Getrunkene Flasche

FukutokuchoSaro

Tho­mas Grö­mer erzählt vom Fuku­to­ku­cho­Saro und vom Erwachsenwerden

Am zwei­ten Mon­tag im Januar tra­gen in Japan alle fast 20-Jähri­gen Kimono. Und ihre Fami­lien strö­men zu den Tem­peln des Lan­des, um den Tag so fest­lich zu bege­hen, wie hier­zu­lande eine Kom­mu­nion oder Kon­fir­ma­tion. Denn der 15. Januar ist der Tag, an dem alle Japa­ner, die in die­sem Jahr das 20. Lebens­jahr voll­en­den, das Ende ihrer Kind­heit und den Start ins Erwach­se­nen­le­ben fei­ern. Davor gilt man in Japan als Kind – danach ist man end­lich erwach­sen. »Alko­hol ist für alle ab 20 Jahre, genie­ßen Sie ab die­sem Alter Alko­hol in Maßen«, steht in japa­ni­scher Schrift auf der Fla­sche Saro, die vor mir steht. Was für ein char­man­ter, asia­ti­scher Kon­tra­punkt zu den klas­si­schen Ver­bo­ten in unse­ren Breitengraden.

Getrunkene Flasche 1 198x247 FukutokuchoSaro

Der mit Tee ver­setzte Reis­schnaps Saro sieht freund­lich und harm­los aus, ist aber trotz­dem wirksam

Ich sitze in mei­ner japa­ni­schen Stamm­kneipe in Ham­burg und warte auf eine Geschäfts­part­ne­rin, eine Frau in den bes­ten Jah­ren, wit­zig, klug, han­sea­tisch, mit viel Lebens­er­fah­rung und sehr krea­tiv. Einer­seits. Ande­rer­seits aber auch ein har­tes Gegen­über im Unter­neh­mer­all­tag. Erst neu­lich habe ich sie mit einer stra­te­gi­schen Ent­schei­dung ver­är­gert, und so wird sie wohl immer noch sauer auf mich sein. Trotz­dem soll die Dame mit all ihrer Krea­ti­vi­tät und Erfah­rung meine neue Geschäfts­idee unter­stüt­zen. Das Gespräch, das mich erwar­tet, ver­spricht also span­nend zu wer­den. Nach meh­re­ren Jah­ren als tea tas­ter in Japan bin ich dem Land auch heute noch beruf­lich und aus purer Begeis­te­rung sehr ver­bun­den, und so suche ich in jeder gro­ßen euro­päi­schen Stadt mein Stück­chen Japan. So wie hier mit­ten in der Ham­bur­ger Innen­stadt. Büro­schluss, Nie­sel­re­gen. Win­ter­li­che Ham­bur­ger Dun­kel­heit. Fei­er­abend. Nur ein japa­ni­scher Schrift­zug strahlt Trost aus: Comon.

Ein Schritt durch die Tür und Deutsch­land ist 5000 Mei­len fern – das geht mir immer so, sobald ich die­ses Lokal betrete. Japa­ni­sche Begrü­ßung. Japa­ni­sches Menü mit selt­sa­mer deut­scher Über­set­zung. Zwei Dut­zend Fla­schen mit japa­ni­schen Zei­chen. Für mich hat das eine Heimspiel-Atmosphäre, die ich für das bevor­ste­hende Gespräch nut­zen möchte. Dann geht die Tür auf. Und sie tritt ein. Nor­ma­ler­weise ist sie char­mant, heute ist sie höf­lich. Meine Geheim­waffe für schwie­rige Gesprä­che ist mein Wie­ner Schmäh, den ich quasi mit der Mut­ter­milch auf­ge­so­gen habe. Doch diese Han­sea­tin ist immun dage­gen, sie ver­zieht keine Miene. Aber ich habe noch einen Trumpf im Ärmel: Shochu.

Shochu heißt gebrann­ter Alko­hol und ist nichts ande­res als: Schnaps. Man bekommt ihn schon mit einem recht mode­ra­ten Alko­hol­an­teil von 25 Pro­zent, kann ihn aber auch mit sat­ten 35 oder 40 Pro­zent genie­ßen. Shochu trinkt man nicht unbe­dingt solo, er ist auch Teil der soge­nann­ten Chuhai, Mix­ge­tränke, die mit unse­ren Alko­pops ver­gleich­bar sind – Shochu, manch­mal auch Wodka Japans genannt, ist ein Ren­ner bei japa­ni­schen Jugend­li­chen. Par­don, jun­gen Erwach­se­nen. Shochu kommt von der Insel Kyushu, Prä­fek­tur Kago­shima. Die Insel zählt die meis­ten akti­ven Vul­kane Japans und ist berühmt für süße Tees, harte Män­ner und lecker gebra­tene schwarze Schweine. Im zwei­ten Welt­krieg star­te­ten von dort die Kamikaze.

Tren­ner

Shochu kann aus ver­schie­de­nen Roh­stof­fen gebrannt wer­den. Wie beim Sake gibt es unter ande­rem Shochu auf Reis­ba­sis, Kome-Shochu. Im Süden beliebt ist Kuro­sato, ein Brand aus schwar­zem Zucker. Shochu aus Süß­kar­tof­fel, Gerste und Edel­kas­ta­nie sind wei­tere gän­gige Vari­an­ten. Heute brau­che ich aller­dings eine raffinier­tere Ver­sion, der man ihre Stärke nicht gleich ansieht. Ein harm­los freund­li­ches Grün, ein sym­pa­thi­scher Name: Saro – Tee-Tau. Ein Kome-Shochu ver­setzt mit Gyo­kuro. Gyo­kuro, also Tau­trop­fen, ist einer der wert­volls­ten Tees der Welt. Er wächst nur in weni­gen Regio­nen und dort nur im Schat­ten. Die Bau­ern decken ihre Tees mit dunk­len Net­zen ab, damit das Son­nen­licht nicht direkt das zarte Blatt trifft. Die lange Über­schat­tungs­zeit bringt eine ein­zig­ar­tige Geschmacks­note her­vor: Umami, den weit­ge­hend unent­deck­ten fünf­ten Geschmack, den wir nur vage beschrei­ben kön­nen. Umami schme­cken wir nicht auf der Zunge, son­dern auf dem Gau­men, es ist der beson­dere Wohl­ge­schmack. Für Saro bedeu­tet das: Er hat nur 25 Pro­zent Alko­hol, ist ele­gant und ver­we­gen, aber trotz­dem wirk­sam. Ideal für den heu­ti­gen Abend.

Wir trin­ken also Saro. Ich erzähle mei­ner Geschäfts­part­ne­rin über den Schnaps, wir kos­ten japa­ni­sche Köst­lich­kei­ten und dis­ku­tie­ren zuneh­mend ent­spann­ter. Lang­sam zeigt sich eine Regung auf ihrem Gesicht. Ein Lächeln, ein kräf­ti­ger Schluck aus dem Glas, noch einer, und dann end­lich eine Geste des Ver­zei­hens: Sie hält mir den Stin­ke­fin­ger vors Gesicht. Und steckt danach ganz unhan­sea­tisch ihre Nase so tief wie mög­lich zuerst in den Fla­schen­hals, danach in ihr Glas. Grin­send stellt sie fest: »Die­ser Tee könnte mir gefähr­lich wer­den!« Wir sind mitt­ler­weile bei der Ver­sion Tee-Schnaps auf war­mem grü­nem Tee gelan­det. Zuvor hat­ten wir eine andere Vari­ante sowie ein Geschäfts­mo­dell getes­tet. Lei­der Got­tes ent­sprach das Geschäfts­mo­dell der getrun­ke­nen Saro-Variante: mit Was­ser gekocht und dann auf Eis gelegt.

Pur trinkt man Shochu eher sel­ten. Einige lie­ben ihn mit war­mem Was­ser, viele genie­ßen ihn mit Grün­tee – das hält am nächs­ten Mor­gen auch den Kater fern. Am häu­figs­ten aber kommt er on the rocks daher – und auch wir blei­ben dabei. Bis die Fla­sche leer ist, die Ideen spru­deln und mein nord­deut­sches Gegen­über mich fröh­lich anstrahlt. Geschafft. Mir wurde ver­zie­hen und ein neues Geschäfts­mo­dell ange­scho­ben. Shochu hat die gute Stim­mung in der Geschäfts­be­zie­hung und den Abend geret­tet. Wir haben noch viel gelacht. Und sind beschwipst nach Hause gegan­gen. Jeder zu sich. Was dach­ten Sie denn? Wir sind schließ­lich erwachsen.

Text: Tho­mas Grö­mer
Foto: Andrea Thode

aus Effi­lee #10, Mai/Juni 2010

5. Mai 2010
Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Getrunkene Flasche und getagged , . Bookmarken: Permanent-Link. Kommentieren oder ein Trackback hinterlassen: Trackback-URL.

Ihr Kommentar

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder verteilt. Benötigte Felder sind mit * markiert

*
*

Du kannst diese HTML Tags und Attribute verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Anzeige

KNIGGE WEISS RAT

Traurige Liebschaft

Vor eini­ger Zeit habe ich mich in eine gute Bekannte ver­liebt. Ich habe ver­sucht, ihr meine ­Gefühle zu signa­li­sie­ren, aber sie geht nicht dar­auf ein und weicht mir ­seit­her sogar aus. Ver­mut­lich will sie nichts von mir, aber ich komme ein­fach nicht gegen meine Gefühle an und bin kreu­z­un­glück­lich. Wis­sen Sie einen Ausweg?

»Groß ist die Ver­le­gen­heit für ein füh­len­des Herz, geliebt zu wer­den und Liebe nicht erwi­dern zu kön­nen; schreck­lich ist die Qual zu lie­ben und ver­schmäht zu wer­den; ver­zweif­lungs­voll die Lage des­sen, der für gren­zen­lose, treue Zärt­lich­keit und Hin­ge­bung mit Betrug und Untreue belohnt wird. – Wer gegen dies alles sichre Mit­tel weiß, der hat den Stein der Wei­sen gefun­den. Ich gestehe meine Schwä­che – ich kenne kei­nes als die Flucht, ehe es dahin kommt.«

Adolph Freiherr Knigge:
Über den Umgang mit Menschen


Haben Sie ein Problem?
Freiherr Knigge weiß Rat!
Schreiben Sie ihm einfach eine
E-Mail: Knigge@effilee.de

Die beste Frage wird im nächsten Heft beantwortet.

  • Jetzt im Handel

  • Kleinanzeigen

  • Schneller Teller

  • Neueste Kommentare


  • RSS Feeds