Aus der Redaktion Restaurants

Offener Brief zur Restaurantkritik: Schluss mit dem Heulsusenblues!

von Chris­toph Teuner

Chris­toph Teu­ner ist ein Freund der kla­ren Worte. Was die Leser freut, ist sei­nen Opfern ein Dorn im Auge. Den Spitz­na­men Die Axt trägt unser Autor mit Würde und Gelassenheit


Gordon Ram­say ist ein groß­ar­ti­ger Koch, aber ein Mensch zwei­ter Klasse! Das, liebe Köche, ist per­sön­li­che Kri­tik. Das ist ehr­ab­schnei­dend. Der Satz stammt von A. A. Gill, dem berüch­tigts­ten Koch­kri­ti­ker Groß­bri­tan­ni­ens. Wer sich über so etwas beschwert, hat recht. Wer über kor­rekte, kri­ti­sche Berichte jam­mert, über­zieht. Eben das tun viele von Ihnen in Deutsch­land; Sie wit­tern über­all Majes­täts­be­lei­di­gung und sind dünn­häu­tig. Das ist anstren­gend. Die Sache hat ihre Wur­zeln in unse­rer Art, über Essen und Trin­ken zu schrei­ben. Und in unse­rem Umgang mit­ein­an­der. Ich hole aus und gebe Ihnen einen Klaps.
In Deutsch­land gibt es außer den guten Arti­keln von eini­gen, nicht sehr zahl­rei­chen Kol­le­gen bei den gro­ßen Zei­tun­gen und ernst zu neh­men­den Maga­zi­nen kaum jour­na­lis­ti­sche Texte über gas­tro­no­mi­sche The­men. Statt­des­sen PR-Gequatsche. Man muss nur im Netz stö­bern oder die Hoch­glanz­pos­til­len lesen. Höl­zerne Schreibe, 08/15-Sätze. Alle Köche sind Künst­ler oder Genies. Kri­ti­sche Worte? Nein. Die Lob­hu­de­lei wird mit dem Argu­ment­chen gerecht­fer­tigt, man müsse die ein­hei­mi­sche Spit­zen­kü­che vor­an­brin­gen. In einem Blatt schreibt einer, der viel Geld mit kuli­na­ri­schen Luxus­pro­duk­ten ver­dient, enthu­si­as­tisch über Dinge, die er selbst im Sor­ti­ment hat. In einem ande­ren ste­hen schwär­me­ri­sche Repor­ta­gen. Die Pro­dukte der Win­zer oder Ölbau­ern, die darin auf­tau­chen, kann man im dazu­ge­hö­ri­gen Shop erwer­ben. Das Schwie­rige daran: Es gibt kein Bewusst­sein für diese Pro­bleme. Der Her­aus­ge­ber so eines Hef­tes sagte mir neu­lich bemer­kens­werte Sätze. Er habe nur posi­tive Geschich­ten in sei­nem Heft. Die Tages­zei­tun­gen mach­ten »Sen­sa­ti­ons­jour­na­lis­mus«, die Redak­teure hät­ten »keine Ahnung vom Essen«. Auf den Ein­wand, der Dining and Wine­Teil der New York Times sei toll und die Times mit all ihren Pulitzer-Preisen die Speer­spitze des seriö­sen Jour­na­lis­mus, ein Kopf­schüt­teln. Nein, das Urteil gelte auch für sie.

Dann die Geschich­ten über Schnor­re­rei. Heik­les Thema. Las­sen Sie es mich so sagen: Manch einer von Ihnen hat es sich über die Jahre ange­wöhnt, Schrei­ber­linge ein­zu­la­den. »Dann habe ich Ruhe, dann macht der mich nicht fer­tig, und man­che von denen sind ja auch ganz nett«, denkt er sich ver­mut­lich. Manch­mal nutzt der Schrei­ber­ling das aus, lässt sich noch Rech­nun­gen geben, am bes­ten gleich zwei, eine für die Steuer, eine für die Spe­sen. Die Frage ist: Nüt­zen Ihnen sol­che Arti­kel wirk­lich? Wer außer Ihnen selbst und ein paar Koch-Kollegen will die schön­fär­be­ri­schen Text­chen der Gratis-Esser lesen? So viele Leute offen­bar nicht, sonst müss­ten die einen ihre Blätt­chen nicht ver­schen­ken und hät­ten die ande­ren eine höhere Auf­lage oder mehr Besu­cher auf ihren Sei­ten im Netz. Durch Schnorrer-Toleranz und Hofschranzen-Geschreibe fes­selt sich die Bran­che selbst, finde ich. Schade!

Was könnte bei der Ent­fes­se­lung hel­fen? Aka­de­mi­sches Geschwur­bel nicht. Wer sich beim Mei­nungs­füh­rer im Kulinarik-für-Intellektuelle-Segment bis zum letz­ten Wort eines Arti­kels durch­kämpft, ver­dient eine Medaille. Für Tap­fer­keit gegen­über ver­ba­lem Staub. Nein, ich wün­sche mir als Esser und Leser mehr saf­tige Texte! So saf­tig und schlot­zig wie nie­der­tem­pe­ra­tur­ge­garte Schwei­ne­schnäuz­chen! Sau­bere, gut recher­chierte jour­na­lis­ti­sche Arti­kel übers Essen und Trin­ken, in denen mehr Men­schen und Gefühle vor­kom­men, die unter­hal­tend sind, die die Leser auch zum Lachen oder zum Schimp­fen brin­gen. Alles geht, alles zusam­men – Span­nung, Emo­tio­nen und harte Information.

Wenn saf­ti­ger und kri­ti­scher geschrie­ben wird, wenn mehr Unab­hän­gig­keit da ist und weni­ger Schnor­re­rei, dann kann man sich schon mal anein­an­der rei­ben, dann fällt mal ein böses Wort. Das müs­sen Sie hin­neh­men, sorry! Mit Haus­ver­bo­ten zu rea­gie­ren ist kin­disch. Du bist auf meine Sand­burg getre­ten, jetzt nehme ich dir die Schau­fel weg! Wer in der Öffent­lich­keit steht und davon pro­fi­tiert, wer eine Spit­zen­kraft sei­ner Bran­che ist, wer zu Recht viel Geld ver­langt für seine Arbeit und so viel ver­dient, dass er einen schi­cken Sport­wa­gen fah­ren kann – der sollte auch ein­ste­cken kön­nen! Zu Ihrem Trost: Die Kanz­le­rin (gefähr­lichs­ter deut­scher Füh­rer seit Hit­ler), andere Spit­zen­po­li­ti­ker (Eier­k­rau­ler) und Sport­ler (Ver­sa­ger) krie­gen viel mehr ab in der Öffent­lich­keit. Ein Ver­riss hat noch keine Exis­tenz zerstört.

Fazit: Nicht mehr so emp­find­lich sein, bitte! Kein Heulsusen-Blues. Hel­fen Sie beim Kampf um mehr gute Texte. Die brin­gen Ihnen mehr gute Gäste. Und neh­men Sie Pseudo-Journalismus nicht so ernst.

28. August 2012
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2 Kommentare

  1. ERwin
    Am 28. August 2012 um 15:25 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Der kleine Unter­schied zwi­schen Koch und Kanz­le­rin ist die Macht­frage.
    Die Kanz­le­rin kann durch­set­zen das jede kleine Oma die Solar­pan­ele auf dem Dach von Groß­ver­die­ner X mit fina­zie­ren muß, dage­gen kann sie sich nicht wehren.

    Der Koch Y kann auf– und niederspringen.….

  2. peterh
    Am 9. Oktober 2012 um 21:05 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Stimme dem Autor zu und möchte ergän­zen: der offen­sicht­li­che Zusam­men­hang zwi­schen redak­tio­nel­len Bei­trä­gen und Wer­bung in so man­cher Zeit­schrift nervt. Bei­spiel gefäl­lig? Ein Blick in die aktu­elle Effilee-Ausgabe (#22). Hier wer­den (wie im Klein­ge­druck­ten aus­drück­lich dar­ge­legt mit freund­li­cher Unter­stüt­zung der Wein­bau­ko­mis­sion des Vinho Verde (vie­len Dank für die Offen­heit!)) fünf ver­mut­lich gute Trop­fen vor­ge­stellt. Mir fällt die Effi­lee auf den Boden und eine junge Dame auf der Rück­seite ins Auge. Die Dame wirbt für was wohl? Was darf bzw. soll ich denn glauben?

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