund. »Diese hier hat neun Bar, also neun Atmo­sphä­ren Über­druck. Über der Kaf­fee­flä­che liegt also eine Kraft von einer vier­tel Tonne.
Das heißt, wir kön­nen den Kaf­fee wirk­lich fein mah­len und rich­tig, rich­tig schnell brü­hen. Das ist schließ­lich seine Bestim­mung. Espresso ist schnell. Es ist eine tolle Art, Kaf­fee zu ser­vie­ren, viel­leicht nicht die beste Art, aber eine schnelle.«

Er erklärt, dass man mit der Moka unge­fähr ein Bar Druck erzeu­gen kann. »Wenn wie Espresso gemah­le­ner Kaf­fee ver­wen­det wird, kommt das Was­ser nur schwer­lich durch und macht ihn lange Zeit ein­fach nur nass. Es ent­zieht ihm Geschmack.
Außer­dem wird es all­mäh­lich sehr heiß … es ent­steht ein bit­te­rer Geschmack, den man­che Leute, fälsch­li­cher­weise, mit Espresso ver­bin­den, und ehr­lich gesagt ist das der Geschmack, den viele Men­schen mit dem Gebräu ver­bin­den … ich möchte bit­te­ren Geschmack um jeden Preis ver­mei­den.«

Hoff­man, der sich als irgend­was zwi­schen Koch und Som­me­lier sieht, fasst das Grund­pro­blem zusam­men, wenn es darum geht, eine anstän­dige Tasse Kaf­fee zu brauen. »Das Ziel ist, mit dem hei­ßen Was­ser unter Druck genau die rich­tige Menge an Stof­fen aus dem Kaf­fee zu extra­hie­ren. Extra­hiert man zu viel, erhält man einen unschö­nen, ver­brann­ten Geschmack. Extra­hiert man zu wenig, ent­ste­hen saure und strenge Aro­men. Um die Sache noch etwas kom­pli­zier­ter zu machen, darf der Kaf­fee nicht zu fein gemah­len sein, sonst wird er zu extra­hier­bar und man kriegt die Balance nicht hin. Auch das fal­sche Was­ser, zum Bei­spiel beson­ders har­tes, kann den Geschmack stark ver­än­dern. Kri­tisch bei der Moka: Wäh­rend das Was­ser durch den Kaf­fee dringt, wird sie immer hei­ßer. Es gibt kei­nen Mecha­nis­mus, um den letz­ten Teil des Brüh­vor­gangs zu regu­lie­ren und das Bit­ter­wer­den durch Über­ex­trak­tion zu ver­hin­dern. Man muss pro­bie­ren und expe­ri­men­tie­ren. Offen­sicht­lich kommt man­cher Kaf­fee bes­ser mit den Marot­ten der klei­nen Kanne zurecht. Mit Kaf­fee, der leich­ter zu extra­hie­ren ist, hat sie schein­bar weni­ger Pro­bleme … am Ende haben wir uns für eine dunkle Rös­tung aus 60 Pro­zent El Maja­hual aus El Sal­va­dor und 40 Pro­zent Cape­tillo Y Anexos aus Gua­te­mala entschieden.«

Tren­ner

Hoff­man mahlt den Kaf­fee mit der Kunst­fer­tig­keit eines Barista – sicher und schnell. Als er das Was­ser für das Pul­ver abmisst, erin­nert er mich an einen Wis­sen­schaft­ler. Er nimmt, was unge­wöhn­lich ist, hei­ßes Was­ser. Wenn man mit kal­tem beginnt, meint er, wird alles zu schnell zu heiß. Als ich ihm bei der Inspek­tion der Dich­tung zusehe, erfahre ich, dass der Teu­fel im Detail steckt: »Wenn die Gum­mi­dich­tung nicht hun­dert­pro­zen­tig sau­ber ist, ent­weicht Dampf und es baut sich kein ordent­li­cher Druck auf … einige Leute mei­nen, das Alu­mi­nium würde einen bestimm­ten Geschmack an den Kaf­fee abge­ben, wenn er anfängt, sich im Innern der Kanne abzu­set­zen. Die­ser Geschmack hat nichts mit Alu­mi­nium zu tun, er kommt von altem, ran­zi­gem Kaf­fee. Ich möchte kei­nen Trop­fen davon. Das ganze ›Du musst eine Patina haben‹-Gerede … Nein, alles was ich schme­cke, ist alter Kaf­fee …«
Ich denke an die Gum­mi­dich­tung in mei­ner Kanne, schwarz und ver­schlis­sen. Ich beschließe, ein­fach zu nicken.
Zum Schre­cken aller, die sich Gedan­ken um Gesund­heit und Sicher­heit machen, beob­ach­ten wir die Kanne mit offe­nem Deckel auf einem Hightech-Herd. Gebeugt wie alte Män­ner in Erwar­tung der gött­li­chen Ein­gabe. »Wor­auf ich warte«, sagt Hoff­man gespannt, »ist das Auf­tau­chen der Bla­sen, dann kommt Dampf durch, und dann ist es Zeit, den Vor­gang abzu­bre­chen, sonst bekom­men wir ein sehr bit­te­res Gebräu.« Sofort holt er die Kanne aus der Hitze und rührt um. Ich merke dümm­li­cher­weise an, dass es nur eine Pfütze sei. »Genau, wenn ich viel Flüs­sig­keit möchte, ist das die fal­sche Methode. Dafür bräuchte man eine Kaf­fee­kanne … das hier ist ein star­kes Gebräu – aus tech­ni­scher Sicht nicht so stark wie Espresso, aber immer noch stark.« Es ist kein Espresso und dar­über bin ich froh, es hat auch nichts mit den irgend­wie schlam­mi­gen Aro­men zu tun, an die ich mich mor­gens gewöhnt habe. Wir tun ein klein wenig hei­ßes Was­ser in die Tasse und schon schme­cke ich mehr – als würde ein guter Whisky ver­dünnt. »Ich ver­su­che stän­dig, ihn zu ver­bes­sern«, sagt James. »Viele Kun­den haben mich gefragt, wie man das Beste aus der Moka her­aus­ho­len kann … aber ich bin kein Tra­di­tio­na­list und das ist nicht mein Ding – trotz­dem habe ich Spaß dran …«
MOKA
www.bialetti.com

18. Mai 2012
Dieser Beitrag wurde in Erzähltes Leben veröffentlicht und getaggt , , . Kommentieren oder einen Trackback hinterlassen: Trackback-URL.

Ein Trackback

Einen Kommentar hinterlassen

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder weitergegeben.

Sie können diese HTML-Tags und -Attribute verwenden <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

  • Das aktuelle Heft

  • Anzeige

  • Schneller Teller

  • Kleinanzeigen

  • Neueste Kommentare