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KNIGGE WEISS RAT
Wahre Liebe?
Neulich habe ich auf einer Messe für Haustiere Lollis, Torten, glutenfreie Kekse und sogar Schokopralinen für Hunde gesehen. Ich habe mich ziemlich gewundert. Ist solches Tierfutter wirklich notwendig?
»Habe ich […] diejenigen getadelt, die grausam gegen Tiere verfahren, so muß ich doch auch sagen, daß andre in die entgegengesetzte Übertreibung fallen, indem sie mit dem Viehe wie mit Menschen umgehen. Ich kenne Damen, die ihre Katze zärtlicher umarmen als ihre Ehegatten; junge Herrn, die ihren Pferden sorgsamer aufwarten als ihren Oheimen und Basen, und Männer, die gegen ihre Hunde mehr Zärtlichkeit, Schonung und Nachsicht beweisen als gegen ihre Freunde, die sich von jenen müssen mit Flöhen bevölkern lassen.«
Adolph Freiherr Knigge:
Über den Umgang mit Menschen
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Freiherr Knigge weiß Rat!
Schreiben Sie ihm einfach eine
E-Mail: Knigge@effilee.de
Die beste Frage wird im nächsten Heft beantwortet.
Malbec Reserva 2007
Über Maradona, die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 und was Malbec Reserva 2007 damit zu tun hat
Schweinsteiger, Özil und Konsorten in allen Ehren, aber das Interessanteste an der Fußball-Weltmeisterschaft war für mich, wie weit die Argentinier, genauer gesagt, wie weit Maradona kommen würde. Natürlich: Es kam, wie es kommen musste, die Besseren gewannen, wurden später von noch Besseren geschlagen – und Diego Armando Maradona, der als Trainer so gesund und glücklich ausgesehen hatte wie lange nicht mehr, musste sich zurückziehen.
Malbec gilt als Synonym für argentinischen Wein
Vielleicht, habe ich gedacht, guckt er sich zu Hause erst mal eine DVD mit seinen besten Spielen an. Ich jedenfalls wollte genau das tun und bereitete mich auf einen Abend mit Emir Kusturicas grandioser Dokumentation Maradona vor.
Nun bin ich eigentlich kein Freund von Überseeweinen, die sind mir tendenziell zu stromlinienförmig, zu perfekt, ohne die kleinen Fehler, welche die Eigenständigkeit ausmachen und zu einem großen Wein dazugehören. Aber man soll seine Vorurteile hin und wieder auf die Probe stellen, und da kam mir der Malbec Reserva von Terrazas de los Andes gerade recht.
Dieser Wein ist nicht irgendwas, das Weingut wurde von Moët & Chandon gegründet. Das Unternehmen hat in den Fünfzigerjahren angefangen, in der Region Mendoza Wein für die Herstellung von erstklassigem Schaumwein anzubauen. Nachdem man damit einige Jahre gute Erfahrungen gemacht hatte, begann man, auch andere Rebsorten anzubauen, darunter Malbec.
Malbec ist eine der sechs Rebsorten, die für die Assemblage der Bordeaux zugelassen sind. Er ist reich an Tanninen, sehr intensiv in der Farbe und bringt viel Frucht mit. Nach Argentinien ist die Sorte Mitte des 19. Jahrhunderts gekommen, vor der Reblausplage, und es scheint, dass die argentinischen Pflanzen von einer Linie abstammen, die in Frankreich ausgestorben ist. So hat der argentinische Malbec etwas ganz Eigenes, er ist weicher und fruchtiger als sein französischer Bruder, dabei aber ebenso lagerfähig.
Vielen gilt Malbec als Synonym für argentinischen Wein. Nicht zu unrecht, denn das Land ist mit Abstand der größte Produzent dieser Rebsorte. Über siebzig Prozent der weltweiten Produktion kommen von hier, Frankreich ist mit neunzehn Prozent weit abgeschlagen. Das liegt daran, dass die klimatischen Bedingungen in den Anden wesentlich unproblematischer sind als in Europa. Eine Besonderheit der argentinischen Geografie ist, dass auf relativ kleinem Gebiet Wein in sehr verschiedenen Höhenlagen angebaut werden kann, mit den entsprechenden klimatischen Konsequenzen. Die verschiedenen Rebsorten werden auf entsprechenden Terrassen angebaut, die für den Malbec liegt 1067 Meter über dem Meer. Der 2007er ist natürlich noch sehr jung, aber sei’s drum, wenn er ungestüm daherkommt, kann er für einen Maradona-Film nicht verkehrt sein. So, wie sich Emir Kusturica vorsichtig der Legende und dem Menschen Maradona nähert, will ich mich diesem Wein nähern. Doch während der Film zunächst von einem vorsichtigen Abtasten geprägt ist, fängt der Wein gleich an, als müsste er in der ersten Minute unbedingt das 1:0 schießen. Da ist schon viel Frucht, Brombeere und schwarze Kirsche sowie ein bisschen Lakritz und Tabaknoten, nicht uninteressant, aber noch etwas unausgewogen. Ein junger Wein eben. Also: dekantieren, beziehungsweise lüften. Und siehe da: In der Karaffe zeigt sich der Malbec sofort von einer anderen Seite, Tannine und Struktur treten deutlicher hervor.
Das Grandiose an Kusturicas Film ist, dass es ihm gelingt, nicht nur eine Audienz bei Maradona zu bekommen, sondern den Menschen Maradona dazu zu bringen, sich wirklich zu öffnen. Maradona genießt offensichtlich seinen Status als Legende, aber er nimmt seine Mitmenschen ernst und ist von den vielen Zeichen der Liebe und Verehrung immer noch gerührt. Wir dürfen ihn begleiten, als er in das Haus zurückkehrt, in dem er aufgewachsen ist. Er erzählt dort eine ganz einfache Geschichte: wie seine Mutter, wenn sie sah, dass er nichts gegessen hatte, plötzlich Bauchschmerzen bekam und nicht mehr essen konnte. Und wie er viel später erst begriffen hat, dass sie gar keine Bauchschmerzen hatte, sondern nur wollte, dass mehr für die Kinder da war.
Dann sehen wir Maradona als Kind, wie er erzählt, dass sein Traum sei, bei der Weltmeisterschaft zu spielen und ein Champion zu sein. Und wir sehen immer wieder jenes Tor, mit dem er sich – gerade weil er es mit der Hand Gottes erzielt hatte – für immer in die Geschichtsbücher des Fußballs eingeschrieben hat. Das war bei der WM 1986 im Viertelfinale gegen England. Kusturica zeigt dazu Bilder vom Falklandkrieg 1982 zwischen Großbritannien und Argentinien und unterlegt das Ganze mit God save the Queen von den Sex Pistols.
Je länger das geht, der Wein und der Film nebeneinander und miteinander, desto mehr merke ich, wie gut das funktioniert. Natürlich ist dieser Wein keine Allegorie auf den Fußball, aber wenn man Maradona zusieht und seiner Familie und seinen Landsleuten, und dazu seine Nase ins Glas steckt, hat man schon das Gefühl, Argentinien nicht nur zu sehen und zu hören, sondern auch zu schmecken und zu riechen. Deshalb mag ich keine Blindproben: Weil sie die Fantasie abschneiden. Was soll man sich vorstellen, wenn man das Etikett nicht gesehen hat?
Unser Wein hat übrigens einen berühmten großen Bruder, der Cheval des Andes heißt. Er entstammt einem Joint Venture mit dem legendären Cheval Blanc und verzeiht es sicherlich noch weniger, so früh getrunken zu werden. Deshalb bleibt er erst mal liegen und wir genießen den Malbec Reserva. Das ist einer fürs Volk und trotzdem großartig. Wie Maradona eben.
aus Effilee #13, November/Dezember 2010
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