Kochkunst

Warum gibt es in Berlin kein Drei-Sterne-Restaurant?

Eric T. Han­sen fragte sich, warum es in Ber­lin kein 3-Sterne-Restaurant gibt. Das sind seine Gedan­ken zu diver­sen Theorien

EFX09E0028 F00 Seite 1 Bild 0001 518x341 Warum gibt es in Berlin kein Drei Sterne Restaurant?

Es gab mal eine Zeit, da war es klar: Die Fran­zo­sen waren die Fein­schme­cker, die Eng­län­der ein­fach nur zu bedau­ern und die Deut­schen mit ihrem Eis­bein und Sau­er­kraut … Na ja, selbst die Eng­län­der haben die Deut­schen bedau­ert. Wie sehr sich die Zei­ten gewan­delt haben, sieht man im Guide Miche­lin. Von den welt­weit 71 Restau­rants, die die höchste Aus­zeich­nung des Guide tra­gen, das begehrte Prä­di­kat Drei Sterne, befin­den sich zwar sage und schreibe 25 in Frank­reich. Doch gleich danach kommt die Über­ra­schung: Auf dem zwei­ten Platz ste­hen mit jeweils neun Drei-Sterne-Auszeichnungen Deutsch­land und Japan. Deutsch­land auf Platz zwei? Das muss man mal den Deut­schen sagen. Sieht man sich die Liste der bes­ten Ess­tem­pel der Welt etwas genauer an, wird es noch inter­es­san­ter: Von den 25 Drei-Sterne-Restaurants in Frank­reich befin­den sich zehn in Paris. Alle neun japa­ni­schen Drei-Sterne-Lokale sind in Tokio. Von den sechs ame­ri­ka­ni­schen Drei-Sterne-Köchen arbei­ten vier in New York. Rom, Lon­don und Hong Kong kön­nen mit jeweils einem Drei-Sterne-Koch auf­war­ten. Und dann gibt es Berlin.

effilee berlin sterne02 518x205 Warum gibt es in Berlin kein Drei Sterne Restaurant?play Warum gibt es in Berlin kein Drei Sterne Restaurant?

Man kann über Ber­lin sagen, was man will, es sei ein Mil­lio­nen­dorf oder was auch immer. Trotz­dem wäre ein Kos­mo­po­lit auf der Durch­reise wohl nicht über­rascht, würde er aus­ge­rech­net hier ein Drei-Sterne-Restaurant ent­de­cken. Viel­leicht glaubt die Wirt­schaft nicht an Ber­lin, aber die Di­plomaten, Lob­by­is­ten, Scheichs, Stars und Models tun es schon. Man hat hier Barack Obama gesich­tet. Ich weiß nicht, wie Frau Mer­kel dazu steht, aber wenn Obama bei mir zu Gast wäre, wür­de ich ihn gerne in ein Drei-Sterne-Restaurant ein­la­den kön­nen. Doch in Deutsch­lands Haupt­stadt gibt es lei­der kein ein­zi­ges. Warum nur? Es gibt dazu ver­schie­dene Theorien.

Tren­ner

Zum Bei­spiel die Der Befehl kommt von ganz oben-Theorie. Die besagt, dass der Guide Miche­lin die Ber­li­ner Restau­rants der bes­se­ren Ver­mark­tung wegen klein hält. »Wenn alle Restau­rants mit drei Ster­nen aus­ge­zeich­net wären, die es ver­die­nen«, sagt ein Ein-Stern-Koch, der nicht genannt wer­den will, »gäbe es so viele Drei-Sterne-Restaurants, dass sie nichts Beson­de­res wären. Damit wäre der Guide eben­falls nichts Beson­de­res.« Das hört sich etwas para­noid an, ist aber auch nicht völ­lig abwe­gig. Wer schon mal in einer Redak­tion gear­bei­tet hat, weiß, was es bedeu­tet, wenn der Chef­re­dak­teur sagt: »Wir müs­sen vor­sich­tig sein. Wir wol­len Ber­lin nicht mit Geschen­ken über­häu­fen, nur weil es die Haupt­stadt ist. Das macht uns unglaub­wür­dig.« Jean-Luc Naret, Direc­teur Géné­ral des Guide, weist den Vor­wurf selbst­ver­ständ­lich empört zurück. »Es geht allein um das, was auf den Tel­ler kommt, und um das Restau­rant selbst«, sagt er. »Ein Stern bedeu­tet, es ist ein gutes Restau­rant. Zwei Sterne bedeu­ten, es gehört zu den bes­ten Restau­rants. Und wer drei Sterne hat, gehört zu den rund 70 Top-Restaurants welt­weit.« Doch auch Narat kann nicht leug­nen, dass der Guide, trotz sei­nes gottähn­li­chen Rufs, eine kom­mer­zi­elle Publi­ka­tion ist und des­halb auf die Her­aus­for­de­run­gen des Mark­tes rea­gie­ren muss. Als Stim­men laut wur­den, dass der Guide zu franko-zentrisch sei, erschien 2007 eine japa­ni­sche Aus­gabe, in der Tokio gleich mit neun Drei-Sterne-Auszeichnungen belohnt wurde. Und seien wir mal ehr­lich: Die beson­dere Vor­sicht, mit der die Iden­ti­tät der Tes­ter des Guide geschützt wird – Tes­ter dür­fen nicht ein­mal ihren Freun­den sagen, was sie beruf­lich machen, Redak­teure dür­fen nur von hin­ten foto­gra­fiert wer­den – ist kaum mehr als ein PR-Gag. Das Pro­blem mit die­ser Theo­rie ist aller­dings, dass nicht nur Ber­lin vom Drei-Sterne-Klub aus­ge­schlos­sen ist, son­dern sämt­li­che deut­sche Groß­städte. Selbst das Schiff­chen in Düs­sel­dorf und das Tan­tris in Mün­chen haben mit der Zeit jeweils einen Stern ver­lo­ren. Eine Ver­schwö­rung gegen Ber­lin kann man sich vor­stel­len – aber eine Ver­schwö­rung gegen Großstädte?

Tren­ner

Dann gibt es die Es gibt keine weil es keine gibt-Theorie. Das hört sich erst mal logisch an: Der Mensch kon­kur­riert vor allem mit dem­je­ni­gen, der direkt über ihm steht. Im Moment ist das Restau­rant mit der höchs­ten Aus­zeich­nung Chris­tian Loh­ses Fischers Fritz am Gen­dar­men­markt mit zwei Ster­nen. Nach die­ser Theo­rie bemü­hen sich nun erst mal alle Ein-Stern-Restaurants, zwei Sterne zu bekom­men, um mit Chris­tian Lohse gleich­zu­zie­hen. Erst wenn es in der Stadt meh­rere Zwei-Sterne-Restaurants gibt, wird man nach einem drit­ten Stern stre­ben. Viel­leicht ist das so. Aber dann muss man sich fra­gen, warum das nicht in ande­ren Städ­ten pas­siert ist. Als das Tan­tris und das Schiff­chen drei Sterne hat­ten, zogen keine Mün­che­ner bezie­hungs­weise Düs­sel­dor­fer Ein-Stern-Restaurants nach. Und Restau­rants, die sich auf dem Land drei Sterne erar­bei­te­ten, haben das in der Regel getan, ohne dass sie irgend­eine Kon­kur­renz im Rücken ver­spür­ten. Dar­über hin­aus ver­kennt diese Theo­rie den Ehr­geiz der Gour­met­kö­che. »Seit mei­nem 12. Lebens­jahr lese ich den Guide Miche­lin«, sagt Chris­tian Lohse, ein stäm­mi­ger Mann, der von einer flin­ken, bestim­men­den Ener­gie beseelt ist. »Ich habe die Gerichte der gro­ßen Köche aus­wen­dig gelernt – und dann alles wie­der aus dem Gedächt­nis gestri­chen.« Ich fragte Lohse, was er tun muss, damit er end­lich einen drit­ten Stern bekommt. »War­ten«, ant­wor­tete er. »Ich habe Geduld.«

Tren­ner

Die Der Talent­pool ist begrenzt-Theo­rie besagt, dass es in Deutsch­land nur eine bestimmte Menge poten­zi­el­ler Drei-Sterne-Köche gibt und die eben schon in den Restau­rants auf dem Lande tätig seien. Nach die­ser Theo­rie haben die Koch­ta­lente, die für Ber­lin übrig blei­ben, schlicht kein Drei-Sterne-Niveau. Man kann sich vor­stel­len, dass die Ein-Stern-Köche Ber­lins ande­rer Mei­nung sind. »Dass einige Köche hier nur einen Stern haben, kann ich gar nicht nach­voll­zie­hen«, beschwert sich ein Chef­koch bit­ter, der nicht genannt wer­den möchte. »Die Ein-Stern-Köche hier in Ber­lin könn­ten alle mor­gen Drei-Sterne-Köche sein«, sagt Lutz Hesse, der kämp­fe­ri­sche, ehr­gei­zige Hotel­grün­der und Mana­ger des Ein-Stern-Restaurants Facil. Hesse ist ein Mann, der den Ein­druck macht, als müsse er so schnell reden, wie er es tut, damit sich nicht die Ideen stauen, die ihm in rasend schnel­lem Tempo durch den Kopf schie­ßen. »Das sind alles junge Leute hier, und sie sind höchst talen­tiert.« Das Schöne an völ­lig sub­jek­ti­ven Ein­schät­zun­gen ist, dass man sich sel­ber eine Mei­nung bil­den kann. Also rief ich einige Restau­rants an und bat sie, mich zu über­zeu­gen. Einer der auf­re­gends­ten Ein-Stern-Köche in Ber­lin ist Tim Raue, Küchen­chef des Restau­rants MA. Raue spricht bereits wie ein Drei-Sterne-Koch, obwohl er weni­ger wie ein Den­ker aus­sieht als wie der gedrun­gene, kon­flikt­freu­dige Stra­ßen­kämp­fer, der er ursprüng­lich tat­säch­lich war – bevor er Koch wurde, war Raue Mit­glied der Kreuz­ber­ger Gang 36 Boys. Der Spit­zen­koch redet gerne von Phi­lo­so­phie. »Der Intel­lekt des Kochs muss auf dem Tel­ler zu sehen sein«, sagt er. »Dass hin­ter jedem Gericht ein Gedanke steckt.« Wäh­rend die meis­ten Ster­ne­re­stau­rants in Ber­lin auf klas­si­sche Innen­de­ko­ra­tion set­zen – hel­les Licht, viel Weiß und Creme, gut gepols­terte Stühle mit run­dem Rücken und Kron­leuch­ter – erin­nert Raues Restau­rant an einen Indiana-Jones-Film: dunkle Far­ben, tiefe, von gol­de­nem Licht durch­bro­chene Schat­ten, For­men, die an das alte Ägyp­ten erin­nern, und in der Mitte ein grü­nes Pferd wie aus dem Grab eines ural­ten Königs. Sein Menü war ähnlich mys­te­riös: Es gab sil­berne Ess­stäb­chen, Schie­fer­tel­ler und viele kleine Schüs­seln vol­ler Knab­be­reien wie Cas­he­w­nüsse gerös­tet in Ahorn­si­rup und Curry oder Schwei­ne­haut geba­cken in grü­ner Tee– und Bar­be­cu­e­sauce. Und Wasabi. »Wasabi ist ein Stan­dard­ge­würz bei uns«, sagt Raue, »genau wie roter Chili, Marukan-Essig und süß­sau­rer japa­ni­scher Reis­es­sig. Wenn Sie mir den weg­neh­men, habe ich ein Pro­blem zu kochen.« »Meine Tel­ler haben Dis­so­nan­zen«, erklärt er. »Es gibt eine Abwechs­lung zwi­schen sal­zig und süß, die erfrischt. Das sind Prin­zi­pien, die jedes Gericht haben sollte. Das Essen soll Ener­gie spen­den. Man soll beim Raus­ge­hen nicht das Gefühl haben, dass man beschwert ist. Des­we­gen gibt es bei uns kein Brot und fast keine Lak­tose. Die Gerichte haben eine sehr feine Balance zwi­schen süß und sauer. Obst wie Ana­nas und Papaya kom­men vor, weil sie auf­grund ihrer Struk­tur hel­fen, Eiweiß zu zer­set­zen. Das ist gut für den Kör­per.« Ich saß da, schmeckte, prüfte alles sorg­fäl­tig und machte flei­ßig Noti­zen, wie es ein Jour­na­list tun sollte. Bis zum Fisch. Der Fisch brachte mich durch­ein­an­der. Es war ein gedämpf­tes Sashimi vom Hama­chi mit Sesam und Wasabi und Grape­fruit­ge­lee und Kresse in einer Sesam-Chili-Öl– Mari­nade. Oder so ähnlich. Ich fand es schwer, mich dar­auf zu kon­zen­trie­ren, was alles drin war, weil es gerade auf mei­ner Zunge schmolz und mein Mund mit einem Geschmacks­drama erfüllte wie aus einem psy­che­de­li­schen Dro­gen­traum. Mein sub­jek­ti­ver Ein­druck? Doch, doch, Ber­lin hat durch­aus das not­wen­dige Talent.

EFX09E0028 F00 Seite 1 Bild 0001 518x341 Warum gibt es in Berlin kein Drei Sterne Restaurant?

 

Tren­ner

Das bringt uns zur Überzüchtungs-Theorie: Drei-Sterne-Restaurants seien der­ma­ßen auf­wen­dig gewor­den, heißt es, dass es gar nicht genug Gäste gebe, die den Laden pro­fi­ta­bel machen könn­ten. Wel­cher Unter­neh­mer tut sich denn so was an? »Für eine Sauce macht ein ein­fa­ches Res­taurant einen Ansatz«, erklärt Michael Kempf, der schlak­sige, ent­spannte Chef­koch des Facil, einer der jüngs­ten deut­schen Ster­ne­kö­che über­haupt. »Alles kommt auf ein­mal in die Sauce. Bei einem Ster­ne­re­stau­rant dage­gen kom­men zwei wei­tere Ansätze dazu: Erst im zwei­ten Ansatz gibt man Schwei­ne­füße und andere Teile mit viel Gela­tine hinzu und im drit­ten Ansatz dann die Abschnitte, also die Fett­de­cke und so wei­ter, und zwar klein geschnip­pelt und vor­her ange­bra­ten.« Auch Ein-Stern-Koch Kolja Klee­berg von Restau­rant VAU berich­tet von Fein­ar­beit: »Wir pulen die Erb­sen aus der Wachs­schale, denn die Kerne sind beson­ders zart. Das ist ein irr­sin­ni­ger Hand­werks­auf­wand.« Klee­berg lud mich in sein Restau­rant ein. Das VAU nahe dem Gen­dar­men­markt ist ein schlich­ter, schlauch­ar­ti­ger Raum mit viel Holz, wei­ßen Tisch­de­cken und bron­ze­nen Tel­lern. »Der Qua­li­täts­un­ter­schied zwi­schen einem Zwei– und einem Drei-Sterne-Restaurant beträgt viel­leicht zehn Pro­zent, macht aber neun­zig Pro­zent mehr Arbeit«, sagt er. »Das Per­so­nal ist bes­ser geschult, das Drum­herum luxu­riö­ser. Ich würde vier bis sechs Tische ver­lie­ren. Außer­dem müsste ich, um einen zwei­ten oder drit­ten Stern zu errei­chen, alle ande­ren Enga­ge­ments fal­len las­sen und dürfte die Küche nicht mal eine Stunde ver­las­sen.« Mit andere Enga­ge­ments meint er vor allem seine TV-Auftritte, die ihn bekannt gemacht haben und die erheb­lich zum Erfolg des VAU bei­tra­gen. Das ist beson­ders wich­tig, weil das VAU ein unab­hän­gi­ges Ein-Stern-Restaurant ist, ohne ein Hotel im Hin­ter­grund, und des­halb beson­ders hart ums Über­le­ben kämp­fen muss. Obwohl Klee­berg gebo­re­ner Köl­ner ist, wirkt er eher wie ein Wirt Mün­che­ner Art: leut­se­lig, freund­lich und gut gelaunt. Er genießt es sicht­lich, die Tel­ler per­sön­lich an den Tisch zu brin­gen. Mit sei­nen geschwun­ge­nen Augen­brauen und einem leicht dia­bo­li­schen Spitz­bart ist er außer­dem wie geschaf­fen fürs Fern­se­hen. Klee­bergs Salat war nicht nur ein Salat, son­dern ein Salat in einem Ring aus Gela­tine und Pfif­fer­lin­gen – und zwar die ganz klei­nen Pfif­fer­linge, die inten­si­ver schme­cken, aber schwie­ri­ger zu put­zen sind. Dass Reh­schul­ter auf dem Reh­tel­ler lag, war nicht genug, es musste Reh­rü­cken dazu­kom­men, und selbst das reichte nicht – Holun­der, Kohl­ra­bi­blät­ter­pü­ree und Hafer­plätzchen waren auch dabei. Ein gutes Des­sert tat es nicht – es musste eine ganze Reihe sein: geeis­ter Cap­puc­cino mit Kokos­eis, Schwarz­wäl­der Kirsch­ku­chen mit Crème Brûlée und ein­ge­leg­ten Kir­schen, Strac­cia­tel­la­eis mit Kirsch­was­ser, Panna Cotta mit Kirsch­si­rup. Man kann über Klee­bergs Tel­ler sagen, was man will – span­nend, dyna­misch, erfin­de­risch, lecker – eine unsicht­bare Zutat war stets dabei: Auf­wand. Drei-Sterne-Restaurants sind in der Tat oft über­züch­tet, und je här­ter der Kon­kur­renz­kampf wird, desto mehr wird ein Drei-Sterne-Teller aus­se­hen wie das kuli­na­ri­sche Äqui­va­lent eines gedop­ten Body­buil­ders. Das Pro­blem mit der Überzüchtungstheo­rie ist des­halb nicht, dass sie nicht stimmt – natür­lich stimmt sie! Aber sie ist irre­le­vant. Ein Besuch in einen Drei-Sterne-Restaurant wird ohne­hin nur sel­ten vom Gast finan­ziert. Genau wie die Opern­häu­ser in den deut­schen Groß­städ­ten vom Staat sub­ven­tio­niert wer­den, wer­den die meis­ten Drei-Sterne-Restaurants von Hotels mit­ge­tra­gen. Finan­zi­ell sind sie nur über eine Misch­kal­ku­la­tion zu recht­fer­ti­gen. »Ein fei­nes Hotel in einer fei­nen Region mit neun­zig Pro­zent Aus­las­tung im Jahr gönnt sich so etwas«, sagt Küchen­chef Harald Wohl­fahrt vom Restau­rant Schwarz­wald­stube, einem von zwei Drei-Sterne-Restaurants in dem edlen Urlaubs­ort Bai­ers­bronn. Beide Spit­zen­re­stau­rants befin­den sich in Hotels. »Dass man sich die rich­ti­gen Leute in der Küche leis­tet, hat etwas mit Unter­neh­mer­tum zu tun – die Unter­neh­mer müs­sen das wol­len und das Kapi­tal bereit­stel­len.« Außer­dem kann für ein Hotel auf dem Land ein Drei-Sterne-Restaurant der wich­tigste Teil einer Mar­ke­ting­stra­te­gie sein. Der Drei-Sterne-Koch Joa­chim Wiss­ler sagt über das Grand­ho­tel Schloss Bens­berg in Ber­gisch Glad­bach, in dem sein Res­taurant Ven­dôme behei­ma­tet ist: »Das ist ein gro­ßes, impo­san­tes Schloss. Aber ein Schloss ist noch keine Garan­tie für den Erfolg eines Restau­rants. Mehr und mehr ist es umge­kehrt: Ich bin die Garan­tie für das Schloss.« Doch wenn diese Stra­te­gie auf dem Dorf funk­tio­niert – warum dann nicht in Berlin?

Vignette Seite 1 Bild 0001 518x397 Warum gibt es in Berlin kein Drei Sterne Restaurant?

 

Tren­ner

Das bringt uns zu der Dann lie­ber doch nicht-Theorie: Hat ein Ber­li­ner Hote­lier für sein Res­taurant bereits einen Stern bekom­men, wird ihm schnell klar wer­den, wie teuer es wird, wei­tere anzu­stre­ben. Bei dem Preis­krieg, der unter den Ber­li­ner Hotels herrscht, über­legt er sich das zwei­mal. »Wir sind nicht Paris«, gibt Lutz Hesse zu. »Die bes­ten Hotels haben hier Zim­mer­preise, die lächer­lich sind. In ande­ren Groß­städ­ten kos­ten Hotels dop­pelt so viel. Ber­lin ist eine arme Haupt­stadt.« »Wir haben pri­vate Dining Rooms für grö­ßere Gesell­schaf­ten«, sagt Tho­mas Kamm­eier, der große, nach­denk­li­che Küchen­chef des Hugos auf dem Dach des Ber­li­ner Hotels Inter­Con­ti­nen­tal. »Wir kön­nen unsere Tische und die Pri­vate Rooms gleich­zei­tig bedie­nen und die Qua­li­tät bei­be­hal­ten, die für einen Stern not­wen­dig ist. Für drei Sterne müss­ten wir aber dar­auf ver­zich­ten.« Da fragt sich der Hote­lier natür­lich: Wie viel PR brin­gen mir zwei wei­tere Sterne wirk­lich? Und ist das eine Publi­city, die zu mei­ner Kli­en­tel passt? »Sech­zig bis sieb­zig Pro­zent der Kund­schaft kommt aus dem Aus­land«, erzählt Kamm­eier. »Es gibt in unse­rem Restau­rant Abende, an denen kei­ner Deutsch spricht.« Das kann ein Pro­blem sein, wie Joa­chim Wiss­ler erklärt. »Wenn ein Gour­met aus New York nach Ber­lin kommt, ist es schon die Frage, ob ein Ster­ne­koch für ihn ein Anreiz ist, ein bestimm­tes Hotel auf­zu­su­chen – ins­be­son­dere, wenn er noch nie was von deut­schen Ster­ne­kö­chen gehört hat. Neh­men Sie hun­dert Leute aus aller Welt, die gerne Auto fah­ren, und fra­gen Sie sie, wer die bes­ten Autos baut. Die meis­ten wer­den sagen: die Deut­schen. Und dann neh­men Sie die­sel­ben hun­dert Leute und fra­gen Sie sie, wer nach Frank­reich die meis­ten Drei-Sterne-Restaurants Euro­pas hat. Da sagt kei­ner: Deutsch­land. Internatio­nal traut man den Deut­schen in die­ser Hin­sicht nichts zu. Wir wer­den immer noch mit Sau­er­kraut und Schweins­ha­xen ver­bun­den. Wir haben unsere Küche inter­na­tio­nal sehr schlecht ver­mark­tet. Da haben wir gro­ßen Nachholbedarf.«

Tren­ner
Vignette Seite 1 Bild 0001 v0001 518x298 Warum gibt es in Berlin kein Drei Sterne Restaurant?

 

In die­ser Bezie­hung ist die Dunkel­ziffer-Theorie sehr inter­es­sant. »Ich habe da mal die­sen Spruch gemacht: ›Meine Sterne gibt mir mein Steu­er­be­ra­ter‹«, erzählt Her­bert Beltle, Betrei­ber des ster­nen­lo­sen Ber­li­ner Edel­re­stau­rants Altes Zoll­haus. »Das wurde so in den Zei­tun­gen zitiert. Und das stimmt. Ich habe mich selbst­stän­dig gemacht, um Geld zu ver­die­nen. Das sollte auch der Grund­ge­danke eines jeden Restaurant­betreibers sein – dass er in der Lage ist, sein Per­so­nal zu hal­ten und für sich selbst ein Aus­kom­men zu haben.« »Michelin-Sterne gel­ten als die größte Aus­zeich­nung, sind aber wirt­schaft­lich eine große Belas­tung«, sagt Mar­cel­lino Hudalla, der die Marcellino´s her­aus­bringt, eine Reihe von Restaurant-Reporten, die nicht auf den Bewer­tun­gen pro­fes­sio­nel­ler Tes­ter basie­ren, son­dern auf denen von nor­ma­len Restau­rant­be­su­chern. »Unter­halb des ers­ten Sterns kann man am bes­ten Geld machen. Kocht man mit Ster­nen, gibt es hun­dert­tau­send Kri­te­rien, die man erfül­len muss. Man braucht zum Bei­spiel einen auf­wen­di­gen Käse­wa­gen – aber bestimmte Käse­sor­ten sind schwer zu hal­ten. Sie glau­ben nicht, was die deut­schen Ster­ne­re­stau­rants an Käse ent­sor­gen!« Des­halb soll es in Ber­lin angeb­lich eine Dun­kel­zif­fer von unzäh­li­gen poten­zi­el­len Drei-Sterne-Köchen geben, die im Ver­bor­ge­nen arbei­ten und jeden Tag absicht­lich die Suppe ver­sal­zen, damit sie den Michelin-Testern bloß nicht auf­fal­len. An die­ser Theo­rie hat aller­dings selbst Beltle Zwei­fel. Zum einen, sagt er, würde er so einen Stern, na ja, auch nicht ableh­nen. Und außer­dem glaubt er, erste Anzei­chen einer Locke­rung des­sen wahr­zu­neh­men, was von einem Ster­ne­re­stau­rant erwar­tet wird. »Frü­her gab es den Gedan­ken: ›Jetzt haben wir einen Stern, jetzt müs­sen wir teure Glä­ser und teu­res Por­zel­lan kau­fen‹«, sagt er. »Aber ich glaube, diese Zei­ten sind vor­bei.« Der Michelin-Chef Jean-Luc Narat ist eben­falls die­ser Mei­nung: »Schauen Sie nach Tokio. Da gibt es unter den neun Drei-Sterne-Restaurants wel­che, die mit dem Luxus und der Ele­ganz euro­päi­scher Restau­rants nicht mit­hal­ten kön­nen – das Sukiya­ba­shi Jiro zum Bei­spiel. So etwas gibt es auch in Europa. Die­ses Jahr gin­gen jeweils drei Sterne an zwei kleine Restau­rants in einem klei­nen Dorf außer­halb Lon­dons: an ein Restau­rant in einem wun­der­schö­nen Cha­let und an das eher beschei­dene Fat Duck. Das ist ein Pub, der umge­baut wurde! Als der Koch dort die drei Sterne bekam, rief er mich an. Er bedankte sich und erzählte von sei­nem Plan, in das Restau­rant zu inves­tie­ren. Ich sagte ihm: ›Ändern Sie gar nichts. Kochen Sie nur so weiter.‹«

Tren­ner

Vor allem Berlin-Hasser ver­tre­ten gerne die Ber­lin ist sowieso von Gott verlassen-Theorie, die besagt, dass die gesamte Region Berlin-Brandenburg auf­grund ihres kar­gen Sand­bo­dens land­wirt­schaft­lich nicht genug her­gibt, um Essen auf Gour­met­ni­veau über­haupt mög­lich zu machen. Das kann man so oder so sehen. »Wer drei Sterne erko­chen will, kommt mit Ber­li­ner Pro­duk­ten allein nicht aus«, sagt Tim Raue. »Viel­leicht fünf­zehn Pro­zent der Pro­dukte, die ich benutze, kom­men aus Ber­lin. Ich habe zwei Jahre gebraucht, um Peter­si­li­en­wur­zel aus der Region zu bekom­men, die so gut ist wie die aus Thai­land.« Alles Quatsch, meint dage­gen Chris­tian Lohse. »Mit der gro­ßen Seen– platte hat Ber­lin so eini­ges vor der Tür. Auch die Ost– und Nord­see sind gut zu errei­chen. Ber­lin hat einen Sand– und Lehm­bo­den, der sehr reich­hal­tig ist, und die Ucker­mark liegt direkt vor der Nase. Es herrscht ein kon­ti­nen­ta­les Klima und die Region ist ein natür­li­ches Bio­top für Insek­ten, was sehr gut ist. Wir haben große Wäl­der mit erheb­li­chen Wild­be­stän­den und einem Reich­tum an Pil­zen, Kräu­tern und Früch­ten. Wir haben Äpfel und Quit­ten in alten, ver­ges­se­nen Sor­ten. Ich kenne einen Bau­ern­hof in der Ucker­mark, der fünf­zig ver­schie­dene Sor­ten Toma­ten anbie­tet. Polen ist eben­falls nicht weit. Vio­let­ter Knob­lauch aus Polen ist an Aroma nicht zu über­tref­fen.« Wer hat Recht? Beide. Das Essen im VAU fing ganz harm­los an. Es war mehr oder weni­ger das, was ich erwar­tet hatte: viele Wein­glä­ser, ein per­fekt cho­reo­gra­fier­ter Ser­vice, ein Gruß aus der Küche, noch ein Gruß aus der Küche, der Salat und das Car­pac­cio. Doch dann kam diese Suppe mit Sau­er­amp­fer, einem leicht säu­er­li­chen Kraut, das Klee­berg von irgend­ei­nem Kraut­su­cher aus Bran­den­burg bekom­men hatte. Plötz­lich konnte ich mich nicht mehr von mei­nem Tel­ler abwen­den: Der fast über­wäl­ti­gend herbe Sau­er­amp­fer atta­ckierte meine Sinne. Es war, als ob ich in eine Som­mer­wiese samt Son­nen­schein und flir­ren­der Insek­ten gebis­sen hatte. Oh ja, die Region um Ber­lin hat durch­aus Beson­de­res zu bie­ten. In der Goltz­strasse, bekannt für Stu­den­ten­ca­fés, Trö­del­lä­den und bil­lige Inder, liegt etwas abseits ein klei­ner, unschein­ba­rer Laden, der aus nur einem Raum und sehr vie­len Äpfeln besteht. Die Apfel­ga­le­rie bie­tet zwar auch Bir­nen und Obst­säfte an, aber vor allem geht es um Äpfel: von mit­tel­al­ter­li­chen Sor­ten wie dem säu­er­li­chen Roten Win­ter­stet­ti­ner mit sei­ner schö­nen rot-grünen Fär­bung über Arc Charme und Bra­e­burn bis zum Weih­nachts­ap­fel Spar­tan. Nicht weit ent­fernt, in einer Schö­ne­ber­ger Sei­ten­straße, gibt es in einem klei­nen Geschäft namens Mehl­stüb­chen rund hun­dert Mehl­sor­ten, von Kamut­mehl (einem hart­wei­ze­n­ähn­li­chen Urwei­zen aus Ägyp­ten) über Wei­zen­dunst, Masa Harina, Bana­nen­mehl (»für süße Sachen«) und Kokos­mehl bis hin zu Piz­za­mehl. »Seit zehn Jah­ren steigt die Nach­frage nach fri­schen Waren aus der Umge­bung«, sagt Tho­mas Brö­cker, des­sen Obst­hof Scher­nus und Brö­cker in Frank­furt an der Oder die Apfel­ga­le­rie belie­fert. »In der Nähe von Ber­lin pro­du­zie­ren die meis­ten Betriebe ihre Pro­dukte so, dass sie sie direkt an den Kun­den ver­kau­fen kön­nen. Aber wenn man etwas direkt ver­kau­fen will, ist man eben gezwun­gen, auch Sor­ten anzu­bie­ten, die sel­te­ner sind und schwe­rer zu pro­du­zie­ren.« Nicole Kam­rath, Mitte zwan­zig, Brille, röt­li­che Haare und mehl­ver­staubte Haut, hat mit ihrem Mehl­stüb­chen eben­falls die anspruchs­vol­len Kun­den im Blick. »Ich habe Zahn­tech­nik gelernt, aber keine Stelle gefun­den«, erzählt sie. »Ich backe gerne, aber im Super­markt wird meist nur das Wei­zen­mehl 405 oder 550 ange­bo­ten. Das hat zu wenig Kleie und bil­det keine rich­ti­gen Luft­bla­sen. Irgend­wann habe ich mich mit ver­schie­de­nen Mül­lern unter­hal­ten und mit­be­kom­men, dass Mehl nicht gleich Mehl ist. Das Mehl im Super­markt ist so fein gemah­len, dass es kein Was­ser auf­neh­men kann. Aber wenn ich nach ande­ren Sor­ten fragte, wusste kei­ner, wo man sie bekommt.« Sie dachte, wenn es ihr so geht, ginge es wohl auch ande­ren so. Und eröff­nete ihren Laden. Na gut, dass jemand von exo­ti­schen Äpfeln oder Yuppie-Mehl leben kann, heißt in einer Stadt von 3,4 Mil­lio­nen Ein­woh­nern nicht viel. Die Frage ist, ob das Bewusst­sein für beson­de­res Essen inzwi­schen so groß ist, dass davon ein oder gar meh­rere Drei-Sterne-Restaurants in Ber­lin über­le­ben könn­ten. Brö­cker und seine Frau pro­du­zie­ren tau­send Ton­nen Obst im Jahr. Davon machen die alten und sel­te­nen Apfel­sorten, die ihre Toch­ter Caty im Laden ver­kauft, aber nur rund zwei Pro­zent des Umsat­zes aus. »Unsere Toch­ter lebt davon«, sagt er, »aber auch in ihrem Laden ver­kauft sie nur 25 Pro­zent alte Sor­ten. Viele von denen schme­cken dann doch nicht so gut wie die neuen, weil die neuen mehr Zucker haben. Am belieb­tes­ten sind nach wie vor neue Sor­ten wie Fuji. Ich finde, die schme­cken nach nichts, aber sie sind halt kna­ckig und zucker­süß.« Sabine Eich­ner Lis­boa, Geschäfts­füh­re­rin der Bun­des­ver­ei­ni­gung der Deut­schen Ernäh­rungs­in­dus­trie, ist eben­falls skep­tisch. »Das Bio-Segment ist, zumin­dest vor der Finanz­krise, ste­tig gewach­sen, aber das hat mehr mit Ökolo­gie und Gesund­heit zu tun als mit Gourmet­essen«, meint sie. »Die große Masse der Men­schen in Deutsch­land schaut immer noch als ers­tes auf den Preis. Die Deut­schen geben im Durch­schnitt rund zwölf Pro­zent ihres Haus­halts für Essen aus. Die Fran­zo­sen geben drei bis vier Pro­zent­punkte mehr aus. Das alte Kli­schee stimmt ein­fach: Egal, wel­ches Ein­kom­men er hat, der Fran­zose will gut essen.« Was Eich­ner Lis­boa im Lebens­mit­tel­la­den beob­ach­tet, sieht Mar­cel­lino Hudalla im Restau­rant. »Gene­rell ist die Men­ta­li­tät in Deutsch­land: Essen muss bil­lig sein. Die Deut­schen gehen grund­sätz­lich davon aus, dass Restau­rant­be­sit­zer Betrü­ger sind. Sie fra­gen: ›Warum macht ein klei­ner Unter­schied zehn Euro aus?‹ Die Deut­schen bestel­len gerne einen Wein für 140 Euro. Aber wenn das Haupt­ge­richt teuer ist, meckern sie.«

Tren­ner

Dazu passt die Proleten-Theorie: Dem Ber­li­ner fehle für gute Res­taurants ein­fach die Men­ta­li­tät. Tim Raue beschreibt das Phä­no­men durch­aus mit Sym­pa­thie: »Der Ber­li­ner mag grund­sätz­lich nichts Auf­ge­setz­tes«, sagt er. »Für ihn muss das Preis-Leistungs-Verhältnis stim­men. Und er muss satt wer­den. Außer­dem mag es der Ber­li­ner nicht, wenn es still ist. Und er will in der Spei­se­karte keine Auf­sätze lesen. Aber ich würde nicht grund­sätz­lich sagen, dass der Ber­li­ner kein Gour­me­tes­sen mag.« »Wich­tig ist der Unter­schied zwi­schen dem Nor­den und dem Süden«, sagt Wolf­gang Hardtwig, Pro­fes­sor für Neuere Geschichte an der Ber­li­ner Humboldt-Universität. »Ein wich­ti­ges Geschäft in der frü­hen Neu­zeit war der Kolo­ni­al­han­del. Der wurde über Ita­lien und Frank­reich, über Genua und Vene­dig abge­wi­ckelt, und vor allem der Süden Deutsch­lands bekam davon viel mit. Die Kaf­fee­haus­kul­tur zum Bei­spiel ent­wi­ckelte sich vor allem im habs­bur­gi­schen Reich. Auch eine Wein­kul­tur gab es in Ber­lin nicht.« Viel­leicht ist das der Grund, warum auf­fal­lend viele Ber­li­ner Ster­ne­kö­che aus dem Süden des Lan­des kom­men. »Es gab in Preu­ßen keine genie­ßende Klasse«, erklärt Hardtwig wei­ter. »Der Adel in Preu­ßen war ent­we­der Offi­ziers– oder Land­adel. Auf den Gütern fehl­ten die Mög­lich­kei­ten, und beim mili­tä­ri­schen Adel war Luxus im Rah­men der spar­ta­ni­schen preu­ßi­schen Kul­tur ver­pönt.« Und nach dem Zwei­ten Welt­krieg, als Ost­ber­lin in Armut ver­sank und West­ber­lin zur Insel wurde, war Luxus eben­falls ein fer­ner Gedanke. Ande­rer­seits kann man wirk­lich nicht behaup­ten, dass der Ber­li­ner nicht gerne aus­gehe. Im Gegen­teil: Der Ber­li­ner geht stän­dig aus. Aber nicht, um gut zu essen, son­dern um sich zu tref­fen und zu unter­hal­ten. »Ber­lin hat keine kuli­na­ri­sche Kul­tur«, meint Wolf­gang Hardtwig, »son­dern eine Kommunikationskultur.«

Tren­ner

Womit wir bei der wohl wahr­schein­lichs­ten Theo­rie wären: der Wir müs­sen reden-Theorie. »Viele ver­ken­nen die Grund­idee, warum ein Gast in ein Restau­rant geht«, sagt Her­bert Beltle. »Es gibt drei Punkte, um die es im Restau­rant geht: Ambi­ente, Ser­vice und Küche. Fragt man einen jun­gen Kol­le­gen, wel­cher der drei am wich­tigs­ten ist, sagen die wenigs­ten: Ambi­ente. Aber das ist die rich­tige Ant­wort.« Mar­cel­lino Hudalla sieht das genauso. »Wenn wir unsere Leser fra­gen, was ihnen am wich­tigs­ten ist, kommt noch vor der Qua­li­tät des Essens: die Atmo­sphäre. Dazu gehö­ren auch die ande­ren Gäste. Auf dem Land essen die Leute eher zu Hause, da bleibt viel­leicht ein­mal die Woche die Küche kalt. ›Metro Area People‹, Groß­städ­ter, gehen dage­gen drei– bis vier­mal in der Woche essen. Für sie ist das Restau­rant ein sozia­ler Bezugs­punkt, das viel beschwo­rene Wohn­zim­mer.« Als ich einige Ber­li­ner Ein-Stern-Restaurants besuchte, machte ich eine selt­same Ent­de­ckung: Es pas­sierte nichts. Wäh­rend ich aß, nahm ich nichts wahr außer dem, was auf dem Tel­ler war, so fas­zi­nie­rend waren die Krea­tio­nen der Köche. Vom Amuse-Gueule bis zu end­lo­sen Dessert-Varia­tionen war ich gezwun­gen, mich mit dem Tel­ler und sonst gar nichts zu beschäf­ti­gen. Es war wie ein Besuch in einem guten Museum – nur dass ein gutes Museum lang­wei­li­ger ist als ein Ster­ne­re­stau­rant. Und ich dachte mir: Bei der nächs­ten Gele­gen­heit, wenn es was zu Fei­ern gibt, komme ich mit mei­ner Freun­din hier­her. Doch jedes Mal, wenn es tat­säch­lich was zu Fei­ern gab, fand ich eine Aus­rede, nicht dort­hin zu gehen. Erst lang­sam ver­stand ich, wieso: Eine beson­dere Zeit mit mei­ner Freun­din will ich mit mei­ner Freun­din ver­brin­gen. Wer in einem Ster­ne­re­stau­rant sitzt, beschäf­tigt sich aber nicht mit sei­nem Gegen­über – son­dern mit sei­nem Tel­ler. Ein Drei-Sterne-Restaurant ist ein Kul­tur­er­leb­nis, wohl eines der teu­ers­ten, die es gibt. Und nach einem Kul­tur­er­leb­nis will man in ein Restau­rant ein­keh­ren, um bei Pizza und Bier dar­über zu reden. Ganz beson­ders in Ber­lin. Doch nach einem Besuch in einem Ster­ne­re­stau­rant kann man das nicht. Viel­leicht ist das der Grund, warum sich die Ber­li­ner mit Ster­ne­re­stau­rants so schwer tun. »In einem Restau­rant müs­sen die Gäste wich­ti­ger sein als das, was auf dem Tel­ler kommt«, sagt Mar­cel­lino Hudalla. Doch in einem Gour­met­re­stau­rant ist der Tel­ler immer auf­re­gen­der als die Men­schen, die davor sitzen.

Fischers Fritz Char­lot­ten­straße 49, 10117 Ber­lin Tele­fon: +49 30/20 33 63 63
Facil Pots­da­mer Straße 3, 10785 Ber­lin Tele­fon: +49 30/59 00 51 234
Ma Beh­ren­straße 72, 10117 Ber­lin Tele­fon: +49 30/30 11 17 333
Vau Jäger­straße 54, 10117 Ber­lin, Tele­fon: +49 30/20 29 73–0
Hugos Buda­pes­ter Straße 2, 10787 Ber­lin Tele­fon: +49 30/26 02 12 63
Altes Zoll­haus Carl-Herz-Ufer 30, 10961 Ber­lin, Tele­fon: +49 30/69 23 300
Mehl­stüb­chen Leber­straße 28, 10829 Ber­lin Tele­fon: +49 30/74 68 41 41
Apfel­ga­le­rie Goltz­straße 3, 10781 Ber­lin Tele­fon: +49 30/44 70 56 30

Text: Eric T. Han­sen
Illus­tra­tor: Tim Möller-Kaya

aus Effi­lee #9, März/April 2010

12. April 2011
Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Kochkunst und getagged , . Bookmarken: Permanent-Link. Kommentieren oder ein Trackback hinterlassen: Trackback-URL.

Ihr Kommentar

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder verteilt. Benötigte Felder sind mit * markiert

*
*

Du kannst diese HTML Tags und Attribute verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Anzeige

KNIGGE WEISS RAT

Schöne Geschenke

Ein nam­haf­ter Spi­ri­tuo­sen­her­stel­ler hat mich zu einer exklu­si­ven Pres­se­reise ein­ge­la­den. Eigent­lich bin ich von sei­nen Pro­duk­ten nicht über­zeugt, aber das Rei­se­pro­gramm ist der Ham­mer. Ist es okay, wenn ich mitfahre?

»So wenig als mög­lich las­set uns von andern Wohl­ta­ten for­dern und anneh­men! Man trifft gar sel­ten Leute an, die nicht früh oder spät für kleine Dienste große Rück­sich­ten for­der­ten, und das hebt dann das Gleich­ge­wicht im Umgange auf, raubt Frei­heit, hin­dert unein­ge­schränkte Wahl, und wenn auch unter zehn­mal nicht ein­mal der Fall ein­träte, daß dies uns in Ver­le­gen­heit setzte oder Ver­druß zuzöge, so ist es doch weis­lich gehan­delt, dies mög­li­che Ein­mal zu ver­mei­den und lie­ber immer zu geben, jedem zu die­nen als von andern Dienste oder sonst etwas anzunehmen.«

Adolph Freiherr Knigge:
Über den Umgang mit Menschen


Haben Sie ein Problem?
Freiherr Knigge weiß Rat!
Schreiben Sie ihm einfach eine
E-Mail: Knigge@effilee.de

Die beste Frage wird im nächsten Heft beantwortet.

  • Jetzt im Handel

  • Kleinanzeigen

  • Schneller Teller

  • Neueste Kommentare


  • RSS Feeds