Restaurants

Einfach mal die Klappe halten!

Wo bin ich eigent­lich, im Restau­rant oder auf der Schul­bank? Ist es wirk­lich nötig, jeden Klecks auf dem Tel­ler ein­zeln zu erklä­ren? Von Vijay Sapre

Vijay Sapre Foto: Andrea Thode

In der Ruhe liegt die Kraft und oft genug auch der Genuss

Frü­her ging man gut essen, wenn man einen Anlass hatte. Einen Hoch­zeits­tag, Geburts­tag, ein ein­zu­fä­deln­des oder ein erfolg­reich abge­schlos­se­nes Geschäft. Das Restau­rant war ein beson­de­rer Ort, aber einer mit­ten im Leben. Heute gibt es immer mehr Restau­rants, die man für sol­che Anlässe nur noch sehr bedingt emp­feh­len kann. Man stelle sich nur das Paar vor, das sich nach 20 Jah­ren Ehe gegen­über­sitzt, die letz­ten drei Jahre hatte man nicht so viel mit­ein­an­der gere­det, aber jetzt erin­nern beide sich daran, wie es damals war, die erste gemein­same Reise, als es nach Paris gehen sollte, aber das Auto in Osna­brück zusam­men­brach, sie schon schwan­ger, hatte es ihm aber noch nicht gesagt. Und man blickt sich in die Augen und ist gerade dabei etwas lang Ver­ges­se­nes wie­der­zu­fin­den, da kommt räus­pernd der erste Gang:

»Für Sie, meine Dame, haben wir einen Gang, da hat unser Koch sich etwas ganz Beson­de­res über­legt, die ›Mee­res­brise‹. Ganz links fin­den Sie unsere Gillardeau-Auster, das ist die beste Qua­li­tät, ›Spé­ciale de Claire‹, die wer­den für Sie ganz leicht im eige­nen Saft anpo­chiert. Dane­ben, das Grüne, da haben wir für Sie Quel­ler, eine Alge, die …«
»Und für Sie, mein Herr, haben wir unsere Ter­rine von der Gän­se­le­ber, ­dafür neh­men wir die Gän­se­le­ber und legen sie für Sie drei Tage lang in 15 Jahre alten Madeira …«
»Dann wün­sche ich Ihnen einen guten Ap­petit!«
»… ??!?«

Jetzt sit­zen beide da, Besteck in der Hand und ver­ar­bei­ten das Gehörte. Wo waren wir ste­hen geblie­ben? Schade, es hätte ein schö­ner Abend wer­den können.

Es ist gewis­ser­ma­ßen eine koper­ni­ka­ni­sche Wende, die hier statt­ge­fun­den hat, nur lei­der in die fal­sche Rich­tung. Wäh­rend frü­her der Gast die Sonne war, um die sich alles drehte, und er dafür kräf­tig zur Kasse gebe­ten wurde, dreht sich heute alles um den Koch, und dafür wird er immer noch kräf­tig zur Kasse gebe­ten. Diese neue Form der Gas­tro­no­mie kann mit der Vor­stel­lung, dass den Gast so banale Dinge beschäf­ti­gen wie seine Ehe, die neue Lieb­schaft, ein Geburts­tag oder auch ein ein­zu­fä­deln­des Geschäft, nichts anfan­gen. Also wer­den die Ver­hält­nisse gera­de­ge­rückt. Wie der Leh­rer mit dem Zei­ge­stock: »Hier!!, Hier spielt die Musik, geschwätzt wird nicht!«

Nicht, dass Sie mich jetzt miss­ver­ste­hen, ich habe nichts gegen Künst­ler am Herd und Kunst auf dem Tel­ler. Was mich anstrengt, ist der Kunst­un­ter­richt, der lei­der immer mehr über­hand­nimmt. Im Prin­zip ist es näm­lich genau wie mit dem Witz, der genau in dem Moment kei­ner mehr ist, in dem einer anfängt, ihn zu erklä­ren.
Es ist mir tat­säch­lich schon pas­siert, dass man mir sagte, nach­dem ich erklärt habe, dass ich ein wich­ti­ges Gespräch führe und gebe­ten habe, auf die Erklä­run­gen zu ver­zich­ten, dass es sich um eine Direk­tive des Hau­ses handle, und man nicht dar­auf ver­zich­ten dürfe. Sehr sym­pa­thisch sind im Gegen­satz dazu kleine Kärt­chen, die man zu den Gän­gen rei­chen kann, auf denen detail­liert alle Ele­mente beschrie­ben sind. Die haben einen Rie­sen­vor­teil: Man kann sie lesen, muss aber nicht.

Ich emp­finde es, ehr­lich gesagt, auch über­haupt nicht als Respekt­lo­sig­keit, wenn ich ein Essen ein­fach nur essen will und mich dabei über etwas ganz ande­res unter­halte. Man kann ja schließ­lich auch Mozart hören beim Auto­fah­ren. Oder Schosta­ko­witsch. Bezie­hungs­weise eine Oper genie­ßen, ohne jede Kadenz, jeden Ton­art– oder Rhyth­mus­wech­sel wirk­lich ver­stan­den zu haben. Muss näm­lich gar nicht sein. Rein in die Ohren, und direkt ins Herz, das ist völ­lig in Ord­nung. Wenn man es danach doch genauer wis­sen will, kann man sich ja die Par­ti­tur kom­men las­sen. Wir müs­sen auf­pas­sen, dass wir vor lau­ter Ver­ste­hen­wol­len und –müs­sen nicht kom­plett ver­ler­nen, Dinge auch zu genie­ßen. In Wirk­lich­keit ist gerade das eine Form von Demut vor dem Werk.

Und Restau­rants, die es mit der Erklä­re­rei zu weit trei­ben, brau­chen sich nicht zu wun­dern, wenn sie irgend­wann nur noch Ein­zel­ti­sche mit Notiz­block und Kamera haben.

Klaus Erfort hat mal in einem Inter­view in Effi­lee den schö­nen Satz gesagt: »Erfolg ist für mich, wenn die Leute eine zweite Fla­sche Wein bestel­len.« Und die bestel­len sie nicht, weil sie beein­druckt sind, son­dern weil sie zufrie­den sind und sich wohl­füh­len. Und dazu gehört ein Dia­log mit Fingerspitzengefühl. 

6. November 2012
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4 Kommentare

  1. Dr. Imtiaz Alikhan
    Am 6. November 2012 um 18:31 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Klaus Erfort hat dafür sein genia­len Restau­rant­lei­ter und Som­me­lier Jerome Pouchard der genau weißt wann man ange­spro­chen wer­den will. Bei ihm bestellt man auch gerne die 2. Fla­sche weil er nicht alle paar Minu­ten erscheint und seine Mei­nung über den Wein sagt son­dern erlaubt den Gast mit dem lieb­ling wein zu medei­tie­ren und kommt nur (aber dann ohne lange Pause) wenn man sich umschaut und bedient wer­den möchte. Wenn da nur mehr sol­che Leute in der Gas­tro­no­mie bedie­nen wur­den, hat­ten wir nicht zu bekla­gen. Bis dahin, wer­den wir mit den selbst­ver­lieb­ten Koch, ein­ge­bil­de­ten Pseudo-Sommeliers und Kell­ner begnü­gen müssen.

  2. Tina
    Am 6. November 2012 um 19:07 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Danke :-) Danke Danke :-) Ich habe die­sen rich­tig schö­nen Wor­ten nichts hin­zu­zu­fü­gen. Außer viel­leicht eine Klei­nig­keit: Das musste wirk­lich mal gesagt werden!

  3. Olaf
    Am 8. November 2012 um 07:53 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Luxus­pro­blem. Ein­fach mal eine Preis­klasse tie­fer essen gehen und schon bekommt man das Essen wort­los auf den Tisch geknallt.

  4. Am 15. November 2012 um 11:23 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Gut gebrüllt, Löwe!
    Am meis­ten stört mich, wenn man mich belehrt und die Rei­hen­folge ansagt, in der ich essen soll: Begin­nen Sie von Links mit dem Espuma von .…
    Sinn­voll war aller­dings der Rat des Kell­ners im Ali­nea. als er ein Gericht mit einerr Miniatru-Nadel aus Edel­stahl ser­veirte »Don’t swal­low the needle«.

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