
Jürgen Timmann
Kochen hat Jürgen Timmann nie richtig gelernt. Doch er kocht gerne, er weiß, was er tut und er produziert am liebsten große Mengen: Wenn er gerade keine Freunde eingeladen hat, bereitet er trotzdem viel zu und friert den Rest ein. Schließlich soll sich der Aufwand lohnen.
Für die Arbeit beim Hamburger Winternotprogramm sind das ideale Voraussetzungen. Hier müssen viele Menschen satt werden, und ohne Improvisation geht es nicht. Timmann weiß nie, was ihn erwartet, wenn er seine Schicht antritt. »Wir treffen uns, schauen, was geliefert wurde, und legen los.« Was dabei herauskommt, ist nicht zwangsläufig Haute Cuisine – manchmal muss er Dosen öffnen, damit alle satt werden. Aber Timmann versucht, so oft wie möglich mit frischen Zutaten zu kochen. Und das Ergebnis schmeckt seinen Gästen.
Selbstverständlich sind diese Mahlzeiten nicht. Das von der Stadt finanzierte Programm bietet Obdachlosen von November bis April in erster Linie eine warme Bleibe für die Nacht. Dafür gibt es ein Haus in der Nähe des Flughafens mit 100 Betten, Duschen, einer Kleiderkammer und einem Aufenthaltsraum. Dass die Besucher abends noch eine warme Mahlzeit bekommen, ist ehrenamtlichen Helfern zu verdanken – und den Lebensmittelspenden. Das meiste liefert die Hamburger Tafel, einiges kommt auch direkt von Restaurants oder Unternehmen, wenn Speisen übrig bleiben oder Dosen falsch etikettiert wurden.
Oft sind es die einfachen Zutaten, an denen es mangelt. Viele Sachen kommen immer wieder rein: Kartoffelsalat oder Wurst kurz vor dem Verfallsdatum, leicht verderbliche Waren wie Brot und Gemüse. Gewürze oder Nudeln dagegen sind ewig haltbar und nur selten dabei.
Einmal kam eine große Lieferung Eier. Timmann wollte Eier in Senfsauce servieren. Aber ohne Senf? Das Team wühlte und fand schließlich eine französische Würzpaste, verrührte sie mit Crème fraîche und einigem mehr – und landete einen Volltreffer. »Die Sauce war genial!«, erzählt Timmann. »Alle waren begeistert.« So etwas freut ihn, das ist sein Lohn: wenn es seinen Gästen schmeckt. Die strahlenden Augen. Letztens schenkte ihm ein älterer Obdachloser Pralinen, das rührte ihn besonders. »Der hat selbst nichts, aber bringt uns eine Schachtel Mon Chérie mit.«
Dieser Winter ist Timmanns dritte Saison. Die Arbeit macht ihm Spaß, auch wenn vieles mühsam ist und er sich oft ärgert – etwa über Leute, die sich mit dem Ehrenamt schmücken, aber Termine nicht einhalten. »Das begreife ich nicht. Wenn ich etwas mache, dann richtig.« Richtig bedeutet in seinem Fall, dass er nicht nur kocht, wie die meisten Kollegen, sondern auch Dienstpläne erstellt und notfalls einspringt, wenn jemand ausfällt.
Vor sechs Jahren, mit Ende 40, stieg Timmann aus. Als Schifffahrtskaufmann hatte er bis zu zwölf Schiffe im Monat betreut. Er kümmerte sich um Schiff und Crew, um alles, was benötigt wurde. »Ich habe viel gearbeitet und gut verdient«, sagt er. Irgendwann lief das Geschäft weniger gut, Timmann wollte kürzertreten, und so arbeitete er als Freiberufler weiter, bis die Firma pleite war. Dann zerbrach auch noch seine Beziehung. Aber von so was lässt sich einer wie Timmann nicht unterkriegen. »Ich machte alles, was ich hatte, zu Geld und orientierte mich neu.«
Plötzlich hatte er, was viele vermissen: Zeit. Er konnte den ganzen Tag die Füße hochlegen. Und wenn ihm danach ist, tut er das auch heute noch. Oder er verreist, am liebsten mit dem Rad oder dem Kanu. Tagelang, ohne Plan. Sich einfach treiben zu lassen, das genießt er sehr. Andererseits will er seine Zeit auch sinnvoll nutzen. »Ich bin ein Zeit-Spender«, sagt er. Er versteht nicht, warum Menschen klagen, dass ihnen die Decke auf den Kopf fällt: »Es gibt überall etwas zu tun.«
Neben seinem Job beim Winternotprogramm leitet er auf 400-Euro-Basis für eine Behindertenwerkstatt eine Reinigungstruppe. Anfangs war das eine Notlösung: Ihm fehlten zehn Monate bis zum Rentenanspruch, jeder Job war ihm recht. Dass es so schnell klappte, überraschte ihn allerdings. »Meine Bewerbung war lausig. Ich hätte mich nicht eingestellt«, sagt er und schmunzelt. Noch überraschender ist, dass ihm die Arbeit so viel Spaß macht. Ende des Jahres soll der Vertrag nach mehreren Verlängerungen endlich auslaufen – aber er wird wohl noch mal verlängert.
Seine Schwäche für die Schwachen hat Timmann von seiner Mutter. Sie war Krankenschwester, hätte aber am liebsten als SOS-Kinderdorfmutter gearbeitet, erzählt er. Doch der Vater, ein Tischler, war dagegen. Sozial engagiert waren allerdings beide: »Wir hatten ein Haus der offenen Türen, alle möglichen Menschen gingen bei uns ein und aus.« Heute kommt ihm das zugute, er begegnet jedem auf Augenhöhe.
Vielleicht studiert er noch mal, sagt er. Soziologie oder Psychologie könnte er sich vorstellen, Menschen interessieren ihn. Dabei ist er eher ein Mann der Tat. Sein Gang, sein Blick und sein Händedruck sind fest. Timmann bewegt sich wie jemand, der weiß, dass er den richtigen Weg eingeschlagen hat. Er lebt heute vielleicht bescheidener als früher – aber zufriedener.
Im Sommer ist er durch Deutschland gefahren. Auf dem Fahrrad. Mit zwei Freunden ging es den Rhein entlang und durch die neuen Bundesländer. Da hat er wohl nicht nur Luft getankt und Licht, sondern auch das Gefühl der Freiheit, das ihm so wichtig ist. Damit kommt er nun gut durch den Winter, wenn er wieder in der Küche steht und für fremde Menschen kocht. Ohne Geld und total freiwillig.
Winternotprogramm
www.hamburg.de/obdachlosigkeit
Foto: Andrea Thode

Ein Kommentar
Hallo,
ich finde das bewundernswert und würde gerne mal ein paar Lebensmittel Spenden, die nicht so oft auf der Liste stehen.
Was fehlt denn noch eben Gewürzen und Nudeln? Vielleicht veröffentlicht ihr dazu mal eine Liste oder schickt sie mir per mail, wäre super.
Viele Grüße vom Herdheld Max!