Erzähltes Leben

Alexander Gold, 37, Schwaben, kocht Maultaschen

Alex­an­der Gold lebt zwar in Ham­burg, kocht aber trotz­dem sehr gerne schwä­bisch — zum Bei­spiel Maultaschen

Ich warte einige Minu­ten auf einer baum­be­schat­te­ten Bank, direkt gegen­über der Woh­nung, in der Alex­an­der Gold mit sei­ner Freun­din Petra und der gemein­sa­men Toch­ter Clara lebt. Es ist ruhig hier, eine Laden­be­sit­ze­rin trinkt aus einem Papp­be­cher Kaf­fee und unter­hält sich mit einer Anwoh­ne­rin. Ham­burg St. Georg ist wenig gen­tri­fi­ziert, auch Tou­ris­ten ver­schlägt es sel­ten her. Doch das Vier­tel ändert sich, erzählt Alex­an­der Gold, als wir seine Alt­bau­woh­nung betre­ten. »Die städ­ti­sche Woh­nungs­bau­ge­sell­schaft ver­kauft nach und nach die Woh­nun­gen in die­sem Haus, wenn jemand aus­zieht. Das Klima ist seit­dem spür­bar rauer gewor­den. Die neuen Bewoh­ner kom­men mit den alten nicht beson­ders gut klar.« Wir set­zen uns in die Küche.

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Alex­an­der kam vor 16 Jah­ren nach Ham­burg. »Ich habe frü­her mit mei­nen Eltern in einem Vor­ort von Nür­tin­gen gewohnt und wollte in einer grö­ße­ren Stadt leben.« Bei Nür­tin­gen fällt mir Harald Schmidt ein, wie bei Lei­men Boris Becker oder bei Ker­pen Michael Schu­ma­cher. »Ja, so weit ist es gekom­men: nicht mehr Höl­der­lin, son­dern Harald Schmidt.« Ich frage ihn, ob Stutt­gart als grö­ßere Stadt nicht gereicht hätte. Alex­an­der macht ein Geräusch, das ich als »Nein« interpretiere.

»Ich bin für mei­nen Zivil­dienst nach Ham­burg gekom­men. Dank der zen­tra­len Stu­di­en­platz­ver­gabe habe ich danach noch die Erfah­rung machen dür­fen, ein hal­bes Jahr in Stutt­gart zu leben. Das war nicht so prall.« Nach den ers­ten bei­den Semes­tern konnte er in Ham­burg wei­ter Sozio­lo­gie und Poli­tik stu­die­ren. Seine dama­lige Freun­din, mit der er den 12-jährigen Sohn Paul hat, lebte eben­falls in Hamburg.

Alex­an­der schnei­det zwei Zwie­beln klein und düns­tet sie mit einem Bund frisch geschnit­te­ner Peter­si­lie in der Pfanne an. »Ich mache noch eine dritte Zwie­bel ran, damit die Fül­lung nach­her nicht nur Fleisch ist.« Die Umstel­lung von Nür­tin­gen nach Ham­burg hat ihm keine Schwie­rig­kei­ten gemacht. »Nur sprach­lich war es eine Her­aus­for­de­rung. Die Leute reden hier anders, und der Humor ist auch ganz anders. Wor­über wir zu Hause gelacht haben, das ver­steht hier nie­mand.« Er schnei­det eine Hand­voll Karot­ten der Länge nach in grobe Stü­cke und legt sie mit einer hal­bier­ten Zwie­bel in einen Topf mit Was­ser. »Das wird nach­her die Brühe, in der die Maul­ta­schen zie­hen.« Er hackt eine Hand­voll Peter­si­lie, legt sie in den Topf und schal­tet den Herd an.

»Wir sind jetzt an einem Schre­ber­gar­ten betei­ligt, da will ich nächs­tes Jahr Gemüse anpflan­zen.« Er setzt sich kurz. »Eigent­lich wollte ich bei dem schö­nen Wet­ter ges­tern in den Gar­ten, aber ich musste die Musik für ein Kin­der­thea­ter­stück fer­tig­ma­chen.« Alex­an­der kom­po­niert die Musik für zwei Stü­cke eines Aus­tausch­pro­jekts zwi­schen Ham­burg und Malmö: eine Auf­füh­rung von Die unend­li­che Geschichte und ein expe­ri­men­tel­les Projekt.

»Ich könnte noch etwas Schnitt­lauch an die Fül­lung machen, aber dafür muss ich die Fens­ter­bank abräu­men.« In einem Bal­kon­kas­ten vor dem Küchen­fens­ter wach­sen Thy­mian, Sal­bei und Schnitt­lauch. Alex­an­der gibt ein Büschel ge– hackt in die Fül­lung. Das ange­düns­tete Gemüse lässt er etwas abküh­len und mischt es dann mit Hack, Wurst­brät und zwei Eigelb – das Eiklar behält er zum Kle­ben der Taschen. »Das Wür­zen ist etwas schwie­rig, weil das Brät schon gewürzt ist.« Er streut Salz und Pfef­fer über die Mischung und schnei­det ein klei­nes Baguette in Wür­fel. »Nor­ma­ler­weise holt man tro­cke­nes Brot vom Bäcker, aber ich trockne das jetzt sel­ber.« Er beför­dert die Brot­wür­fel in eine Pfanne.

In einer Schale mischt er Mehl mit vier Eiern, etwas Salz und Was­ser. »Wirk­lich wenig Was­ser, ein paar Ess­löf­fel. In einem Rezept stand: drei halbe Eier­scha­len voll – das halte ich für zu viel. Der Teig soll recht fest sein.« Er kne­tet und prüft die Kon­sis­tenz. »Eigent­lich würde ich jetzt die Nudel­ma­schine neh­men, aber die ist auf dem Dach­bo­den ver­schol­len.« Er kne­tet noch mal kräf­tig. »Daheim würde ich den Nudel­teig beim Bäcker holen. Aber in Ham­burg wüsste ich nicht, wo ich den krie­gen sollte.«

»Hm, der Teig ist etwas weich, das war zu viel Was­ser.« Alex­an­der streicht mit der fla­chen Hand etwas Mehl über den aus­ge­roll­ten Teig. Das Brot ist inzwi­schen tro­cken, Alex­an­der streut es über die Fül­lung. »Ich habe letzte Woche auch Maul­ta­schen gemacht, da war zu viel Fleisch drin, das war wie Fri­ka­del­len in Teig. Des­halb mache ich jetzt mehr Brot rein. Aber das kann jeder machen, wie er möchte.« Er schaut die Fül­lung an. »Etwas grü­ner könnte sie schon sein.« Er schnei­det einen Bund Peter­si­lie rein und kne­tet noch mal gut durch.

Tren­ner

Dann schnei­det er den aus­ge­roll­ten Teig in knapp taschen­buch­große Recht­ecke und gibt auf jedes etwa ei– nen Ess­löf­fel Fül­lung. Er streicht den Rand mit Eiweiß ein und klebt den Teig zu Taschen zusam­men. »So sahen die bei mei­ner Oma auch aus. In Restau­rants sind Maul­ta­schen oft gerollt, da wird auf den Teig eine Lage Fül­lung gege­ben und alles zusammengerollt.«

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Er klebt Tasche um Tasche, wobei die eine oder andere reißt, was Alex­an­der sto­isch hin­nimmt. »Das ist nor­mal, wenn der Teig so dünn ist. Gut, wenn ich drei­ßig Stück gemacht habe und die immer noch rei­ßen, dann werde ich unru­hig.« Die Taschen haben einen recht brei­ten Tei­grand. »Viele las­sen weni­ger Rand dran, aber ich mag den Nudel­teig total gerne.«

Alex­an­der legt die ers­ten Maul­ta­schen in den Topf. Für die nächste Ladung mischt er noch etwas Mehl in den Teig, bevor er ihn aus­rollt. Jetzt geht es wie am Fließ­band. Wenn eine Por­tion fer­tig gegart ist, ist die nächste bereit. Er betrach­tet die fer­ti­gen Nudeln auf dem Küchen­brett. »Die sehen immer ein biss­chen wie ein Gehirn aus.« Mäu­se­hirn im Teigmantel.

»Ihr könnt ruhig schon mal pro­bie­ren, ich bin noch eine Weile beschäf­tigt.« Wir legen Maul­ta­schen auf die Tel­ler und schöp­fen ein wenig Brühe dar­über: die erste Maul­ta­sche mei­nes Lebens. Wenn man, wie ich, an kla­ren Sup­pen beson­ders die Ein­la­gen schätzt, sind Maul­ta­schen ein groß­ar­ti­ges Gericht: wie eine Suppe mit Fleisch­klöß­chen in Teig, nur dass die Gewich­tung von der Suppe in Rich­tung Klöße ver­scho­ben ist. Maul­ta­schen sind herz­haft und sicher auch nahr­haft, aber durch die klare Brühe bekom­men sie eine Anmu­tung von Leich­tig­keit, die her­vor­ra­gend zu die­sem kla­ren, war­men Früh­herbst­tag passt.

Wir wer­den wohl auf gut drei­ßig Maul­ta­schen kom­men. »Clara, meine Toch­ter liebt Maul­ta­schen, die freut sich heute Abend.« Bevor Alex­an­der die nächste Ladung fer­tig macht, gießt er etwas Was­ser in den Topf. »Das soll immer knapp unter der Koch­grenze sein. Und die Brühe wird natür­lich bes­ser, um so mehr Maul­ta­schen darin gekocht wur­den.« Wir neh­men nach und fra­gen Alex­an­der, ob er nicht auch etwas essen will. »Nee, ich mach erst fertig.«

Wir essen unsere zweite Por­tion und schauen dem Haus­her­ren bei der Arbeit zu. »Angeb­lich hat man die Maul­ta­schen als Kar­frei­tags­es­sen erfun­den, um das Fleisch zu ver­ste­cken. Des­halb tra­gen sie bei uns auch den Namen Herr­gotts­be­schei­ßerle.« Dann hof­fen wir, dass der Herr­gott doch nicht alles sieht – sonst bleibt für die Schwa­ben wohl nur das Fegefeuer.

Text: Alex­an­der Kas­bohm
Fotos: Andrea Thode

aus Effi­lee #13, November/Dezember 2010

18. Juli 2012
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