Getrunkene Flasche

Malbec Reserva 2007

Über Mara­dona, die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 und was Mal­bec Reserva 2007 damit zu tun hat

Schwein­stei­ger, Özil und Kon­sor­ten in allen Ehren, aber das Inter­es­san­teste an der Fußball-Weltmeisterschaft war für mich, wie weit die Argen­ti­nier, genauer gesagt, wie weit Mara­dona kom­men würde. Natür­lich: Es kam, wie es kom­men musste, die Bes­se­ren gewan­nen, wur­den spä­ter von noch Bes­se­ren geschla­gen – und Diego Armando Mara­dona, der als Trai­ner so gesund und glück­lich aus­ge­se­hen hatte wie lange nicht mehr, musste sich zurückziehen.

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Mal­bec gilt als Syn­onym für argen­ti­ni­schen Wein

Viel­leicht, habe ich gedacht, guckt er sich zu Hause erst mal eine DVD mit sei­nen bes­ten Spie­len an. Ich jeden­falls wollte genau das tun und berei­tete mich auf einen Abend mit Emir Kus­tu­ricas gran­dio­ser Doku­men­ta­tion Mara­dona vor.

Nun bin ich eigent­lich kein Freund von Über­see­wei­nen, die sind mir ten­den­zi­ell zu strom­li­ni­en­för­mig, zu per­fekt, ohne die klei­nen Feh­ler, wel­che die Eigen­stän­dig­keit aus­ma­chen und zu ­einem gro­ßen Wein dazu­ge­hö­ren. Aber man soll seine Vor­ur­teile hin und wie­der auf die Probe stel­len, und da kam mir der Mal­bec Reserva von Ter­ra­zas de los Andes gerade recht.

Die­ser Wein ist nicht irgend­was, das Wein­gut wurde von Moët & Chan­don gegrün­det. Das Unter­neh­men hat in den Fünf­zi­ger­jah­ren ange­fan­gen, in der Region Men­doza Wein für die Her­stel­lung von erst­klas­si­gem Schaum­wein anzu­bauen. Nach­dem man damit einige Jahre gute Erfah­run­gen gemacht hatte, begann man, auch andere Reb­sor­ten anzu­bauen, dar­un­ter Malbec.

Mal­bec ist eine der sechs Reb­sor­ten, die für die Assem­blage der Bor­deaux zuge­las­sen sind. Er ist reich an Tan­ni­nen, sehr inten­siv in der Farbe und bringt viel Frucht mit. Nach Argen­ti­nien ist die Sorte Mitte des 19. Jahrhunderts gekom­men, vor der Reb­laus­plage, und es scheint, dass die argen­ti­ni­schen Pflan­zen von einer Linie abstam­men, die in Frank­reich aus­ge­stor­ben ist. So hat der argen­ti­ni­sche Mal­bec etwas ganz Eige­nes, er ist wei­cher und fruch­ti­ger als sein fran­zö­si­scher Bru­der, dabei aber ebenso lagerfähig.

Tren­ner

Vie­len gilt Mal­bec als Syn­onym für argen­ti­ni­schen Wein. Nicht zu unrecht, denn das Land ist mit Abstand der größte Pro­du­zent die­ser Reb­sorte. Über sieb­zig Pro­zent der welt­wei­ten Pro­duk­tion kom­men von hier, Frank­reich ist mit neun­zehn Pro­zent weit abge­schla­gen. Das liegt daran, dass die kli­ma­ti­schen Bedin­gun­gen in den Anden wesent­lich unpro­ble­ma­ti­scher sind als in Europa. Eine Beson­der­heit der argen­ti­ni­schen Geo­gra­fie ist, dass auf rela­tiv klei­nem Gebiet Wein in sehr ver­schie­de­nen Höhen­la­gen ange­baut wer­den kann, mit den ent­spre­chen­den kli­ma­ti­schen Kon­se­quen­zen. Die ver­schie­de­nen Reb­sor­ten wer­den auf ent­spre­chen­den Ter­ras­sen ange­baut, die für den Mal­bec liegt 1067 Meter über dem Meer. Der 2007er ist natür­lich noch sehr jung, aber sei’s drum, wenn er unge­stüm daher­kommt, kann er für einen Maradona-Film nicht ver­kehrt sein. So, wie sich Emir Kus­tu­rica vor­sich­tig der Legende und dem Men­schen Mara­dona nähert, will ich mich die­sem Wein nähern. Doch wäh­rend der Film zunächst von einem vor­sich­ti­gen Abtas­ten geprägt ist, fängt der Wein gleich an, als müsste er in der ers­ten Minute unbe­dingt das 1:0 schie­ßen. Da ist schon viel Frucht, Brom­beere und schwarze Kir­sche sowie ein biss­chen Lakritz und Tabak­no­ten, nicht unin­ter­es­sant, aber noch etwas unaus­ge­wo­gen. Ein jun­ger Wein eben. Also: dekan­tie­ren, bezie­hungs­weise lüf­ten. Und siehe da: In der Karaffe zeigt sich der Mal­bec sofort von einer ande­ren Seite, Tan­nine und Struk­tur tre­ten deut­li­cher hervor.

Das Gran­diose an Kus­tu­ricas Film ist, dass es ihm gelingt, nicht nur eine Audi­enz bei Mara­dona zu bekom­men, son­dern den Men­schen Mara­dona dazu zu brin­gen, sich wirk­lich zu öffnen. Mara­dona genießt offen­sicht­lich sei­nen Sta­tus als Legende, aber er nimmt seine Mit­men­schen ernst und ist von den vie­len Zei­chen der Liebe und Ver­eh­rung immer noch gerührt. Wir dür­fen ihn beglei­ten, als er in das Haus zurück­kehrt, in dem er auf­ge­wach­sen ist. Er erzählt dort eine ganz ein­fa­che Geschichte: wie seine Mut­ter, wenn sie sah, dass er nichts geges­sen hatte, plötz­lich Bauch­schmer­zen bekam und nicht mehr essen konnte. Und wie er viel spä­ter erst begrif­fen hat, dass sie gar keine Bauch­schmer­zen hatte, son­dern nur wollte, dass mehr für die Kin­der da war.

Dann sehen wir Mara­dona als Kind, wie er erzählt, dass sein Traum sei, bei der Welt­meis­ter­schaft zu spie­len und ein Cham­pion zu sein. Und wir sehen immer wie­der jenes Tor, mit dem er sich – gerade weil er es mit der Hand Got­tes erzielt hatte – für immer in die Geschichts­bü­cher des Fuß­balls ein­ge­schrie­ben hat. Das war bei der WM 1986 im Vier­tel­fi­nale gegen Eng­land. Kus­tu­rica zeigt dazu Bil­der vom Falk­land­krieg 1982 zwi­schen Groß­bri­tan­nien und Argen­ti­nien und unter­legt das Ganze mit God save the Queen von den Sex Pistols.

Je län­ger das geht, der Wein und der Film neben­ein­an­der und mit­ein­an­der, desto mehr merke ich, wie gut das funk­tio­niert. Natür­lich ist die­ser Wein keine Alle­go­rie auf den Fuß­ball, aber wenn man Mara­dona zusieht und sei­ner Fami­lie und sei­nen Lands­leu­ten, und dazu seine Nase ins Glas steckt, hat man schon das Gefühl, Argen­ti­nien nicht nur zu sehen und zu hören, son­dern auch zu schme­cken und zu rie­chen. Des­halb mag ich keine Blind­pro­ben: Weil sie die Fan­ta­sie abschnei­den. Was soll man sich vor­stel­len, wenn man das Eti­kett nicht gese­hen hat?

Unser Wein hat übri­gens einen berühm­ten gro­ßen Bru­der, der Che­val des Andes heißt. Er ent­stammt einem Joint Ven­ture mit dem legen­dä­ren Che­val Blanc und ver­zeiht es sicher­lich noch weni­ger, so früh getrun­ken zu wer­den. Des­halb bleibt er erst mal lie­gen und wir genie­ßen den Mal­bec Reserva. Das ist einer fürs Volk und trotz­dem groß­ar­tig. Wie Mara­dona eben.

Text: Mar­kus Hesemeier
Foto: Andrea Thode

aus Effi­lee #13, November/Dezember 2010

17. Februar 2011
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