Getrunkene Flasche

Vi de la Terra Mallorca, Spanien 2007 Sestal, Ses Talaioles

Rechteinhaber: Andrea Thode, Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee

 


Es ist ungewöhnlich heiß für Mitte Juni. Wir stehen mit Sebastian Keller auf der Kuppe seines Berges und sehen auf das Meer in ein paar Kilometern Entfernung. Eine leichte Brise weht durch die Rebzeilen zu uns hinauf. Der Hund, der neben dem Jeep den Berg bellend hinaufgelaufen ist, japst erledigt im Schatten des Wagens. Blauer Himmel, grüne Reben und vier Jungs in bunten Hemden mit Sonnenbrillen. Neben uns die riesigen, tonnenschweren Felsblöcke, die am Rande des Weinberges zu Mauern aufgeschichtet wurden.
Ich muss an Werner Herzogs Film Fitzcarraldo denken (in dem ein riesiger Dampfer über einen gewaltigen Berg gezogen wird), als ich das Ausmaß des unglaublichen Aufwands sehe, der hier betrieben wurde, um die Vision eines terroirgeprägten Weins zu verwirklichen.
»Wie zum Donnerwetter wollen Sie das schaffen?«, fragt der ewig betrunkene Kapitän Klaus Kinski alias Fitzcarraldo.
»So, wie die Kuh über das Kirchendach springt«, ist seine lapidare Antwort.
Ich hatte Keller ein halbes Jahr zuvor auf einer Messe kennengelernt. Mallorquinischer Wein hatte meine Aufmerksamkeit bislang nur mäßig erregt. Dazu kam die Frage, ob ein Wein mit einer relativ beliebig anmutenden internationalen Cuvée überhaupt sinnvoll ist in Zeiten, in denen autochthon, Terroir und Regio­nalcharakter die Schlagwörter sind, die den konsensfähigen Weinbau bestimmen. Zwei Weine werden auf der Finca Ses Talaioles produziert: Sestal, das Flaggschiff und Sestalino, der kleine Bruder. Der Sestal ist dunkel und kraftvoll. Opulent, aber nicht mastig, kein Bolide, der satt macht. Er ist körperreich, aber fein, ein mineralischer Wein mit poliertem Tannin und herrlichem Trinkfluss. Reife, dunkle Früchte, ätherische Komponenten und etwas mediterrane Macchia in der Nase sind das gelungene Beispiel eines Weins mit regionalem Charakter. Grund genug für einen Besuch auf der Populär-Baleare.
Wir fahren vom Flughafen in Palma knapp 40 Minuten an die Ostküste Mallorcas bis wir auf der Finca Ses Talaioles ankommen. Im Jahr 2000 kaufte ein Hamburger Projektentwickler das leer stehende Objekt bei Manacor. Ziel war es, im Einklang mit der Natur nach ökologischen Richtlinien die traditionelle Mischkultur einer mallorquinischen Finca wieder herzustellen. Gut 100 Hektar Land gehören dazu, die meiste Fläche mit Steineichen bedeckt. Neben Getreide, Oliven und Mandeln werden Johannisbrot, Feigen und Gemüse angebaut. Im alten Koben hält die Familie schwarze Schweine der alten Rasse Negro Mallorquín, die eine formidable Sobrassada liefern. Schnell war wieder alles vorhanden, was man zum Leben braucht, es fehlte lediglich der Wein. Doch der hat hier vor Ort keine Tradition. Nach Meinung der Einheimischen sind die Böden völlig ungeeignet für den Weinbau, zu steinig und zu karg seien sie. In der Tat lag hinter der Finca ein riesiger, grober und unkultivierter Berg. Doch der Wunsch nach einem eigenen Wein pressierte, und so war die Entscheidung schnell getroffen. »Diese Kirche bleibt so lange geschlossen, bis diese Stadt eine Oper hat!«, fordert Fitzcarraldo in Herzogs Wahnsinns-Epos. Für die ganz große Oper musste also ein Weinberg her.
Entgegen der Meinung der Einheimischen erwiesen sich die Voraussetzungen für den Weinbau als optimal: Südost-Ausrichtung des Hanges oberhalb des Haupthauses, eine leichte Hanglage sowie eine kühle Brise vom nahen Meer. Dazu die perfekten Böden aus massivem Kalkstein. Das einzige Problem: Man müsse halt nichts weiter tun, als diesen Berg halb abzureißen, damit sich ein paar Rebzeilen an den so geschaffenen Hang schmiegen können. Ganz einfach also …
Die Kirche wurde nicht geschlossen, dafür der alte Pferdestall zum Weinkeller umgebaut und eine Kühlung installiert. Die baulichen Vorraussetzungen, um Wein zu machen, waren geschaffen – nun fehlte nur noch der Wein. 2003 war der Acker gepflügt und es wurden die Reben gesetzt: Cabernet Sauvignon, Cabernet franc, Merlot, Syrah, Tempranillo sowie die autochthone Callet und Manto Negro. 2005 war die erste Lese.
»Der Stock muss kämpfen, um gute Trauben zu liefern«, sagt Keller, der die Reben weitestgehend sich selbst überlässt. Bewässert wird entgegen aller Empfehlungen überhaupt nicht. Die Stöcke wurzeln tief im Kalkstein, um an Wasser zu gelangen. Das verleiht dem Wein seine Mineralität. Sie gibt ihm die nötige Balance, denn die mallorquinische Sonne sorgt für Mostgewichte, die dem Wein nicht wegzudiskutierende 14,5 % Alkohol bescheren. Chemie ist tabu und auch im Keller passiert herzlich wenig. Die Trauben werden traditionell mit den Füßen getreten, die Vergärung erfolgt spontan, drei bis vier Wochen Schalenkontakt, danach der Ausbau im kleinen Holzfass, den Barriques aus französischer und russischer Eiche. Nach 24 Monaten wird der Wein ungefiltert gefüllt.
Nach der Tour auf den Weinberg sitzen wir auf der Terrasse der Finca. Sebastian Keller serviert Sobrassada von den niedlichen (autochthonen) schwarzen Schweinen aus dem Koben nebst ein paar Gläsern des neuen Jahrgangs, während die Sonne unbekümmert weiter auf uns einhämmert. Das Schiff ist über den Berg, denke ich. Die Oper ist gebaut, Caruso darf singen. 
Text: Sebastian Bordthäuser Foto: Andrea Thode
29. November 2012
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