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KNIGGE WEISS RAT
Traurige Liebschaft
Vor einiger Zeit habe ich mich in eine gute Bekannte verliebt. Ich habe versucht, ihr meine Gefühle zu signalisieren, aber sie geht nicht darauf ein und weicht mir seither sogar aus. Vermutlich will sie nichts von mir, aber ich komme einfach nicht gegen meine Gefühle an und bin kreuzunglücklich. Wissen Sie einen Ausweg?
»Groß ist die Verlegenheit für ein fühlendes Herz, geliebt zu werden und Liebe nicht erwidern zu können; schrecklich ist die Qual zu lieben und verschmäht zu werden; verzweiflungsvoll die Lage dessen, der für grenzenlose, treue Zärtlichkeit und Hingebung mit Betrug und Untreue belohnt wird. – Wer gegen dies alles sichre Mittel weiß, der hat den Stein der Weisen gefunden. Ich gestehe meine Schwäche – ich kenne keines als die Flucht, ehe es dahin kommt.«
Adolph Freiherr Knigge:
Über den Umgang mit Menschen
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Schreiben Sie ihm einfach eine
E-Mail: Knigge@effilee.de
Die beste Frage wird im nächsten Heft beantwortet.
FukutokuchoSaro
Thomas Grömer erzählt vom FukutokuchoSaro und vom Erwachsenwerden
Am zweiten Montag im Januar tragen in Japan alle fast 20-Jährigen Kimono. Und ihre Familien strömen zu den Tempeln des Landes, um den Tag so festlich zu begehen, wie hierzulande eine Kommunion oder Konfirmation. Denn der 15. Januar ist der Tag, an dem alle Japaner, die in diesem Jahr das 20. Lebensjahr vollenden, das Ende ihrer Kindheit und den Start ins Erwachsenenleben feiern. Davor gilt man in Japan als Kind – danach ist man endlich erwachsen. »Alkohol ist für alle ab 20 Jahre, genießen Sie ab diesem Alter Alkohol in Maßen«, steht in japanischer Schrift auf der Flasche Saro, die vor mir steht. Was für ein charmanter, asiatischer Kontrapunkt zu den klassischen Verboten in unseren Breitengraden.
Der mit Tee versetzte Reisschnaps Saro sieht freundlich und harmlos aus, ist aber trotzdem wirksam
Ich sitze in meiner japanischen Stammkneipe in Hamburg und warte auf eine Geschäftspartnerin, eine Frau in den besten Jahren, witzig, klug, hanseatisch, mit viel Lebenserfahrung und sehr kreativ. Einerseits. Andererseits aber auch ein hartes Gegenüber im Unternehmeralltag. Erst neulich habe ich sie mit einer strategischen Entscheidung verärgert, und so wird sie wohl immer noch sauer auf mich sein. Trotzdem soll die Dame mit all ihrer Kreativität und Erfahrung meine neue Geschäftsidee unterstützen. Das Gespräch, das mich erwartet, verspricht also spannend zu werden. Nach mehreren Jahren als tea taster in Japan bin ich dem Land auch heute noch beruflich und aus purer Begeisterung sehr verbunden, und so suche ich in jeder großen europäischen Stadt mein Stückchen Japan. So wie hier mitten in der Hamburger Innenstadt. Büroschluss, Nieselregen. Winterliche Hamburger Dunkelheit. Feierabend. Nur ein japanischer Schriftzug strahlt Trost aus: Comon.
Ein Schritt durch die Tür und Deutschland ist 5000 Meilen fern – das geht mir immer so, sobald ich dieses Lokal betrete. Japanische Begrüßung. Japanisches Menü mit seltsamer deutscher Übersetzung. Zwei Dutzend Flaschen mit japanischen Zeichen. Für mich hat das eine Heimspiel-Atmosphäre, die ich für das bevorstehende Gespräch nutzen möchte. Dann geht die Tür auf. Und sie tritt ein. Normalerweise ist sie charmant, heute ist sie höflich. Meine Geheimwaffe für schwierige Gespräche ist mein Wiener Schmäh, den ich quasi mit der Muttermilch aufgesogen habe. Doch diese Hanseatin ist immun dagegen, sie verzieht keine Miene. Aber ich habe noch einen Trumpf im Ärmel: Shochu.
Shochu heißt gebrannter Alkohol und ist nichts anderes als: Schnaps. Man bekommt ihn schon mit einem recht moderaten Alkoholanteil von 25 Prozent, kann ihn aber auch mit satten 35 oder 40 Prozent genießen. Shochu trinkt man nicht unbedingt solo, er ist auch Teil der sogenannten Chuhai, Mixgetränke, die mit unseren Alkopops vergleichbar sind – Shochu, manchmal auch Wodka Japans genannt, ist ein Renner bei japanischen Jugendlichen. Pardon, jungen Erwachsenen. Shochu kommt von der Insel Kyushu, Präfektur Kagoshima. Die Insel zählt die meisten aktiven Vulkane Japans und ist berühmt für süße Tees, harte Männer und lecker gebratene schwarze Schweine. Im zweiten Weltkrieg starteten von dort die Kamikaze.
Shochu kann aus verschiedenen Rohstoffen gebrannt werden. Wie beim Sake gibt es unter anderem Shochu auf Reisbasis, Kome-Shochu. Im Süden beliebt ist Kurosato, ein Brand aus schwarzem Zucker. Shochu aus Süßkartoffel, Gerste und Edelkastanie sind weitere gängige Varianten. Heute brauche ich allerdings eine raffiniertere Version, der man ihre Stärke nicht gleich ansieht. Ein harmlos freundliches Grün, ein sympathischer Name: Saro – Tee-Tau. Ein Kome-Shochu versetzt mit Gyokuro. Gyokuro, also Tautropfen, ist einer der wertvollsten Tees der Welt. Er wächst nur in wenigen Regionen und dort nur im Schatten. Die Bauern decken ihre Tees mit dunklen Netzen ab, damit das Sonnenlicht nicht direkt das zarte Blatt trifft. Die lange Überschattungszeit bringt eine einzigartige Geschmacksnote hervor: Umami, den weitgehend unentdeckten fünften Geschmack, den wir nur vage beschreiben können. Umami schmecken wir nicht auf der Zunge, sondern auf dem Gaumen, es ist der besondere Wohlgeschmack. Für Saro bedeutet das: Er hat nur 25 Prozent Alkohol, ist elegant und verwegen, aber trotzdem wirksam. Ideal für den heutigen Abend.
Wir trinken also Saro. Ich erzähle meiner Geschäftspartnerin über den Schnaps, wir kosten japanische Köstlichkeiten und diskutieren zunehmend entspannter. Langsam zeigt sich eine Regung auf ihrem Gesicht. Ein Lächeln, ein kräftiger Schluck aus dem Glas, noch einer, und dann endlich eine Geste des Verzeihens: Sie hält mir den Stinkefinger vors Gesicht. Und steckt danach ganz unhanseatisch ihre Nase so tief wie möglich zuerst in den Flaschenhals, danach in ihr Glas. Grinsend stellt sie fest: »Dieser Tee könnte mir gefährlich werden!« Wir sind mittlerweile bei der Version Tee-Schnaps auf warmem grünem Tee gelandet. Zuvor hatten wir eine andere Variante sowie ein Geschäftsmodell getestet. Leider Gottes entsprach das Geschäftsmodell der getrunkenen Saro-Variante: mit Wasser gekocht und dann auf Eis gelegt.
Pur trinkt man Shochu eher selten. Einige lieben ihn mit warmem Wasser, viele genießen ihn mit Grüntee – das hält am nächsten Morgen auch den Kater fern. Am häufigsten aber kommt er on the rocks daher – und auch wir bleiben dabei. Bis die Flasche leer ist, die Ideen sprudeln und mein norddeutsches Gegenüber mich fröhlich anstrahlt. Geschafft. Mir wurde verziehen und ein neues Geschäftsmodell angeschoben. Shochu hat die gute Stimmung in der Geschäftsbeziehung und den Abend gerettet. Wir haben noch viel gelacht. Und sind beschwipst nach Hause gegangen. Jeder zu sich. Was dachten Sie denn? Wir sind schließlich erwachsen.
Foto: Andrea Thode
aus Effilee #10, Mai/Juni 2010
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