Erzähltes Leben

Was aus uns wurde

Wam Kat und die Selbst­ver­sor­ger­ge­mein­schaft Lüb­nitz ver­su­chen den Traum von einer gerech­ten Gesell­schaft zu leben

Einst träum­ten wir gren­zen­lose Träume: von einer gerech­ten Gesell­schaft und dem Ein­klang von Mensch und Natur, vom Glück und gutem Essen für alle. Einige träu­men diese Träume immer noch – nur viel prag­ma­ti­scher als frü­her. Ein Besuch im Hohen Flä­ming im schö­nen Som­mer 2009 beim Demo-Koch Wam Kat und der Selbst­ver­sor­ger­ge­mein­schaft Lüb­nitz. Und eine Erin­ne­rung an alte Träume

1. Den Traum träumen

baumhaus 3167 198x281 Was aus uns wurde

Ein Haus gewor­de­ner Traum

In dem Som­mer, in dem ich acht­zehn Jahre alt wurde, fuhr ich in den längs­ten Urlaub mei­nes Lebens. Ein Jahr hatte ich an den Wochen­en­den gekell­nert und fast alles gespart. Jetzt setzte ich mich auf mein Fahr­rad, der Vater erklärte noch, wie man einen Schlauch auf­pumpt und ab ging es, hin­auf in den Nor­den von Däne­mark, in ein Hippie-Camp, das ich im Jahr zuvor bei mei­nem ers­ten Urlaub ohne Eltern ent­deckt hatte. Sechs Wochen wollte ich blei­ben. Frostrup-Lejren – Frostrup-Ferien – hieß das Camp, nach einem klei­nen Ort in der Nähe.

Es befand sich auf einem ehe­ma­li­gen Mili­tär­ge­lände mit hüge­li­gen Wie­sen, Heide, einem klei­nen Wald, einem gro­ßen See und dem Meer nur zehn Kilo­me­ter ent­fernt. Seit einem Kon­zert einige Jahre zuvor, das die Leute vor Ort das däni­sche Wood­stock nann­ten, fand dort jedes Jahr ein Som­mer­camp statt: mit Kon­zer­ten, gro­ßen Laza­rett­zel­ten, in denen gegen kleins­tes Ent­gelt für alle gekocht wurde, und Pinn­wän­den, auf denen jeder seine Akti­vi­tä­ten (von Yoga oder Fuß­re­flex­zo­nen­mas­sage bis zur gemein­sa­men Anar­cho­lek­türe) anbie­ten konnte. Für eine kleine Summe bekam man eine runde Leder­pla­kette mit der Auf­schrift: Det ny Sam­fund – Die neue Gesell­schaft. Damit konnte man so lange blei­ben, wie man wollte.

Weil das erste Som­mer­kon­zert auf dem Gelände kom­mer­zi­ell sehr erfolg­reich gewe­sen war, die Orga­ni­sa­to­ren aber kei­nen Gewinn machen woll­ten, wurde kur­zer­hand das gesamte Gelände der däni­schen Regie­rung abge­kauft. In dem Som­mer, in dem ich kam, hat­ten sich neben den Feri­en­gäs­ten knapp drei­ßig Men­schen fest dort nie­der­ge­las­sen. Sie hat­ten sich Hüt­ten gebaut, die Namen tru­gen wie Hob­bi­ten, nach den Hob­bits im Herr der Ringe – das Häus­chen war halb in den Hügel hin­ein­ge­gra­ben und mit Erde und Wiese über­deckt, sodass die Fens­ter im Dun­keln wie aus der Erde leuch­te­ten. Das Seven Star stand auf sie­ben Pfei­lern und hatte sie­ben Ecken, die Arche, die erste Hütte am Platz, war ein wil­des Gebilde aus Höl­zern, des­sen Wohn­be­reich in eini­gen Metern Höhe nur über eine Strick­lei­ter erreich­bar war. Es gab Hüh­ner, Kühe, einen gro­ßen Acker, zwei Arbeits­pferde und ein wil­des, schwarz­m­äh­ni­ges Pferd, das ohne Sat­tel gerit­ten wurde. Von dem fiel ich spä­ter run­ter und ver­stauchte mir dabei das Fuß­ge­lenk. Da war es schon Herbst und ich eine von knapp drei­ßig Besu­chern, die als Urlau­ber gekom­men waren und nun blieben.

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Freut euch, schrieb ich mei­nen Eltern, ich habe einen Ort gefun­den, an dem es sich zu leben lohnt. An dem es um die wich­ti­gen, rich­ti­gen Dinge geht, wo das stän­dige Stre­ben ein Ende hat und ich lerne, genüg­sam zu sein, mein Leben und die Natur um mich herum als Geschenk zu begrei­fen. Kurz, dass ich end­lich, end­lich glück­lich sei. Mei­nen armen Eltern brach bei­nah das Herz. Aber ich war unbe­irr­bar. Warum freut ihr euch nicht mit mir, fragte ich wütend und enttäuscht.

Ich lernte Kühe mel­ken und ver­suchte eine eigene Hütte zu bauen. Ster­nen­häus­chen sollte sie hei­ßen und ein Fens­ter im Dach haben, direkt über mei­nem Bett. Doch sie wurde vor dem Win­ter nicht fer­tig. Spä­ter, als ich längst fort war, hatte ich viele Jahre den immer glei­chen Traum von die­sem Häus­chen, über­haupt von dem gan­zen Gelände: Ich komme zu Besuch, gehe an dem Stein­haus an der Zufahrt vor­bei, und plötz­lich beginnt sich der Boden in fei­nen wei­ßen Sand zu ver­wan­deln, in dem alles ver­sinkt. Ich sehe noch die Wiese, die Heide, die Hüt­ten, end­lich, end­lich habe ich es geschafft. Ich bin hier, denke ich. Und dann ist alles fort.

Damals, in mei­nem etwa halb­jäh­ri­gen Auf­ent­halt, der bis in den Win­ter 1978 reichte, lebte ich von mei­nem Erspar­ten, denn viel mehr als Kar­tof­feln und Möh­ren hat­ten wir Selbst­ver­sor­ger schon kurz nach der Ernte nicht mehr. Wir bestell­ten in gro­ßen Säcken Getreide, Reis, Müsli, Kohl und Lauch. Als die Som­mer­party vor­bei und das letzte Küchen­zelt abge­baut war, zogen sich die Bewoh­ner zurück. Hier und da gab es Tref­fen, manch­mal auch Feste, aber jeder kochte für sich oder die Gemein­schaft sei­nes Häus­chens. Man tat sich zusam­men, so wie ich mit Vol­ker, der eben­falls aus Deutsch­land kam und den ich nicht beson­ders mochte, und George, den ich umso inni­ger liebte: Ein Hip­pie aus Ams­ter­dam mit roten Henna-Haaren, der mit sei­ner Nickel­brille aus­sah wie John Len­non, immer trau­rig war und jeden Abend auf sei­nem Kas­set­ten­re­kor­der Fool on the hill spielte. So hatte er auch sein Häus­chen getauft: Fool on the Hill.

Wir waren die drei ver­spreng­ten Frem­den zwi­schen Dänen, Schwe­den und Nor­we­gern. George wurde auch von ande­ren umwor­ben, aber er wollte wohl die bei­den etwas ver­lo­re­nen jun­gen Deut­schen nicht im Stich las­sen. Jeden Abend koch­ten wir bei ihm: Lauch mit Kar­tof­feln oder Möh­ren mit Kar­tof­feln oder auch aus­nahms­weise mal mit Reis. Wir waren abso­lut fan­ta­sie­los, Salz und Pfef­fer waren fast unsere ein­zi­gen Gewürze. Ab und an gab es gebra­te­nen Speck oder ein Ei. Dafür tran­ken wir als Nach­tisch fast jeden Abend heiße Scho­ko­lade, ange­rührt mit hol­län­di­schem Kakao, den Geor­ges Freunde aus Ams­ter­dam regel­mä­ßig schick­ten, gekocht mit Milch von unse­ren eige­nen Kühen. Nachts, nach­dem ich durch die Dun­kel­heit zu mei­nem klei­nen Häus­chen gestol­pert war, dem Seven Star, das mir die ehe­ma­li­gen Bewoh­ner groß­zü­gig über­las­sen hat­ten, las ich im Bett noch ein paar Sei­ten von Begrabt mein Herz an der Bie­gung des Flus­ses, einem Klas­si­ker über die Ver­nich­tung der India­ner, und war sehr trau­rig über die Zustände in der Welt. Ich fühlte mich ein­sam. Außer Feu­er­holz hacken, Kühe mel­ken und Was­ser aus dem Brun­nen zie­hen, gab es kaum etwas zu tun. Das biss­chen Land­wirt­schaft, das ich gegen Ende des Som­mers mit­be­kom­men hatte, war stu­pide und müh­sam gewe­sen. Nach­dem ich ein­mal angeln war und den von mir gefan­ge­nen Fisch nicht hatte töten kön­nen, aß ich eine Weile nur vegetarisch.

Im Februar, als es am Tag nicht mehr rich­tig hell und in der Nacht nicht rich­tig dun­kel wurde, zog ich mit einem der Pferde und der Arbeits­kut­sche in den Wald, um Holz zu holen. Ein paar Tage zuvor hatte es geschneit. Fuß­spu­ren gab es keine im Wald, dafür lag auf allem ein schwar­zer Ruß. Es war Koh­leruß aus dem Ruhr­ge­biet, mei­ner Hei­mat. Der Wind hatte ihn in die Atmo­sphäre und schließ­lich hier­her getra­gen. Ich schaute fast gerührt auf die­sen Ruß, der hier nur aus einem Grund zu lie­gen schien: Um mir klar­zu­ma­chen, dass man nicht vor der Welt weg­lau­fen kann. Wenige Tage spä­ter packte ich meine Sachen und kehrte zu mei­nen Eltern zurück.

Kurz dar­auf pro­bierte ich es noch ein­mal mit einer Land­kom­mune in der Nähe von Hei­del­berg. Dort meinte man es mit der Selbst­ver­sor­gung ent­schie­den ernst, buk in einem selbst­ge­bau­ten, mit Holz befeu­er­ten Stein­ofen sau­res, wenig schmack­haf­tes Brot, kämpfte beim Käse­ma­chen mit Schim­mel und Maden, und stän­dig mit dem Man­gel. Es waren nette Men­schen, aber die harte, oft öde Rea­li­tät des Selbst­ver­sor­ger­da­seins machte alles eng. See­li­sche Pro­bleme kipp­ten in Neu­ro­sen um, die gro­ßen Träume in dog­ma­ti­sche Freud­lo­sig­keit. Sehr schnell war ich wie­der fort.

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2. Für den Traum arbeiten

Drei­ßig Jahre ist das her. Seit­dem haben sich man­che der Selbstversorger-Aussteiger-Ideale von einst in einen ganz selbst­ver­ständ­li­chen All­tag ver­wan­delt. Bio gibt es inzwi­schen in jedem Super­markt, Michelle Obama legt im Gar­ten des Wei­ßen Hau­ses einen Gemü­se­gar­ten an, Ähnli­ches wird für die König­li­chen Parks in Lon­don erwo­gen. Rat­ge­ber für Selbst­ver­sor­ger, mel­dete unlängst die FAZ, haben Hoch­kon­junk­tur. Guerilla-Gardening, einst ein sub­ti­les Mit­tel zivi­len Unge­hor­sams, hat längst als all­seits aner­kann­tes urba­nes Gärt­nern Furore gemacht, für das man sogar öffent­li­che Gel­der bean­tra­gen kann. Doch man­che träu­men noch immer von mehr als etwas weni­ger Kon­sum, etwas weni­ger Kunst­dün­ger und hübsch begrün­ten Städ­ten. Wam Kat zum Beispiel.

wamkat 2490 198x281 Was aus uns wurde

Wam Kats Traum vom guten Leben: für viele Men­schen gra­tis kochen

Der 55-jährige Hol­län­der ist ein Vete­ran der alter­na­ti­ven Szene. Sein Vater kämpfte in Hol­land im Wider­stand gegen die Nazis und ver­starb früh. Die­ses Familien-Erbe beschäf­tigt ihn bis heute. Seit sei­ner Jugend ist er in Pro­test­be­we­gun­gen unter­wegs – und seit drei Jahr­zehn­ten kocht er auf Demons­tra­tio­nen für tau­send oder auch mal fünf­tau­send Men­schen. Wam Kat war­tet im Wald auf mich, damit ich auf mei­nem Rad die Abzwei­gung zum Weitz­grund nicht ver­passe, einer Ansied­lung von gerade mal sechs Häu­sern. Er hat lan­ges Fis­sel­haar und ein etwas aus­ge­zehr­tes Gesicht, aber freund­li­che, braune Augen. Auf sei­nem ver­bli­che­nen Sweat­shirt prangt eine viel­ar­mige, einst grell-bunte, indi­sche Gott­heit. Eines der sechs Häu­ser ist seit drei Jah­ren sein Zuhause.

Spä­ter, in sei­nem Gar­ten, wird er sagen, dass er ja immer damit gerech­net habe, irgend­wann doch einen Anzug zu tra­gen, sein Haar zu schnei­den und viel­leicht sogar einer gere­gel­ten Arbeit nach­zu­ge­hen. Es soll eigent­lich ein Witz sein, aber obwohl er ohne Zwei­fel stolz ist auf sein Leben, klingt es merk­wür­dig hilf­los. Als habe er das Gefühl, etwas ver­säumt zu haben, als habe er nur nie einen Weg gefun­den, der mehr in die Gesell­schaft hin­ein führt. Kei­nen jeden­falls, der für ihn akzep­ta­bel wäre.

Anfang der 90er-Jahre arbei­tete Wam Kat mit Kin­dern in bos­ni­schen und kroa­ti­schen Flücht­lings­la­gern. Er wollte nur vier Wochen blei­ben, doch es wur­den fünf Jahre. Er gehörte kei­ner Orga­ni­sa­tion an, bezahlt wurde er für sein Enga­ge­ment nicht. Dafür unter­stütz­ten ihn die Freunde zu Hause. Gemein­sam mit ihnen rief er eine Ini­tiative ins Leben, die Men­schen ein­lud, für min­des­tens drei Wochen in eines der Camps zu kom­men, in denen 1,4 Mil­lio­nen Men­schen leb­ten, um sich dort um die Kin­der zu küm­mern. Die Kos­ten für die Reise und die Ver­pfle­gung im Flücht­lings­la­ger musste jeder selbst übernehmen.

Sie­ben­tau­send Hel­fer gewan­nen sie so, viele blie­ben für Monate – obwohl, wie Wam Kat erzählt, das Rote Kreuz die Aktion zunächst für unrea­lis­tisch hielt. Doch nicht zuletzt durch ihre Arbeit habe sich das Rote Kreuz schließ­lich sogar davon über­zeu­gen las­sen, dass Fami­lien in sol­chen Lagern sozial sta­bi­ler sind, wenn sie nicht von Groß­kü­chen bekocht wer­den, son­dern für sich selbst sor­gen können.

»So ist mein Leben«, sagt Wam Kat, »es ver­läuft nicht nach Plan.« Das Thema Selbst­ver­sor­gung ist für ihn dabei ein roter Faden. Darin, wie wir uns ver­sor­gen, spie­gelt sich für ihn alles, was falsch läuft in der Welt. Er hat nie auf­ge­ge­ben, den gro­ßen Traum von einer bes­se­ren Welt zu träu­men. Er will das Fal­sche nicht nur falsch fin­den, son­dern es auch ändern. Und er hat mit vie­lem recht. In gewis­ser Hin­sicht zumindest.

Träume, sagt der Schrift­stel­ler und Fil­me­ma­cher Alex­an­der Kluge, sind das Ver­mö­gen, sich alles auch ganz anders vor­stel­len zu kön­nen. Träume sind die Gegen­kraft zum Wirk­lich­keits­sinn, mit dem allein die Welt recht trau­rig aus­sähe, es für viele Pro­bleme keine Lösung gäbe. Je ver­schlos­se­ner die Hori­zonte sind, sagt Kluge, desto grö­ßer wer­den die Träume. Doch wenn sich der Traum auf Dauer nicht der Rea­li­tät nähert, hält man das in der Regel nicht aus. Man rich­tet sich anders ein mit ver­schlos­se­nen Hori­zon­ten, ver­sucht ihnen mit ande­ren Träu­men beizukommen.

Wam Kat hat die immer glei­chen Träume wei­ter­ge­träumt. Und das hat neben vie­lem ande­ren wohl auch mit etwas sehr Ein­fa­chem und Kon­kre­tem zu tun: dem Kochen. Viele Generatio­nen an Demons­tran­ten hat er schon an sich vor­bei­zie­hen sehen – je radi­ka­ler sie sind, desto schnel­ler sind sie wie­der weg: »Der schwarze Block wech­selt sich alle zwei bis drei Jahre fast kom­plett aus«, erzählt er. Wam Kat und fast alle Mit­glie­der des Anfang der 80er-Jahre gegrün­de­ten Koch-Kollektivs Ram­pen­plan sind dage­gen geblie­ben. In der Par­al­lel­welt der Demo– und Anti-Camps ver­su­chen sie die oft beschwo­re­nen Ideale zu leben.

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Wie die­ses Früh­jahr in Straß­burg, beim Nato-Gipfel. Als Demons­tranten im Anti-Nato-Camp Geschich­ten erzähl­ten, nach denen min­des­tens halb Straß­burg in Flam­men stünde, herrschte Panik. Einige woll­ten auf dem Gelände Bar­ri­ka­den bauen, weil sie eine Räu­mung durch die Poli­zei fürch­te­ten. Das Kol­lek­tiv Ram­pen­plan dage­gen tat, was es immer tut: wei­ter­ko­chen. Ruhe bewah­ren. Pünkt­lich um eins war das Essen auf dem Tisch, pünkt­lich um sie­ben das Abend­brot. Das ist immer so, denn im ten­den­zi­ell stets etwas chao­ti­schen Camp-Alltag ist die Küche ein ruhen­der Ort, der Struk­tur gibt. In Aus­nah­me­si­tua­tio­nen kann sie der letzte sein: »Wenn die Küche in Panik gerät«, sagt Wam Kat, »dann ist das Camp ver­lo­ren.« Denn dann gibt es kei­nen Anker mehr. An extre­men Tagen wird etwas Beson­de­res gekocht, vege­ta­ri­sche Bäll­chen zum Bei­spiel, die viel Arbeit machen, aber so gut schme­cken, dass die Leute nicht mehr über Gewalt reden, son­dern über das leckere Essen.

Wam Kat ist Pazi­fist. Seine Ent­schei­dung, mit Freun­den das Kol­lek­tiv Ram­pen­plan zu grün­den, erwuchs aus die­sem Grund­satz. Die Frage, ob Gewalt gegen Sachen oder gar gegen Men­schen erlaubt sei, ist so alt wie die Pro­test­be­we­gung selbst. An ihr spal­tete sich auch die frühe Antia­tom­kraft­be­we­gung zwi­schen Ökos und der radi­ka­len Haus­be­set­zer­szene. Die Küche war für Wam Kat der Ort, an dem er sto­isch seine gewalt­freie Posi­tion behaup­ten konnte. Viele reg­ten sich damals über die Öko-Köche auf, die vege­ta­risch koch­ten, Bio– und regio­nale Lebens­mit­tel pro­pa­gier­ten und die Möh­ren und Kar­tof­feln bei den Hip­pies besorg­ten, die in den 70ern aufs Land gezo­gen waren.

1982 hat Wam Kat mit Freun­den in Hol­land Ram­pen­plan gegrün­det. Heute ist es eine von drei soge­nann­ten Volks­kü­chen, kurz Vokü, in Europa, die in der Lage sind, für fünf­tau­send Men­schen zu kochen. Dane­ben gibt es noch einige Voküs, die für tau­send Men­schen kochen, etwa die Maul­würfe in Frei­burg, die Han­no­ve­ra­ner Volks­kü­che oder Food for Action in Ber­lin. Zum Thema Gewalt haben die Voküs unter­schied­li­che Posi­tio­nen, sie sind nicht alle pazi­fis­tisch. Bei Ram­pen­plan gilt: Nichts darf aus der Küche für gewalt­tä­tige Aktio­nen oder auch nur den Bau von Bar­ri­ka­den ver­wen­det wer­den. Und gekocht wird grund­sätz­lich nur auf basis­de­mo­kra­tisch orga­ni­sier­ten, poli­ti­schen Veranstaltungen.

Ram­pen­plan ver­fügt über sechs Töpfe, die je 300 Liter fas­sen, über ent­spre­chende Bren­ner und über Mag­gie, die Iron Lady, benannt nach der ehe­ma­li­gen bri­ti­schen Pre­mier­mi­nis­te­rin Mar­g­ret That­cher: eine gewal­tige Schnei­de­ma­schine. Die kommt aber mög­lichst sel­ten zum Ein­satz, denn bei Protest-Camps wie etwa in Straß­burg oder Hei­li­gen­damm soll am bes­ten alles von Hand geschnib­belt wer­den. Vor den Töp­fen selbst ste­hen meist nur sechs Men­schen, aber um das Gemüse zu schnei­den oder den Salat zu waschen braucht es um die hun­dert Frei­wil­lige, die in klei­nen Grup­pen von fünf bis sechs Leu­ten für meh­rere Stun­den zusammensitzen.

Anfangs über­neh­men diese Auf­gabe in der Regel die­je­ni­gen, die alleine sind, die im Camp nie­mand ken­nen und hier schnell Anschluss fin­den. Nach zwei, drei Tagen sto­ßen die hinzu, die nicht unauf­hör­lich blo­ckie­ren wol­len, oder auch die, die Ärger mit ihren Freun­den haben. Wäh­rend auf den öffent­li­chen Tref­fen immer nur einige wenige Wort­füh­rer über die Grund­satz­fra­gen dis­ku­tie­ren, begeg­nen sich in der Küche ganz unter­schied­li­che Men­schen. Und die reden wirk­lich mit­ein­an­der, da fin­det ein ech­ter Aus­tausch statt. »Die Küche«, sagt Wam Kat, »ist das Herz und das Zen­trum des Camps.«

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Bei unse­rem zwei­ten Tref­fen kommt Wam Kat von einem Thea­ter­ju­gend­camp in Gel­sen­kir­chen. Dies­mal sieht er nicht aus­ge­zehrt aus, son­dern ent­spannt und glück­lich. »Die Arbeit mit Kin­dern und Jugend­li­chen«, sagt er, »macht mir Spaß.« In Gel­sen­kir­chen arbei­tete Wam Kat mit sei­nem zwei­ten, klei­ne­ren, vor zehn Jah­ren gegrün­de­ten Koch­kol­lek­tiv, der Fah­ren­den Gerüch­te­kü­che. Wie Ram­pen­plan arbei­tet auch die Fah­rende Gerüch­te­kü­che ohne Pro­fit: Wam Kat und die ande­ren sechs Kol­lek­tiv­mit­glie­der zah­len sich selbst für ihre Arbeit kei­nen Cent. Das Glei­che gilt für den losen Ver­band von Hel­fern, der sich um sie gebil­det hat. Nur die Kos­ten, etwa für die Anreise, müs­sen gedeckt sein.

Das Essen der Fah­ren­den Gerüch­te­kü­che ist grund­sätz­lich erst mal umsonst, genau wie das von Ram­pen­plan. Ob und wie viel man zahlt, bleibt jedem Esser selbst über­las­sen, zur Ori­en­tie­rung wird nur der Selbst­kos­ten­preis genannt, für eine Suppe etwa rund ein Euro. Dass man zunächst ein­mal umsonst essen kann, ist für Wam Kat ele­men­tar. Auch, dass der eine mehr gibt und der andere weni­ger oder nichts, weil er es nicht will oder schlicht nichts hat. Und eben, dass man ohne Gewinn­stre­ben für andere kocht. »Das Sys­tem funk­tio­niert«, sagt er. Ein Minus machen sie fast nie, die klei­nen Über­schüsse geben sie an andere Pro­jekte weiter.

Anders als Ram­pen­plan kocht die Fah­rende Gerüch­te­kü­che nicht nur bei poli­ti­schen Ver­an­stal­tun­gen, son­dern auch auf Jahr­märk­ten, Pop­kon­zer­ten und ande­ren kom­mer­zi­el­len Events. »Wir sind dann das poli­ti­sche Ele­ment«, sagt Wam Kat. »Unsere Art zu kochen, ist das Poli­ti­sche.« Er hält nichts davon, sich abzu­schot­ten und bringt des­halb seine Vokü-Philosophie – bio, regio­nal, vege­ta­risch und umsonst – gerne dahin, wo sie fremd ist. Wie etwa nach Gel­sen­kir­chen, wo nie­mand erwar­tet hatte, auf einem Thea­ter­ju­gend­camp aus­schließ­lich vege­ta­ri­sches Bio-Essen zu bekom­men, gekocht von einem lang­haa­ri­gen Althip­pie. »Aber irgend­wann haben sie gemerkt, dass wir ganz in Ord­nung sind«, sagt Wam Kat und kichert ver­gnügt. Das mag er. Am Ende des Camps hat er mit den Jugend­li­chen eine Schlach­te­rei besucht, damit sie sehen, was da läuft.

Im ver­gan­ge­nen Jahr hat Wam Kat ein Koch­buch geschrie­ben, in dem er seine Lebens­ge­schichte mit hand­fes­ten Öko-Rezepten ver­bin­det. Es ist ein sehr poli­ti­sches, über weite Stre­cken aber auch sehr lus­ti­ges Buch. Ein ech­tes Althippie-Werk mit Gerich­ten, die Prä­ko­lum­bus hei­ßen (Buch­wei­zen­brei mit Wur­zel­ge­müse und Kom­pott), Wood­stock (Chili ohne Fleisch, dafür mit einem Rainbow-Salat) oder Gol­den Temple (Indi­sches Buf­fet mit Spi­nat und Dhal). Das Anset­zen eines Sau­er­teigs wird so emp­foh­len: »Bak­terien gibt es über­all. Ihr braucht nur ein offe­nes Glas mit etwas Mehl und Was­ser, um sie ein­zu­fan­gen.« Die zweite Auf­lage ist gerade im Druck.

Wam hätte es nie für mög­lich gehal­ten, dass mehr als ein paar Freunde und Bekannte das Buch kau­fen wür­den. Er hat es in knapp drei Mona­ten geschrie­ben, nach­dem ein 18-jähriger Demons­trant, der im ver­gan­ge­nen Früh­jahr erst­mals an einem Camp teil­nahm, sei­nen Eltern danach nicht etwa von Heli­ko­ptern und Was­ser­wer­fern erzählte, son­dern von dem her­vor­ra­gen­den Essen. Der Vater des Jun­gen wurde Wams Ver­le­ger. Inzwi­schen ist Wam Kat im Fern­se­hen und im Radio zu Gast gewe­sen, von über­all erhält er Koch-Anfragen. Man­che nimmt er als Pri­vat­per­son an, damit ver­dient er sei­nen Lebens­un­ter­halt. Unbe­zahl­tes Kochen ist für ihn aber ent­schie­den wich­ti­ger. Weil es dann um die Sache geht, um das, was Wam mit ande­rem Essen bezeichnet.

In Hei­li­gen­damm, erzählt er, bat die Poli­zei die Demons­tran­ten, ein Stück der Fahr­bahn frei­zu­ge­ben, damit ein Teil der Poli­zis­ten abzie­hen konnte – sie hat­ten seit 48 Stun­den nichts Ver­nünf­ti­ges zu Essen bekom­men. Auf der Seite der Demons­tran­ten sei das undenk­bar, die seien immer gut ver­sorgt. In einem Film sieht man Poli­zis­ten miss­mu­tig ihr Essen in sich hin­ein­schau­feln und anschlie­ßend glück­li­che Esser im Camp. »Wie macht ihr das nur, dass bei jeder Demons­tra­tion inner­halb von fünf Minu­ten ein Dixie-Klo und eine Vokü auf­taucht?«, hat ihn mal ein Ham­bur­ger Ein­satz­lei­ter gefragt. Er ant­wor­tete, es funk­tio­niere so gut, weil es die Leute frei­wil­lig mach­ten, weil es Musik gebe und Spaß.

Wam Kat kocht jetzt auch mit Kin­dern in Berlin-Neukölln. Er bringt ihnen bei, dass es »nein, keine Döner­tiere« gibt, und dass man sein Essen sogar sel­ber sam­meln kann. Aber natür­lich nicht auf einem Neu­köll­ner Park­platz. Des­halb plant er im Nach­bar­ort Wie­sen­burg ein Feri­en­la­ger für Ber­li­ner Kin­der sowie allein­er­zie­hende Müt­ter und Väter, natür­lich vor allem für sozial Schwä­chere, wo es ums Kochen gehen soll. Mög­lichst viel Essen soll dabei selbst gesam­melt wer­den, die Kin­der sol­len mit dem Mes­ser in den Wald zie­hen, um Dinge wie Bär­lauch oder Löwen­zahn zu erle­gen. Sie sol­len an dem Traum der Selbst­ver­sor­gung schnup­pern, sehen, wie es auch gehen kann.In dem Land­strich, in dem er lebt, sagt Wam Kat, muss man sich seine Jobs selbst erfin­den. Erst hat er die Bür­ger­meis­te­rin für das Pro­jekt gewon­nen, dann den Gemein­de­rat. Seit­dem geht alles unglaub­lich schnell. Die EU-Anträge sind gestellt, nächs­tes Jahr soll das erste Feri­en­camp stattfinden.

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3. Den Traum ändern

Von mei­nem Feri­en­camp bin ich vor ziem­lich genau drei­ßig Jah­ren zurück­ge­kehrt und schon lange träume ich von ande­ren Din­gen als davon, dass Essen für alle umsonst sein sollte. Oder dass Leis­tung keine Rolle spielt. Oder dass irgend­ein Anarcho-Sozialismus die Lösung aller Pro­bleme wäre. Ich träume zum Bei­spiel vom Tan­zen. Kann jemand erklä­ren, warum man als Kind so eine große Sehn­sucht haben kann? Diese unglaub­li­che Sehn­sucht zu tanzen?

Andere kleine Mäd­chen wer­den von beglück­ten Müt­tern mit rosa Tutus und Satin­schläpp­chen aus­staf­fiert und in die nächste Bal­lett­klasse kut­schiert, doch ich durfte nicht. Mei­nen Eltern schien meine Sehn­sucht befremd­lich, ja sogar ein wenig unheim­lich. Also stol­zierte ich als Sechs– und Sie­ben­jäh­rige mit umge­knick­ten Zehen durch unsere Woh­nung, denn ich wollte abhe­ben, schwe­ben, auf der Spitze mei­ner Füße tan­zen – so leicht und schön, wie ich es wohl irgend­wann im Fern­se­hen gese­hen hatte. Aber dar­aus wurde nichts, nur meine Zehen wuch­sen nicht mehr richtig.

Nach der Rück­kehr aus mei­nem däni­schen Feri­en­camp brauchte es noch einige Ver­wick­lun­gen, bis ich begriff: Ich sollte das tun, wovon ich sel­ber träume. Also bin ich nach länd­li­chen Selbstversorger-Experimenten, Ver­su­chen in der Alter­na­tiv­me­di­zin, einem kur­zen Inter­mezzo in der Ber­li­ner Hausbesetzer-Szene und einem noch kür­ze­ren Semes­ter Phi­lo­so­phie schließ­lich in ein Semi­nar der Thea­ter­wis­sen­schaft­ler gestol­pert. Ich hatte keine Ahnung, worum es ging, ich kannte das Stück nicht und nicht den Regis­seur, von des­sen Insze­nie­rung gerade ein klei­ner Video­aus­schnitt gezeigt wurde. Aber ich hatte etwas gese­hen, und so redete und redete ich. Der alte, ein­ar­mige, kau­zige Pro­fes­sor vorne am Pult hörte mir auf­merk­sam zu und wies alle, die grins­ten oder unge­dul­dig mur­mel­ten, zurück. Das war meine Ent­de­ckung als Zuschaue­rin: Ich kann Tanz sehen, ich sehe mehr als andere, das weiß ich seit­dem. Anfangs habe ich nur gere­det, irgend­wann fing ich an dar­über zu schrei­ben. Heute schreibe ich auch über mich, über andere und über meine Liebe zur Natur, die geblie­ben ist.

Jedes Jahr säe ich Blu­men auf mei­nem Bal­kon und wun­dere mich, dass sie wach­sen. Ich liege auf mei­nem Sofa und schaue stau­nend hin­aus durch die geöff­ne­ten Bal­kon­tü­ren. Am Tele­fon erzähle ich der Mut­ter von dem unglaub­lich flir­rend leuch­ten­den Gelb und Orange mei­ner Rin­gel­blu­men. Und gerne am nächs­ten Tag wie­der, denn stets ändert sich etwas. Vor einer Weile habe ich begon­nen mit mei­nen Blu­men zu reden, ganz unab­sicht­lich. Aber ich sehe, dass es sie freut, wenn ich ihnen zuflüs­tere, wie schön sie sind. Ich sehe, dass sie bes­ser wach­sen und mehr leuch­ten. Für Toma­ten, Boh­nen und all das Gemüse, das andere auf ihren Ber­li­ner Bal­ko­nen und Fens­ter­bret­tern pflan­zen, habe ich des­halb kei­nen Platz. Aber bald werde auch ich ern­ten, Bir­nen, Pflau­men und sol­che Sachen. Ganz bestimmt werde ich nie wie­der aufs Land zie­hen, aber ich habe einen Antrag auf einen Schre­ber­gar­ten gestellt. In zwei, drei Jah­ren, sagen die vom Ver­ein, ist es wohl so weit.

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4. Den Traum leben

mittag 3278 518x360 Was aus uns wurde

Viel­leicht ist das wirk­lich alles, wovon wir träumen

Für Wam Kat ist das Leben auf dem Land das schönste Geschenk, das er sich machen konnte. Vor drei Jah­ren ist er in den Weitz­grund gezo­gen, in eine, wie er sagt, »ökolo­gisch eini­ger­ma­ßen gesunde Gegend«. Er wollte mehr mit­be­kom­men von dem, wofür er kämpft. Der Hohe Flä­ming in Bran­den­burg, rund acht­zig Kilo­me­ter von Ber­lin ent­fernt, ist eine Art ökolo­gi­sches Aussteiger-Paradies. Wobei der Begriff Aus­stei­ger die Sache nicht rich­tig trifft, weil man nicht mehr unbe­dingt aus­stei­gen, sich nicht mehr weit von der Gesell­schaft ent­fer­nen muss, um anders, um alter­na­tiv zu leben. Selbst Rent­ner mit durch und durch bür­ger­li­chen Bio­gra­fien schlie­ßen sich heute zu Wohn­ge­mein­schaf­ten zusammen.

Die 70er-Jahre-Aussteiger träum­ten von einem eher rück­wärts gewand­ten Leben – nicht zuletzt des­we­gen sind die meis­ten geschei­tert. Denn Träume funk­tio­nie­ren nicht rück­wärts, auch wenn es manch­mal anders schei­nen mag. In ihnen wer­den viel­mehr neue Mög­lich­kei­ten fan­ta­siert. Sie sind, sagt der Traum­ex­perte Alex­an­der Kluge, so etwas wie die Nah­rung, die Hoff­nung auf dem Weg zu neuen Zie­len. Die Men­schen wol­len sich bewe­gen, sie wol­len sich ent­wi­ckeln. Die Frage ist eben nur: wie?

Die Wirt­schaft ver­mit­telt uns ein mate­ria­lis­ti­sches Gefühl von Entwick­lung, Wachs­tum und Bewe­gung, doch die sozio­lo­gi­sche Glücks­for­schung sagt: Der Mensch braucht zu sei­nem Glück zwar Wachs­tum, aber das Wirt­schafts­wachs­tum, der per­sön­li­che Zuge­winn durch neue Autos, Han­dys und Flach­bild­schirme, genügt nicht. Seit drei Jahr­zehn­ten sind wir mate­ri­ell gese­hen eigent­lich satt, seit­dem füh­len sich die Men­schen laut Sta­tis­tik nicht mehr glück­li­cher. Doch die Wirt­schaft wächst immer wei­ter: In den ver­gan­ge­nen drei­ßig Jah­ren hat sich Deutsch­lands Brut­to­in­lands­pro­dukt verdreifacht.

In und um das beschau­li­che Städt­chen Bel­zig träu­men viele Men­schen schon eine ganze Weile den Traum von einem ande­ren Wachs­tum. So poli­tisch enga­giert wie Wam Kat sind die meis­ten nicht, doch wach­sen soll auch bei ihnen nicht der Besitz, son­dern die Seele. The­ra­peu­ten, Heil­prak­ti­ker oder sonst hei­lend tätige Men­schen sowie etli­che Künst­ler haben hier eine Art Kolo­nie gebil­det, die in ihrer Dichte in Bran­den­burg, viel­leicht sogar im länd­li­chen Deutsch­land ein­ma­lig sein dürfte.

Ihr Ursprung war ein Ver­ein, der 1990, direkt nach der Wende, in Bel­zig ein gro­ßes Gelände kaufte und das Zegg, das Zen­trum für Expe­ri­men­telle Gesell­schafts­Ge­stal­tung grün­dete. Acht­zig Men­schen lie­ßen sich dort nie­der, um bewusst und gemein­schaft­lich zu leben. Im Zen­trum des neuen Mit­ein­an­ders stand die Tantra-Kultur, eine prak­tisch gelebte, freie Liebe. Das brachte dem Zen­trum anfangs einen Sekten-Verdacht ein, doch im Laufe der Jahre wurde ein umfang­rei­cher Semin­ar­be­trieb auf­ge­baut, der in inter­es­sier­ten Krei­sen gro­ßes Renom­mee genießt. Neben Tan­tra wird von Yoga und Homöo­pa­thie bis zu Fami­li­en­auf­stel­lung und Klang­scha­len­mas­sage alles ange­bo­ten, was auf dem alter­na­ti­ven The­ra­pie– und Heil­markt gerade ange­sagt ist. Der Zulauf ist enorm, zu den Work­shops rei­sen Teil­neh­mer aus ganz Europa an.

Es gibt kaum ein Dorf im Umland, in dem sich nicht im Lauf der ver­gan­ge­nen Jahre min­des­tens eine klei­nere Wohn­ge­mein­schaft ange­sie­delt hätte. Bereits in den 90er-Jahren began­nen Semi­n­ar­gäste, die die Gegend attrak­tiv fan­den, ins Umland zu zie­hen. Auch viele Zegg-Mitglieder such­ten nach meh­re­ren Jah­ren in der Groß­ge­mein­schaft etwas Klei­ne­res in der Nähe. Zu ihnen gehört Wam Kat, der vor zwölf Jah­ren eigent­lich nur für einen Vor­trag über sein Bosnien-Engagement ins Zegg gela­den war. Damals war er aus­ge­laugt von den fünf har­ten bos­ni­schen Jah­ren, aber auch vom Umgang in der hol­län­di­schen Polit-Szene. Im Ver­gleich schie­nen ihm die Zustände hier fast paradiesisch.

Tren­ner

Eines der Dör­fer ist Lüb­nitz, fünf Kilo­meter nord­west­lich von Bel­zig gele­gen, mit knapp drei­hun­dert Ein­wohnern, einer mit­tel­al­ter­li­chen Dorf­kirche und eini­gen sehr schö­nen alten sowie diver­sen weni­ger schö­nen neuen Häu­sern. Dort hat sich auf einem alten Guts­hof, der zu DDR-Zeiten als LPG betrie­ben wurde, die Hof­ge­mein­schaft Lüb­nitz nie­der­ge­las­sen: Zwan­zig Erwach­sene und zwölf Kin­der leben hier, es gibt eine freie Schule, einen Bio-Hofladen, eine Back­stube, Schweine, Kühe, Hüh­ner, ein gro­ßes Folien­gewächshaus für den Toma­ten­an­bau und zwei Hektar bewirt­schaf­te­tes Land.

Wam Kat und seine bei­den Mit­be­woh­ne­rin­nen ver­ste­hen sich in ihrer nahe gele­ge­nen Enklave im Weitz­grund wie eine Außen­stelle der Lüb­nit­zer Selbst­ver­sor­ger­ge­mein­schaft. Die drei haben hier nicht nur einige ihrer bes­ten Freunde, sie kau­fen hier auch fast alles ein, was sie zum Leben brau­chen. Wobei der Begriff ein­kau­fen nicht ganz rich­tig ist: Die drei zah­len einen fes­ten Monats­bei­trag und neh­men sich dafür von den Hof­pro­duk­ten im Laden, was sie zu brau­chen mei­nen und was der Hof gerade an Ernte zu bie­ten hat. Abge­wo­gen und ratio­niert wird nicht – alles geschieht auf Ver­trau­ens­ba­sis. »Und das funk­tio­niert. Sehr gut sogar und schon seit Jah­ren«, sagt Andrea Feinbier.

Andrea Fein­bier wirkt ein wenig wie das Gegen­stück zu Wam Kat: eine fröh­li­che, ener­gi­sche und geschäfts­tüch­tige Per­son, die mit bei­den Bei­nen fest auf dem Boden steht. Seit drei Jah­ren baut sie den Hof­la­den auf. Sie ist Ein­zel­han­dels­kauf­frau und stammt, wie sie erzählt, aus einer Kaufmanns­familie mit lan­ger Tra­di­tion. Als sie vor sie­ben Jah­ren hier­her zog, glaubte sie, nie wie­der als Geschäfts­frau zu arbei­ten. »Aber das hier«, sagt sie, wäh­rend sie in dem gemüt­li­chen Laden steht und an der moder­nen Espres­so­ma­schine eine Latte Macchia­to braut, »ist etwas anderes.«

CSA, Com­mu­nity Sup­por­ted Agri­cul­ture, heißt das Kon­zept: Man zahlt für ein Jahr einen fes­ten Pau­schal­be­trag an den Hof und erwirbt damit ein Anrecht auf einen Teil der Ernte, trägt gleich­zei­tig aber auch das Risiko mit. In Japan und den USA ist CSA schon län­ger bekannt, in Deutsch­land wird es bis­lang an neun Höfen prak­ti­ziert. In Lüb­nitz, einem von Deme­ter zer­ti­fi­zier­ten Betrieb, beträgt der Monats­bei­trag für Vege­ta­rier 90 Euro, für Fleisch­es­ser 112 Euro. Drei­ßig Mit­glie­der gibt es der­zeit, es waren schon mal sech­zig. Das war ein Desas­ter. »Es waren zu schnell zu viele Leute«, erklärt Andrea Fein­bier. Inzwi­schen ist der Betrieb solide auf­ge­stellt, mit­tel­fris­tig wol­len sie auf vier­zig Mit­glie­der wachsen.

Doch die land­wirt­schaft­li­che Selbst­versorgung ist nur das eine. »Es geht uns auch um Per­sön­lich­keits­wachs­tum«, sagt Andrea Fein­bier. Es gibt Tref­fen, in denen es um die prak­ti­schen Be­lange des Plat­zes geht, wie die Bewoh­ner ihren Hof nen­nen, und andere zwi­schen­mensch­li­che Belange, in denen zum Bei­spiel ver­schie­dene Kon­flikt­be­wäl­ti­gungs­mög­lich­kei­ten aus­pro­biert wer­den, etwa Sprech­stab– und Sharing-Runden, die aus dem Scha­ma­nis­mus ent­wi­ckelt wurden.

Tren­ner

Andrea Fein­bier kann von sol­chen Sachen reden und trotz­dem patent und ver­nünf­tig wir­ken. Die Men­schen, die vor­bei­kom­men, wäh­rend wir mit unse­rem Kaf­fee an einem lan­gen Holz­tisch auf einer grü­nen Wiese sit­zen, wir­ken eben­falls alle ganz klar. Nur die Leh­re­rin der freien Schule hin­ter­lässt mit Federn im offe­nen Haar einen etwas bizar­ren Ein­druck. Aber alles in Ord­nung: Die freie Schule hat gerade India­ner­wo­che, erklärt die Laden­betreiberin ernst.

So, wie Andrea Fein­bier dar­über redet, klingt alles selbst­ver­ständ­lich. Die Viel­falt der Ange­bote, sagt sie, sei sehr schön: Man könne vie­les wahr­neh­men, müsse es aber nicht. Hier leben Men­schen, die ein Tantra-Institut betrei­ben, ein Web­de­si­gner hat hier sein Büro, ebenso ein Holz­hand­wer­ker und ein Inge­nieur, der Ener­gie­gut­ach­ten erstellt. Drei Bewoh­ner ver­die­nen ihren Lebens­un­ter­halt mit dem Hof­be­trieb, die ande­ren hel­fen stun­den­weise mit. Hin­ter uns, in einem alten Stall mit aus­ge­häng­ten Türen, ist die Som­mer­kü­che untergebracht.

Die Lüb­nit­zer woh­nen in Wohn­ge­mein­schaf­ten von drei bis acht Per­so­nen, jeder wie er möchte und wie es gerade passt. Nur mit­tags kom­men alle in zwei Grup­pen zum Essen zusam­men. In der einen Gruppe essen die Fami­lien mit Kin­dern, in der ande­ren die ohne – das war die beste Auf­tei­lung. Eine Küche, die groß genug für alle wäre, gibt es bis­lang nicht. Die Frage, ob es lei­den­schaft­li­che Köche in Lüb­nitz gebe, ver­steht Andrea Fein­bier zuerst nicht. Nein, sagt sie schließ­lich: »Es gibt nur lei­den­schaft­li­che Nicht-Köche.« Frü­her hat­ten sie den Anspruch, dass jeder Erwach­sene irgend­wann mal kocht, aber das hat nicht funk­tio­niert. Also haben sie, prag­ma­tisch und geschult in Kon­flikt­lö­sun­gen, den Plan auf­ge­ge­ben. Jetzt ist nur noch die Hälfte der Bewoh­ner für das Kochen ver­ant­wort­lich, und das funktioniert.

Etwa vier­hun­dert Men­schen aus der Gegend, erzählt Andrea Fein­bier, infor­mie­ren sich gegen­sei­tig über einen Mail­ver­tei­ler über alles, was gerade läuft: die nächste Chor­probe, das nächste Kon­zert, die nächste Thea­ter­auf­füh­rung oder auch die nächste Fami­li­en­auf­stel­lung. Wer einen guten Ortho­pä­den sucht oder einen gebrauch­ten Toas­ter, fragt eben­falls per Mail nach. Es ist eine Art Sub­ge­mein­schaft in der Region. Berüh­rungs­punkte mit den Alt­ein­woh­nern gibt es dage­gen kaum. In Lüb­nitz, sagt Andrea Fei­nier, sei man nach anfäng­li­chem Miss­trauen inzwi­schen bei einem wohl­wol­len­den Nebeneinander.

Die Dorf­kin­der kau­fen im Hof­la­den Eis oder Scho­ko­lade, einige der Älte­ren kom­men, wenn sie etwas im Super­markt ver­ges­sen haben. Die Post­bo­tin ist eine treue Kun­din. Sie setzt sich gern auf einen Cap­puc­cino dazu und macht über­all Reklame für sie. Wam Kat, der in Bel­zig für die Linke im Stadt­rat sitzt und in Wie­sen­burg gerade neue Arbeits­plätze schafft, macht das natür­lich auch. Er ist, so ver­rückt und ver­träumt er erschei­nen mag, mit sei­nem poli­ti­schen Enga­ge­ment ein Bin­de­glied zwi­schen den alten und den neuen Fläming-Bewohnern. »Der Hof­la­den«, sagt er opti­mis­tisch, »wird immer mehr zu dem, was frü­her die Dorf­schenke war, ein Treff­punkt für alle.« Es ist gemüt­lich und beschau­lich in Lüb­nitz. Wir besich­ti­gen den al­ten Guts­hof mit sei­nen üppi­gen Blu­mengärten und dem ver­wil­der­ten, unter Denk­mal­schutz ste­hen­den Park, ein Baum­haus, ein Tipi und Wohn­wa­gen mit hüb­schen Ter­ras­sen. Und wir schauen bei den Schwei­nen und Rin­dern vor­bei, die hier gehal­ten wer­den, weil das eine Auf­lage von Deme­ter ist: Eine Land­wirt­schaft kann nur nach Deme­ter zer­ti­fi­ziert wer­den, wenn dort Rin­der mit Hör­nern gehal­ten werden.

Das basiert auf einer Theo­rie von Rudolf Stei­ner aus den 20er-Jahren, aus einer ande­ren Zeit mit ande­ren Aus­stei­gern. Doch der Glaube ist wei­ter­ge­tra­gen wor­den, bis in die Grund­sätze eines Prä­di­kats, das für viele heute gleich­be­deu­tend ist mit Qua­li­tät. Der Glaube besagt, dass der Dung die­ser Tiere eine beson­dere Kraft habe, weil die Rin­der über ihre Hör­ner kos­mi­sche Schwin­gun­gen aufnehmen.

Wam Kat, mit sei­nem lan­gen Fis­sel­haar, dem freund­li­chen Gesicht und dem ver­bli­che­nen Sweat­shirt mit der einst so bun­ten, indi­schen Gott­heit kann dar­über lächeln. Er ist Prag­ma­ti­ker. »Scha­den kann es jeden­falls nicht«, sagt er und grinst ver­gnügt. Er hat eben schon viel gesehen.

Text: Michaela Schla­gen­werth
Fotos: Katja Hoffmann

aus Effi­lee #8, Januar/Februar 2010

11. Dezember 2009
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»Öfters sind wir in dem Falle, dass uns durch Gesprä­che Lan­ge­weile gemacht wird. Ver­nunft, Vor­sich­tig­keit und Men­schen­liebe gebie­ten uns dann, wenn nun ein­mal nicht aus­zu­wei­chen ist, Geduld zu fas­sen und nicht durch belei­di­gen­des Betra­gen unsern Über­druss zu erken­nen zu geben. Man kann ja, je see­len­lo­ser das Gespräch und je geschwät­zi­ger der Mann ist, desto freier neben­her an andre Dinge den­ken; und wäre auch das nicht – ei nun! Es geht im mensch­li­chen Leben so man­che ver­träumte Stunde ver­lo­ren! Ist man denn nicht einige Auf­op­fe­rung der Gesell­schaft schul­dig, mit wel­cher man umgeht?«

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