Erzähltes Leben Magazin

Ganz hinten in der Küche

Köche sind beliebte Gesprächs­part­ner, auch Som­me­liers wer­den gern um ihre Mei­nung gebe­ten. Nur wer sich um die dre­cki­gen Tel­ler küm­mert, will kei­ner wis­sen. Dabei funk­tioniert ein Restau­rant ohne Spü­ler nicht. Doch kaum jemand will dar­über reden

Spül­kü­chen sind keine Orte für beschau­li­che Gesprä­che, auch nicht die von Nord Event. Es ist heiß, nass, und vor allem ist es laut. Spül­ma­schi­nen dröh­nen, Geschirr klap­pert, Was­ser rauscht, und aus der Küche nebenan dringt eben­falls Lärm, sodass man sich nur rufend ver­stän­di­gen kann. Dabei geht es im Moment ver­hält­nis­mä­ßig ruhig zu.

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»Wenn Hoch­be­trieb ist, muss zügig gear­bei­tet wer­den, dann ist es sehr anstren­gend«, sagt Mama­dou Bah. Er steht an der Wasch­straße für Geschirr, einer lang gezo­ge­nen Maschine, die an eine Auto­wasch­an­lage in Minia­tur­form erin­nert. Seine Hände bewe­gen sich so flink, dass man den ein­zel­nen Hand­grif­fen kaum fol­gen kann, mit denen er Tel­ler und Tas­sen auf Plas­tik­pa­let­ten sor­tiert. Erst spült er das Geschirr mit einem schlauch­ar­ti­gen Was­ser­hahn über einem Spül­be­cken vor, dann schickt er es durch die Wasch­straße. Nach etwa einer Minute läuft es am ande­ren Ende der Maschine wie­der her­aus, blitz­blank, tro­cken und 60 bis 70 Grad heiß.

»Man muss auf­pas­sen, weil es so heiß ist«, sagt der Spü­ler und leert die Palet­ten trotz­dem mit blo­ßen Hän­den auf Roll­wa­gen, bevor er im Zeit­raf­fer­tempo die nächste Ladung durch die Wasch­straße schickt. Es ist Fließ­band­ar­beit, aber Mama­dou Bah erle­digt sie mit fast schon medi­ta­ti­ver Rou­tine. Er trägt eine Plas­tik­schürze, ein blaues Sweat­shirt, eine ver­wa­schene braun­grüne Hose und gelbe Gum­mi­stie­fel. Die sind not­wen­dig, denn große Palet­ten und Eimer wer­den auf dem Boden neben dem Abfluss vorgespült.

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Die Spül­kü­che, ein Raum von etwa 20 Qua­drat­me­tern, passt von den Dimen­sio­nen zur zuge­hö­ri­gen Küche, die sich auf dem Gelände des ehe­ma­li­gen Schlacht­ho­fes zwi­schen dem Ham­bur­ger Schan­zen– und Karo­li­nen­vier­tel über meh­rere Hal­len erstreckt. Nord Event ist eine der größ­ten Event-Agenturen in Nord­deutsch­land. Allein im Cate­ring­be­reich des Unter­neh­mens sind knapp 40 feste Mit­ar­bei­ter beschäf­tigt, in der Spül­kü­che arbei­tet ein Team von drei Spü­lern. Bah ist seit 2005 als Spü­ler bei Nord Event ange­stellt. Er stammt aus Gui­nea in West­afrika, 2003 kam er nach Deutsch­land.
Gedul­dig zeigt er die Geräte, mit denen er arbei­tet: die mehr als manns­hohe Spül­ma­schine für Töpfe, Ble­che, Palet­ten und andere große Gerät­schaf­ten, die drei Minu­ten für einen Wasch­gang benö­tigt, und die Wasch­straße für das Geschirr. »Es gibt sogar Maschi­nen, die in einer hal­ben Minute fer­tig sind«, erzählt er so ange­tan, als sprä­che er von einem Sport­wa­gen. Trotz des Lärms in der Spül­kü­che und des Zeit­drucks, unter dem er arbei­ten muss, wirkt er ent­spannt. »Ich mag meine Arbeit«, sagt er. Seine dunk­len Augen bli­cken freund­lich und offen. »Es ist eine gute Stim­mung hier in der Küche. Es gibt Leute aus Afrika, Asien und Europa, viel mul­ti­kulti.«
Er und seine bei­den Kol­le­gen, ein Syrer und ein wei­te­rer Afri­ka­ner, sind ein ein­ge­spiel­tes Team. Kei­ner steht dem ande­ren im Weg. Wenn viele Ver­an­stal­tun­gen anste­hen, kom­men noch zwei bis drei Aus­hil­fen dazu, damit die Arbeits­zei­ten ein­ge­hal­ten wer­den kön­nen. »Ich arbeite von 8 bis 17 Uhr, mit einer Stunde Mit­tags­pause, fünf Tage die Woche.«
Bah spricht ziem­lich gut Deutsch. »Ich bin mit einer Deut­schen ver­hei­ra­tet, von ihr habe ich viel gelernt.« Zu Hause erle­digt er auch den Abwasch, erzählt er und lacht. »Eigent­lich will meine Frau das machen, aber ich wasche sowieso schon den gan­zen Tag ab, da kann ich es zu Hause auch tun.«

Mama­dou Bah ist mein ers­ter Licht­blick. Ich habe erwar­tet, dass es nicht leicht wird, Spü­ler zu fin­den, die bereit sind, über ihren Job zu reden. Aber dass es so schwer wird, hätte ich nicht gedacht. Auf meine Anfra­gen bei Restau­rants erhalte ich zahl­rei­che Absa­gen: »Sie ver­ste­hen doch, das Thema ist ein wenig hei­kel.« Schwarz­ar­beit lau­tet das Stich­wort. »Es gibt Betriebe, die für den Job nicht mehr als zwei Euro die Stunde zah­len«, erzählt mir die Inha­be­rin eines Restau­rants, die nament­lich nicht genannt wer­den möchte. »Dabei ist es Kno­chen­ar­beit. Die meis­ten Spü­ler, die ich kenne, sind zwi­schen 25 und 30 Jahre alt. Für alte Leute ist der Job zu anstren­gend. Ich habe von Fäl­len gehört, da haben 13 und mehr Men­schen auf der­sel­ben Steu­er­karte gear­bei­tet, und von Spü­lern, die ihre Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gung erst bean­tragt haben, nach­dem sie Jahr­zehnte in Deutsch­land waren.« Diese Fälle sind nicht sel­ten – es gibt Anwälte, die sich eigens auf Schwarz­ar­beit in der Gas­tro­no­mie spezia­lisiert haben.

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Doch je mehr Absa­gen ich erhalte, gerade von geho­be­nen Restau­rants, desto mehr ver­mute ich, dass noch etwas ande­res dahin­ter­steckt: Das Thema ist nicht fein genug. »Wir möch­ten bitte keine Spüler-Reportage machen«, schreibt mir ein Sterne­restaurant zurück, als wäre es ein Fleck auf der wei­ßen Weste, daran zu erin­nern, dass es auch in jenem Haus schmut­zi­ges Geschirr gibt. Rei­ni­gungs­jobs sind in Deutsch­land nicht ange­se­hen, und der Spü­ler steht in der Hier­ar­chie des Küchen­rei­ches ganz unten. »Wenn Sie beim Arbeits­amt fra­gen, ist es unmög­lich, einen Deut­schen als Spü­ler zu bekom­men«, sagt mir eine Gas­tro­no­min.
Ich frage tat­säch­lich bei der Arbeits­agen­tur nach. Dort teilt man mir mit, dass es den Beruf Spü­ler in der Sys­te­ma­tik nicht gebe. Statt­des­sen erhalte ich eine Aus­wer­tung mit Beru­fen, die eine Spül­tä­tig­keit beinhal­ten kön­nen – Helfer/-in im Gast­ge­werbe und Helfer/-in im Hotel. In die­ser Sta­tis­tik sind drei Vier­tel der ver­mit­tel­ten Per­so­nen Deut­sche. Der Brutto-Tariflohn für Hel­fer im Gast­ge­werbe beträgt 1138 Euro in Baden-Württemberg und 1040 Euro in Bran­den­burg. Aber man teilt mir auch mit, dass in diese Berufe etwas weni­ger Deut­sche ver­mit­telt wer­den als in andere Berei­che. Und: »Aus Erfah­rung wis­sen wir, dass Spüler-Jobs oft als gering­fü­gige Beschäf­ti­gung oder auf 400-Euro-Basis ange­bo­ten werden.«

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Aus der Sicht eines Restau­rant­in­ha­bers stellt sich das Pro­blem so dar: »Als Spü­ler fin­det man fast aus­schließ­lich Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund«, erzählt Tobias Strauch aus dem Ham­bur­ger Mess, einem Restau­rant mit etwa 40 Plät­zen samt ange­schlos­se­nem Cate­ring. »Manch­mal sind es Asyl­be­wer­ber, für die es der erste Job ist, nach­dem sie legal arbei­ten dür­fen, man­che dür­fen auch erst ein­mal nur zwei Stun­den arbei­ten. Wenn es mög­lich ist, beschäf­tige ich Spü­ler auf Lohn­steu­er­karte. Manch­mal ist das bei den Men­schen, die einen Job suchen, aber nicht mög­lich.«
Der Spü­ler im Mess über­nimmt auch die Auf­ga­ben der Küchen­hilfe: Gemüse put­zen, Zwie­beln schnei­den, Kar­tof­feln pel­len. Ähnlich ist es im Aba­ton, einem Bistro-Restaurant mit 140 Plät­zen im Ham­burger Uni-Viertel. Dort arbei­ten zwei fest ange­stellte Spü­ler und eine Aus­hilfe. »Der erste fängt mor­gens um 11.30 Uhr an«, erzählt Catrin Mül­ler, die Che­fin des Aba­ton. »Die Küche schließt um 23 Uhr, danach räumt der dienst­ha­bende Spü­ler noch auf. Mehr als 48 Arbeits­stun­den die Woche sind gesetz­lich nicht erlaubt. Wenn wir aus­län­di­sche Spü­ler anstel­len, brau­chen wir mehr Doku­mente als bei einem deut­schen Arbeit­neh­mer: Kopien von Päs­sen, die Einreise­erlaubnis, die Auf­ent­halts­er­laub­nis. Es ist etwas mehr Auf­wand. Aber ich habe noch nie von einem deut­schen Spü­ler gehört und auch noch nie eine Bewer­bung von einem Deut­schen erhal­ten.«
Mül­ler führt das auf die Wohl­stands­ver­wahr­lo­sung zurück: »In Deutsch­land gibt es in vie­len Fami­lien Putz­frauen und Haus­halts­hil­fen, die Kin­der sind nicht mehr daran gewöhnt, mit­zu­hel­fen. Put­zen gilt als min­der­wer­tige Tätig­keit. Auch bei Köchen fin­det man oft die Ein­stel­lung, dass Spü­ler min­der­wer­tige Mit­glie­der im Küchen­team sind.«
Durch­schnitt­lich blei­ben die Spü­ler etwa drei Jahre im Aba­ton, neue stellt Mül­ler über Emp­feh­lun­gen aus dem Küchen­team ein. »Es gibt auch Leute, die ein­fach so zu uns kom­men und nach dem Job fra­gen. Aber von ihnen habe ich noch nie einen ein­ge­stellt, die meis­ten wir­ken unmo­ti­viert.«
Es ist nicht leicht, gute Spü­ler zu fin­den, denn zu dem Job gehört mehr als nur Tel­ler zu waschen: Zuver­läs­sig­keit, Arbeits­be­reit­schaft und Team­fä­hig­keit. »Die meis­ten Spü­ler stam­men aus Afrika oder Asien. Mit Tibe­tern habe ich beson­ders gute Erfah­run­gen gemacht, sie haben sehr ruhig, schnell und geschickt gear­bei­tet. Wenn die Zusam­men­ar­beit gut funk­tio­niert, kann man eine Menge über fremde Kul­tu­ren erfah­ren. Aber es gibt Gren­zen: Ein­mal zeigte ein Spü­ler ein Foto von einem Ritu­al­mord in der Küche herum, der in sei­ner Fami­lie statt­ge­fun­den hat. Dar­auf­hin habe ich ihn ent­las­sen.«
Hat es ein Spü­ler schon ein­mal nach oben geschafft? »Sehr wenige über­neh­men bei Bedarf andere Pos­ten in der Küche. Ein Spü­ler hat sich zum Bei­spiel als guter Pizza­bäcker ent­puppt. Aber ein­mal hat es einer mei­ner Spü­ler tat­säch­lich zum Mil­lio­när gebracht: Seine Frau hat in der Lot­te­rie gewonnen.«

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Bei mei­ner Suche nach Spü­lern stoße ich auf ein wei­te­res Pro­blem: Mehr­fach erlebe ich, dass der Küchen­chef mit einem Inter­view ein­ver­stan­den ist, aber der Spü­ler selbst nicht mit mir reden möchte. Ein­mal flieht ein Spü­ler regel­recht zurück in die Küche, nach­dem ich ihm mein Anlie­gen erklärt habe – dabei sehe ich wirk­lich nicht gefähr­lich aus. Schä­men sie sich für ihren Job? Erzäh­len sie ihren Freun­den etwas ande­res, und wol­len des­halb nicht öffent­lich vom Spü­len erzäh­len? »Ich habe Spü­ler erlebt, die mit Brille und Akten­ta­sche zur Arbeit kamen, als gin­gen sie ins Büro«, bestä­tigt Mül­ler aus dem Aba­ton diese Ver­mu­tung.
Die Spü­ler ent­wi­ckeln sich zu einem regel­rech­ten Tabu­thema, und all­mäh­lich habe ich das Gefühl, eine läs­tige Bremse zu sein, wenn ich Restau­rant­chefs, Köche oder Spü­ler dar­auf anspre­che.
Zum Glück geht es auch anders. »Schreib ja nichts Schlech­tes über unse­ren Spü­ler, Asari ist super!«, ruft mir ein Mäd­chen aus dem Ser­vice hin­ter­her, als ich in die Küche des dips’n stix gehe, eines Fingerfood-Restaurants mit 88 Plät­zen auf der Ham­bur­ger Ree­per­bahn.
Asari stammt aus Ghana. Seit 1996 lebt er in Deutsch­land, auch seine Frau und ein Kind sind hier, seine rest­li­che Fami­lie ist in Ghana. Seit sechs Jah­ren arbei­tet er im dips’n stix, auch davor hat er schon in der Gas­tro­no­mie gejobbt. Anfangs war es in Deutsch­land nicht leicht für ihn, aber dar­über möchte er nicht spre­chen. Er ist ruhig und sehr zurück­hal­tend, doch als er von sei­nen Eltern und sei­ner Hei­mat erzählt, wird er leb­haf­ter, und seine Augen begin­nen zu strah­len. »Im Urlaub fahre ich immer nach Ghana. Ich ver­misse meine Hei­mat, vor allem das Wet­ter. In Deutsch­land ist es so kalt.«
»Im letz­ten Urlaub hat er rich­tig Farbe bekom­men«, wit­zelt einer der Köche. Asari lacht, er weiß, der Spruch ist nicht böse gemeint. Im Team herrscht eine gute Stim­mung, und man merkt schnell, dass er bei sei­nen Kol­le­gen beliebt ist. Der Spül­pos­ten im dips’n stix befin­det sich direkt am Fens­ter. Es gibt eine große Maschine für Tel­ler und Töpfe und eine nor­mal dimen­sio­nierte für Glä­ser. »Wenn das Restau­rant voll ist, mit­tags oder am Abend, ist es sehr anstren­gend. Oft gibt es auch noch zusätz­li­che Ver­an­stal­tun­gen«, erzählt er.
Seine Kol­le­gen schät­zen Asa­ris Arbeit. »Gerade, wenn Geschirr von einem Cate­ring zurück­kommt, sieht es oft schlimm aus, es ist von allen Sei­ten dre­ckig. Asari macht einen super Job, ohne ihn würde der Laden nicht lau­fen«, erzählt einer von ihnen. »Wenn es eng wird, hel­fen auch mal andere an der Spüle. Jeder packt mit an, wenn es was zu tun gibt. Aber wenn ich an der Spüle stehe, gehen mehr Tel­ler kaputt, als wenn Asari da steht.«
Gleich neben dem Spül­pos­ten ist der Sushipos­ten. »Sushi mag ich gar nicht«, sagt Asari, ver­zieht das Gesicht und lacht. »In Ghana essen wir gerne Gekoch­tes.« Er liebt die gha­nai­sche Küche und erzählt von Fufu, Huhn und Erd­nuss­sauce. »In Ham­burg gibt es viele Men­schen aus Ghana. Es ist eine große Com­mu­nity, und es gibt sogar einige gha­nai­sche Restau­rants. Da gehe ich sehr gerne hin.«
Von dem star­ken Zusam­men­halt der afri­ka­ni­schen Com­mu­nity erzählt auch George, der Spü­ler des Fil­let of Soul, eines Sze­ne­re­stau­rants in den Ham­bur­ger Deich­tor­hal­len. Er spricht nur Eng­lisch, was sei­nen Küchen­chef Patrick Geb­hardt über­haupt nicht stört: So ler­nen alle im Team bes­se­res All­tags­eng­lisch.
»Viele Spü­ler arbei­ten schwarz, die Jobs wer­den inner­halb der Com­mu­nity an Freunde und Bekannte wei­ter­ge­ge­ben«, berich­tet George. Für deut­sche Ver­hält­nisse ver­die­nen Spü­ler wenig, für afri­ka­ni­sche sehr viel. »Die meis­ten schi­cken Geld nach Hause. Viele spa­ren es sich hier vom Mund ab, um es ihren Fami­lien zu schi­cken. In Afrika haben wir eine andere Men­ta­li­tät: Es gibt keine staat­li­chen Insti­tu­tio­nen, auf die man sich ver­las­sen kann und die einem hel­fen, des­halb müs­sen Fami­lie und Freunde zusam­men­hal­ten. Die sozia­len Bande sind sehr stark.«

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George ist halb Gha­naer, halb Por­tu­giese. Seit fünf Jah­ren arbei­tet er im Fil­let of Soul. Außer ihm gibt es dort noch einen wei­te­ren Spü­ler. »Ich arbeite neun Stun­den am Tag, sechs Tage die Woche. Mor­gens um halb neun geht es los, da putze ich das Restau­rant und die Toi­let­ten. Dann backe ich Brot für das Restau­rant, manch­mal auch Kuchen. Mit­tags wer­den oft um die 120 Essen raus­ge­ge­ben. Das ist für einen Spü­ler allein eine Menge Geschirr.«
Der Spül­pos­ten befin­det sich am Rand der offe­nen Küche und ist für die Gäste sicht­bar. »Des­halb muss ich sehr dar­auf ach­ten, dass immer alles sau­ber bleibt. Auch meine T-Shirts müs­sen sau­ber sein, ich wech­sele sie oft. Und alle fünf Monate muss ich mir neue Schuhe kau­fen.« Er deu­tet auf die Sohle sei­ner Turn­schuhe: Von dem Sei­fen­was­ser, das auf den Boden spritzt, wird sie schnell brü­chig. »Wie lange ich in Deutsch­land blei­ben will, weiß ich noch nicht. Ich kenne viele Spü­ler, die nur ein oder zwei Jahre hier­blei­ben. Dann hal­ten sie es nicht mehr aus und wol­len zurück nach Hause.«
Mein Ver­dacht, dass es in der Ster­ne­kü­che spe­zi­elle Vor­be­halte gegen das Thema gibt, bestä­tigt sich nicht. Auch hier gibt es neben vie­len, die nicht reden wol­len, Aus­nah­men, und gerade hier finde ich ihn am Ende doch noch: einen Deut­schen, der als Spü­ler arbei­tet.
»Zur Zeit sind bei uns drei Spü­ler beschäf­tigt«, erzählt Tho­mas Büh­ner aus dem La Vie höf­lich und offen. »Ein Marok­ka­ner, ein Finne und ein Deut­scher. Zwei sind immer in der Küche, drei brau­che ich ins­ge­samt, damit es mit dem Acht­stun­den­tag hin­kommt. Even­tu­ell kommt dem­nächst ein vier­ter dazu, viel­leicht wird es dies­mal sogar eine Frau.« Als ein­mal zwei Spü­ler zugleich aus­fie­len, hat Büh­ner über eine Rei­ni­gungs­firma zwei Frauen als Ver­tre­tung geschickt bekom­men. »Erst war ich skep­tisch, da es wirk­lich harte kör­per­li­che Arbeit ist, aber die Frauen ver­si­cher­ten mir, sie hät­ten das schon mal gemacht. Und sie haben ihren Job tat­säch­lich sehr gut gemacht, fast bes­ser als die Män­ner.«
Büh­ner ist einer der weni­gen, die von sich aus die Bezah­lung anspre­chen. »Ich bezahle meine Spü­ler nach dem nie­der­säch­si­schen Tarif wie einen Com­mis (brutto etwa 1600 Euro). Wenn sie gut arbei­ten, bin ich auch gern bereit, mehr zu zah­len. Sie sind gleich­be­rech­tigte Mit­ar­bei­ter, sie neh­men genauso am Per­so­na­les­sen und am Betriebs­aus­flug teil wie die ande­ren.«
Durch­schnitt­lich blei­ben die Spü­ler ein bis zwei Jahre in sei­ner Küche. »Wenn sie gut sind, wech­seln sie oft in einen ande­ren Job, denn auf Dauer sind die Arbeits­zei­ten in der Gas­tro­no­mie mit dem nor­ma­len Leben und mit einer Fami­lie schwer ver­ein­bar. Köche haben als Moti­va­tion die Aufstiegs­chancen, Spü­ler nicht. Wenige stei­gen auf, man­che erle­di­gen auch mal ein paar andere Arbei­ten in der Küche, aber ich kenne kei­nen Spü­ler, der Koch gewor­den ist.«

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Den glück­lichs­ten Spü­ler auf mei­ner Suche treffe ich im noma in Kopen­ha­gen. Ali stammt aus Gam­bia, er war in Spa­nien, Frank­reich und Deutsch­land, bevor er nach Däne­mark kam. Erst dort fing er an zu arbei­ten. Seine Frau und sein Kind leben eben­falls in Kopen­ha­gen, seine Eltern und Geschwis­ter sind in Gam­bia geblie­ben. Er hat ein brei­tes Lächeln, das nie­mals zu ver­blas­sen scheint, und strah­lend weiße Zähne, die aus sei­nem dunk­len Gesicht her­aus­leuch­ten.
»Ich mag mei­nen Job«, erzählt er. »Die Leute in der Küche sind sehr, sehr gut. Ich freue mich, mit ihnen zusam­men­ar­bei­ten zu kön­nen.« Alis Worte klin­gen, als kämen sie von Her­zen. Bevor er ins noma kam, arbei­tete er in einem ande­ren Restau­rant in Kopen­ha­gen, wo er nicht gut behan­delt wurde. Lau Rich­ter, der Restau­rant­ma­na­ger des noma, kannte ihn und holte ihn in die Küche des noma. Seit fast acht Jah­ren ist Ali jetzt dort, bis vor Kur­zem als ein­zi­ger Spü­ler. Nach­dem im Ober­ge­schoss des Restau­rants ein sepa­ra­ter Bereich für Ver­an­stal­tun­gen ein­ge­rich­tet wurde, gibt es dort eine zweite Spül­kü­che, für die eben­falls ein Spü­ler zustän­dig ist.
»Alle hier arbei­ten viel, ich auch«, sagt er und klingt dabei bei­nahe beschei­den. »70, 80 oder 90 Stun­den in der Woche sind nor­mal. Aber das macht mir nichts aus, weil ich das Team so gerne mag. Es ist fast wie eine Fami­lie.«
Sein Lohn ent­spricht dem aus­ge­bil­de­ter Köche, was für einen Spü­ler unge­wöhn­lich ist, und er ist damit sehr zufrie­den. »Ali ist der beste Tel­ler­wä­scher aller Zei­ten«, sagt Rich­ter. »Außer­dem ist er ein wich­ti­ger Mann für unser Team. Wenn es stres­sig ist, gibt er den ande­ren Kraft mit sei­nem unglaub­lich gro­ßen Lächeln. Von mor­gens bis abends lächelt er, und wenn man in die Spül­kü­che kommt, nimmt man diese posi­tive Ener­gie mit und kann sie wei­ter­ge­ben, ans Essen und an die Gäste.«
Rich­ter arbei­tet seit 20 Jah­ren in der Gas­tro­no­mie. »In Däne­mark ist es ähnlich wie in Deutsch­land: Es gibt sol­che und sol­che Restau­rants. Ohne Spü­ler funk­tio­niert ein Restau­rant nicht. Man braucht sau­be­res Geschirr, und dafür braucht man einen guten Tel­ler­wä­scher. Ich habe in Restau­rants gear­bei­tet, wo Spü­ler ihren Job nicht ernst nah­men – das war die Hölle. Aber ich habe auch viele Spül­kü­chen gese­hen, in denen man wirk­lich nicht arbei­ten möchte: dun­kel, fens­ter­los, im Kel­ler gele­gen, feucht, muf­fig.«
Die Spül­kü­che im noma ist ein eige­ner Raum hin­ter der offe­nen Küche, zehn bis fünf­zehn Qua­drat­me­ter groß – und sie hat ein Fens­ter. Es gibt dort eine Spüle, Regale zum Zwi­schen­la­gern des Geschirrs, eine kleine Maschine für Glä­ser und eine große für Töpfe und Tel­ler. »Die ist in einer Minute fer­tig, sie ist mein bes­ter Kol­lege. Da drin wer­den auch die Stein­plat­ten gewa­schen, auf denen wir man­che Gerichte ser­vie­ren. Die finde ich beson­ders gut, denn sie gehen nicht kaputt.« Ali lacht. »Die Spül­kü­che ist der ein­zige Bereich der Küche, den die Gäste nicht zu sehen bekom­men. Nur hier kön­nen wir uns erlau­ben, ein wenig schmut­zig zu sein.«
Alis Arbeits­tag fängt um 11 Uhr an, fünf Tage die Woche, und auch an einem der bei­den Ruhe­tage ist er für einige Stun­den im Restau­rant. Eine Haupt­ar­beits­zeit gibt es nicht, er ist die ganze Zeit über im Ein­satz, mit­tags und abends, wenn die Gäste kom­men, ein­fach noch etwas mehr. Nur um 17 Uhr gibt es eine Pause: Dann wird im Ober­ge­schoss das Per­so­na­les­sen ser­viert.
Als ich ihn nach sei­nem Alter frage, knackt Ali ver­le­gen mit den Fin­ger­knö­cheln. »Das ist ein schwie­ri­ges Thema. In mei­nem Aus­weis steht, dass ich 57 bin. Ob das stimmt, weiß ich selbst nicht genau. In Gam­bia wer­den bei der Geburt eines Kin­des keine Geburts­ur­kun­den aus­ge­stellt, und zehn oder fünf­zehn Jahre spä­ter ist es für die Eltern nicht leicht, sich bei all den Kin­dern an ihr genaues Alter zu erin­nern. Als ich meine Papiere bean­tragt habe, hat mein Vater mein unge­fäh­res Alter errech­net.« Ganz falsch kann er nicht gele­gen haben, denn Alis Toch­ter ist schon lange erwach­sen. Damit ist er mit Abstand der älteste Spü­ler, dem ich begegne. Und er ist der erste, der stolz auf sei­nen Job ist.
»Als wir letz­tes Jahr vom ›Restau­rant Maga­zine‹ die Aus­zeich­nung ›Bes­tes Restau­rant der Welt‹ erhal­ten haben, woll­ten wir Ali mit zur Preis­ver­lei­hung nach Lon­don neh­men«, erzählt Rich­ter. »Seit meh­re­ren Jah­ren fah­ren wir zu der Ver­an­stal­tung, bei der die 50 bes­ten Restau­rants der Welt aus­ge­zeich­net wer­den. Im noma arbei­ten 70 Leute, die kön­nen natür­lich nicht alle mit­kom­men, nur ein klei­nes Team von sechs bis acht Leu­ten. Wir ver­su­chen aber, jeden ein­mal mit­zu­neh­men. Letz­tes Jahr sollte Ali mit.«
»Lei­der kannte ich die bri­ti­schen Visa­bestimmungen nicht und habe mein Visum zwei Tage zu spät bean­tragt«, sagt Ali.
»Also druck­ten wir T-Shirts mit Alis Gesicht dar­auf. Die tru­gen wir bei der Preis­ver­lei­hung.« Rich­ter lächelt.
»Das war für mich fast so, als sei ich selbst gefah­ren.« Ali strahlt.
Erst gab es nur T-Shirts für das Team, das nach Lon­don fuhr, dann wur­den Shirts für die ande­ren Mit­ar­bei­ter nach­ge­druckt. Inzwi­schen hat das T-Shirt Kult­sta­tus, man kann es sogar im noma kaufen.

Text: Maike Steen­block 
Fotos: Andrea Thode

8. Februar 2012
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2 Kommentare

  1. Erstellt am 8. Februar 2012 um 16:22 | Permanent-Link

    End­lich ein­mal dreht sich eine Geschichte um einen Spü­ler, sein Leben und Arbei­ten. Damit wird wohl­tu­end mit dem Kult rund um Star­kö­che, Star­kü­chen und Star­gäs­ten gebro­chen. Wei­ter so!

  2. Erstellt am 4. März 2012 um 21:39 | Permanent-Link

    Das erin­nert mich an Paul Bocuse, als er das »Tan­tris« unter der Lei­tung von Heinz Wink­ler besuchte. Er betrat die Küche und reichte als Ers­tem dem ver­dutz­ten Spü­ler Mile Trkulja die Hand zur Begrü­ßung und erst danach den Köchen. Damit wollte er sagen »Wir sind ein Team, und jeder ist wichtig«.

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