Getrunkene Flasche

Vudu

Wenn die Welt eine Bank wäre, hät­tet ihr sie längst geret­tet. Dar­auf ein Bier!

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Die Glä­ser sind stets ein wenig gefüllt und so wird es mit der Zeit lauter

Das erste Bier gab es schon beim Rein­kom­men, im Ste­hen. Ein ita­lie­ni­sches Restau­rant im Zen­trum Ber­lins, keine 200 Meter ent­fernt vom Bahn­hof Fried­rich­straße. Dunk­les Holz, hoher Tre­sen, lan­ger Tisch. Nichts, was man sich mer­ken würde. Außer eben die­ses Frucht­bier, Fram­boise von der bel­gi­schen Braue­rei Boon: Ein leich­tes, recht tro­cke­nes Bier, das mit fri­schen Him­bee­ren ver­go­ren wird – 250 Gramm auf einen Liter. Beim Trin­ken brei­tet sich ein zar­ter und trotz­dem recht brei­ter Strei­fen fruch­ti­ger Him­bee­ren über einem kla­ren, erfri­schen­den Meer von Bier aus. Son­nen­auf­gang für die Seele. Das ist ein guter Anfang, um Brau­fac­tum ken­nen­zu­ler­nen, den Gast­ge­ber des Abends.

Das Bier, das sein Unter­neh­men aus aller Welt nach Deutsch­land holt oder auch sel­ber braut, erklärt Geschäfts­füh­rer Marc Rausch­mann zur Begrü­ßung, sei in Manu­fak­tu­ren bezie­hungs­weise, wie es in der Bran­che heißt, Mikro­braue­reien hand­werk­lich her­ge­stellt und von her­vor­ra­gen­der Qua­li­tät. Der Name Brau­fac­tum erin­nert also nicht zufäl­lig an Manu­fac­tum: Was die Händ­ler der schö­nen Dinge mit Büro­klam­mern, Gum­mi­stie­feln und Schnee­be­sen machen, will das junge Unter­neh­men mit Bier tun.

Hier sit­zen wir nun, ein etwas des­pe­rat wir­ken­der Hau­fen Män­ner, zwi­schen denen ein paar Frauen hocken wie Rosi­nen auf einer Pizza. Zwölf Biere sind zu ver­kos­ten, beglei­tet von einem fünf­gän­gi­gen Menü, das die bei­den Köchin­nen Erika Berg­heim und Iris Bet­tin­ger wirk­lich gran­dios zu den Geträn­ken kom­po­niert haben.

In Sachen Bier ist der Abend fan­tas­tisch. Es beginnt mit eini­gen kla­ren, küh­len Bie­ren, deren Zitronen-, Mango– oder Ing­wer­a­ro­men allein aus dem spe­zi­el­len Hop­fen und der aus­ge­tüf­tel­ten Her­stel­lung stam­men. Es gibt ein Gewürz­bier, ein Rauch­bier, ein Stark­bier mit schwar­zen Johan­nis­bee­ren und ein sen­sa­tio­nel­les Des­sert­bier aus Ita­lien, Xyauyu Gold, das im Solera-Verfahren her­ge­stellt wird, keine Koh­len­säure hat und schmeckt wie… Tja, wie sonst nichts eigent­lich, ein sehr spe­zi­el­ler Sherry viel­leicht. Mit knapp 30 Euro pro Fla­sche ist es das teu­erste Bier im Sor­ti­ment, doch auf Ver­kos­tun­gen, erzählt Rausch­mann, ist es trotz­dem immer sehr gut weg­ge­gan­gen. Inzwi­schen ist es lei­der aus­ver­kauft. Aber dem­nächst gibt es viel­leicht wie­der einige Kisten.

So ist das mit hand­werk­li­chen Pro­duk­ten: Sie sind teuer und sel­ten, weil ihre Her­stel­lung auf­wen­dig ist und in der Regel ver­bun­den mit der Hand­werks­kunst eines Ein­zel­nen. Vor allem in den USA, wo die Mikrobrauer-Szene sehr weit ent­wi­ckelt ist, aber auch unter Bier­fans in Europa und Asien, sind einige Brauer inzwi­schen echte Stars. Einer die­ser Welt­stars ist an die­sem Abend sogar dabei: Ago­s­tino Arioli stammt aus Mari­none bei Como, wo er anfangs nur für sein Restau­rant Bier gebraut hat. Inzwi­schen ist er ein welt­weit hoch ange­se­he­ner Mikro­brauer, der mit sei­nem Vudu, einem dunk­len Wei­zen, kürz­lich den Preis für das beste Wei­zen­bier der Welt gewon­nen hat. Vudu ist ein dunk­ler, fruch­ti­ger Strom aus Kara­mell, Orange, Banane, ein wenig bit­ter, aber nicht sehr. Ein Bier, das wie Bier schmeckt, ohne auch nur ein Kli­schee von Bier zu erfül­len. Das Label hat einen Art-déco-Touch, irgend­wer sagt, es sähe aus wie das Bier von Batman.

Tren­ner

Arioli ist ein ruhi­ger, höf­li­cher Mann, der nach dem sechs­ten Bier ganz ent­fernt an Kevin Spacey erin­nert, also nüch­tern betrach­tet wahr­schein­lich gar nicht. Er spricht nur Eng­lisch oder Ita­lie­nisch, und wenn gerade kei­ner mit ihm redet, stu­diert er die Bier­fla­schen oder blät­tert im Braufactum-Katalog. Son­der­lich unglück­lich wirkt er dabei nicht, er ist wohl eher ein Tüft­ler. Die bes­ten Brauer, sagt Arioli, seien immer noch die Deut­schen: Die hät­ten die bes­ten Schu­len, die beste Aus­bil­dung, die größte Tra­di­tion. Außer­dem gebe es viele her­aus­ra­gende lokale Bier­spezi– ali­tä­ten. Nur die Expe­ri­men­tier­freude, ja, die würde den Deut­schen lei­der feh­len. Es wäre schön, wenn sich das änderte.

Die umsich­ti­gen Kell­ner sor­gen dafür, dass die Glä­ser stets ein wenig gefüllt sind und so wird es mit der Zeit lau­ter. Der Alko­hol­pe­gel steigt, und irgend­wann sitzt aus­ge­rech­net der umsich­tige höf­li­che Marc Rausch­mann auf dem Platz sei­nes Kom­pa­gnons Ralf Fren­zel. Der pro­tes­tiert, fin­det kein Gehör und setzt sich schließ­lich neben mich. Gleich als Ers­tes erzählt er uns, wie ärger­lich er es fin­det, dass zu Food-Events nur Jour­na­lis­ten aus der zwei­ten Liga kom­men. Aber ich nehme das nicht persönlich.

Fren­zel redet, als bekäme er pro Wort bezahlt. Er fin­det die Braufactum-Idee super, und so ener­gisch, prag­ma­tisch und unter­neh­mungs­lus­tig, wie er sie vor­trägt, war er an ihrer Ent­wick­lung maß­geb­lich betei­ligt. Er ist davon über­zeugt, dass Brau­fac­tum ein Erfolg wird und kann das auch sehr gut begrün­den: mit sei­nem Bauch­ge­fühl. Ich habe das­selbe Bauch­ge­fühl. Ich weiß, wie Leute, die kein Bauch­ge­fühl haben, an so einer Stelle gucken, aber mal ehr­lich, Jungs: Macht euch nicht lus­tig über Sachen, von denen ihr keine Ahnung habt.

Irgend­wann ist es zwölf Biere spä­ter und drau­ßen echt dun­kel. Ich wanke durch die men­schen­lee­ren Stra­ßen der ange­sag­tes­ten Stadt Euro­pas: Eine Ansamm­lung leer wir­ken­der Neu­bau­ten, die aus­se­hen, als seien sie von Prak­ti­kan­ten ent­wor­fen. Und dann doch noch ein Lebens­zei­chen. An einer Wand steht: Wenn die Welt eine Bank wäre, hät­tet ihr sie längst geret­tet. Dar­auf ein Bier!

Brau­fac­tum
www.braufactum.de

Text: Peter Lau
Foto: Andrea Thode

aus Effi­lee #14, Januar/Februar 2011

2. Mai 2011
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11 Kommentare

  1. Erstellt am 2. Mai 2011 um 13:22 | Permanent-Link

    Vudu hat den Preis für das beste Wei­zen­bier der Welt gewon­nen. Wel­ches ist dein Lieblingsweizenbier?

  2. Erstellt am 2. Mai 2011 um 15:04 | Permanent-Link

    Schon sehr außer­ge­wöhn­lich das Vudu!

    Grund­sätz­lich gibt es für mich nicht »das« Lieb­lings­wei­zen. Aber eines mei­ner Lieb­lings­wei­zen ist das »Hopf« Weiß­bier aus Mies­bach (Ober­bay­ern) und das »Tap 7″ von Schnei­der Weisse.

  3. Erstellt am 28. August 2011 um 16:43 | Permanent-Link

    […] mit dem Geschäfts­füh­rer von Brau­fac­tum, Dr. Rausch­mann — Bier­test eines der bes­ten Wei­zen­bier Vudu — wei­tere Gewinn­spiele, Inter­views, Berichte, Braue­rei­vor­stel­lun­gen, Bier­tests und vieles […]

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  1. […] mit dem Geschäfts­füh­rer von Brau­fac­tum, Dr. Rausch­mann — Bier­test eines der bes­ten Wei­zen­bier Vudu — wei­tere Gewinn­spiele, Inter­views, Berichte, Braue­rei­vor­stel­lun­gen, Bier­tests und vieles […]

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