Erzähltes Leben

Bei der nächsten Wurst wird alles anders

Peter Lau schreibt über die Currywurst

Wurst , Rechteinhaber: Thomas Herbrich, Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee

Das Brat­wurst­häus­chen am Bochu­mer Engel­bert­brun­nen ist die bekann­teste Cur­ry­wurst­bude im Ruhr­ge­biet. Hier ent­stan­den in einer Nacht alle fol­gen­den Fotos

Um dir auf den Kopf schei­ßen zu kön­nen, müs­sen sie dir erst in die Beine tre­ten. Und das tun sie dann auch. Andreas Stier, den alle Eddy nen­nen, schon immer, schon als Kind, gehörte frü­her der Imbiss­wa­gen neben 1000 Töpfe. 1000 Töpfe, das ist ein ver­kram­tes Elek­tro­kauf­haus in einem Ham­bur­ger Indus­trie­ge­biet, in dem sich die Mil­lio­näre aus den Elb­vor­or­ten und die Rei­hen­haus­be­sit­zer aus dem Umland mit den Hips­tern aus den Sze­ne­vier­teln und den Hartz-IV-Empfängern aus den Hoch­haus­sied­lun­gen tref­fen, um nicht nur Herde, Kühl­schränke oder Lam­pen zu kau­fen, son­dern auch aller­lei Schnick­schnack, den kei­ner braucht, aber jeder gerne mit­nimmt. Den Imbiss inklu­sive Stand­platz hatte Eddy 1992 dem vori­gen Besit­zer, einem Alko­ho­li­ker, für 20?000 Mark abge­kauft, und nach eini­ger Zeit lief er wie Bolle. »Ich hab’ sechs Tage die Woche gear­bei­tet, von mor­gens zehn bis abends acht. Es war immer nur arbei­ten, schla­fen, arbei­ten, schla­fen. Mehr war nicht drin. Aber dafür hat man gut ver­dient.« Bis irgend­wann einer aus der Geschäfts­füh­rung mit­be­kam, dass der Laden eine Gold­grube war. Und Eddy der Platz gekün­digt wurde. Einige Zeit stand der spid­de­lige 43-Jährige auf der ande­ren Stra­ßen­seite, direkt gegen­über von 1000 Töpfe, doch dann ging die Firma pleite, die ihm den Stell­platz dort ver­mie­tete, und so musste er die Straße wei­ter rauf zie­hen, auf eine Flä­che mit­ten im Nichts. »Das hier ist ganz klar der schlech­teste Platz«, sagt Eddy heute. »Hier habe ich keine Lauf­kund­schaft mehr, hier kom­men wirk­lich nur noch Stamm­kun­den.« Dass die ihm treu geblie­ben sind, liegt ver­mut­lich auch an sei­ner Cur­ry­wurst: Sie ist per­fekt gegrillt und die warme Soße über­ra­schend lecker. »Die mische ich sel­ber, halb schar­fer Ketchup von Hela und halb Delikatess-Ketchup. Und dann halte ich sie den gan­zen Tag warm, dass sie gut durch­zieht, wie eine Gulasch­suppe.«

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Das Imbiss-Wissen hat er sich am Anfang müh­sam erar­bei­tet. »Ja, da hat man erst mal seine Erfah­run­gen gemacht beim Gril­len, die Wurst ist nicht durch, die Wurst ist nicht heiß und so wei­ter. Das weiß man doch alles nicht, wie lange die Pom­mes rein­müs­sen oder die Wurst, dafür gibt es ja kein Koch­buch.« Die Würst­chen sind von Salz­bren­ner, Eddy hat damals viele pro­biert und die schmeck­ten ihm am bes­ten. Sein Cur­ry­pul­ver mischt er sel­ber, denn: »Qua­li­tät ist mir wich­tig.« Damit möchte er sich auch von der Kon­kur­renz abheben.

Doch das alles nützt nichts, »ich kann davon nur leben, wenn meine Part­ne­rin eben­falls arbei­tet.« Vor zwei Jah­ren war das Paar vier Tage in Däne­mark, aber sonst steht Eddy immer in sei­nem Wagen, von Mon­tag bis Frei­tag, bei null Ferien, »denn wenn ich zuma­che, gehen die Leute woan­ders hin.« Immer­hin hat er zu Hause einen Gar­ten, der ersetzt viel. In sei­nen alten Job kann er nicht zurück, Eddy war Repro­fo­to­graf, das gehörte frü­her zum Druck­ge­werbe, »und das gibt es nicht mehr seit Win­dows 95.« Und einen bes­se­ren Stand­ort hat er auch noch nicht gefun­den, obwohl er seit zwei Jah­ren inten­siv sucht. »Wenn einer mit einem Imbiss kommt, den­ken alle immer gleich an Geruchs­be­läs­ti­gung und Dreck.« Aber was soll er machen? Irgend­wie muss es weitergehen.

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Mar­kus, genannt Gam­mel: »Ich war in Ber­lin und habe da eine Cur­ry­wurst geges­sen. Da dachte ich: Ich will zurück nach Bochum!«

So ist die Welt. Und das ist die Wahr­heit über die Cur­ry­wurst. Die Not stand schon an ihrer Wiege. Offi­zi­ell erfun­den wurde sie von Her­tha Heuwa, die erst­mals am 4. Sep­tem­ber 1949 in ihrem Imbiss in Berlin-Charlottenburg eine Brüh­wurst mit einer Soße aus Toma­ten­mark, Cur­ry­pul­ver, Worces­ter­sauce und ande­ren Zuta­ten anbot. Ber­lin war eine zer­trüm­merte Stadt, viele Men­schen leb­ten in Rui­nen, und der West­teil war zudem noch die Front­stadt der freien Welt, vor deren Toren der Sozia­lis­mus dräute. Fast ein Jahr lang, vom 24. Juni 1948 bis zum 12. Mai 1949, hat­ten die Sowjets alle Stra­ßen und Was­ser­wege blo­ckiert, so dass Ber­lin nur noch über die legen­däre Luft­brü­cke ver­sorgt wer­den konnte, an die bis heute vor dem ehe­ma­li­gen Flug­ha­fen Tem­pel­hof ein Denk­mal erin­nert. Frü­her, als es die Ber­li­ner Schnauze noch gab, nannte man es die Hun­ger­kralle. Und das mit dem Hun­ger, das war keine iro­ni­sche Übertreibung.

Die Erfin­dung der Cur­ry­wurst war nicht das Ergeb­nis von Sim­plify your Life oder Reduce to the Max. Sie ent­sprang dem Bemü­hen, in einem ech­ten Eng­pass mit den vor­han­de­nen Mit­teln etwas Neues, Beson­de­res zu schaf­fen. Des­halb ist sie nicht mit dem Ham­bur­ger zu ver­glei­chen, den McDo­nalds und Bur­ger King in den 70er Jah­ren in Deutsch­land zu ver­brei­ten began­nen, nicht mit Döner, der eben­falls in den 70ern und eben­falls von Ber­lin aus Deutsch­land eroberte, oder all den ande­ren schnel­len Hap­pen aus aller Welt, die einst exo­tisch waren, heute jedoch ganz all­täg­lich sind. Denn das alles gehört zu einem ande­ren Deutsch­land, einem wohl­ha­ben­den Land, in dem es nicht mehr darum ging, satt zu wer­den, son­dern darum, beim Essen etwas zu erle­ben. Die Cur­ry­wurst dage­gen stammt aus einer Zeit, in der rich­tige Men­schen rich­tige Werk­zeuge in ihre rich­ti­gen Hände nah­men, um rich­tige Dinge her­zu­stel­len, die wirk­lich drin­gend gebraucht wur­den. Und das hängt ihr bis heute an.

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Tobias: »Das ist die beste Cur­ry­wurst von der Welt!«

800 Mil­lio­nen Cur­ry­würste essen die Deut­schen angeb­lich pro Jahr. Die Zahl mag nicht ganz stim­men, sie geis­tert seit lan­gem ohne Quel­len­an­gabe durch die Medien und könnte genau­so­gut aus­ge­dacht sein. Doch zumin­dest ist ver­bürgt, dass die Cur­ry­wurst Deutsch­lands belieb­tes­tes Kan­ti­nen­es­sen ist – und damit ein Teil des Arbeits­le­bens. In dem bekann­tes­ten Song über sie, Cur­ry­wurst von Her­bert Grö­ne­meyer, heißt es pas­send: »Kommste vonne Schicht, wat schön­ret jibt et nich, als wie Cur­ry­wurst …« Das Pro­blem ist nur, dass man­gels Arbeit oder gere­gel­ter Arbeits­ver­hält­nisse immer weni­ger Men­schen von der Schicht kom­men. Bezie­hungs­weise in eine Kan­tine gehen. Und was wird nun aus der Currywurst?

Das Ham­bur­ger Schan­zen­vier­tel ist ein ehe­ma­li­ges Arbei­ter­quar­tier, noch bis 1989 fer­tigte dort Mont­blanc Fül­ler. Heute resi­die­ren in der eins­ti­gen Pro­duk­ti­ons­stätte Agen­tu­ren und Internet-Firmen, um die Ecke wur­den wäh­rend des New-Economy-Booms Wohn­blocks für künf­tige Web-Millionäre gebaut, die Schlach­ter, Fisch­lä­den und Gemü­se­hö­ker des Vier­tels wur­den von Restau­rants, Mode­ge­schäf­ten und Bars ver­drängt, und dann wurde hier auch noch 2002 die so genannte Piazza eröff­net, inzwi­schen die popu­lärste Knei­pen­meile Ham­burgs. Genau dort, an dem einen Ende die­ses im Som­mer total über­füll­ten Plat­zes, befin­det sich der erste Stand­ort von Schmitt Foxy Food, einer Imbiss­kette im Wer­den. Es ist der per­fekte Ort für einen moder­nen Wurst­grill, doch es ist weder Zufall noch Pla­nung, dass er sich dort befin­det, es hat sich ein­fach so erge­ben: Marc Pagel, einer der Betrei­ber, führte frü­her genau gegen­über eine Bar. Marc Pagel ist blond und stäm­mig, ganz vage erin­nert er an den Schrift­stel­ler und Musi­ker Sven Rege­ner. Der 37-Jährige stammt aus Barm­bek, einem Arbei­ter­be­zirk im Osten der Stadt, und ist HSV-Fan, »na klar, schon aus Tra­di­tion.« Er parkt sei­nen Wagen, einen schi­cken neuen Fiat mit Fir­men­logo, zwei Minu­ten vor unse­rem Ter­min direkt vor dem Imbiss, kommt dann aber doch etwas zu spät, weil er noch im Auto tele­fo­niert. Auch wäh­rend des Inter­views klin­gelt sein Handy mehr­fach – der Mann hat offen­sicht­lich viel zu tun. Vor unse­rem Gespräch essen wir natür­lich erst mal was: eine Cur­ry­wurst und eine Bio-Bratwurst. Die Cur­ry­wurst ist mit­tel, nicht beson­ders mar­kant im Geschmack, und die Soße hat zu wenig Biss, die Brat­wurst dage­gen ist ganz ordent­lich, kross, fest und würzig.

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Die Würste, das erwähnt Pagel mehr­fach, »wer­den exklu­siv für uns pro­du­ziert.« Stolz erzählt er, wie sich die Foxy-Food-Gründer mit dem Her­stel­ler ihrer Wurst getrof­fen haben, um ihm zu erklä­ren, wie sie sich ihre Pro­dukte vor­stel­len, die Kon­sis­tenz, den Geschmack, das Bräu­nungs­ver­hal­ten. Diese Ent­wick­lungs­phase sei auch noch nicht abge­schlos­sen, »da sind wir noch für ein paar Über­ra­schun­gen gut.« Pagel ist für die kuli­na­ri­sche Seite des Unter­neh­mens ver­ant­wort­lich, denn er kommt aus der Bran­che, nicht direkt aus der Küche, er hat Restau­rant­fach­mann gelernt, aber damit ist er dem Ent­wi­ckeln von Rezep­ten immer noch näher als die ande­ren drei Grün­der, die vor­her alle in Wer­bung und Mar­ke­ting tätig waren.

Deren Arbeit ist nicht zu über­se­hen: Das Foxy-Food-Logo ist knal­lig und auch von wei­tem gut zu erken­nen, die Slo­gans sind min­des­tens so wit­zig wie Mario Barth (»Das kann ich dir nur bra­ten!«; »Natu­ral Born Gril­lers«) und die Namen der Pro­dukte sind, tja, inter­es­sant: Die Cur­ry­wurst heißt bei Foxy Food Wucht­brumme, Pom­mes wer­den Grill Gold genannt und Kar­tof­fel­sa­lat Acker­perle. Mir wäre es pein­lich, eine Wucht­brumme zu bestel­len, aber ver­mut­lich bin ich nur zu ver­klemmt für das große Schmitteinander.

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Frau Grumm: »Hier gibt´s Cur­ry­wurst, Brat­wurst und Bock­wurst, sonst nix. Und Bock­wurst ist heute aus.«

Aber es geht sowieso nicht um Wort­spiele – son­dern um die Wurst. »Wenn ich einen Imbiss eröffne, muss ich mich fra­gen: Was ist mein Allein­stel­lungs­merk­mal?« Pagel schaut sei­nem Gegen­über in die Augen, als habe er dort gerade das Licht erblickt. »Ich meine, in einem nor­ma­len Imbiss bekomme ich eine Wurst, die ich über­all kau­fen kann. Bei Wein würde sich das kei­ner trauen. Nie­mand ser­viert im Restau­rant einen Wein, den es auch nebenan im Super­markt gibt.« Eben des­halb haben sie eigene Pro­dukte ent­wi­ckelt. Und genau aus die­sem Grund wird Foxy Food ein Erfolg, ach was, es ist doch schon einer: In Ham­burg gibt es bereits drei Stand­orte, von denen zwei von Franchise-Partnern betrie­ben wer­den, ein vier­ter wird im Som­mer in der Innen­stadt eröff­nen. Außer­dem ste­hen in die­sem Jahr noch Filia­len in Lüne­burg und Ulm an; mit wei­te­ren Franchise-Partnern sind sie in Verhandlungen.

Mit sei­nem Franchise-Konzept liegt Schmitt Foxy Food gleich dop­pelt im Trend: als Currywurst-Kette und als Fran­chi­ser. Für den Klein­un­ter­neh­mer mit einer gro­ßen Idee ist Fran­chi­sing ein schein­bar sim­pler Weg zum glo­ba­len Impe­rium: Man ent­wi­ckelt ein Geschäft inklu­sive Marke, Pro­duk­ten, Stra­te­gie und Design, sucht Part­ner, die es an ver­schie­de­nen Stand­or­ten umset­zen und bekommt dafür von denen regel­mä­ßig Gebüh­ren. Im Fastfood-Bereich ist Fran­chi­sing sehr ver­brei­tet, McDo­nalds ist ebenso ein Fran­chi­ser wie Sub­way. Bei die­sen Rie­sen funk­tio­niert auch die Marketing-Idee hin­ter Fran­chi­sing: dass junge Unter­neh­mer den Glanz einer ein­ge­führ­ten Marke für sich nut­zen. Für die Franchise-Nehmer ist theo­re­tisch alles gere­gelt, von den Öff­nungs­zei­ten über die Wer­bung bis zu den Prei­sen, und so lockt Fran­chi­sing auch Men­schen, die sich eher nicht als Unter­neh­mer sehen. Das kann für beide Sei­ten bes­tens funk­tio­nie­ren, solange die Geschäfte gut lau­fen. Lau­fen sie nicht, steht aller­dings manch­mal nur der Franchise-Nehmer dumm da: Seine Franchise-Gebühren sind meist fest­ge­legt, oft muss er Kre­dite für die Grund­aus­stat­tung zurück­zah­len, und manch­mal ist er auch noch ver­pflich­tet, eine bestimmte Menge an Pro­duk­ten abzu­neh­men, selbst wenn er sie nicht ver­kau­fen kann. Die Mut­ter­firma dage­gen ist, wenn es hart auf hart kommt, zumin­dest kurz­fris­tig auf der siche­ren Seite. Das hat sich mitt­ler­weile her­um­ge­spro­chen, und so wer­den über­all neue Franchise-Ideen ausgebrütet.

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Wie sieht das Foxy-Food-Konzept aus? »Wir ver­ste­hen Fran­chi­sing als Team­sport«, sagt Pagel. »Jeder Stand­ort ist anders, jeder Mensch ist anders, und man kann nicht davon aus­ge­hen, dass jeder so funk­tio­niert, wie du es dir vor­stellst.« Aber die Pro­dukte seien selbst­ver­ständ­lich in allen Filia­len gleich, genau wie das Design. Und dann kommt der Ham­bur­ger rich­tig in Fahrt, als triebe ihn der Erfolg gera­dezu vor sich her, auch das Cate­ring laufe her­vor­ra­gend, über­haupt seien die Ver­an­stal­tun­gen ihr zwei­tes Stand­bein, da werde man eben­falls expan­die­ren. Irgend­wann fällt sogar das Wort Gene­ra­ti­ons­wech­sel. Nur über die Kol­le­gen möchte er »aus ver­ständ­li­chen Grün­den« nichts sagen, selbst­ver­ständ­lich seien sie auf die­sem Markt nicht alleine, aber … Er bemüht für sie nicht mal das Wort Kon­kur­renz. Er sagt: Marktbegleiter.

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Otto: »Ich bin Stamm­kunde hier«

An denen herrscht in der Tat kein Man­gel, zudem wer­den lau­fend neue Currywurst-Buden eröff­net, denn, wie es in den Medien heißt: Cur­ry­wurst liegt im Trend. Was natür­lich Quatsch ist, denn so beliebt, wie sie nun mal ist, liegt die Cur­ry­wurst weit jen­seits jeden Trends. Tat­säch­lich im Trend liegt aller­dings eine neue Vari­ante: Edel­curry. Das hat wohl auch mit einer in den ver­gan­ge­nen Jah­ren popu­lä­rer wer­den­den These zur Zukunft des Essens zu tun: Weil die Men­schen einer­seits immer mehr auf ihre Ernäh­rung ach­ten und es immer bes­ser schme­cken soll, sie ande­rer­seits aber immer weni­ger Zeit zum Essen haben, wird hoch­wer­ti­ges Fast­food immer popu­lä­rer wer­den. Schnell und gut ist angeb­lich ein Mega­trend. Und das rei­che Ham­burg mit sei­nen schnel­len Bran­chen Medien, Wer­bung und Inter­net ein nahe­lie­gen­des Ver­suchs­feld für ent­spre­chende Ange­bote. Dort gibt es sogar ein, ja, man muss es wohl so nen­nen, Currywurst-Restaurant namens Edel­curry, wo es all das gibt, was man sonst in einer Wurst­bude bekommt, durch­aus auch genauso schnell, nur dass es eben von Kell­nern auf Por­zel­lan­tel­lern ser­viert wird, und, sowieso, alles beste Qua­li­tät hat – jeden­falls laut Eigen­wer­bung. Zu den Würs­ten, die nach eige­nem Rezept exklu­siv für Edel­curry her­ge­stellt wer­den, gibt es Soßen wie Aioli, Erd­nuss oder Honig-Senf, und der Besit­zer, ein ehe­ma­li­ger Fitnessstudio-Betreiber, bie­tet sogar was Gesun­des an, fri­sche Salate, ein ech­ter Fort­schritt. Außer­dem behaup­tet er stolz, dass die Pom­mes dank spe­zi­el­ler Frit­teu­sen weni­ger fett seien. Die Cur­ry­wurst ist wirk­lich sehr lecker, fest und ein wenig rau­chig, die Soße (klas­sisch) aller­dings nur okay, süßlich-scharf, aber etwas langweilig.

Das Edel­curry liegt mit­ten in der Ham­bur­ger City, falls man also schnell was zum Über­zie­hen braucht, weil es über­ra­schend kalt gewor­den ist, befin­den sich Shops von Prada, Gucci oder Akris in Lauf­weite. Damit ist die Lage des Restau­rants etwas über­ris­sen, folgt aber grund­sätz­lich dem Trend: Alle neuen Currywurst-Lokale lie­gen in teu­ren Vier­teln, in denen vom Bio­la­den bis zum Sushi-Imbiss nichts fehlt. Und alle sind abso­lu­tely fabu­lous, aber irgend­wie auch totally crazy.

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Daniel: »Die Atmo­sphäre hier im Ber­mu­da­drei­eck spielt auch ´ne Rolle«

Am wei­tes­ten geht die Currywurst-Company in Ham­burg Win­ter­hude, die, was sonst, erste Filiale einer kom­men­den Imbiss­kette eines ehe­ma­li­gen IT-Managers, in der es eine Cur­ry­wurst mit ech­tem Gold­staub, Pom­mes und einem Fläsch­chen Cham­pa­gner als Menü für rund 25 Euro gibt. Das ist ein stei­les Ange­bot für einen Laden, der wie eine Burger-King-Filiale aus­sieht und wo die Würste auch so schme­cken, aber wer weiß, was an die­sem Stand­ort alles geht: Im Son­nen­stu­dio gegen­über gibt es Bräu­nungs­du­schen und der Eis­la­den nebenan heißt Enjoy it. Der Wohl­stand ist ein merk­wür­di­ger Tanz.

Schwer­ver­die­ner woh­nen in alten Fabrik­eta­gen, sie kau­fen derbe, benutzt wir­kende Klei­dung und grobe Arbei­ter­schuhe, zei­gen sich gegen­sei­tig ihre Tat­toos in Restau­rants, in denen ver­ros­tete Werk­zeuge an unver­putz­ten Back­stein­wän­den hän­gen, sie gehen zum Boxen und essen nun also auch Cur­ry­wurst. Und das tun sie selbst­ver­ständ­lich nicht in einer die­ser ran­zi­gen But­zen, wo es weiß Gott was für Würste gibt, die Hygiene frag­wür­dig ist, die Ver­käu­fer mür­risch gucken und sie ein Pen­ner anhau­chen könnte, son­dern in schö­nen, moder­nen, sau­be­ren Marken-Imbissen, in denen auf Qua­li­tät geach­tet wird, wo es gut schmeckt und wo auch etwas Raum ist für die Iro­nie der Situa­tion, wie sie da eine Cur­ry­wurst essen, obwohl sie sich doch genauso Aus­tern leis­ten könn­ten. Danach gehen sie viel­leicht noch ins Thea­ter, wo sie eine Hiphop-Oper aus einer bra­si­lia­ni­schen Favela sehen, oder sie schauen sich im Kino ein schö­nes Mär­chen aus einem indi­schen Slum an, bis der Abend schließ­lich bei einem guten Glas Wein und einem eben­sol­chen Gespräch aus­klingt. Na und? Hat jemand eine bes­sere Idee?

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Bär­bel und Ulla: »Ich komme schon seit fünf­zig Jah­ren her, ich bin schon mit mei­nem Vater her­ge­kom­men, egal ob es stürmte oder schneite«

Ein Currywurst-Museum wird im August in Ber­lin eröff­net, nicht weit ent­fernt vom Check­point Char­lie, wo in einem Museum der Mauer gedacht wird, und das passt doch bes­tens, denn die DDR ist schließ­lich eine wei­tere Welt, die schon so lange ver­schwun­den ist, dass man sie prima idea­li­sie­ren und ihr hin­ter­her­trau­ern kann. Wobei die Welt der Cur­ry­wurst natür­lich in Wirk­lich­keit gar nicht ver­schwun­den ist, ver­ges­sene Men­schen in ver­ges­se­nen Vier­teln wer­den auch wei­ter­hin ihre Wurst bei Kalle oder Schorsch bestel­len, der immer, Tag und Nacht, hin­ter dem Grill steht, aber von der Mitte oder zumin­dest dem Mit­tel­stand unse­rer Gesell­schaft ist die­ses Leben inzwi­schen wei­ter ent­fernt als jede abwe­gige Reli­gion aus Ostasien.

Man kann sich vor­stel­len, wie die­ses Museum aus­se­hen wird. Natür­lich wird es Infor­ma­tio­nen geben über die Geschichte der Cur­ry­wurst und ihre Vari­an­ten, gepö­kelt oder geräu­chert, mit (Ham­burg) oder ohne Pelle (Ber­lin), doch das wird nicht rei­chen, das gibt zu wenig her. Also wer­den dort Fotos hän­gen in kör­ni­gem Schwarz­weiß, von Män­nern mit ver­schmier­ten Gesich­tern, die ker­nig in die Kamera gucken, als könn­ten sie kräf­tig zupa­cken und –bei­ßen. Und viel­leicht sind die noch gar nicht tot, viel­leicht ste­hen die immer noch an irgend­ei­nem Tre­sen, einen Papp­tel­ler vor sich, einen Pie­ker in der Hand und im Mund­win­kel etwas Ketchup, aber von Ber­lin Mitte aus ist das schwer zu sagen.

Doch es gibt noch eine andere Zukunft der Cur­ry­wurst. Sechs Bus­sta­tio­nen west­lich der Currywurst-Company befin­det sich in Eppen­dorf, einem wei­te­ren Ham­bur­ger Wohl­stands­ghetto, noch ein Edel-Imbiss: die Curry Queen. Dort geht es nicht um Stil, Iro­nie oder Arbei­tern­ost­al­gie, nicht mal um einen schnel­len Euro, obwohl es auch hier Franchising-Pläne gibt. Doch nach dem ers­ten Bis­sen ist klar: Hier steht das Essen im Mit­tel­punkt. Für die leckere Cur­ry­wurst sind sechs Sor­ten Cur­ry­pul­ver im Ange­bot, gemischt vom Gewürz­papst Ingo Hol­land, die zarte vege­ta­ri­sche Ver­sion wird aus Hall­o­umi gemacht, es gibt eine ange­nehm biss­feste Bison­wurst und eine sehr kräf­tige Pata Negra aus schwar­zem Iberico-Schwein. Dazu gibt es üppige Salate, Kar­tof­fel­sa­lat in einer klas­si­schen sowie einer geschmei­dig wür­zi­gen Wasabi-Version und guten Wein, unter ande­rem vom Gut des ehe­ma­li­gen Yello-Sängers Die­ter Meier – die Betrei­ber, zwei lei­den­schaft­li­che Hob­by­kö­che, waren frü­her in der Musik­in­dus­trie tätig. Es ist ein sym­pa­thi­scher Ort mit freund­li­chen Men­schen – und er ist nicht alleine.

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Acht Bus­sta­tio­nen öst­lich der Curry Queen, in einer nicht mehr ganz so schi­cken Neben­straße, ver­steckt sich ein ähn­li­cher Imbiss: die Curry-Pirates. Hier arbei­tet Michael Wei­ßen­bruch, Gas­tro­nom in drit­ter Gene­ra­tion, der frü­her im Ham­bur­ger A Table und spä­ter im Cla­sen­hof Gourmet-Küche kochte, bis er sein Restau­rant Ende 2007 kur­zer­hand an einen Nach­fol­ger über­gab und sich an seine per­sön­li­che Ent­de­ckung der Cur­ry­wurst machte. Wei­ßen­bruch hat seit­dem stark abge­nom­men, 15 Kilo, wie er sel­ber erzählt, und auch sonst hat ihm der Wech­sel gut­ge­tan – schon allein wegen der Musik: Im Cla­sen­hof plät­scherte pas­send zur Kli­en­tel stets Soft-Jazz, aber »das ging mir so auf den Geist, die­ses Gedu­del.« Für den Imbiss hat er seine Plat­ten­samm­lung digi­ta­li­siert, vor allem Punk und New Wave. An der Wand hän­gen die Cover zwei sei­ner Lieb­lings­plat­ten aus den spä­ten 70ern, von XTC und The Clash. Anfang der 80er Jahre hatte er auch mal sel­ber eine Band, Tole­ranz­grenze, aber die hat es nicht geschafft.

Der Haupt­grund für den Wech­sel war für Wei­ßen­bruch die Per­spek­tiv­lo­sig­keit. »Ich stand am Herd und dachte: Wie soll das wei­ter­ge­hen? Soll ich hier ste­hen, bis man mich raus­trägt? Das ist das Alter. Da merkst du, du musst noch mal was Neues machen.« Und das war genau rich­tig. »Jetzt ist es mehr Arbeit, aber dafür weni­ger Stress. Und auf lange Sicht kann ich mich auf die Rezepte kon­zen­trie­ren.« Natür­lich hat auch der 47-Jährige die übli­chen Argu­mente drauf: Von Flens­burg bis Frei­burg schmeckt alles gleich, wird alles lieb­los gemacht, die gän­gigs­ten Sor­ten seien doch »Warme, Kalte und Auf­ge­platzte.« Also: Neue Würste braucht das Land.

Und dafür sei er der rich­tige Mann. »Ich habe schon im Cla­sen­hof Wurst gemacht. Ich habe eine ganze Schub­lade voll Rezepte, da brau­che ich mich nur zu bedie­nen.« Fol­ge­rich­tig macht er alles sel­ber, die Soßen wie die Würste, die Blut­wurst mit Cider-Äpfeln, Ham­bur­ger Weiß­wurst mit Lachs­ka­viar und seine Cur­ry­wurst mit Apri­ko­sen, die wirk­lich super ist, eine gran­diose Aro­m­en­ex­plo­sion. Kein Wun­der, dass sie für 80 Pro­zent des Umsat­zes sorgt.

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Chris­toph: »Ich komme gerade aus dem Flie­ger, ich bin aus Bochum weg­ge­zo­gen. Das Erste, was ich hier mache: Eine Cur­ry­wurst essen, dop­pelte Portion«

Auch Wei­ßen­bruch will fran­chisen, aber es ist nicht ganz klar, ob er die Idee von Anfang an hatte oder ob sie ihm erst spä­ter kam. Wäh­rend unse­res Gesprächs wirkt er jeden­falls erfreu­lich mar­ke­ting­fern, nicht ein ein­zi­ges Mal fal­len Begriffe wie Kult, Trend oder Mythos. An einer Stelle sagt er: »Die Cur­ry­wurst ist klas­sen­los, die isst jeder, so wie jeder Golf fährt.« Ansons­ten geht es ihm um die Wurst als Nah­rungs­mit­tel, nicht als Bedeu­tungs­trä­ger. Da ist er der Curry Queen nahe, und viel­leicht ist das die beste Zukunft, die die Cur­ry­wurst haben kann: vom ein­fa­chen Arbei­ter­es­sen zur ehr­li­chen Handwerkskunst.

Aber wol­len das die Men­schen über­haupt? Doch, sagt Wei­ßen­bruch, »das Ange­bot kommt erstaun­lich gut an.« Und das gilt nicht nur für die Cur­ry­wurst. »Das ist schon wit­zig. Die Leute kom­men rein und ken­nen sich aus, weil die doch dau­ernd ver­rei­sen. Die haben alle schon mal eine Mer­guez geges­sen oder Sal­sic­cia. Da sagt dann auch mal einer, die habe ich woan­ders mit mehr Fen­chel geges­sen, das hat mir bes­ser geschmeckt. Und das ist gut so. Denn die Leute sind doch nicht blöd.«

5. September 2012
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